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FluglinienWie die Airlines ihren Aufschwung verzocken

Billiger Sprit, solide Konjunktur, steigende Nachfrage – 2016 hätte für Lufthansa und andere Airlines ein tolles Jahr werden können. Doch die Branche bringt sich mit alten Unarten um den Aufschwung. Die Kunden kann das nur freuen.Rüdiger Kiani-Kreß 31.05.2016 - 14:00 Uhr
Foto: dpa Picture-Alliance

Die Stimmung müsste eigentlich überschäumen, wenn sich die Airlines und Flugzeughersteller am Mittwoch zur Jahrestagung des Weltluftfahrtverbandes Iata im irischen Dublin treffen. Partylaune wäre erst in den ehrwürdigen Hallen der Royal Dublin Society - und anschließend in den Bars und Suiten des nahen Intercontinental Hotels angesagt. Das Flugbenzin ist billig, die Konjunktur ist in den wichtigsten Ländern solide und weltweit wächst die Nachfrage.

Tatsächlich dürfte die Laune aber kaum besser sein als in früheren Jahren als der Sprit noch das Doppelte oder Dreifache kostete. „Der ganze Markt ist unter Druck“, klagte Pierre-Francois Riolacci, Finanzchef von Air-France-KLM.

Für die Airlines liegt das vor allem an Faktoren außerhalb der Branche und ihrer Verantwortung. „Buchungszurückhaltung aus Terrorangst und die ständigen Streiks von Fluglotsen oder Sicherheitspersonal machen das Geschäft schwierig“, sprach Willie Walsh, Chef der IAG genannten Muttergesellschaft von British Airways und Iberia der jüngst der Branche aus der Seele. „Die Kunden buchen immer kurzfristiger und das erschwert die Planung“, klagte Lufthansa-Finanzchefin Simone Menne als sie jüngst die Zahlen für das erste Quartal vorstellte.

Mit dem Flieger in den Urlaub oder zum nächsten Geschäftstermin, das ist keine Besonderheit mehr. Doch seitdem sich das erste Linienflugzeug in die Lüfte erhob, hat sich einiges in der Flugbranche verändert – einiges auch zum Schlechten. Insgesamt liegt die Kundenzufriedenheit der Fluggäste laut dem Kundenmonitor Deutschland bei 2,20. Von sieben Fluggesellschaften erreichten nur zwei eine überdurchschnittliche Benotung.

Foto: dpa

Platz 7: Ryanair

Da wird Ryanair-Chef Michael O'Leary Angst und Bange. Die Befragung von 2707 Menschen ergab, dass die irische Airline mit Abstand die unzufriedensten Kunden hat. Die Note: 2,62. Zwar spielt der Preis für Fluggäste eine wichtige Rolle, allerdings sollte auch die Leistung stimmen – und die stimmt bei der irischen Airline nun mal nicht. Besonders ärgerlich: Die Platzverhältnisse. Doch damit ist Ryanair nicht allein.

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Platz 6: Tuifly

Bei vielen anderen Airlines haben die Fluggäste eher das Gefühl, in einer Legebatterie gefangen zu sein als auf einem komfortablen Linienflug. Deswegen wurde auch Tuifly von den Befragten mit einer 2,41 abgestraft. Die Qualität der Fluggesellschaften leidet vor allem unter der Massenabfertigung der Fluggäste und dem oftmals zu knapp kalkulierten Personal. Viele Fluggäste ärgern sich auch über die Verpflegung an Bord.

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Platz 5: Germanwings

Die Umfrage ergab außerdem, dass Fluggäste, die ihr Ticket im Reisebüro gebucht haben, im Schnitt zufriedener waren. Das liegt vermutlich daran, dass Reisebüros die Fluggäste über die zu erwartende Qualität aufgeklärt haben. Diese Aufklärung hat Germanwings jedoch nicht helfen können. Mit einer Note von 2,26 liegt die Kundenzufriedenheit bei der Billig-Tochter der Lufthansa unter dem Durchschnitt.

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Platz 4: Condor

Condor schrammt mit 2,21 nur knapp an der Durchschnittsnote vorbei. Ins Gewicht fällt auch die Freundlichkeit des Boden- und Bordpersonals. Hier können viele Airline punkten. Insgesamt wurde die Freundlichkeit der Flugbegleiter mit einer 2,01 und die des Bodenpersonals mit 2,09 bewertet.

