1. Startseite
  2. Finanzen
  3. Geldanlage
  4. Zölle USA Trump Handelskrieg: Neue Lehren aus dem aktuellen Chaos

ZollkriegDie neue Chaos-Theorie: Die 7 Lehren aus dem Trump-Crash

Zwischen Gnadenfrist und Endgame mit China: Warum Donald Trumps Einlenken die Märkte nicht beruhigt hat – und wie wir mit der Unsicherheit umgehen.KOMMENTAR von Horst von Buttlar 12.04.2025 - 16:40 Uhr
Eine Anzeige über dem Handelsparkett der New Yorker Börse am 10. April – da ging es nach der rasanten Erholung vom Mittwoch wieder nach unten Foto: AP

Donald Trumps „Art of the Deal” erlebt diese Woche einen epischen Showdown, ein Endgame zwischen USA und China. Der Rest der Welt schmort in der 90-Tages-Gnadenfrist, steht angeblich bibbernd Schlange, um in den Hintern des US-Präsidenten zu kriechen („They kiss my ass“, frohlockt Trump – das reiht sich historisch gut ein zu Sätzen wie: Ich bin ein Berliner / Mr. Gorbachev, tear down this wall!).

Nur China hat es verbockt, weil es mit Gegenzöllen Respekt vermissen ließ, wie Trump sagte. Peking hat Trumps Billionenbluff nicht verstanden. Inzwischen geht der US-Präsident nicht mehr in 50er-Schritten nach oben, aber selbst das ist irrelevant. Zehner oder Hunderter hätten den gleichen Effekt, denn wir erleben eine Bullshitisierung der Abschreckung: Schon bei 50 Prozent käme der 500-Milliarden-Export aus China nahezu zum Erliegen, weil sich das Geschäft nicht mehr lohnt. Bei 125 Prozent beziehungsweise 145 Prozent allemal. Die Zölle seien inzwischen ein „Witz”, sagt auch Peking.

Der Schaden ist da, da staut sich jetzt eine historische Menge an Waren auf Schiffen und in Häfen.

125
Prozent Zölle erhebt China auf US-Waren.
Die 145 Prozent von Trump bezeichnete Peking als „Witz”

Der Handelskrieg als Welttheater, während der S&P 500 oszilliert wie ein EEG und im Hintergrund die Shortwetten laufen. Da werden Milliarden von Milliardären gemacht, während der Sparer und Anleger nur ohnmächtig zusehen kann. Und jeder Unternehmer und jede Investorin, die planen und anlegen wollen, ein Schleudertraum bekommen müssen, bei der Bandbreite des Irrsinns der Szenarien.

Was nehmen wir aus dieser Woche mit?

Zunächst ein tiefes Unbehagen, eine Sorge, wie abhängig die Weltwirtschaft von den Launen eines Präsidenten ist, bei dem man nur die Nerven bewundern kann, der innerhalb von Minuten Billionen schaffen oder vernichten kann. Die Weltwirtschaft als Geisel. Derzeit verlieren alle, nicht nur an den Börsen. War das nun der Höhepunkt oder das Vorspiel von Trumps Handelskrieg?

Zumindest an einem wird nicht gearbeitet: der Schaffung von Vertrauen. An einem Merkel-Steinbrück-Moment, bei dem Politiker sagen: Eure Einlagen sind sicher. Oder Whatever it takes. In Trumps Kontext wirkt diese Formel eher beunruhigend.

Das sind die Lektionen aus der Woche des „Liberation Mayday“:

1. Vergessen Sie Zahlen und Daten

Schauen Sie nicht mehr auf Prognosen, KGVs oder Daten: Die Zolltafel von Donald Trump, die er in Mose-Pose vor einer Woche der Weltöffentlichkeit präsentierte, hat keine rationale oder gar ökonomische Grundlage. Sie begründet die Gaga-isierung der amerikanischen Wirtschaftspolitik, die zugleich lächerlich, aber bitterernst ist. Solange aber Zollformeln, die Willkür sind und keine Grundlage haben, in die Welt posaunt und per Trump-Social-Post zurückgenommen werden, ist es unmöglich, zu planen und zu kalkulieren. Sie können durchdrehen oder abschalten, es kommt das gleiche raus – allein das Cashpolster sollte groß genug sein.

