Ergo baut Stellen ab: Was hinter dem schmerzhaften Umbau steckt
Der Vorstandsvorsitzende de Ergo Group, Markus Rieß.
Foto: dpaFast neun Monate hat Markus Rieß sich Zeit gelassen – heute hat er geliefert und sein Programm für den Umbau des Düsseldorfer Versicherers präsentiert.
Kernpunkt: In den kommenden fünf Jahren soll die Ergo 540 Millionen Euro einsparen, vor allem durch einen spürbaren Stellenabbau. 1835 von insgesamt gut 14300 Vollzeitstellen in Deutschland sollen künftig wegfallen.
Die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern, so Rieß, hätten bereits begonnen. Für Abfindungen stellt die Tochter der Rückversicherers Munich Re 200 Millionen Euro zurück. Sicher, der Schritt sei „schmerzhaft“, sagt der Ergo-Chef, ließe sich aber nicht vermeiden, um im Vergleich zur Konkurrenz wieder wettbewerbsfähig zu werden.
Im vergangenen Jahr hatte der Versicherer mit weltweit rund 43.000 Beschäftigten und Beitragseinnahmen von zuletzt fast 18 Milliarden Euro rote Zahlen geschrieben. Auch für dieses Jahr erwartet Rieß einen Verlust. Ab 2017 allerdings sollen wieder schwarze Zahlen geschrieben werden. Spätestens ab 2021 erwartet die Ergo sogar Überschüsse in Höhe von mehr als 500 Millionen Euro im Jahr. An dem Versprechen wird Rieß künftig gemessen.
Um sein Ziel zu erreichen, will der Ergo-Chef nun investieren: bis 2020 insgesamt eine Milliarde Euro. Das Geld soll vor allem in eine modernere IT fließen. Doch Rieß will auch viel Geld in eine Verschlankung und Vereinheitlichung des Vertriebs stecken. So sollen etwa teure Doppelstrukturen aufgelöst werden. Außerdem investieren die Düsseldorfer in neue Produkte - etwa in Cyberversicherungen und den Ausbau des Auslandsgeschäfts. Das steuert bei der Ergo durch die Aktivitäten in Osteuropa und Asien immerhin schon ein Viertel der Beitragseinnahmen und rund die Hälfte des Wachstums des Konzerns bei.
Ein hartes Jahr
2014 war für die privaten Krankenkassen ein schwieriges Jahr. Nur jeder fünfte Versicherer konnte die Zahl der Vollversicherten steigern. Wir zeigen ihnen die fünf Gewinner mit den größten Zuwächsen und die fünf größten Verlierer: Auf Platz fünf der Gewinner steht die R+V Versicherung, die 1208 neue Vollversicherte im Jahr 2014 bekam.
Foto: dpaTop 4: Axa
Viertgrößter Gewinner unter den Privaten Krankenkassen ist die Axa mit 1.495 neuen Vollversicherten. Damit ist die Axa mit 791.219 Versicherten die drittgrößte Private Krankenkasse Deutschlands.
Foto: REUTERSTop 3: Hansemerkur
Zu den großen Gewinnern gehörte 2014 auch die Hansemerkur. Insgesamt gewann sie 3.432 neue Vollversicherte dazu. Absolut betrachtet bleibt die Hansemerkur allerdings ein kleiner Fisch und schafft es nicht einmal unter die zehn größten Privaten Krankenversicherungen Deutschlands.
Foto: dpaTop 2: HUK-Coburg
Den zweitgrößten Zuwachs verzeichnete im vergangenen Jahr die HUK-Coburg, die 4.152 Vollversicherte für sich gewinnen konnte. Gemessen an der absoluten Zahl (401.718) der Vollversicherten ist die HUK-Coburg auf Platz sechs unter Deutschlands Privaten Krankenversicherungen.
Foto: dpaTop 1: Debeka
Mit Abstand größter Gewinner des vergangenen Jahres ist die Debeka – wieder einmal. Die größte Private Krankenkasse konnte die Zahl ihrer Vollversicherten um 29.602 steigern und baute ihre Führungsposition damit weiter aus. Insgesamt sind bei der Debeka nun 2,27 Millionen Vollversicherte.
Foto: dpaGothaer
Zu den größten Verlierern unter den Privaten Krankenversicherern im Jahr 2014 zählt die Gothaer. Sie verlor 3.898 Vollversicherte und gehört absolut betrachtet nicht einmal zu den größten zehn.
