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Künftiger Bayer-ChefSo tickt Werner Baumann

Wechsel an der Bayer-Spitze: Der bisherige Strategievorstand Werner Baumann übernimmt die Führung des Pharma- und Agrarkonzerns von Marijn Dekkers. Wer ist der neue Mann an der Konzernspitze?Jürgen Salz 24.02.2016 - 16:08 Uhr

Der Vorstandsvorsitzende der Bayer AG, Marijn Dekkers (links), und Finanzvorstand Werner Baumann (rechts). Ab Mai übernimmt Baumann den Vorsitz.

Foto: dpa

Der Wechsel kommt schnell. Schon zum 1. Mai soll Werner Baumann die Nachfolge von Marijn Dekkers als Bayer-Chef übernehmen. Das ist der neue Mann an der Spitze:

Seine Herkunft

Marijn Dekkers bleibt eine Ausnahme. Der Niederländer, der Bayer nun nach der Hauptversammlung im April verlässt, war der erste Bayer-Chef, der von außen kam – und ein Glücksgriff für Bayer. Dekkers hat den Bayer-Umsatz zwischen 2011 und 2015 von 36 Milliarden Euro auf etwa 46 Milliarden Euro gesteigert und den operativen Gewinn (Ebit) von 2,7 auf etwa sechs Milliarden Euro mehr als verdoppelt.

Die Chemie-Sparte brachte der Niederländer  unter dem Namen Covestro an die Börse, fortan konzentriert er den Leverkusener Konzern auf Medikamente und Agrarchemikalien.

Bayer-Chef

Dekkers heuert bei Unilever an

Nach seinem Abschied von Bayer wird Marijn Dekkers einen neuen Spitzenposten beim britisch-niederländischen Konsumgüterriesen Unilever übernehmen.

Mit der Berufung von Baumann an die Spitze kehrt Bayer nun zur gewohnten Routine zurück. Wie alle seine Vorgänger – außer Dekkers – hat sich Baumann in Jahrzehnten im Unternehmen nach oben gearbeitet. Seit 1988 trägt Baumann einen Bayer-Werksausweis bei sich. Aufgewachsen ist der 53-Jährige im Schatten des Bayer-Werks Krefeld-Uerdingen. Später studierte er Wirtschaftswissenschaften in Aachen und Köln – innerhalb der nordrhein-westfälischen Landesgrenzen. Der künftige Bayer-Chef  ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Sein Förderer

1991 ging Baumann als Controller für Bayer nach Spanien. Dort traf er auf seinen großen Förderer Werner Wenning – den späteren Bayer-Vorstandschef und heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden. Wenning leitete damals die Bayer-Landesgesellschaft in Spanien und genoss nebenbei die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona. Die Chemie zwischen beiden stimmte. Ebenso wie Baumann ist Wenning im Umfeld eines Bayer-Werks – in Leverkusen – groß geworden.

Der Ältere förderte den Jüngeren nach Kräften. 1995 wurde Baumann in Spanien Assistent der Geschäftsführung. Ein Jahr später ging er für Bayer in die USA und übernahm eine Führungsaufgabe im Geschäftsbereich Diagnostika.

Zurück in Deutschland –  Wenning war inzwischen zum Vorstandschef aufgestiegen – machte Baumann in der Gesundheits-Sparte von Bayer Karriere. Von 2006 an half er seinem Förderer bei der Integration des Berliner Pharmakonzerns Schering, den Bayer seinerzeit für 17 Milliarden Euro erworben hatte.

