Werner Knallhart: Wie lange muten wir unseren Kindern noch Tiktok und Instagram zu?
Die Älteren unter uns erinnern sich sicherlich noch an die Turnschuh-Diskussion in den 1980ern: „Turnschuhe (für die Jüngeren: Gemeint sind Sneaker, Anm. des Autors) stützen die Füße zu sehr, so dass die Entwicklung der Muskeln leidet. Turnschuhe als Straßenschuhe sind Gift für die Entwicklung junger Füße.“
Gegenargument: Die Dinger sind „geil“ (für die Jüngeren: „Geil“ galt damals noch als ein verruchter Ausruf der unerzogenen Jugend).
Worauf ich aber hinaus will: Alle Eltern, die ihren Kindern Turnschuhe aus Angst um deren Quanten nicht zumuten wollten, hatten Alternativen: von Elefanten über Bama bis Lurchi von Salamander. Einige dieser Schuhe hießen gar Halbschuhe. Bekamen wir keine Turnschuhe, hatten wir immerhin ein anderes Schuhwerk zur Auswahl.
Letztendlich hat sich der Sneaker durchgesetzt und siehe da: Die Menschheit geht trotzdem noch aufrecht.
Beim Konsum von Social Media sieht es nun aber ganz anders aus. Es ist längst belegt und von Experten diskutiert, dass Angebote wie Insta, Snap und Tiktok der jungen Generation neben allen Vorzügen enorm schaden können:
- Pseudo-Sozialleben online mit der Folge von tatsächlicher Vereinsamung: Soziale Kompetenzen bleiben unterentwickelt.
- Ausprägung von Minderwertigkeitsgefühlen durch den Abgleich des eigenen Lebens und des eigenen Aussehens mit den inszenierten Alltagen und Beauty-Errungenschaften der Influencer. Die Folge: ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Angststörungen. Essstörungen etwa sind bei betroffenen Mädchen nachweislich angestiegen.
- Angst vor Live-Kommunikation per Sprache (etwa per Telefon) aus der reinen Gewohnheit, alles per Sprachnachricht oder Textnachricht abzuwickeln.
- Cybermobbing durch die Verbreitung als peinlich empfundener Fotos oder durch Preisgabe privater oder erlogener Informationen durch andere in der Öffentlichkeit. Das kann zu seelischem Stress, Rückzug, Angst und sogar Suizidgedanken führen.
- Schlafprobleme durch die Nutzung von Social Media bis spät in die Nacht.
- Multitasking und ständige Ablenkung durch das Bedürfnis, Inhalte auf Social Media zu checken. Das schadet dem Gedächtnis und den schulischen Leistungen.
- Verlust der Selbstkontrolle: Viele Jugendliche können kaum Social-Media-Pausen machen und fühlen sich ohne Smartphone unwohl. Das kann zu Abhängigkeit führen, wie beim Glücksspiel. Ein Grund etwa ist die Dopamin-Falle durch Likes und Kommentare, die das Belohnungssystem im Hirn triggern.
- Zugang zu gefährlichen Inhalten wie etwa zu Themen wie Gewaltverherrlichung und Verschwörungstheorien.
- Manipulation durch Algorithmen, die junge Menschen (wie auch Erwachsene) in sogenannte Echokammern oder Blasen führen. In denen interessieren sich alle für dieselben Themen und/oder vertreten dieselbe Meinung. Unreflektiert kann das den Eindruck erwecken, man sei mit seiner Haltung und seinen Interessen mehrheitsfähig. Das kann zu Radikalisierung führen.
- Gefahr durch Betrug oder sexuelle Belästigung online.
Um all diesen Horror zu verhindern, in dessen Vergleich das Turnschuh-Problem ja ein Witz der 80er-Jahre war, bleiben gegenwärtig gerade einmal:
- Elterliche Aufsicht: Doch wie soll die bei Teenagern zuverlässig funktionieren, ohne ständig deren Bedarf nach Privatsphäre zu konterkarieren, was zu dauerndem Familienkrach führen dürfte?
- Aufklärung: Doch wie sollen Info-Spots, Poster und ein paar Projekttage an der Schule hier die über Jahre eingeübte Routine, die zu einem gesellschaftlichen Alltag geworden ist, effektiv lenken?
- Zeitbegrenzungen: Die den Horror dann eben auf einen schmaleren Slot komprimieren.
- Digitale Bildung: Die erst dann ansetzt, wenn die Kinder parallel schon in der Social-Media-Routine-Falle sitzen.
- Und dann natürlich das Bestreben, die großen Techkonzerne dazu zu verdonnern, die Inhalte so zu steuern, dass niemand Schaden nimmt. Das hat mittlerweile schon für Zwist zwischen Europa und den USA gesorgt, denn hier kollidieren die unterschiedlichen Ansichten zu freiem Markt und freier Meinungsäußerung diesseits und jenseits des Atlantiks. Von den Chinesen (Tiktok) mal ganz abgesehen.
Was aber kaum diskutiert wird:
Wo bleibt ein Social-Media-Angebot, das einerseits die Gefahren minimiert und gleichzeitig so attraktiv ist, dass es genutzt würde? Wobei Attraktion nicht nur durch die Funktionalität etwa der entsprechenden App definiert wird, sondern durch Masse. Es müssten eben alle Freunde und Stars auch dort anzutreffen sein.
Statt durchgängig den US-Konzernen von Europa aus zu erklären, wie gutes Social Media auszusehen hat (was nicht nur den US-Präsidenten den Kopf schütteln lässt), wäre es endlich an der Zeit, ein europäisches Angebot zu kreieren, das mithalten kann. Und das Kindern bereits in jungen Jahren als erstes Angebot angedient wird, etwa, weil es die einzige Plattform ist, die auf deren Smartphones anfangs freigeschaltet oder an Schulen erlaubt ist.
Statt darauf zu hoffen, dass Meta und Tiktok es uns recht machen: Kann Europa bitte mal selber entwickeln, was es für wichtig und richtig hält? Wo bleibt die Initiative der EU-Kommission gemeinsam mit der Telekom und was weiß ich welchen Experten und Geldgebern?
Neben dem US-Angebot Paypal entwickelt Europa die Alternative Wero und den digitalen Euro. Für mehr Unabhängigkeit. Können wir diesen Drang unseren Kindern zuliebe bitte auch mal an den Tag legen?
Wir brauchen ein faires, gesundes, förderndes Social-Media-Angebot aus Europa, das trotz aller „uncoolen“ Ziele auf breite Akzeptanz stößt. Sich das nicht zuzutrauen, wäre mir zu uneuropäisch. Abnabeln ist doch gerade im Trend. Warum nicht ganz flott auch in diesem Bereich? Wir müssen die nachfolgenden Generationen vor Social Media nach US-Gusto schützen. Sofort.
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