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Nachhaltige Wirtschaft „Größe ist nicht das Entscheidende – wir setzen Kontrapunkte“

UnternehmensGrün benennt sich in Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft um. Geschäftsführerin Katharina Reuter über den Einfluss kleiner Verbände, ihren Ärger über Peter Altmaier und ihre Forderungen im Wahlkampfjahr.

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WirtschaftsWoche: Frau Reuter, „UnternehmensGruen“ ist ab sofort der „Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft“ – warum diese Umbenennung? War Ihnen das „Grün“ im Namen zu parteipolitisch ?
Katharina Reuter: Wir brauchten einen Namen der stärker selbsterklärend ist. Seit 30 Jahren steht unser Verband für nachhaltiges Wirtschaften, aber wir wurden damit nicht immer verbunden. Der neue Name soll das ändern. Wir wollen mehr Öffentlichkeit und wir wollen uns breiter aufstellen.

Was heißt breiter aufstellen konkret?
An unseren Zielen und Grundsätzen ändert sich nichts. Aber mit dem Schwung eines neuen Namens wollen wir im Bundestagswahlkampf die Stimme der zukunftsorientierten Wirtschaft stärken. Wir wollen Allianzen schmieden und gemeinsame Forderungen im Wahlkampf stellen.

Welche Forderungen haben Sie an eine neue Regierung?
Eine neue Bundesregierung muss viel mehr positive Anreize für nachhaltiges Wirtschaften setzen. Ein Stichwort ist das „Green Public Procurement“, die öffentliche Beschaffung. Die Nachfrage der öffentlichen Hand nach Produkten und Dienstleistungen muss nachhaltiger werden. Das ist ein Riesenhebel, der noch viel zu wenig genutzt wird. Da fehlt oft das Know-how in den Kommunen, das muss schneller ausgebaut werden.

Ein weiterer Punkt ist die Kunststoffindustrie: Sie ist derzeit von der Mineralölsteuer befreit, das darf nicht sein. Recyceltes Plastik ist auf dem Markt momentan teurer als frisch aus Rohöl hergestelltes 'Virgin' Plastik. Wo bleiben da die Anreize nachhaltig zu wirtschaften? Wir fordern außerdem, dass der CO2-Preise schon ab 2022 auf 50 Euro je Tonne steigt und sich dann weiter erhöht. Und: Kreislaufwirtschaft muss endlich mehr sein als nur Abfallwirtschaft. Wir müssen beim Produkt anfangen, die ganze Lieferkette sehen, nicht nur die Abfallverwertung am Ende.

Steuern erhöhen klingt weniger nach positiven Anreizen, sondern nach einem Tradoff zwischen Klimaschutz und Arbeitsplätzen...
Es gibt Branchen, für die ist das richtig – Stahl, Zement, Chemie. Trotzdem brauchen wir größere Hebel, um die CO2-Emissionen zu drücken. Wirtschaftsminister Altmaier nutzt sie aber nicht. Vorschläge wie die Klimauniversität bringen uns nicht weiter, da muss mehr kommen. Das, was Unternehmen vor allem brauchen, ist Planungssicherheit, also klare Ansagen.

Das geplante Lieferkettengesetz ist in Arbeit. Wie bewerten Sie den aktuellen Entwurf ?
Wir haben daran einiges zu kritisieren: Es fehlt eine effektive Haftung, es fehlen größtenteils Umweltstandards und der Entwurf soll zunächst erst ab 3000 Beschäftigten gelten. Das betrifft nur 600 Unternehmen in Deutschland, das ist zu wenig.

Sie sind mit 400 Mitgliedsunternehmen im Vergleich zu Großverbänden wie dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) oder den Industrie- und Handelskammern (DIHK) nur ein kleiner Player. Wie verschaffen Sie sich überhaupt Gehör?
Größe ist nicht immer das Entscheidende. Große Verbände wie der BDI vertreten oft die Wirtschaft der Vergangenheit, da können wir Kontrapunkte setzen. Für den BDI ist Nachhaltigkeit etwas, was man neben dem Kerngeschäft abarbeiten muss. Für uns ist es das Kerngeschäft. Die großen Verbände stellen Klimaschutz oft als Last dar, aber gerade die innovativen Mittelständler haben auch Lust auf Verantwortung. Da können wir punkten. Es gibt auch Akteure, mit denen wir immer wieder im Austausch sind, zum Beispiel die Mittelstandsvereinigungen von CDU/CSU und SPD. Im Verbund mit Gleichgesinnten lässt sich einiges erreichen.

Wie wird man als Unternehmen bei Ihnen Mitglied? Gibt es eine „Aufnahmeprüfung"?
Wir prüfen alle Unternehmen, die bei uns Mitglied werden wollen. Zentrales Kriterium ist, dass die Nachhaltigkeit im Kerngeschäft des Unternehmens verankert sein muss. Es reicht nicht aus, wenn man das nebenher macht. Ein Unternehmen wie Coca-Cola, das für Biosphärenreservate spendet, aber sein Kerngeschäft nicht nachhaltig aufstellt, kann bei uns nicht Mitglied werden. Das Kerngeschäft ist die Messlatte. Wir prüfen das und entscheiden dann im Vorstand über die Aufnahme. Das Unternehmen muss nicht zu 100 Prozent in der Nachhaltigkeit angekommen sein. Entscheidend ist, dass man eine Entwicklung sieht und der Transformationswille da ist.

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