Wer bei Bayer für Gewinn sorgt
Umsatz 2014: 42,2 Mrd. EuroGewinn* 2014: 8,4 Mrd. Euro *vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, Ebitda; Quelle: Unternehmen
Umsatz 2014: 19,834 Mrd. Euro (47 Prozent vom Umsatz insgesamt)Gewinn* 2014: 5,124 Mrd. Euro (61 Prozent vom Gewinn insgesamt) *vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, Ebitda; Quelle: Unternehmen
Umsatz 2014: 11,816 Mrd. Euro (28 Prozent vom Umsatz insgesamt)Gewinn* 2014: 1,092 Mrd. Euro (13 Prozent vom Gewinn insgesamt) *vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, Ebitda; Quelle: Unternehmen
Umsatz 2014: 9,284 Mrd. Euro (22 Prozent vom Umsatz insgesamt)Gewinn* 2014: 2,184 Mrd. Euro (26 Prozent vom Gewinn insgesamt) *vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, Ebitda; Quelle: Unternehmen
Umsatz 2014: 1,266 Mrd. Euro (3 Prozent vom Umsatz insgesamt)

Dabei, so bekennt Baumann freimütig, habe er auch „einige Böcke geschossen“.   Der Truppe gelang es jedoch, Baumanns Fehler wieder wettzumachen. 2010 wechselte Wenning an die Spitze des Aufsichtsrats. Baumann wurde Vorstand. Zunächst – wie Wenning früher – für Finanzen.

Fortan galt Baumann als Kronprinz, war aber beileibe nicht der einzige Kandidat. Auch der Ire Liam Condon, der agile Chef der  Agrarsparte, wäre an der Spitze denkbar gewesen. Und auch Innovationsvorstand Kemal Malik soll Chancen gehabt haben, obwohl er selbst entsprechende Ambitionen dementierte. Letztendlich brachte Wenning aber seinen Favoriten für die Konzernspitze durch.

Bayer blickt zurück auf eine wechselvolle Geschichte. Der Konzern hat bahnbrechende Medikamente wie Aspirin erfunden, aber auch Heroin als Arznei verkauft. Bayer schuf bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts Wohltaten für die eigenen Mitarbeiter, gründete Sportvereine und Werksbüchereien - und rekrutierte andererseits als Teil der I.G. Farben während des Zweiten Weltkrieges Tausende Zwangsarbeiter, die unter menschenunwürdigen Bedingungen schufteten. Wie alles begann...

Foto: dpa

1863

Am 1. August gründen der Kaufmann Friedrich Johann Bayer und der Färber Johann Friedrich Weskott die "Friedr. Bayer et comp.". Sitz der Gesellschaft ist Wuppertal, Zweck die Produktion von Farbstoffen.

Foto: Presse

1876

Das junge Unternehmen expandiert rasch im Ausland. Erste Produktionsbetriebe entstehen – zunächst in Russland, später auch in Frankreich, England und den USA.

Foto: Presse

1898

Das Unternehmen lässt sich Heroin als Warenzeichen schützen. Den Bayer-Chemikern gilt Heroin als ungefährliches, nahezu nebenwirkungsfreies Medikament, das die Atmung beruhigt. Nach der Einnahme sollen sich die Bayer-Arbeiter "heroisch" gefühlt haben - davon soll sich der Name Heroin ableiten. Bis 1915 produziert die Farbenfabrik jährlich eine knappe Tonne Heroin; das angebliche Medikament wird bald in 22 Länder exportiert. Erst 1931 stellte Bayer die Produktion ein.

Foto: Gemeinfrei

1899

Unter der Nummer 36433 wird das Medikament Aspirin in die Warenzeichenrolle des Kaiserlichen Patentamtes in Berlin aufgenommen. Entdeckt wurde Aspirin von dem jungen Chemiker und Pharmakologen Felix Hoffmann, der seinem rheumakranken Vater mit einem Antischmerzmittel helfen wollte. Bis heute ist Aspirin das bekannteste Bayer-Produkt.

Foto: Creative Commons-Lizenz

1904

Die Bayer-Arbeiter bekommen einen Sportverein. Der TuS 04 Leverkusen gründet sich – der Vorläufer des heutigen TSV Bayer 04 Leverkusen, der vor allem durch seine Fußball-Bundesligamannschaft bekannt ist.

