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Wachstum in EuropaDraghi: „Ohne Anschluss an Spitzentechnologien verliert Europa seine Macht“

Der ehemalige EZB-Präsident warnt vor den geopolitischen Konsequenzen, wenn die EU wichtige Innovationen verpasst. Auf der Nobelpreisträgertagung in Lindau erklärt Draghi, wie es besser ginge.Henrike Adamsen 26.08.2025 - 18:45 Uhr
Mario Draghi beim 8. Lindauer Nobelpreisträgertreffen. Foto: Torben Nuding / Lindau Nobel

Vor knapp einem Jahr veröffentlichte die EU-Kommission einen Bericht zur Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit, der es ganz schön in sich hatte. Das Ergebnis: Europa hinke den USA in Sachen Produktivität deutlich hinterher – auf Kosten des europäischen Lebensstandards. Hauptautor Mario Draghi, ehemaliger Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), stellte damals fest: Europa stehe „vor existenziellen Herausforderungen“.

Elf Monate später sitzt Draghi auf einer Bühne, dem Auftaktpanel zur Nobelpreisträgertagung in Lindau am Bodensee, und zieht Bilanz: „Wenn überhaupt, ist der Bericht noch dringender geworden.“ Im Gepäck hat Draghi am Dienstagnachmittag auch eine politische Botschaft: „Ohne Anschluss an Spitzentechnologien verliert Europa seine Macht.“

Der Schlüssel sei eine bessere Innovationspolitik. Wie die aussehen könnte, diskutierte das interdisziplinär besetzte Panel unter dem Titel: „Forschung und Innovation in einer tripolaren Welt“. Neben Draghi saßen auch Steven Chu, Physiker und US-Energieminister unter Barack Obama, der französische Ökonom und Mitautor des Draghi-Reports, Jean Tirole, sowie Thomas Schafbauer, Chef für Sensorik bei Infineon auf der Bühne. Die Biologin und Präsidentin des europäischen Forschungsrats Mara Leptin leitete die Debatte.

Mario Draghi bei der Panel-Diskussion beim Lindau Nobel Meeting. Foto: Torben Nuding / Lindau Nobel

Als Hürden für Innovation identifizierte Draghi die starke Fragmentierung innerhalb der EU, beispielsweise bei der Vergabe von Forschungsgeldern. „Bei uns herrscht die Idee: Wir geben jedem ein bisschen.“ Aber das sei der falsche Weg, um disruptive Innovationen zu ermöglichen.

Draghi fordert bessere Innovationspolitik

Zwar lobte der ehemalige italienische Premierminister, dass Europa universelle Bildung auf einem hohen Niveau bereitstelle – es brauche aber mehr Kollaborationen zwischen Universitäten und der Industrie, wie es in den USA der Fall ist. Das bedeute auch, dass mehr private Gelder in die Forschung fließen müssten.

Außerdem kritisierte Draghi die Art, wie Europa neue Technologien reguliert. „Der Ansatz der EU ist, alle möglichen Risiken abzudecken.“ Bei disruptiver Innovation sei das aber unmöglich. Denn Regulierung werde schnell „obsolet oder wirkt sogar kontraproduktiv“, wenn sie kleine und mittlere Unternehmen besonders stark belastet.

Das größte Hindernis aber sei, dass die Politik den Schutz des Individuums priorisiere, erklärte Draghi. Datenschutz, Umweltschutz, Arbeitnehmerrechter – „das ist alles außer innovationsfördernd.“

Der ehemalige EZB-Präsident betonte die Wettbewerbsfähigkeit auch deshalb so stark, weil die EU hohe Ambitionen habe: führend sein bei neuen Technologien, in der Klimapolitik und ein unabhängiger Akteur auf der Weltbühne. Wenn sich das Produktivitätswachstum weiter verlangsamt, „wird Europa in zehn Jahren nicht mehr in der Lage sein, alle seine Ambitionen umzusetzen.“

Die Panel-Teilnehmer kamen mehrfach auf die europäische „Selbstgefälligkeit“ zu sprechen, die die Innovationstätigkeit ausbremsen würde. Physiker Steven Chu drückte es so aus: „Im Gegensatz zu China fehlt der Innovationshunger.“ Thomas Schafbauer von Infineon betonte: „Nicht danach zu streben, der Erste zu sein, ist gefährlich.“

Vergangene Woche hatte Draghi bereits auf einer Konferenz in Rimini gemahnt, die EU müsse sich besser gegen eine „halbsabschneiderische Geopolitik“ verteidigen. Trumps Politik sei ein „brutaler Weckruf“. Das wollte auch Chu zum Ende der Diskussion betonen. Mit den Worten: „Die EU kann sich langfristig nicht auf den Schutz der USA verlassen“, entließ er das Publikum in die Pause.

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