Schokolade: Der Kakao ist fair, sagt das Label – aber nicht die Realität
Jedes Jahr im Oktober beginnt auf den Kakaoplantagen der Côte d’Ivoire die Erntezeit. Die Côte d’Ivoire ist das größte Kakaoanbauland der Welt: Fünf Milliarden Kakaobäume auf über 4,8 Millionen Hektar Fläche werden dort bewirtschaftet. Mehr als zwei Millionen Tonnen Kakaobohnen bringen sie in einer guten Erntesaison ein. Auch Deutschland bezieht über 60 Prozent des Rohkakaos von der Côte d’Ivoire. Entsprechend bedeutend ist die ivorische Kakaoernte für Ritter Sport, Milka, Lindt und Co.
Der wirtschaftliche Erfolg der Côte d’Ivoire hat aber auch Folgen: Jahrzehntelange Entwaldung hat die Biodiversität reduziert. Früher bestand der Wald zu 90 Prozent aus tropischem Regenwald, heute sind es laut Thomson-Reuters-Stiftung weniger als 15 Prozent. Dazu belastet der Einsatz von Dünger und Pestiziden den Boden.
Viele Kakaobauern leben in Armut. Allein an der Côte d’Ivoire arbeiten laut dem Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) 540.000 Kinder illegal – ein Großteil auf Kakaoplantagen. Etwaige Probleme kennen auch andere Kakaoanbauländer in Westafrika, Mittel- und Südamerika sowie Asien.
Und doch locken große Schokoladenkonzerne im Supermarkt mit einem Versprechen: Der Kakao sei fair gehandelt und aus nachhaltigem Bezug. Jüngst teilte der Branchenverband BDSI sogar mit, dass der Anteil nachhaltigen Kakaos bei den in Deutschland verkauften Süßwaren auf 86 Prozent gestiegen sei. Was steckt dahinter?
Zwei Kooperativen dominieren
Mehr als ein Dutzend Fairtrade- und Nachhaltigkeitssiegel finden Kunden auf den Schokoladentafeln im Supermarkt. Die meisten stammen von Handelskooperativen, die als gemeinnützige Organisationen arbeiten. Zwei Anbieter dominieren: Fairtrade und Rainforest Alliance. Das Rainforest-Alliance-Logo ist auf Ritter Sport und einigen Nestlé-Schokoladenprodukten zu sehen. Fairtrade ist unter anderem auf Jokolade abgebildet. Hinzu kommen kleinere Handelskooperativen wie Gepa oder Naturland, die zusätzlich Bio-Qualität versprechen.
Seit einigen Jahren drucken Schokoladenkonzerne aber auch eigene Siegel auf die Verpackungen: Milka Cocoa Life, Nestlé Cocoa Plan, Lindt & Sprüngli Farming Program, Tony’s Open Chain und weitere zählen dazu. Auch Supermärkte, etwa die Schwarz-Gruppe, setzen auf eigene Label. Alle betonen faire Bezahlung, gute Arbeitsbedingungen und Umweltschutz.
Viele Siegel, die das Gleiche meinen? Mitnichten, meint Jana Fischer, Referentin für Lebensmittel und Ernährung bei der Verbraucherzentrale: „Fair und nachhaltig sind – im Gegensatz zu Bio – keine geschützten Begriffe.“ Was Kooperativen und Hersteller als fair oder nachhaltig verstehen, sei deshalb für jede Interpretation offen, erklärt Fischer. Die Konzerne spielen mit der Uneindeutigkeit.
Standards gehen weit auseinander
Zwar gebe es Siegel wie Gepa oder Tony’s Open Chain, mit denen hohe Ansprüche an eine umweltverträgliche Produktion und gute Preise für Bauern einhergehen, sagt Fischer. Solch hohe Ansprüche seien aber unter den Herstellern noch selten. Die Verwirrung um die Siegel sieht die Expertin zudem kritisch: „Wenn die Hersteller immer neue Siegel erfinden, ist das für Verbraucher nicht zielführend“, sagt sie.
Die ganz hohen Standards gibt es also selten, meint Fischer. Die großen Player Fairtrade und Rainforest Alliance gewährleisten jedenfalls nur manches: Keine Kinderarbeit, keine gefährlichen Chemikalien, keine Entwaldung. Schulungen für Bauern sind vorgesehen. Einen Mindestpreis garantiert Rainforest Alliance den Bauern nicht. Liegen die Handelspreise für Kakao aufgrund üppiger Ernten niedrig, gibt es kaum Geld. Fairtrade zahlt immerhin einen Mindestabnahmepreis von etwa 3500 US-Dollar je metrischer Tonne Kakao. Hinzu kommt eine Prämie: 240 Dollar je Tonne, die alle Fairtrade-Standards erfüllt. 300 Dollar, wenn der Kakao Bio-Standard hat. Auf dem Weltmarkt werden aber trotz Preisverfall oft deutlich höhere Preise von 6000 US-Dollar für eine Tonne Kakaobohnen bezahlt.
Kleinere Kooperativen wie Gepa befolgen höhere Standards und gewähren lokal unterschiedliche Preise, die ein besseres Auskommen versprechen. Ihr Marktanteil ist aber klein. Fischer sieht große Konzerne in der Pflicht. Kleine Kooperativen zeigten, dass der Handel unter besseren Bedingungen möglich sei. Gegenüber der WirtschaftsWoche verteidigt Fairtrade seine Strategie, unterstreicht weiterführendes Engagement und betont, existenzsichernde Einkommen zu gewähren.