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Platz 3: Air Berlin

Wirtschaftlich geht es Air Berlin alles andere als gut. Worauf die Airline bauen kann, ist die Kundenzufriedenheit. In der Umfrage von Kundenmonitor Deutschland haben die Befragten die Fluggesellschaft mit 2,20 bewertet.

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Platz 2: Turkish Airlines

Die türkische Fluglinie rühmt sich in der Fernsehwerbung damit, an so viele Orte zu fliegen wie keine andere Airline. Das zahlt sich aus. Die Befragten gaben insgesamt an, mit dem Unternehmen zufrieden zu sein. Sie benoteten Turkish Airlines mit einer 2,18.

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Platz 1: Lufthansa

Mit ihren Piloten hat die Lufthansa eine Menge Ärger. Dennoch scheinen Lufthansa-Kunden der Airline die Treue zu halten. Die Lufthansa hat mit großem Abstand die zufriedensten Kunden. Sie bewerten das Gesamtpaket der Airline mit einer 1,88. Den ersten Platz aber hätte eigentlich eine andere Fluggesellschaft belegt.

Foto: REUTERS

Emirates ohne Platzierung

Wegen zu weniger abgegebener Bewertungen konnte die Kundenzufriedenheit von Emirates nicht bewertet werden. Gefordert waren 100 Meinungen, Emirates kam nur auf 91. Die 91 aber, die sich zu der Qualität der Airline äußerten, hatten nur sehr wenig auszusetzen.

Foto: AP

Dazu kommt die Furcht vor dem nun wieder teureren Ölpreis. Der ist seit dem Januar (tiefster Stand seit 2004) bereits um gut zwei Drittel gestiegen und dürfte weiter zulegen. Das treibt die Kosten der Airlines – und drückt die im Vergleich zu anderen Branchen traditionell kargen Gewinne.

Doch so sehr auch die Furcht vor Anschlägen, Arbeitskämpfe und Kostensteigerungen aufs Geschäft drücken. Am Ende haben die Flugunternehmen den Gewinn aus dem möglichen Aufschwung doch weitgehend selbst verzockt. Auch wenn sich die Branche durch Fusionen und Sparprogramme in den vergangenen Jahren zum Besseren verändert hat, bringt sie derzeit vor allem durch klassische Unarten um die Möglichkeit, in der einmalig günstigen Situation richtig Kräfte zu sammeln.

Die wichtigsten Billigflieger in Deutschland
Air BalticStarts pro Woche: 61Sitze: 5990Strecken: 10Quelle: DLR: Low Cost Monitor 2/2017
TransaviaStarts pro Woche: 64Sitze: 9616Strecken: 19
VuelingStarts pro Woche: 67Sitze: 12.160Strecken: 11
Aer LingusStarts pro Woche: 71Sitze: 12.354Strecken: 8
Norwegian Air ShuttleStarts pro Woche: 106Sitze: 19.929Strecken: 33
flybeStarts pro Woche: 130Sitze: 10.800Strecken: 16
WizzStarts pro Woche: 208Sitze: 38.590Strecken: 73
EasyjetStarts pro Woche: 531Sitze: 86.868Strecken: 90
RyanairStarts pro Woche: 1058Sitze: 199.962Strecken: 243
Euro-/GermanwingsStarts pro Woche: 2595Sitze: 390.692Strecken: 516

Den Kunden kann das ganz recht sein. Denn die Fehler der Airlines bedeutet für sie vor allem eines: billigeren Urlaub. Als Ryanair-Chef Michael O’Leary als er Anfang voriger Woche sein Geschäftsjahr 2015/16 bilanziert und prophezeite im Laufe des Jahres einen Preisverfall von bis zu zehn Prozent. Die Fluglinien müssen aber gleich mehrere Fehler in den Griff bekommen.

