Handelskrieg: „Ich sehe in der Aussetzung keine positive Wende“
WirtschaftsWoche: Herr Langhammer, US-Präsident Donald Trump hat seine jüngsten Zollerhöhungen für viele Länder für 90 Tage ausgesetzt. Ist das nur eine neue Volte des US-Präsidenten – oder eine positive Wende im Handelskrieg?
Rolf Langhammer: Präsident Trump schürt weiter Unsicherheit. Das ist sein Geschäftsmodell. Er will keine Verhandlungen, sondern setzt Ultimaten für einseitige Zollsenkungen der Länder ausschließlich zugunsten von US-Gütern ein. Was will er mit einem sehr armen Land wie Lesotho verhandeln? Ich sehe in der Aussetzung keine positive Wende, denn der 10-Prozent-Zoll gegen alle Importe bleibt ja erhalten. Verglichen mit dem WTO-gebundenen US-Durchschnittszoll von 3,5 Prozent hat Trump also Zölle erhöht.
Für ein Land hat Trump bei den Zöllen nochmal nachgelegt: Auf chinesische Importe sollen künftig 125 Prozent aufgeschlagen werden. Kommt damit der Handel der USA mit China quasi zum Erliegen?
Eine derartige Zollhöhe liegt sehr wahrscheinlich im prohibitiven Bereich. Dann findet Handel nicht mehr statt. Exporteure würden Verluste machen, wenn sie den Zoll tragen. Ihn auf amerikanische Verbraucher zu überwälzen, wie das in Trumps erster Amtsperiode geschah, wird auch nicht möglich sein – weil es bei einem so hohen Zoll fast immer günstigere Alternativen aus anderen Lieferquellen gibt.
Die EU hat ihre gerade erst beschlossenen Gegenzölle ebenfalls für 90 Tage ausgesetzt. Für den Fall, dass Trump den Konflikt nach dieser Frist wieder eskaliert: Wie sollte die EU dann gegenhalten?
Ich empfehle eine Mischung aus offensiven und defensiven Maßnahmen. Es ist richtig, bei Gegenzöllen vor allem Produkte aus republikanisch regierten Bundesstaaten auszuwählen. Parallel dazu sollte die EU im Rahmen der Meistbegünstigungsregel ausgewählte Zölle für alle Staaten gleichzeitig senken. Das würde Trump ärgern, weil nicht nur die USA einen Vorteil bekommen. Zugleich würde es vertrauensbildend gegenüber allen Handelspartnern wirken und die Handelsordnung gegen Trump verteidigen.
Die Kosten der Gegenzölle würden über höhere Importpreise die europäischen Unternehmen und Konsumenten tragen. Kann man Zollattacken nicht einfach aussitzen und gar nicht reagieren?
Das wäre denkbar, aber blauäugig, weil Trump von der EU ja nicht Stillhalten, sondern einseitige Zollsenkungen zugunsten der USA will. Sein Verhalten würde sich nicht ändern. Die Zollfrage hat nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine politische Dimension. Die EU muss zeigen, dass sie sich wehren kann und gleichzeitig das Diskriminierungsverbot der Handelsordnung verteidigt. Eine Appeasement-Strategie gegenüber Trump halte ich für wenig erfolgversprechend. Im Übrigen glaube ich nicht, dass Gegenzölle auf einzelne US-Produkte die Inflation in Europa nach oben treiben. Eher dürfte das Gegenteil eintreten.
Wieso?
Durch die US-Zölle verändern sich die globalen Güterströme. Es kann zu massiven Umlenkungseffekten kommen. In Deutschland und Europa ist eine Importflut aus Asien nicht auszuschließen, die den Wettbewerbsdruck erhöht und den Inflationsdruck tendenziell reduziert.
Wie bewerten Sie den Vorstoß der EU, den USA eine Absenkung der Zölle auf null für Industriegüter vorzuschlagen?
