BrandIndex: Diese Arzneimittel ohne Rezept sind besonders beliebt
Arzneimittel.
Foto: dpaSeit gut drei Wochen fragen wir im YouGov-Markenmonitor BrandIndex auch nach OTC-Produktmarken (OTC: Over the counter), also solche, die in der Apotheke ohne Rezept über die Ladentheke gereicht werden. Schon jetzt zeigt sich, dass mit recht deutlichem Abstand eine Marke die beliebteste OTC-Arznei ist: Die Wundsalbe Bepanthen.
Im Index, der mehrere Kategorien wie allgemeiner Eindruck, Qualität und Kundenzufriedenheit zusammenfasst, kommt Bepanthen auf sehr gute +45 Punkte (Angaben der Markenkenner, Skala von -100 bis +100 Punkte). In dieser Größenordnung bewegen sich im gesamten BrandIndex nur wenige andere Marken, etwa dm und Ritter Sport. Mit immer noch sehr guten +38 bis +35 Punkten folgen Voltaren, ASS-Ratiopharm, Wick und Aspirin.
Ratiopharm hat eine gewisse Sonderstellung. Das Unternehmen hat sich den Ruf erarbeitet, dass es Medikamente mit ähnlicher oder gleicher Wirkung zu einem besonders günstigen Preis anbietet. Das zeigt die BrandIndex-Kategorie Preis-Leistungs-Verhältnis. Mit den Produkten ASS, Paracetamol, Diclo und Nasenspray belegt Ratiopharm vier der ersten fünf Plätze im Ranking (auf Platz drei: Bepanthen).
Novartis
Zahlungen 2015 an Ärzte und Kliniken: 91,1 Millionen Euro
Soviel wie kein anderes Unternehmen gab Novartis in Deutschland für klinische Studien und Anwendungsbeobachtungen an Ärzte aus – über 70 Millionen Euro im Jahr 2015. Anwendungsbeobachtungen, bei denen Ärzte die Wirkung eines Medikaments an ihren Patienten beobachten, sind allerdings umstritten. Kritiker sprechen von wertlosen Pseudostudien, die Konzernen nur einen Vorwand liefern, Geld an die Ärzte zu zahlen. Novartis hat seinen Hauptsitz in der Schweiz und stellt unter anderem das Schmerzmittel Voltaren und das Leukämiepräparat Glivec her.
Foto: APMerck
Zahlungen 2015 an Ärzte und Kliniken: 55,9 Millionen Euro
Der Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern zahlte 2015 mehr als fünfzig Millionen Euro an Ärzte. Merck ist unter anderem auf Präparate gegen Multiple Sklerose (MS) spezialisiert. Für Selbsthilfegruppen gegen MS finanziert Merck häufig Broschüren und Aufklärungsprogramme. Was ja auch immer eine gute Gelegenheit ist, die eigenen Medikamente ins rechte Licht zu rücken.
Foto: dpaBayer
Zahlungen 2015 an Ärzte und Kliniken: 33,9 Millionen Euro
Fast zehn Millionen Euro zahlten die Leverkusener an Ärzte, um etwa Vorträge oder Hotelübernachtungen bei Fortbildungen zu finanzieren. Um die Mediziner von einem Medikament zu überzeugen, suchen die Pharmakonzerne oft nach starken Meinungsbildnern, die Vorträge auf Kongressen halten. Deren Unabhängigkeit steht jedoch oft infrage.
Foto: APRoche
Zahlungen 2015 an Ärzte und Kliniken: 46,6 Millionen Euro
Der Pharmakonzern zahlte 35 Millionen an Ärzte und sechs Millionen an Kliniken und andere medizinische Einrichtungen. Für das Unternehmen, das sich besonders auf Krebsmedikamente spezialisiert hat, ist auch das Klinikgeschäft sehr wichtig. Seinen Hauptsitz hat Roche wie Novartis in der Schweiz.
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Zahlungen 2015 an Ärzte und Kliniken: 29,1 Millionen Euro
Der Viagra-Erfinder gab mehr als zwanzig Millionen Euro an Ärzte. Auch bei Patientenorganisationen zeigt sich der US-Konzern großzügig. Etwa 450.000 Euro flossen 2015 in Deutschland an Selbsthilfegruppen, so viel wie von keinem anderen Unternehmen. Die Deutsche Rheuma-Liga erhielt etwa 48.000 Euro.