Viele Siegel, aber wenig Nutzen
40 bis 50 Prozent der Bauern sind an der Côte d’Ivoire in einer Kooperative organisiert. Das zeigen Zahlen des Südwind-Instituts. Mindestens die Hälfte der Bauern arbeitet aber ohne Kooperative – teils auf illegalen Plantagen. Auch dieser Kakao wird gekauft und ist günstig zu kriegen. Die Mitgliedschaft in einer zertifizierten Kooperative bringe manchmal nur wenige Vorteile, meint der Kakaomarktforscher Friedel Hütz-Adams: „Es gibt kein Label, das den Kakaobäuerinnen und -bauern ein existenzsicherndes Einkommen garantiert.“
In den vergangenen zwei Jahren habe sich die Lage der Bauern verbessert. Viele erzielen inzwischen ein existenzsicherndes Einkommen. Mit den Siegeln im Handel habe das aber wenig zu tun. „Als im Herbst 2023 und 2024 Ernteausfälle drohten, wurden einige Schokoladenkonzerne unruhig. Das Schlimmste für die Konzerne ist ja nicht, dass ihr Kakao teuer wird, sondern dass sie nicht mehr produzieren können“, sagt Hütz-Adams. Die Konzerne überboten sich und zahlten Rekordpreise. Davon profitieren Bauern bis heute, erklärt er. Entscheidend dafür, wie es den Kakaobauern gehe und wie fair gehandelt werde, seien nicht die Siegel, sondern vorrangig Weltmarktpreise, meint Hütz-Adams (im Gegensatz zur Fairtrade).
Die Konzepte hinter den Siegeln seien nur bedingt tragfähig, findet der Experte von Südwind-Institut. Er erklärt: „Die Bauern verpflichten sich zwar beispielsweise, auf Kinderarbeit zu verzichten. Wenn die Preise aber wie in mehreren Jahren bis Anfang 2023 bei rund 2000 US-Dollar liegen, können die Bäuerinnen und Bauern der Côte d’Ivoire sich kein erwachsenes Personal leisten.“ Um die Familie zu versorgen, müssten oft die Kinder helfen. Von einer Tafel billiger Schokolade für 89 Cent bleiben den Produzenten der Côte d’Ivoire im Schnitt sechs Cent, Angestellten noch weniger, rechnet das BMZ vor.
Die Gesetze des Marktes hemmen
Hütz-Adams beobachtet, dass sich gute Vorhaben oft dem Markt beugen müssen: „Fairtrade hat beispielsweise versucht, höhere Mindestpreise und Prämien zu verhandeln. Das machen aber die großen Konzerne nicht mit.“ Man konnte sich nur auf niedrigem Niveau einigen, berichtet er. Auch Initiativen der Regierungen der Côte d’Ivoire und Ghanas hierzu scheiterten am fehlenden Interesse der Konzerne. Ein Umdenken sei zwar erkennbar, aber schleppend, meint der Kakaomarktforscher.
Dabei spiele auch das Kaufverhalten der Verbraucher eine Rolle, sagt Hütz-Adams. Er erklärt das an einem Beispiel: „Kunden erwarten, dass etwa eine Milka-Schokolade immer gleich schmeckt. Der Kakao von der Côte d’Ivoire schmeckt aber nicht immer gleich. Um den Geschmack hinzukriegen, kauft Mondelez also Kakao aus anderen Nationen und in verschiedenen Qualitäten und mischt den bei.“ Die Zusammensetzung sei jedes Jahr anders. So unterschieden sich auch die Herkunft und die Anbaubedingungen. Das sei einer der Gründe, warum die Konzerne eigene Nachhaltigkeitssiegel erfänden, sagt Hütz-Adams. So könnten diese selbst Standards definieren und den Kakao dennoch als fair oder nachhaltig zertifizieren lassen. Um die Zertifizierungen sei ein Multimilliardengeschäft entstanden.
Das markenübergreifende Label Fairtrade distanziert sich von den Eigenzertifizierungen. Die Siegel mit unternehmerischem Ansatz seien nicht vergleichbar.
Verwirrung im Handel bleibt
Der Markt hält weitere Eigenheiten bereit, die Verbraucher irritieren. Konzernen ist es erlaubt, die Fairtrade-Zertifizierung in verschiedenen Abstufungen abzudrucken. Manchmal sind nur Kakaobohnen nach Fairtrade-Standards gehandelt, weitere Zutaten nicht.
Andere Schokoladen tragen das Fairtrade-Logo, enthalten aber kaum Fairtrade-Kakao. In diesem Fall lässt sich in der Lieferkette nicht zurückverfolgen, welche Kakaobohne von Fairtrade zertifiziert wurde. Der prozentuale Anteil an der Charge darf als Fairtrade-Schokolade verkauft werden. Mengenausgleich heißt das Prinzip. Fairtrade teilt mit, der Mengenausgleich sei marktüblich und ein entwicklungspolitisches Instrument, das es auch in anderen Branchen gebe. Etwa beim Ökostrom.
Für Verbraucher bleibt es kompliziert. Worauf also achten? Die Experten geben unterschiedlichen Rat. „Sich die gängigen vier bis fünf Siegel merken und dann entscheiden“, empfiehlt Fischer von der Verbraucherzentrale. „Kaufen Sie weiter Ihre Lieblingsschokolade und machen Sie Druck auf die Konzerne. Fragen Sie nach, woher der Kakao kommt“, sagt Hütz-Adams. Der fürchtet, dass der Kakaopreis weiter fällt. Denn dann verschlimmere sich die Situation in Kakaoanbauländern wie der Côte d’Ivoire wieder – und die Armut kehre zurück.
Dieser Text erschien erstmals am 12. November 2025 bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen Ihn aufgrund des hohen Leserinteresses und eines darauffolgenden Statements von Fairtrade erneut.
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