Timing was a bitch, now it’s a crazy bitch.

Unternehmen wie Walmart oder Delta Air Lines streichen schon ihre Ausblicke und Guidances. „No one has any clue“, sagt eine Analystin treffend.

Keiner hat gerade eine Ahnung
Mari Shor
Analystin Columbia Threadneedle

2. Das Gegenteil kann jederzeit wahr sein

Sind die Strafzölle ein Bluff? Der beste Bluff aller Zeiten? Oder wirklich Basis für „Verhandlungen“? Werden die Ergebnisse dieser „Gespräche“ Deals sein oder eine Art ökonomischer Diktatfrieden? Niemand weiß es, außer Donald Trump. Seine Berater und Minister scheinen teils selbst überrascht und überrumpelt.

So verteidigte der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer gerade vor dem Kongress die Zollpolitik, als der Präsident – vermutlich aus seinem Golf-Refugium in Florida – per Tweet eine 90-Tage-Pause ankündigte. Finanzminister Scott Bessent hatte seinen Günter-Schabowski-Moment, als er nicht genau sagen konnte, wer nun ab wann wie hohe Zölle aufgebrummt bekommt. Seines Wissens ab sofort, unverzüglich.

Der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer sagt vor dem Kongress in Washington aus – und erfuhr dort erst von der 90-Tages-Schonfrist Foto: AP

Wir erleben also die Simulation einer konzertierten Aktion – sie spielt sich vor allem im Kopf des Präsidenten ab. Es ist alles Laune, Chaos, Hin und Her, Bluff, Poker, wahr und unwahr, es gilt oder gilt eben nicht.

Denken Sie an „Schrödingers Katze“, jenes Gedankenexperiment, in dem eine Katze gleichzeitig tot und lebendig ist. Das ist der Modus der US-Wirtschaftspolitik: Chaos als Prinzip, dafür unbeirrt als Erlöserreligion. Wir müssen erst eine bittere Medizin nehmen, damit alles wieder gut wird.

3. Trumps wahrer und wunder Punkt

Man kann immer wieder feststellen, wie wahnsinnig das alles ist, wie absurd, wie schädlich und abgründig. Trotz allem darf man den Kern von Trumps Anliegen und Motiven, die ihn umtreiben, nicht aus dem Blick verlieren. Er hat immer einen wahren und wunden Punkt: Die Defizite der USA sind nicht tragbar. Die Amerikaner haben Jahrzehnte für Europas Sicherheit bezahlt. China spielt unfair, und die USA sind die einzige Wirtschaftsmacht, die Peking noch die Stirn bieten kann.

Dann aber beginnt das Zerrbild: Die USA seien von anderen Ländern „geplündert, gebrandschatzt, vergewaltigt und ausgeplündert“ worden, schimpft Trump. Nun, dafür sind die Amerikaner ganz schön reich und wohlhabend geworden. Die ökonomischen und historischen Argumentationsketten sind nicht haltbar. Seine Diagnose ist teils richtig, seine Therapie aber falsch.

4. Die Wirtschaft hat die größte Wette verloren

Die meisten Investoren und Unternehmer von Weltrang haben Trump falsch eingeschätzt. Wie konnten sie sich so irren? Sie dachten in ihrer Logik, in ihrer Ratio, ihrem Kalkül, ihrem System. Im Zweifel gut für die Wirtschaft. Unberechenbar, aber doch berechenbar. Sie waren long Trump. Sie hofften auf Deregulierung und niedrige Steuern. Wette verloren. Man darf gespannt sein, wo das „Golden Age“ hinführt.