Foto: Presse

1912

Carl Duisberg wird Generaldirektor, Leverkusen Firmensitz. Der Standort Wuppertal ist zu klein geworden; Duisburg entwickelt einen Plan für ein neues Chemiewerk in Leverkusen. Die Wahl des neuen Hauptstandorts stößt nicht überall auf Begeisterung. Bayer-Arbeiter reimen ein Klagelied: "Kann er einen nicht verknusen, schickt er ihn nach Leverkusen. Dort, an diesem End der Welt, ist man ewig kaltgestellt."

Foto: Gemeinfrei

1914-1918

Die chemische Industrie, darunter Bayer, liefert Giftgase an die Fronten des Ersten Weltkrieges. Bayer produziert unter anderem Salpetersäure, Chlor, Schwefelsäure, Oleum und Superphosphat.

Foto: Creative Commons-Lizenz

1925

Die I.G. Farben gründet sich. Die Führungsgesellschaft BASF übernimmt die anderen Unternehmen wie die Farbwerke Hoechst oder Bayer.

Foto: Presse

1939-1945

Im Laufe des Zweiten Weltkrieges rekrutiert die I.G. Farben über 80.000 Zwangsarbeiter. KZ-Häftlinge müssen für die I.G. ein Großwerk in Auschwitz bauen, wo kriegswichtige Treibstoffe produziert werden.

Foto: dpa/dpaweb

1951

Die I.G. Farben ist zerschlagen, Bayer wird wieder selbstständig.

Foto: Creative Commons-Lizenz

1964

Die beiden größten Fotoproduzenten Europas schließen sich zusammen – die Bayer-Tochter Agfa und die belgische Gevaert Photo-Producten NV. In den sechziger Jahren bestimmen vor allem Chemie- und Kunststoffinnovationen das Geschehen bei Bayer; erst in den achtziger Jahren wird das Pharmageschäft wieder wichtiger.

Foto: Presse

1994

Vorstandschef Manfred Schneider kauft die Rechte an dem Namen Bayer und am Bayer-Kreuz in den USA zurück, die seit dem Ersten Weltkrieg als Feindvermögen konfisziert waren.

Foto: AP

1999

Bayer bringt die Foto-Marke Agfa an die Börse. Im Laufe der Jahre trennt sich das Leverkusener Unternehmen auch von weiteren Konsummarken wie dem Sonnenbräuner Delial und dem Süßstoff Natreen. Agfa ist inzwischen in der Bedeutungslosigkeit versunken und  zerschlagen.

Foto: Presse

2001

Bayer nimmt den Cholesterinsenker Lipobay wegen schwerer Nebenwirkungen vom Markt. In den USA zahlt Bayer 1,2 Milliarden Dollar für Vergleiche.

Foto: AP

2003

Die Folgen der Lipobay-Krise und die schwache Chemiekonjunktur setzen Bayer zu. Konzernchef Werner Wenning gibt bekannt, dass sich Bayer von großen Teilen seines Chemiegeschäfts, insbesondere von innovations- und renditeschwachen Teilen, trennt. Daraus entsteht der Chemiekonzern Lanxess, der zunächst als "Bayer’s Resterampe" verspottet wird, inzwischen aber sogar den Sprung in die Dax-Liga geschafft hat.

Foto: dpa

2006

Bayer übernimmt für 16.5 Milliarden Dollar den  Pharmakonzern Schering. Zum Portfolio der Berliner zählen vor allem Verhütungspillen und Betaferon gegen Multiple Sklerose.

Foto: AP

2010

Mit dem Holländer Marijn Dekkers übernimmt zum ersten Mal ein Ausländer - noch dazu einer, der nicht im Konzern Karriere gemacht hat - den Chefposten bei Bayer. "Mehr Innovation, weniger Administration", lautet das Motto des Neuen. Schon kurz nach seinem Amtsantritt verkündet Dekkers den Abbau von weltweit 4.500 Stellen.