Foto: dpaBoehringer
Zahlungen 2015 an Ärzte und Kliniken: 21,4 Millionen Euro
Das rheinland-pfälzische Familienunternehmen bietet Medikamente gegen Diabetes, Lungenkrankheiten, Krebs und Schlaganfall an. Entsprechende Ärzte und Patientenorganisationen stehen bei Boehringer entsprechend im Fokus.
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Zahlungen 2015 an Ärzte und Kliniken: 12,3 Millionen Euro
Der französische Konzern hält sich in Deutschland mit Zahlungen an Ärzte, Kliniken und Patientenorganisationen eher zurück. Nur rund zehn Millionen Euro gehen an die Ärzte; 1,4 Millionen an Kliniken und medizinische Fachverbände. In Sanofi sind auch Teile des früheren deutschen Pharma- und Chemiekonzerns Hoechst aufgegangen.
Foto: dpaMit der Qualität der OTC-Arznei scheinen die jeweiligen Kenner der Marken durchaus zufrieden. 25 der 54 im BrandIndex gelisteten OTC-Marken erreichen hier einen Wert von guten +30 oder mehr Punkten. Auch der Mittelwert der ganzen Produktkategorie zeigt, dass die Verbraucher die Qualität der Pillen, Salben, Tropfen und Co. schätzen. Die OTC-Produkte schneiden hier durchschnittlich besser ab als zum Beispiel die Pflege- und Kosmetik-Produkte und Wasch- und Reinigungsmittel.
Freunden erzählen wirkungsvoller als Werbung
Im BrandIndex können wir verschiedene Kategorien miteinander ins Verhältnis setzen. So ist schön zu sehen, welches Merkmal andere am ehesten beeinflusst. Häufig sehen wir, dass eine hohe Werbewahrnehmung dazu führt, dass die Verbraucher auch direkt Kaufinteresse für eine Marke entwickeln (Consideration). Bei den OTC-Marken ist dieser Zusammenhang aber nicht sehr ausgeprägt.
So geben zum Beispiel nur sechs Prozent der Kenner der Marke Paracetamol von Ratiopharm an, kürzlich Werbung für dieses Produkt wahrgenommen zu haben. 45 Prozent sagen: Dieses Produkt ziehe ich in Erwägung beim Kauf eines OTC-Arzneimittels. Das nennt man eine Marke, wenn so wenig Werbung ausreicht, um im Consideration-Set ganz vorne zu sein.
Pillen zur Leistungssteigerung
„Unternehmer und Manager neigen wie andere Leistungseliten dazu, ihre persönlichen Grenzen mit Pillen erweitern zu wollen“, sagt Professor Curt Diehm, Ärztlicher Direktor der Max-Grundig-Klinik in Bühl. Seit Jahrzehnten werden dort Führungskräfte der Wirtschaft behandelt. Diehm hat den Eindruck, dass angesichts des zunehmenden Drucks in den Unternehmen die Bereitschaft wächst, an den Giftschrank zu gehen, um die Leistungs- und Schaffenskraft erhöhen. Im Folgenden beschreiben Ärzte der Max-Grundig-Klinik die gängigen Dopingmittel von Managern – und deren Gefahren.
Foto: dpaBenzodiazepine
Präparate wie Tavor, Valium oder Lexotanil, die zur Gruppe der Benzodiazepine gehören, sind schon lange in Managerkreisen im Einsatz. Es handelt sich um hochwirksame Beruhigungsmittel und Angstlöser. Vor allem Tavor ist in den Führungsetagen in den USA – aber zunehmend auch in Deutschland – weit verbreitet.
Foto: dpaRisiken
Tavor und andere Benzodiazepine machen in relativ kurzer Zeit abhängig und können bei langfristiger Einnahme ernsthaft schädigen. Tavor sollte allenfalls als Notfallmedikament, etwa bei akuter schwerer Stressbelastung oder schwerwiegenden Schlafstörungen, genommen werden – und dann unbedingt in Absprache mit einem Arzt, mahnt Dr. Susanne Krömer, Leiterin der Psychosomatischen Abteilung der Max-Grundig-Klinik.
Foto: dpaMelatonin
Manager, die viel um die Welt jetten, wollen mit dem Schlafhormon Melatonin ihren verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus ins Gleichgewicht bringen. Ab einem Alter von 55 Jahren ist Melatonin auch zur Behandlung von generellen Schlafstörungen zugelassen. „Wenn auch nicht so schädigend wie Tavor, ist auch das verschreibungspflichtige Melatonin keineswegs harmlos“, sagt Professor Diehm. Langzeitstudien über die Nebenwirkungen fehlen bislang.
Foto: dpaNeuro-Enhancer
Neuro-Enhancer, auch „Doping fürs Gehirn“ genannt, liegen im Trend. Präparate wie Ritalin oder Modafinil erhöhen die kognitive Leistungsfähigkeit. Sie machen wacher, konzentrierter und verbessern das Gedächtnis. „Insofern sind Neuro-Enhancer ideale Managerdrogen, die tatsächlich in erheblichem Umfang eingesetzt werden“ , stellt Professor Diehm fest.
Foto: dpaAmphetamine
Auch Amphetamine – aus der Partyszene als Speed oder Pep bekannt – gehören zu dieser Kategorie von Präparaten. Amphetamine werden vornehmlich in Branchen konsumiert, die durch intensive Projektarbeit geprägt sind. Außerdem von jüngeren Managern der mittleren Ebene. Stehen bei Unternehmensberatungen oder Werbeagenturen Deadlines an, sind oft Ritalin, Modafinil oder Amphitamine im Einsatz. „Ein Problem ist, wieder runterzukommen, oft finden Patienten kaum noch Schlaf“, beobachtet Dr. Krömer. Andere Nebenwirkungen reichen laut Professor Diehm, von Kopfschmerzen, Reizbarkeit, Herzrhythmusstörungen bis zu Angstzuständen. Präparate, die die Psyche stimulieren, können auch das Verhalten verändern. Eher ruhige Zeitgenossen agieren plötzlich euphorisch. Amphetamine machen darüber hinaus abhängig.
Foto: dpaKokain
Die Wirkung von Kokain lässt sich mit der von Neuro-Enhancern vergleichen, bei dieser Droge kommt jedoch noch der soziale Faktor hinzu. Gerade in Branchen, in denen Führungskräfte immer funktionieren müssen, wo hoher Leistungsdruck herrscht, ist der Konsum von Kokain kein Tabu. So gilt der Bankenplatz Zürich, das Investmentbanking in London und andere Zentren von Macht und hohem Einkommen als besonders durchdrungen. Dr. Krömer: „Man sollte sich über die Verbreitung von Kokain nichts vormachen. Es handelt sich nicht nur um eine Partydroge, wenn schon auf den Toiletten des Deutschen Bundestages erhöhte Mengen nachgewiesen wurden.“ Die große Gefahr: Regelmäßiger Konsum führt in die Abwärtsspirale der Sucht. Dabei nehmen Banker, Berater und Manager oft über Jahre Kokain, ohne dass ihr Umfeld diesen Missbrauch entdecken würde. Bis zum Zusammenbruch.
Foto: dpaAnti-Depressiva
Führungskräfte nehmen bisweilen Medikamente wie Cipralex, Zoloft oder Mirtazapin ein, die eigentlich für die Behandlung von Depressionen entwickelt wurden. Die Erwartung ist, dass diese Mittel die Stimmung heben, den inneren Antrieb verbessern und als „Glücklichmacher“ wirken. Das tun die Pillen aber nicht. Die Präparate sind teilweise exzellent geeignet, Depressionen in den Griff zu bekommen – immerhin 20 Prozent der Bevölkerung und damit auch 20 Prozent der Manager haben zumindest einmal im Leben eine depressive Phase.
Foto: dpaAnti-Depressiva
Bei Menschen ohne diese Krankheit wirken Antidepressiva aber so gut wie gar nicht, so die Ärzte der Max-Grundig-Klinik. Auch ein selbst diagnostiziertes Burn-out-Syndrom mit Antidepressiva zu bekämpfen, sei wenig sinnvoll, sagt Dr. Krömer. Unter ärztlicher Aufsicht können Antidepressiva möglicherweise dazu dienen, Schlaflosigkeit zu lindern, haben über einen längeren Zeitraum aber die Nebenwirkung, dass sie zu Gewichtszunahme führen.
Foto: dpaAlkohol
Nach dem Messebesuch ein paar Absacker an der Hotelbar? „Früher war Alkohol quasi das Einzige, was Führungskräfte sozial akzeptiert auch in größeren Mengen konsumieren konnten,“ sagt Professor Diehm. Zwar kann Alkohol Spannungen reduzieren, Stress abbauen und in Maßen auch das Einschlafen beschleunigen. Die negativen Effekte auf Leistung und Wohlbefinden sind jedoch erheblich: Schon der regelmäßige Konsum von mehr als einem Glas Bier oder Wein am Tag schädigt alle Organe, insbesondere Hirn und Leber, warnen die Mediziner. Der Kater lähmt die normalen Alltagstätigkeiten, und zu viel Alkohol am Abend führt zu Durchschlafstörungen. Professor Diehm: „Unter dem Leistungsaspekt ist die Bilanz von Alkohol, jenseits von kleineren Mengen, also wenig berauschend.“ Bei langem hohem Alkoholkonsum ist der körperliche und geistige Verfall irreversibel. Zum Stressabbau am Abend rät Dr. Krömer zu einer Einheit Sport als wesentlich klügerer Alternative – allerdings nicht unmittelbar vor dem Schlafen.
Foto: dpaDas gegenteilige Beispiel gibt es natürlich auch: 15 Prozent der Kenner der Marke Dulcolax – ein Mittel zum Abführen - haben kürzlich Werbung dieses Produkts registriert, deutlich mehr als das bei Paracetamol von Ratiopharm der Fall ist.
Solche Ausreißer gibt es auch, wenn wir das Kaufinteresse mit der WOM Exposure (WOM: Word of Mouth) in Beziehung setzen, die misst, wie viele Verbraucher sich kürzlich mit Freunden und Bekannten über eine bestimmte Marke unterhalten haben. Das Verhältnis ist hier aber linearer.
Eine Marke, die es schafft, die Verbraucher anzuregen, sich über diese Marke mit Freunden und Bekannten zu unterhalten, erregt also tendenziell mehr Kaufinteresse als eine Marke, die lediglich konventionelle Werbung platziert. Ein Produkt, das einen überdurchschnittlich hohen WOM-Exposure-Wert bei niedriger Werbe-Wahrnehmung erreicht, ist zum Beispiel die homöopathische Salbe Traumeel.
Bekanntheit im Durchschnitt noch gering
Mehr verkaufen könnten Hersteller aber auch auf einem ganz einfachen Weg: Die Produkte bekannter und wirklich zur Marke machen. Es fängt bei der Bekanntheit an: Die liegt durchschnittlich bei allen 54 im BrandIndex gelisteten OTC-Produkte bei gerade mal 50 Prozent. Das heißt, dass durchschnittlich jeder zweite Deutsche von einem Markennamen im OTC-Bereich noch nie etwas gehört hat. Zum Vergleich: Der mittlere Bekanntheitsgrad von Marken in „Kaffee und Tee“ liegt bei 56 Prozent, im Bereich „Lebensmittel“ bei 80 Prozent. Zwar geben zum Beispiel sogar 84 Prozent der Deutschen an die Salbe Voltaren zu kennen, bei den Konkurrenten Kytta und Traumeel sind es aber nur 56 bzw. 25 Prozent. Bekanntheit wäre eine Sache, Branding das Nächste.
Am meisten Interesse haben die Deutschen zurzeit übrigens immer noch am Klassiker. 13 Prozent aller Befragten geben an, sich bei einem Kauf eines OTC-Produkts für Aspirin zu entscheiden. Das Original liegt hier deutlich vor dem Äquivalent ASS von Ratiopharm (8 Prozent).
Dafür punktet Ratiopharm mit Paracetamol: Auf der Liste der zurzeit von allen Deutschen gefragtesten OTC-Produkte liegt dieses Produkt auf Platz zwei. Bei Grippe und Erkältung würden sich die Befragten derzeit am ehesten für die Produkte von Wick und Grippostad entscheiden.