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Pro & ContraEnde der Faktenchecks: Triumph für die Meinungsfreiheit oder eine Gefahr?

Nutzer von Facebook und Instagram in den USA sollen Inhalte künftig selbst moderieren. Ist das sinnvoll oder gefährlich? Zwei WiWo-Journalisten diskutieren.Julia Leonhardt, Philipp Mattheis 08.01.2025 - 15:40 Uhr

Mark Zuckerberg: Der Meta-Chef hat das Ende der Faktencheckens auf seinen Plattformen angekündigt.

Foto: David Zalubowski/AP/dpa

Zuckerbergs Entscheidung ist richtig!

Meta-Chef Zuckerberg will die Zusammenarbeit mit Faktenprüfern beenden und ein System ähnlich den „Community Notes“ von X einführen. Warum das sowohl für sein Unternehmen als auch die Gesellschaft gut ist. Ein Kommentar von Philipp Mattheis.

Die schlechte Nachricht: Absolute Meinungsfreiheit gibt es nicht in sterilen Portionen, sondern immer nur als anstrengendes Gesamtpaket. Wir alle würden gerne in einer Welt leben, in der alle Informationen immer richtig, wahr und am besten auch noch gut sind. Diesen Zustand mit „Content-Moderatoren“ und „Faktencheckern“ zu erreichen, ist eine Illusion. Meinungsfreiheit – wie Wissenschaft – lebt von der ständigen Widerrede, von oft scheinbar irren und waghalsigen Hypothesen. Aus dieser Kakophonie der Meinungen destilliert sich dann heraus, was wir Realität oder Wahrheit nennen.

Die gute Nachricht: Mit der Ankündigung von Meta-Chef Mark Zuckerberg, die Zusammenarbeit mit Faktenprüfern wieder zu beenden, kehrt zumindest in den USA etwas mehr von diesem anstrengenden, wirren Paket namens „Meinungsfreiheit“ zurück in den Alltag vieler Menschen.

Die „Inhalte-Moderation“, und deren härtere Variante namens „Faktencheck“ waren im besten Fall gut gemeint. De facto aber lief es auf eine smarte Zensur hinaus.

Beispiel: Der Ursprung des Coronavirus

Ein gutes wie verhängnisvolles Beispiel, wie schnell vermeintlich gut gemeinte „Inhalte-Moderation“ zu einer milden Form der Zensur wird, ist die Debatte um den Ursprung des Coronavirus. Wer sich eingehender mit der Thematik beschäftigte, konnte bereits 2020 zu dem Schluss kommen, dass das Virus höchstwahrscheinlich aus einem Hochsicherheitslabor entwichen ist. Das Wuhan Institut for Virology liegt fünf Gehminuten vom Wet Market entfernt. Darin forschte ein chinesisch-amerikanisches Team seit Jahren daran, Coronaviren pathogener zu machen.

Trotzdem setzte sich schnell die mögliche, aber doch höchst unwahrscheinliche Hypothese durch, das Virus sei auf natürlichem Wege auf dem Markt entstanden. Warum? Weil die Crème de la Crème der internationalen Virologie sich in einem inzwischen geleakten Mail-Verkehr Anfang 2020 darauf geeinigt hatte, alle anderen Hypothesen als „Verschwörungstheorien“ zu brandmarken. Die großen Social-Media-Plattformen wie Twitter, Facebook und Instagram spielten mit. Sie begannen fortan, Posts mit Informationen zu Wuhan zu löschen oder zumindest in ihrer Reichweite zu drosseln.

Das hatte Folgen: In der öffentlichen Wahrnehmung wurde die immens wichtige Frage nach dem Ursprung des Virus und der Verstrickung amerikanischer Wissenschaftler in das Projekt zu einem „Aluhut-Thema“, mit dem man sich lieber erst gar nicht beschäftigen möchte.

Offene Debatten sind unangenehm, aber notwendig

Dauerhaft unterdrückt, so lässt sich nun in Bezug auf das Coronavirus entgegnen, wurde die Labor-These am Ende nicht. Nach einer Untersuchung des US-Repräsentantenhauses und vielen kritischen Berichten gilt die These inzwischen wieder als das, was sie für viele von Beginn an war: wahrscheinlich.

Dennoch zeigt der Verlauf der Debatte, welche Risiken in der vorschnellen Kategorisierung von Thesen und Theorien als Wahrheiten oder Verschwörungen schlummern. Notwendige Debatten darüber, ob eine solche Forschung wie in Wuhan weiter betrieben werden soll, können nicht stattfinden. Das ist der eigentliche Schaden, den eine offene Gesellschaft durch Zensur oder deren softere Formen erleidet.

Auf X fand diese Praxis ein Ende, als Elon Musk die Plattform 2022 übernahm. Ihm ist zudem anzurechnen, dass er mehrere Journalisten damit beauftragte, die Meinungszensur zu dokumentieren und aufzuarbeiten. Sie fanden Eingang in die sogenannten „Twitter Files“ und sind für jeden nachlesbar. Gründer Jack Dorsey bedauerte kurz darauf die Entwicklungen unter seiner Ägide. Im Dezember 2022 sprach er sich deutlich dafür aus, dass Social-Media-Plattformen dem Druck von Regierungen und Unternehmen widerstehen müssen.

Facebook

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Kommentar von Max Biederbeck

Wirtschaftliches Interesse

An die Stelle von „Inhalte-Moderation“ traten „Community Notes“. Klar, diese sind für Musk und nun auch Zuckerberg auch wirtschaftlich interessant, sparen die Konzerne so doch die Ausgaben für eine Heerschar von Moderatoren und Faktencheckern, stattdessen übernehmen die Nutzer der Plattform den Job. 

Tatsächlich aber funktionieren die „Community Notes“ auf X bisher erstaunlich gut: Nicht nur, dass Falschaussagen von Politikern schnell entlarvt werden – auch die Absender betrügerischer Werbung bekommen ihr Fett weg. Anstatt einer von oben eingesetzten Instanz korrigiert der Schwarm. Das kommt dem eingangs beschriebenen Prozess der kollektiven Wahrheitsfindung am nächsten. Liegt die Community immer richtig? Nein, aber das tut niemand. Wahrheit kann man sich immer nur annähern.

Faktenchecks abschaffen für mehr Meinungsfreiheit? So ein Quatsch!

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Migranten in Springfield, Ohio, essen Hunde und Katzen. Eine Meldung, die im US-Wahlkampf im Herbst für Aufsehen sorgte – und schlichtweg falsch war. Doch für Rechte und Radikale war die Falschmeldung ein Grund mehr für Hetze, die sich vor allem in den sozialen Medien abspielte. Auch der künftige US-Präsident Donald Trump hatte das für seinen Wahlkampf genutzt. Damals wurden Falschmeldungen allerdings noch auf Metaplattformen wie Instagram, Facebook oder in Threads von Faktencheckern überprüft. Dieser Sicherheitsmechanismus ist nun weg. Und das ist brandgefährlich.

Während auf Elon Musks Meinungsplattform X Fakten schon lange nicht mehr den gleichen Stellenwert haben wie Meinungen, folgt nun auch Meta-Gründer Mark Zuckerberg diesem Beispiel. Mit fatalen Folgen für die Demokratie, die als Meinungsfreiheit abgetan werden.

In einer Videobotschaft auf Instagram kündigte Zuckerberg an, künftig auf Faktenchecks auf seinen Plattformen in den USA verzichten zu wollen. Stattdessen soll es „einfachere Regeln“ und „weniger Restriktionen“ geben. Nutzerinnen und Nutzer sollen in sogenannten Community Notes Hinweise unter Beiträge setzen können. Bislang wurde der Wahrheitsgehalt von Inhalten durch unabhängige Dritte überprüft.

Noch vor wenigen Jahren hatte der Facebook-Mutterkonzern Meta nach Donald Trumps erstem US-Wahlsieg 2016 große Anstrengungen unternommen, Fehlinformationen und Hetze auf seinen Plattformen einzudämmen. Doch das scheint nun Geschichte zu sein. Zuckerberg plant, das Unternehmen umzustrukturieren – ganz nach dem Vorbild von X. Die Scheinheiligkeit des Meta-Chefs ist hier kaum zu überbieten.

Laut Zuckerberg hätten Regierungen zu lange daran gearbeitet, Menschen zu „zensieren“. Aus gutem Willen habe Meta dabei mitgewirkt. Nun wolle er den Konzern zurück zu seinen „Wurzeln“ führen und „freie Meinungsäußerung wiederherstellen“.

Die Vorstellung, dass die Abschaffung von Faktenchecks zu mehr Meinungsfreiheit führt, ist jedoch ein Trugschluss. Gerade jetzt, wo Donald Trump in wenigen Wochen erneut ins Weiße Haus einzieht, sind fundierte und faktenbasierte Beiträge auf Social Media wichtiger denn je, um Hetze und Desinformation entgegenzuwirken.

Bereits im Wahlkampf zeigte sich, wie stark Falschaussagen das politische Klima beeinflussen können. Polarisierende Behauptungen Trumps, wie die Aussage, Migranten in Springfield, Ohio, würden Haustiere essen, schüren Hass und Hetze gegen Minderheiten. Ohne klare Faktenchecks droht eine Welle von Desinformation, die den öffentlichen Diskurs weiter vergiften könnte.

Auch wenn die Abschaffung der Faktenchecks zunächst nur für die USA gilt, birgt diese Entwicklung Gefahren für Deutschland. Der Vorwand, weniger Kontrolle in den sozialen Medien würden die Meinungsfreiheit stärken, wird auch hierzulande gerne von rechten Parteien genutzt. Zunehmend unregulierte soziale Medien spielen ihnen dabei in die Karten. Schon bei der Europawahl haben rechte Parteien wie die AfD gezielt in sozialen Netzwerken mobilisiert – vor allem bei jungen Wählerinnen und Wählern.

Mit dem Wegfall der Faktenchecks bleiben Meinungen und Falschaussagen in den USA künftig ohne Konsequenzen und Einordnung. Was wahr oder falsch ist, wird dann von den Nutzerinnen und Nutzern selbst entschieden. Für radikale und populistische Gruppierungen ist das ein gefundenes Fressen. Mehr Meinungsfreiheit entsteht dadurch jedoch nicht – stattdessen drohen Chaos und noch vergiftetere Debatten.

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