Bisher sehe ich nur Trümmer: Zuvor muss die Welthandelsordnung, die uns 80 Jahre getragen und historischen Wohlstand beschert hat, gesprengt werden. Was erst mal alle ärmer macht. Dafür ist Trump bereit, die größten und stolzesten Unternehmen, die sein Land hervorgerbacht hat, vom Thron und ins Chaos zu stürzen.

Apple ist das Symbol dieser Zerstörungswut geworden. Dann sollen sie halt iPhones in Indiana produzieren! Selbst wenn man es wollte – und es ist betriebswirtschaftlicher Unsinn –, die Neuorganisation der Lieferketten würde Jahre dauern. Bis dahin: Apple in Not, ohne Not.

Die bange Frage war: Wird Apple doch verschont? Es hänge von seinen „Instinkten“ ab, sagte Trump am Donnerstag, welche Unternehmen Ausnahmen bekommen. Anders gesagt: von der Bereitschaft, sich zu unterwerfen. Freitagabend dann kam die Nachricht: Die Regierung hat Smartphones und Computer von den reziproken Zöllen befreit, einschließlich der 125 Prozent auf chinesische Importe. Wirtschaftspolitik als Willkürherrschaft.

Die Pointe ist: Viele Fabriken und Jobs wären von ganz allein gekommen, im Januar waren viele Unternehmen noch euphorisch.

J.P. Morgan-CEO Jamie Dimon (links) wird am MIttwoch bei Fox News interviewt. Donald Trump sah das Gespräch. Foto: AP

5. Widerstand ist noch vorhanden und möglich

War es Jamie Dimon, der Chef von JP-Morgan, der extra zu „Fox News“ eilte und vor einer Katastrophe warnte (was Trump sich anschaute)? Waren es alte Hedgefonds-Buddys von Scott Bessent, die ihn anflehten, eine Kernschmelze zu verhindern? Oder Bill Ackman, der vor einem „ökonomischen nuklearen Winter“ warnte (und wie stets vermutlich eine Wette laufen hatte)? Oder waren es die guten alten Anleihenmärkte, die Dienstagabend plötzlich drehten, wo der Ausverkauf simultan zu den Aktienmärkten begann, dass Trump doch zuckte und einlenkte? „Die größte Macht, Trump zu bändigen, hat der Bondmarkt“, prophezeite der Vermögensverwalter Bert Flossbach schon Ende Februar.

6. Die Globalisierung ist tot. Es lebe eine andere Globalisierung!

Europa darf nicht nur zurückschlagen. Sich nicht nur abschotten, sondern muss sich neu vernetzen. Nicht nur einlenken, sondern umdenken. Der Welthandel wird nicht sterben, aber sich ändern. Europa muss neue Allianzen schmieden, wir brauchen eine Welle an Freihandelsabkommen. Die EU wirkt zwar schutzlos und uneinig, ist aber auch ein Machtblock und Binnenmarkt mit 500 Millionen Menschen. Wir können kein zweites China werden – dazu sind wir zu abhängig. Aber Europa hat Stärken, Unternehmen, Maschinen, Patente und Technologien – und vielleicht bekommen wir aus den USA noch ein paar brillante Köpfe hinzu.

7. Was bleibt? Das erste Gebot des Managements

Und das lautet: Du sollst nicht extrapolieren. In Krisen treiben uns Ängste, und wir machen zwei Denkfehler: Wir schreiben die Krise in ihrer Wucht fort, als gäbe es keine Besserung, Anpassung und Veränderung. Und wir verdrängen andere große Trends und Kräfte, die ebenfalls weiterwirken. Haben wir nicht vor wenigen Wochen noch über Künstliche Intelligenz geschwärmt? Natürlich werden sich Unternehmen anpassen, ihre Resilienz haben sie seit Corona gezeigt. Wir dürfen uns bei allen Ängsten, die uns natürlich umtreiben, die Freude auf die Zukunft nicht nehmen lassen.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick