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  4. IFA-Chef zur Zukunft der Messe: „Es fängt gerade erst an“

Auf der Suche nach dem Zukunftsplan„Das Kapitel IFA fängt erst richtig an“

Die Berliner Elektronik-Show will sich neu erfinden. Doch in Zeiten digitaler Kommunikation bleibt die Frage: Wie relevant sind physische Messen künftig noch?Thomas Kuhn 05.09.2025 - 18:10 Uhr
Leif Lindner, Geschäftsführer der IFA Management GmbH, spricht bei der Eröffnungs-Pressekonferenz der Internationalen Funkausstellung vor Beginn der Messe. Foto: picture alliance/dpa

Die IFA 2024 war ein Jubiläum – und ein Wagnis. 100 Jahre nach ihrer Gründung präsentierte sich die einstige „Internationale Funkausstellung“ in Berlin mit neuem Selbstbewusstsein und neuem Elan: jünger, bunter, internationaler. Vor allem aber auch mit einem neuen Namen: Mit dem Claim „Innovation for All“ und einem deutlich modernisierten Auftritt wollte die Messe zeigen, dass sie mehr ist als ein Relikt aus der Ära der Röhrenfernseher.

„Wenn man einen Namen ändert und zugleich viel frecher auftritt, nach 100 Jahren, dann ist das disruptiv und ein Risiko“, sagt Leif Lindner im Podcast „Chefgespräch“ der WirtschaftsWoche. Er ist seit 2023 CEO der IFA, zuvor wurde die Veranstaltung durch den britischen Event-Konzern Clarion von der Berliner Messegesellschaft übernommen. Lindner wechselte anschließend von Samsung an die IFA-Spitze und ist seitdem einer der wichtigsten Treiber hinter der Neuerfindung der Messe. Er ist überzeugt: „Das Kapitel IFA ist nicht zu Ende, es fängt erst richtig an.“

Doch ob das stimmt, muss sich erst noch zeigen. Denn hinter dem Glanz des letztjährigen Jubiläums steht eine offene Frage. Wenn sich selbst etablierte globale Leitmessen, wie die Autoshow IAA in München damit schwertun, sich neu zu definieren, gilt das auch für die IFA: Hat die traditionsreiche Technik-Show in Berlin tatsächlich eine Zukunft – und wenn ja, welche?

Podcast Chefgespräch

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05.09.2025 von Konrad Fischer
Abspielen 45:13

Für Lindner, vor dem Wechsel an die Messespitze viele Jahre in führenden Vertriebspositionen bei Sony und zuletzt Samsung aktiv, ist die kommende Ausgabe, deshalb mehr als nur ein weiteres Event. Sie ist der erste echte Prüfstein für die Zukunftsfähigkeit der Messe – und für die Tragfähigkeit eines Geschäftsmodells, das in digitalen Zeiten zunehmend unter Druck gerät.

Der Bruch mit der Vergangenheit ist programmatisch. Die Bezeichnung „Funkausstellung“ wurde gestrichen, der neue Name soll Offenheit und Zukunft signalisieren. Die IFA will sich nicht länger über Techniknostalgie definieren, sondern über Relevanz. Lindner spricht von einer Messe, die sich bewusst als Plattform der Vielfalt versteht: Als Event, das einerseits Start-ups, Aussteller und Händler zusammenbringt, andererseits aber auch seinen Entertainment-Charakter herausstellt.

„Unterhaltung ist heute absolut notwendig, du kannst kein reines Tech-Event veranstalten“, sagt der Messe-Chef. „Du musst ein kulturelles Ereignis daraus machen.“ Vorbild oder Messlatte für den IFA-Spitzenmann sind etwa die Gamescom in Köln, der Mobile World Congress in Barcelona oder die OMR in Hamburg. „Die Messen, die erfolgreich sind, machen genau das: Die Stadt lebt das Event, auch außerhalb des Messegeländes locken Veranstaltungen, Partys, Diskussionen die Menschen und die Entscheider.“ Der Vergleich mit der Gamescom zeigt aber auch, wie schwer es ist, Relevanz zu behaupten, wenn zentrale Player der Spielszene wie Sony oder Nintendo fernbleiben.

Ein Szenario, das auch der IFA droht – Jahr für Jahr neu. „Aufgabe auch von mir ist, dafür zu sorgen, dass, wenn die großen und kleinen Marken uns als Kommunikationsplattform nutzen, dass wir Mehrwerte bieten, etwa weil wir die Reichweite erhöhen oder andere Zielgruppen erschließen“, sagt Lindner. Ziel sei deshalb auch, als Messe Anlass und Standort für Neuvorstellungen von Produkten zu werden – trotz aller Schnelllebigkeit der Branchen, in der es sich kaum ein Hersteller mehr erlauben könne, seine Produkte Monate zurückzuhalten.

Einerseits. Andererseits werde es in diesem Jahr auf der Messe so viele Produktneuvorstellungen und Medienevents zu neuen Produkten geben, wie lange nicht mehr, betont Lindner. „Genau das ist der Trend, wo wir auch weiterhin wollen.“ Auch deshalb habe man bei der IFA Staub abklopfen und eine neue Richtung definieren müssen, rechtfertigt Lindner, die Verjüngungskur für die Messe.