1.      Fehler: die verkorkste Ölpreissicherung

Vergleichsweise verzeihlich ist noch der verkorkster Umgang mit dem Ölpreis. Es ist eigentlich gut, wenn Fluglinien den Preis ihres wichtigsten Kostenblocks absichern. 2008 kostete die Tonne Sprit mit gut 1500 Dollar fast dreimal so viel wie eine Handvoll Jahre zuvor. Da überlebten nur Airlines, die sich niedrigere Preise durch Hedging gesichert hatten. Doch leider wurde bereits 2009 klar: Fallende Preise sind noch gefährlicher als steigende. Dann hocken abgesicherte Airlines auf hohen Ölpreisen, müssen größere Beträge abschreiben  und können sich den Wettbewerb mit ungesicherten Konkurrenten nicht leisten.

Dass dies kein schlimmes Schicksal ist, zeigen Billigflieger sowie – in abgeschwächter Form - die British-Airways-Mutter IAG. „Wir bauen unsere Strukturen so, dass wir praktisch unabhängig vom Kerosinpreis profitabel sein können“, so IAG-Chef Willie Walsh.

Zu den richtigen Strukturen gehört insbesondere für die Billigflieger eine genaue Auswahl der Strecken. „Wir starten sie fast unabhängig vom Ölpreis. Ist der dann niedrig, verdienen wir etwas mehr. Ist er hoch, verdienen wir etwas weniger“, so Easyjet-Chefin Carolyn McCall.

Ein Sitz zum Stehen 

Die britische Firma Rebel Aero hat einen völlig neuen Flugzeugsitz für die Holzklasse konzipiert. Die Sitzfläche lässt sich nach oben schieben. Dadurch kann der Passagier während des Fluges die Beine strecken – ohne seine Sicherheit an Bord auch während Turbulenzen zu gefährden.

Foto: PR

Luxus trotz Enge

Die Golf-Airline Etihad hat zusammen mit Design-Partnern viel Gehirnschmalz investiert, um auch in einem kleineren Rumpf etwa einer Boeing 787 eine Erste-Klasse-Suite einzubauen, die des Namens würdig ist. Der Anspruch: Der Fluggast soll den gleichen Luxus genießen wie etwa in einem weitaus großzügigeren Airbus 380.

Foto: PR

Es werde Licht

Neue Lichtkonzepte sind schon länger ein großes Thema in der Luftfahrtbranche. Auch der Mainzer Glas-Spezialist Schott mischt hier kräftig mit. Den Preis sahnte dieses Jahr aber der US-Rivale B/E-Aerospace für sein neues LED-Lichtsystem ab. Es macht es möglich, wirklich jeden Winkel des Flugzeugs auszuleuchten, bis hin zum Gepäckfach.

Foto: PR

Vernetzt über den Wolken

Die Lufthansa-Tochter Lufthansa Systems konnte die Jury mit ihrer „Board Connect Portable“-Lösung überzeugen. Server, Modem, Entertainment-Pakete und Zugangspunkte für jeweils 50 Passagiere und deren Smartphones und Tablet-Rechner sind in handlichen Boxen zusammengefasst, die nur rund ein Kilogramm wiegen.

Foto: PR

Das müffelfreie Klo

Erst auf den zweiten Blick wird die Idee von Boeings „Fresh Lavatory“ deutlich. Die ansonsten kaum veränderte Bord-Toilette ist so mit Sensoren ausgestattet, dass Spülung, Wasserhahn, Handtrockner und Türgriff berührungslos bedient werden können. Zudem reinigt UV-Licht die Flächen und auch die Wasserzufuhr am Waschbecken, sobald der Passagier die Toilette verlässt.

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Abschied vom Grau

Die bislang dominierenden Farben in einer Flugzeugkabine sind grau und weiß. Das US-Unternehmen Sekisui SPI hat eine neue thermoplastische Oberfläche entwickelt, mit der auch Trennwände, Sitzschalen und andere Kabinenteile farblich gestaltet werden können. Bald schon dürften also Airlines ihre Corporate Identity nicht mehr nur auf den Sitzen verewigen können.

Foto: PR

Halt beim Schlafen

Wer Economy fliegt, hat kein komfortables Bett zum Schlafen. Um das Nickerchen dennoch halbwegs komfortabel zu gestalten, haben Studenten der TU Delft in den Niederlanden eine neue Kopfstütze entwickelt. Mit ihren ausklappbaren Flügeln liegt der Kopf rutschfest und bequem im Sitz – simpel aber wirkungsvoll.

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Weg mit den Klassen

Ein ganz neues Kabinenkonzept hat der französische Sitzhersteller Zodiac Aerospace entwickelt. Statt Klassen gibt es dort die Sitz-, Schlaf-, Besprechungs- und Loungebereiche. Der Passagier hat nicht mehr seinen festen Sitz, er sucht sich seinen Platz, je nachdem, was er gerade vorhat und wo was frei ist.

Foto: PR

2.      Fehler: Lemminghafte Überkapazität

Tatsächlich tun die meisten Unternehmen das Gegenteil davon. Statt nur Strecken zu fliegen, die langfristig Geld bringen, versuchen besonders die alten Marktführer verlorenen Boden gut zu machen und ihren Marktanteil wieder auf frühere Werte zu erhöhen.

Lufthansa, IAG und andere haben zwar angesichts steigender Ölpreise sicherheitshalber ihre Wachstumspläne für den Rest des Jahres etwas gestutzt. Doch auch nach dem neuen Plan soll das Lufthansa-Angebot immer noch um sechs Prozent steigen. IAG will mindestens fünf Prozent drauf legen. „Die fliegen mit ihren alten, ineffizienten Jets viele Strecken, die sie bei höheren Kerosinpreisen einstellen müssen“, sagt Easyjet-Chefin McCall.

Ryanair

Airline senkt die Ticket-Preise

Dahinter steckt auch ein Denken, das Ökonomen gesunden Wettbewerb nennen - und andere Bosheit. Die etablierten Linien wie Air France und Lufthansa fliegen mit ihren alten abgeschriebenen Jets oft billiger als das Gros der Billigflieger. Denn die Finanzierung der neuen Jets kostet Easyjet & Co mehr diese Maschinen im Vergleich zu den betagten Flotten der Etablierten beim Sprit einsparen.

Der Druck der Etablierten auf die Billigen hilft keiner der beiden Seiten. Die Discount-Airlines haben so viele neue Jets bestellt, dass sie diese selbst dann einsetzen müssen, wenn es wenig Geld bringt. So übersteigt das Angebot die Nachfrage. Und am Ende müssen alle Airlines ihre Flieger zu Kampfpreisen füllen – und wenn wie in den vergangenen Wochen der Sprit teurer wird, zahlen alle drauf.

3.      Fehler: Fehlende Innovation

Auch ohne die unerwarteten Probleme mit den neuen Jets ist die Neigung zu Neuerungen in der Branche traditionell gedämpft. Daran sind zum einen die Hersteller wie Airbus und Boeing schuld. Für Flüge im Airbus Superjumbo A380 und Boeings Dreamliner 787 zahlen zwar noch heute viele Passagiere mehr als für Reisen in anderen Jets. Doch die Hersteller scheuen weitere Neuerungen. Stattdessen rüsten sie alte Flugzeuge mit neuen Triebwerken aus. Denn sie haben sich gerade an diesen Modellen die Finger verbrannt, weil die wegen technischen Problemen verspätet und teurer kamen.

Aber auch die Airlines selbst sind in Sachen neue Serviceidee eher scheu. Bislang beschränken sich bei den etablierten Linien die Neuerungen vor allem darauf, bei den bestehenden Tarifen einen Teil der Leistung wie Gratisgepäck oder kostenloses Catering zu streichen.

Wie es geht, haben Easyjet und zuletzt Ryanair gezeigt. Ausgerechnet der Vorreiter in Sachen Serviceabstriche hat bewiesen, dass selbst geizige Schnäppchenjäger für Zusatzangebote wie schnellere Sicherheitskontrollen mehr Geld ausgeben, wenn sie als Erste an Bord dürfen. Mit solchen Extras kassieren die Iren inzwischen fast jeden vierten Euro und machen den Preisverfall bei den Ticketpreisen mehr als wett.

Umdenken bei den Airlines

Immerhin: So wenig sich bei den beiden ersten Punkten tut, in Sachen Innovation haben die etablierten Linien die Zeichen der Zeit erkannt. Die Lufthansa etwa hat bereits eine Art internes Lab, wie Konzerne ihre Hofnarren-Inseln in Sachen Innovation nennen. Und auch andere Linien wie Air France denken über ähnliches nach.

Ob das allerdings reicht, die Gespräche bei der Iata-Jahrestagung 2017 unbeschwerter zu machen, ist mehr als offen.

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