Foto: dpa

2013

Die Pharma-Pipeline von Bayer ist so gut gefüllt wie lange nicht mehr. Zahlreiche Mittel gegen Schlaganfall oder  verschiedene Arten von Krebs sind in den vergangenen Jahren auf den Markt gekommen. Weniger gut läuft es  bei den schon länger eingeführten Medikamenten. Gegen die Verhütungspille Yasmin sind, wegen einer vermeintlich höheren Thrombosegefahr, über 10.000 Klagen in den USA anhängig. Bislang hat Bayer eine Milliarde Dollar für Vergleich gezahlt.

Foto: CLARK/obs

2014

Für umgerechnet zehn Milliarden Euro kauft Bayer vom US-Pharmakonzern Merck das Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten. Damit gehören nun auch Produkte wie die Fußpflege-Marke Dr. Scholl’s oder das Allergiemittel Claritin zum Bayer-Sortiment.

Foto: REUTERS

2014

Im September kündigt Bayer-Chef Marijn Dekkers an, sich von der Kunststoffsparte Bayer Material Science zu trennen; künftig soll Bayer dann nur noch aus den Sparten Gesundheit und Pflanzenschutz bestehen. Die Kunststoffe tragen immerhin mehr als ein Viertel zum Bayer-Konzernumsatz von 42 Milliarden Euro (2014). Ende 2015 brachte Bayer das Geschäft an die Börse. Die Sparte heißt nicht mehr Bayer Material Science, sondern Covestro.

Foto: dpa

Seine Stärken und Schwächen

Während seiner mehr als 25-jährigen Bayer-Karriere hat Baumann etliche Ecken im Konzern kennengelernt. Er war für Bayer in Spanien und den USA. Der studierte Ökonom und einstige Controller kennt sich in Finanzfragen aus.

Analysten schätzen seine Klarheit und seine Fähigkeit, Sachverhalte kompetent und strukturiert zu erläutern. Operative Erfahrungen sammelte Baumann  vor allem in der wichtigsten Bayer-Sparte  – dem Gesundheitsgeschäft. Ende 2014 übertrug ihm Dekkers die Verantwortung für die Konzernstrategie. Zudem kümmerte er sich um die anstehende Neuorganisation von Bayer und übernahm die Leitung der Gesundheits-Sparte.

Wie er das alles gleichzeitig schaffen sollte, war dem designierten Konzernchef auch nicht immer klar. Ein Kollege habe ihm geraten, schneller zu schlafen, erzählte Baumann vor gut einem Jahr. Und eigentlich hab er ja mehr Sport machen wollen und sich dazu eigens ein schnittiges Fahrrad gekauft: „Das kann ich jetzt wohl bei Ebay einstellen.“

Im persönlichen Gespräch wirkt Baumann umgänglich, reflektiert und humorvoll. Weniger gute Erfahrungen haben einige Arbeitnehmervertreter mit ihm gemacht. Baumann sei kein großer Freund der Mitbestimmung, heißt es. Er gehe nicht auf die Arbeitnehmervertreter zu. Dekkers dagegen habe die Betriebsräte gut eingebunden.

Seine Herausforderung

Der designierte Konzernchef ist jetzt 53 Jahre alt; gut zehn Jahre Amtszeit dürften vor ihm liegen. Wie Bayer dann wohl aussieht? Sicher ist: Sein Noch-Vorgänger Dekkers hat hohe Maßstäbe gesetzt. Der Niederländer hat Umsätze und Gewinne  kräftig gesteigert, in Marketing und Vertrieb investiert und zahlreiche neue Top-Medikamente – etwa gegen Krebs und Schlaganfall – auf den Markt gebracht.

Das Niveau muss Baumann halten – und möglichst noch verbessern. Leicht wird das nicht.

Gerade in den Bayer-Kerngeschäften Gesundheit und Pflanzenschutz konsolidiert sich derzeit die Branche. Baumann muss aufpassen, dass Bayer dabei nicht zurückfällt.  Dabei kann sich der baldige Chef auf seine jahrzehntelange Erfahrung und sein ausgeprägtes Netzwerk verlassen.   

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