Das ist gut gemeint, verkennt aber, um was es Trump geht. Er ist davon besessen, das Handelsbilanzdefizit der USA zu beseitigen. Der komplette Wegfall der Zölle wäre gut für Wachstum und Wohlstand in Europa und den USA, würde das amerikanische Defizit aber nicht beseitigen. Die für das Defizit verantwortlichen unterschiedlichen Sparquoten – niedrig in der USA, hoch in der EU – würden durch Null-Zölle nicht beseitigt.
Sollte die EU bei möglichen Gegenmaßnahmen die großen US-Tech-Konzerne stärker in den Blick nehmen?
Das wird kompliziert. Wir haben mit Digitalsteuern und ihren Folgen für den Handel keine Erfahrung. Ich zweifle aber auch an der politischen Wirksamkeit solcher Maßnahmen. Trump interessiert sich nicht für den Dienstleistungsbereich, sondern nur für das, was man anfassen kann. Das Geschäft der Tech-Konzerne in der EU ist ihm relativ egal. Zudem lassen sich Digitalsteuern weniger flexibel handhaben als Zölle.
Glauben Sie, dass Trump am Ende doch einen Deal eingehen wird? Oder ist sein Ziel tatsächlich eine Autarkie und Abkehr von der globalen Arbeitsteilung?
Schwer zu sagen. So eine Situation gab es noch nie in der Nachkriegszeit. Optimisten weisen darauf hin, dass die USA bereits 2002 Stahlzölle eingeführt haben, die keinen Bestand hatten. Auch die von Trump in seiner ersten Amtsperiode eingeführten Zölle gegen die EU wurden überwiegend zurückgenommen. Jetzt aber ist von solcher Kompromissbereitschaft wenig zu sehen, selbst angesichts der temporären Aussetzung der länderspezifischen Zölle. Die Stunde der Wahrheit schlägt bei den US-Zwischenwahlen im nächsten Jahr. Wenn die Wähler Trump angesichts gestiegener Inflation und höherer Arbeitslosigkeit die rote Karte zeigen, könnte Trump diszipliniert werden. Das war schon 2019 so.
Nehmen wir an, es kommt anders und der Handelskonflikt eskaliert erneut. Wie groß ist dann die Gefahr einer Spirale von Zöllen und Gegenzöllen, die den gesamten Handel zum Erliegen bringt?
Da gibt es eine natürliche Grenze: Mit steigenden Zöllen sinken die Importe – und damit auch die staatlichen Zolleinnahmen Die aber spielen in Trumps Strategie zur Gegenfinanzierung von Steuersenkungen eine große Rolle. Zudem steigen die Inlandspreise und die Wettbewerbsfähigkeit der US-Industrie sinkt. Damit würde es zu einer Allianz von Verbrauchern und Industrieproduzenten gegen Trump kommen. Das dürfte ihn im Zaum halten.
Liegt in der Krise nicht auch eine Chance – dass nämlich die EU mit wichtigen Schwellenländern endlich Freihandelsabkommen abschließt, die seit Jahren auf Eis liegen?
Das ist nicht nur eine Chance, das ist eine absolute Notwendigkeit. Die USA haben die Axt an die multilaterale und regelbasierte Handelsordnung gelegt. Da bleiben als Alternative nur regionale Abkommen mit möglichst vielen Ländern, die einen möglichst großen Anteil am Welthandel haben. Wir sollten dabei pragmatisch vorgehen und mit einfachen Verträgen über den Güterverkehr anfangen, anstatt die Abkommen mit allen möglichen Zielen zu überfrachten.
Sollte sich Europa jetzt auch wieder verstärkt China zuwenden?
Unbedingt! Wir müssen das Verhältnis zum für Deutschland zweitwichtigsten Handelspartner verbessern. Dazu zählt vor allem, das 2020 ausverhandelte und aktuell auf Eis liegende Investitionsabkommen mit China zu reaktivieren. Dieses Abkommen ist ein verstecktes Juwel und könnte künftig der Goldstandard für ein globales Abkommen zum Investitionsschutz werden.
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