Der Wandel ist mehr als semantisch – und noch längst nicht abgeschlossen. Zwar hat Clarion die Messe neu aufgestellt, die Struktur internationalisiert. Lindner weiß aber auch, „dass wir uns jetzt noch mehr darauf konzentrieren müssen, dass man uns in der ganzen Stadt spürt, dass wir das ganze Jahr über wahrgenommen werden“. Ziel sei, als Event nicht nur einmal im Jahr fünf Tage aktuell, sondern ganzjährig wahrnehmbar zu sein. „Ich weiß vom Hotelverband, dass wir in diesem Jahr der größte Auslaster der Hotels sind“, so der Messe-Chef, „das ist eine absolute Chance.“

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Aber wo genau positioniert sich die IFA? Kritiker monieren, die Messe sitze seit Jahren irgendwo zwischen den Stühlen. Auf der einen Seite globale Branchenevents wie der Mobile World Congress in Barcelona oder die Consumer Electronics Show CES in Las Vegas, die mit klarer Fachfokussierung und internationaler Strahlkraft punkten. Auf der anderen Seite publikumsnahe Formate wie die Gamescom, die mit Entertainment und Community-Bindung erfolgreich sind.

Lindner versucht, beides zu verbinden: B2B und B2C, Industrie und Konsumenten, Fachpublikum und breite Öffentlichkeit. Die IFA soll ein Ort sein, an dem Produktneuheiten ebenso gezeigt werden, wie gesellschaftliche Trends diskutiert – und an dem Start-ups neben Konzernen bestehen können. „Wir wollten klare Zeichen geben, dass wir sowohl für Konsumenten als auch für Händler Fokus haben“, votiert Lindner für ein entschiedenes Sowohl-als-auch.

Doch diese Breite birgt Risiken. Die Messe läuft Gefahr, ihr Profil zu verlieren. Und die Konkurrenz schläft nicht. Formate wie VivaTech in Paris oder der Web-Summit in Lissabon setzen auf klare Zielgruppen und digitale Reichweite. Die IFA muss sich dagegen als physische Plattform behaupten – in einer Zeit, in der viele Unternehmen lieber eigene Events veranstalten.

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Die zentrale Herausforderung liegt im Geschäftsmodell selbst. Präsenzmessen sind teuer, aufwendig und in Zeiten virtueller Kommunikation nicht mehr alternativlos. Große Marken wie Samsung oder Apple setzen zunehmend auf exklusive Produkt-Launches – unabhängig von Messekalendern. Lindner kennt diese Dynamik aus eigener Erfahrung.

„Warum sollen wir denn eine Veranstaltung, wo auch unsere Wettbewerber sind, aufwerten?“, fragt er – und liefert damit die Kernfrage, die über die Zukunft der IFA entscheidet. Die Antwort sieht er in der Relevanz. Wenn die IFA es schafft, Reichweite, Sichtbarkeit und Vernetzung zu bieten, kann sie als Plattform bestehen. Wenn nicht, droht sie zur Kulisse zu werden – für PR, aber nicht für echte Innovation. Entscheidend sei, dass Messen wie die IFA mehr seien als nur Produktschauen, sondern auch Kommunikations- und Kontaktplattformen, bei denen das Ganze mehr wirke als ein einzelner Aussteller.

Immerhin: Mehr als 200.000 Gäste im vergangenen Jahr, das sei besser als zuletzt vor der Covid-Pandemie, betont der Messemanager. „Deswegen ist ein klarer Aufwärtstrend zu erkennen.“ Entscheidend sei aber nicht bloß die Gesamtzuschauerzahl, sondern auch die Qualität und Internationalität der Gäste – und Aussteller.

Ein Hoffnungsträger ist daher auch der Bereich IFA Next, in dem Start-ups aus über 40 Nationen ihre Ideen präsentieren. Lindner sieht darin einen strategischen Hebel: Die Messe soll nicht nur Produkte zeigen, sondern Ökosysteme abbilden. Die Verbindung von großen Markenherstellern, Lieferanten und jungen Unternehmen soll neue Dynamiken erzeugen – und die IFA als Katalysator positionieren.

Die IFA 2024 war ein Jubiläum mit Strahlkraft. Doch der eigentliche Test beginnt jetzt. Die Ausgabe ab dem 5. September wird zeigen, ob Lindners Kurs trägt – und ob die IFA mehr ist als ein nostalgisches Event mit frischem Anstrich. Die Messe muss beweisen, dass sie in digitalen Zeiten relevant bleibt. Und der Messe-Chef muss zeigen, dass er nicht nur Visionen formulieren, sondern auch Strukturen schaffen kann, die tragen. „Ich bin überzeugt davon, dass sich Messen weiterhin behaupten werden – aber nur die besten am Markt.“ Die IFA will dazugehören. Ob sie es schafft, entscheidet sich auch in den kommenden Tagen.

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