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Zwischenfinanzierungen Das Geschäft mit der Lücke

Zwischenfinanzierungen zur Überbrückung von Liquiditäts- und Lieferengpässen sind ein attraktives Geschäftsfeld. Quelle: imago images

Zwischenfinanzierungen sind gerade in Corona-Zeiten ein Boom-Geschäft. Doch kleine und mittlere Unternehmen haben oft Schwierigkeiten, passende Lösungen zu finden – und treffen mitunter auf unseriöse Anbieter.

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An den meisten Tagen im Jahr hat Marcel Erian wohl einen recht sorgenfreien Arbeitsalltag. Erian ist COO beim Berliner Unternehmen Rebuy. Die Firma kauft aussortierte Waren von Privatpersonen an und verkauft diese – gegebenenfalls aufbereitet – weiter. Bücher, CDs, DVDs: Rebuy nimmt fast alles zum Festpreis ab. Der Warenstrom läuft beständig, das Finanzierungsvolumen, das Rebuy dafür benötigt, hält sich in Grenzen. Doch besonders im vierten Quartal – rund um Weihnachten – und in Richtung Ostern würde die Firma in Schwierigkeiten geraten, wenn sie sich nur auf aussortierwütige Bürger verließe.

Dann muss Erian in großer Masse bestellen, auch über Zwischenhändler gehen. Das zu stemmen, schafft er nur über Zwischenfinanzierungen und dann ist es mit der sorgenfreien Zeit vorbei. Denn das sei leider sehr oft sehr kompliziert, erfordere Verträge mit mehreren Beteiligten, beklagt er. 

Der Markt für Zwischenfinanzierungen boomt, unter anderem wegen Firmen wie Rebuy. Das zeigen auch die Zahlen: Das Thema Lieferkettenfinanzierung – zu dem auch Zwischenfinanzierungen gehören – hat eine immense Relevanz gewonnen. 2015 lag das globale Volumen noch bei 330 Milliarden US-Dollar, im vergangenen Jahr wuchs es laut „World Supply Chain Finance Report“ auf 1,3 Billionen. Langfristig sehen Experten sogar das Potenzial für eine zweistellige Billionensumme.



Klassischerweise läuft das über Banken und Factoring-Anbieter. Doch die haben ihre Angebote meist nicht auf kleine Mittelständler ausgerichtet, sondern wollen mit den großen Unternehmen Geschäfte machen. Start-ups wittern deshalb ihre Chance. Neben Firmen wie Traxpay und C2FO glaubt auch das junge Berliner Unternehmen Modifi eine gute Lösung gefunden zu haben. Doch längst nicht alle Anbieter sind seriös. 

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    Nelson Holzner, Geschäftsführer von Modifi, kennt viele solcher Geschichten wie die von Rebuy. Er will Unternehmen nicht nur dabei helfen, die Kriegskasse gefüllt zu lassen, sondern auch dabei, Vorteile abzugreifen, die ein frühzeitiger Zahlungseingang beim Lieferanten mit sich bringt. „Manch eine Firma gibt in so einem Fall großzügige Preisnachlässe“, sagt Holzner. Mittelständler würden sich diese bisher oft entgehen lassen und einfach längere Zahlungsziele vereinbaren. Modifi nimmt für seine Dienste einen Prozentsatz der betroffenen Summe. Neben Rebuy zählt Modifi aktuell unter anderem Home24 und die Berlin Brands Group zu ihren Kunden.

    Der Sektor zieht allerdings wie jede Boom-Branche einige Glücksritter an. In diesem Jahr sorgte die Pleite des Finanzierungsanbieters Greensill für Aufsehen, auch das Konglomerat bot Zwischenfinanzierungen an, allerdings auch für zukünftige Forderungen. Eine Ursache war wohl die fehlende Prüfung der Geschäftspartner.

    Ein Fehler, der bei Modifi nicht passieren soll. „Für uns gehört ein ordentliches Risikomanagement immer an den Anfang“, erklärt Holzner. Modifi nutze neben einem traditionellen Risikomodell hunderte von globalen Datenquellen. „Wir arbeiten mit sehr kurzen Zeiträumen, finanzieren maximal drei Monate zwischen.“ Das mache Prognosen, ob alle Vereinbarungen eingehalten werden können, einfacher.

    Holzner erhofft sich für die kommenden Jahre ein großes Wachstum auf dem Markt, besonders im Geschäft mit Asien. Gerade bei diesen grenz- und kontinentüberschreitenden Geschäften könne man kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU) in Deutschland unterstützen. „Vielen fehlt natürlich das Knowhow, um in solchen Fällen Zahlungsvereinbarungen zu managen oder die Lieferanten zu durchleuchten.“ Modifi könne hier helfen, so sein Versprechen. Außerdem biete das Unternehmen seinen Kunden an, Währungsschwankungen auszugleichen: Wer ein in Dollar ausgewiesenes Produkt bestellt, könne trotzdem in Euro zahlen.

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    Aber auch innerhalb Europas ist das Geschäftsfeld interessant, wie Rebuy-Manager Erian bestätigt. Sein Unternehmen kaufe überwiegend aus der EU und Großbritannien, um die eigenen Qualitätsstandards einzuhalten. „Für uns ist es trotzdem sehr viel einfacher, das Thema Finanzierung auszulagern“, erklärt er. Für ihn komme es bei dem Thema auf einfache Abwicklung an. Für KMUs wie Rebuy sei es entscheidend, dass man nicht direkt einen umfangreichen Rahmenvertrag aufsetzen müsse, sondern von Deal zu Deal immer individuell eine Lösung finde. 

    Mehr zum Thema: Die harte Phase der Coronapandemie ist wohl vorbei. Für Mittelständler ist das der ideale Zeitpunkt, ihre Finanzierung auf den nächsten Einbruch vorzubereiten. Experten nennen die wichtigsten Regeln.

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