Ex-Wirecard-Manager: Das neue Leben des Jan Marsalek
Der Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek, einer der meistgesuchten Männer Europas, lebt offenbar in Moskau und scheint mit den russischen Geheimdiensten zusammenzuarbeiten. Das geht zumindest aus einer gemeinsamen Recherche eines Konsortiums verschiedener Medien hervor.
An der Zusammenarbeit waren unter anderem der „Spiegel“ und das ZDF beteiligt. Auch die russische Investigativplattform „The Insider“, die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ und das US-Format „PBS Frontline“ gehören zum Rechercheteam.
Die Ergebnisse legen nahe, dass Marsalek von russischen Behörden geschützt wird und so für westliche Ermittler nicht erreichbar ist. Aktuelle Fotos, Pass- und Handydaten sollen belegen, wie Marsalek unter falscher Identität in Moskau lebt. Demnach arbeitet der flüchtige Ex-Wirecard-Manager offenbar regelmäßig mit dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB zusammen. Zwischen Januar und November 2024 sei sein Handy mehrere hundertmal in der Nähe der FSB-Zentrale in Moskau-Lubjanka erfasst worden.
Zahlreiche Bilder von Überwachungskameras sollen Marsalek zudem in Schlips und Anzug auf dem Weg von der U-Bahn in die Zentrale des russischen Inlandsgeheimdienstes zeigen. Die Bilder zeigen, dass sich der Gesuchte auch optisch verändert hat: Kopfhaar und Bart etwa sind deutlich dichter als auf früheren Fahndungsbildern. Marsalek selbst nutzt laut den Recherchen mehrere Scheinidentitäten, seit Neuestem sogar einen echten russischen Pass. Demnach ist Marsalek angeblich am 22. Februar 1978 im sowjetischen Riga geboren, sein neuer Deckname lautet Alexander Michaelowitsch Nelidow.
Das Rechercheteam will durch andere geleakte Daten auch an die Bilder gekommen sein, die Marsalek in verschiedenen Alltagssituationen zeigen, etwa beim Shoppen in der Moskauer Innenstadt mit seiner mutmaßlichen Lebensgefährtin, der Agentin Tatjana Spiridonowa.
Zusätzlich sollen Datenanalysen belegen, dass Marsalek in Kriegsgebiete in der Ostukraine und ins von Russland besetzte Mariupol gereist sein soll. Nach Aussagen von Insidern soll Marsalek dort an Einsätzen hinter den Frontlinien beteiligt gewesen sein. Passeintragungen und Reisedaten würden zudem zeigen, dass er mehrfach auf der ebenfalls russisch besetzten Halbinsel Krim war.
Marsaleks Anwalt Frank Eckstein reagierte zunächst nicht auf per E-Mail gestellte Anfragen nach einer Stellungnahme. Versuche des Rechercheteams, ein Gespräch mit Marsalek selbst zu führen, scheiterten.
Wirecard-Prozess dauert bis heute an
Marsalek arbeitete zuvor 20 Jahre lang für den Finanzdienstleister Wirecard. 2010 stieg er sogar in den Vorstand des aufstrebenden Unternehmens auf – und wurde eine der Schlüsselfiguren beim spektakulären Zusammenbruch des Unternehmens vor fünf Jahren, als der Wirecard-Vorstand einräumen musste, dass 1,9 Milliarden Euro, die das Unternehmen in den Bilanzen als Vermögen auswies, womöglich nie existierten.
Ob das Geld existierte, verschwand oder ob es um Scheingeschäfte ging, darüber wird bis heute vor dem Landgericht München verhandelt. Angeklagt ist unter anderem die ehemalige Nummer eins von Wirecard, Markus Braun.
Bisher läuft der Prozess aber ohne Jan Marsalek. Er floh, als der Skandal aufflog. Seither wurde er oft in Russland oder Belarus vermutet. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen ihn unter anderem wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs, des besonders schweren Falls der Untreue sowie weiterer Vermögens- und Wirtschaftsdelikte.
Außerdem wird er von den Ermittlern wegen des Verdachts auf Spionage gesucht. Im Mai dieses Jahres wurden in Großbritannien schon Mitglieder eines Agentenrings verurteilt, den Marsalek laut Gericht von Moskau aus angeführt hatte. Die Vorwürfe reichen von Militärspionage über Entführungsversuche bis hin zu Mordplänen.