Foto: dpa-dpawebBBKK
Die Bayerische Beamtenkrankenkasse (BBKK) gehört ebenfalls zu den größten Verlierern. Sie verlor 8.613 Vollversicherte und belegt absolut betrachtet den neunten Platz unter Deutschlands größten Privaten Krankenversicherungen.
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Drittgrößter Verlierer war im vergangenen Jahr die Allianz Private Krankenversicherungs AG, die 13.801 Vollversicherte gehen lassen musste. Gemessen an den absoluten Vollversichertenzahlen, ist sie die viertgrößte PKV in Deutschland.
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Ebenfalls zweistellig ging es für die Central Versicherung nach unten. 21.225 Vollversicherte verließen die Private Krankenkasse im vergangenen Jahr. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, dann gibt die Central im nächsten Jahr ihren achten Platz unter Deutschlands größten PKV an die BBKK ab.
Foto: dpaDKV
Die Deutsche Krankenversicherung (DKV) musste am stärksten Federn lassen – sie verlor 21.824 Vollversicherte. Die DKV ist zwar weiterhin die zweitgrößte Private Krankenkasse Deutschlands, der Abstand zur Axa wird allerdings immer kleiner. Trotz des enormen Rückgangs zeigte sich der DKV-Chef Clemens Muth zuletzt zuversichtlich, da das Schlimmste bereits überstanden sei.
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Zudem will das Unternehmen kräftig in die Digitalisierung investieren. So will die Ergo eigens eine Tochter für den rein digitalen Vertrieb von Versicherungen gründen. Kein Callcenter, keinen Vertreter gibt es dort; das Geschäft findet ausschließlich am Bildschirm oder per App statt. Starten soll die neue Tochter im kommenden Jahr. Momentan führt die Ergo Gespräche mit möglichen Partnern. Die könnten, sagt Rieß, auch aus der Start-up-Szene kommen. „Ich schließe da nichts aus“ so der Ergo Chef. Die neue Tochter soll künftig neben dem Direktversicherer der Düsseldorfer, der Ergo Direkt, arbeiten.
Im September vergangenen Jahres wechselte Rieß von der Allianz in München zur Ergo. Beinahe wie ein Heiland wurde er am Düsseldorfer Victoriaplatz empfangen. Mit ihm, so die Hoffnung vieler Mitarbeiter, werde das Unternehmen, das unter Vorgänger Torsten Oletztky vor allem durch Lustreisen zu ungarischen Thermen Schlagzeilen gemacht hatte, wieder zu neuer Stärke finden. „Eine große und erfolgreiche Versicherung, die aber unter ihrem Potenzial bleibt“, habe er damals vorgefunden, sagt Rieß heute.
Dass in Düsseldorf umgebaut, auch gespart werden muss, steht sicherlich außer Zweifel. Die Strukturen im Vertrieb sind viel zu komplex. Auch ist die IT des Unternehmens in weiten Teilen veraltet und muss ersetzt werden. Doch warum Rieß nun neben der Ergo Direkt noch einen eigenen Arm für den reinen Digitalvertrieb von Policen aufbauen will, erschließt sich auf den ersten Blick nicht. Kann das nicht auch unter dem Dach der Ergo Direkt und somit viel wirtschaftlicher stattfinden?
Die wichtigste Frage allerdings lautet: Wo generiert die Ergo in Zukunft ihr Wachstum? Ab 2019, verspricht Rieß, werde das Unternehmen schneller als der Markt wachsen. Zunächst aber ist wohl noch Stagnation angesagt. Im Sachversicherungsgeschäft und in der Krankenversicherung will Rieß um zwei bis vier Prozent wachsen. Der Zuwachs dort dürfte aber durch das Schrumpfen im Geschäft mit Lebensversicherungen aufgefressen werden. Denn hier will die Ergo nach und nach aus dem Geschäft mit klassischen Policen mit Garantiezins aussteigen.
Um gegen Schwergewichte wie Allianz oder die HUK, den Marktführer bei Kfz-Versicherungen, Marktanteile zu erobern, wird Rieß sich eine ganze Reihe neuer attraktiver Produkte überlegen müssen, ähnlich wie sie zuletzt der Marktführer aus München vorgestellt hatte. Und vermutlich wird er zunächst auch versuchen über den Preis zu konkurrieren.