Geldanlage: "Am Aktienmarkt lässt sich nicht üppig verdienen"
Fondsmanager Klaus Kaldemorgen (DWS) und Chefvolkswirt Jan Hatzius (Goldman Sachs) über die Chancen und Risiken am Aktienmarkt.
Foto: Presse, MontageWirtschaftsWoche: Herr Hatzius, Herr Kaldemorgen, hat US-Präsident Donald Trump mit Ankündigungen zu Steuerreformen und Infrastrukturausgaben am Aktienmarkt nur ein Strohfeuer entfacht?
Jan Hatzius: Wir haben die Folgen berechnet und erwarten, dass das Volumen möglicher Steuersenkungen und Ausgaben bei rund 200 Milliarden Dollar pro Jahr liegen wird. Das ist nur etwa die Hälfte des im Wahlkampfprogramm angenommenen Volumens. Konservative Republikaner werden Bauchschmerzen haben, zu große Ausgabensteigerungen zu verabschieden, weil die USA hoch verschuldet sind. Deshalb wird es einen Kompromiss geben – und der Impuls wird weniger groß sein als erwartet.
Klaus Kaldemorgen: Börsianer haben die kurzfristig positiven Effekte deutlich höher eingeschätzt. Da baut sich ein Enttäuschungspotenzial in den Kursen auf. Die positive Stimmung wird sich nicht ein halbes Jahr fortsetzen. Die längerfristigen Trump-Effekte sind klar negativ. Ein US-Präsident, der einem US-Unternehmen vorschreibt, wo es demnächst die Autos zu produzieren hat, ist nicht wirtschaftlich effizient.
Bundeskanzlerin Angela Merkel
Auf Äußerungen aus Trumps jüngstem Interview angesprochen, sagte die Bundeskanzlerin am Montag in Berlin: „Also, ich denke, wir Europäer haben unser Schicksal selbst in der Hand.“ Mit wirtschaftlicher Stärke und effizienten Entscheidungsstrukturen könne die EU den Kampf gegen den Terrorismus, die Digitalisierung und andere Probleme bewältigen.
Zu Trumps Kritik an ihrer Flüchtlingspolitik sagte sie, der Kampf gegen den Terrorismus sei eine große Herausforderung für alle. „Ich würde das von der Frage der Flüchtlinge noch einmal deutlich trennen“, erklärte sie. Viele Syrer seien nicht nur vor dem Bürgerkrieg geflohen, sondern auch vor Terrorismus in ihrem Land.
Auf eine Frage zum künftigen deutsch-amerikanischen Verhältnis sagte Merkel, Trumps Positionen seien inzwischen bekannt. „Ich persönlich warte jetzt erst einmal auf die Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten.“
Foto: dpaVerband der Automobilindustrie (VDA)
Der Verband nimmt die neue Androhung hoher Importzölle für die Branche von Donald Trump ernst. „Allerdings muss sich erst noch zeigen, ob und wie diese Ankündigungen künftig von der US-Administration umgesetzt werden“, sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann am Montag. „Im US-Kongress dürfte es gegen Importsteuer-Pläne erheblichen Widerstand geben.“ Denn Investitionsentscheidungen würden langfristig geplant und nicht von heute auf morgen über Bord geworfen. „Mit dem Aufbau von Zöllen oder anderen Handelsbarrieren würden sich die USA langfristig ins eigene Fleisch schneiden“, sagte Wissmann weiter. Schon Einschränkungen der nordamerikanischen Freihandelszone Nafta würden der Wirtschaft einen deutlichen Dämpfer geben.
Foto: dpaMartin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments
Der scheidende EU-Parlamentspräsident Martin Schulz rief zur Gelassenheit auf. Viele der Trump-Aussagen seien „in sich nicht schlüssig, widersprechen den Aussagen aus seinem Team, und sie werden sich so auch nicht umsetzen lassen“, sagte der SPD-Spitzenpolitiker den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Montag). Er könne gleichwohl verstehen, dass Trump Irritationen hervorrufe, weil das Interview in Form, Wortwahl und Inhalt stellenweise befremdlich wirke.
Foto: dpaDeutscher Gewerkschaftsbund (DGB)
Der DGB hat die Drohung des künftigen US-Präsidenten Donald Trump mit Strafzöllen gegen deutsche Unternehmen kritisiert. Diese Haltung sei "völlig blind für ökonomische Zusammenhänge", sagte DGB-Chef Reiner Hoffmann. Vor dem Hintergrund der eng verflochtenen Weltwirtschaft seien negative Rückwirkungen einer solchen Politik nicht nur in Deutschland und Europa, sondern auch in den USA selber nicht auszuschließen. "Das werden auch die amerikanischen Bürgerinnen und Bürger merken, dass dieser Pfad von Herrn Trump ein Holzpfad ist", sagte Hoffmann.
Der DGB-Chef warnte vor einer Rückkehr zu Protektionismus und Kleinstaaterei. "Das verträgt sich überhaut nicht mit unseren Vorstellungen einer fairen Gestaltung von Handel und Globalisierung." Im Zuge der Globalisierung habe es zwar Unwuchten gegeben. Statt neue Grenzen oder Mauern zu bauen, komme es aber darauf, "die Wohlstandsgewinne, die ja mit Globalisierung durchaus einhergehen", gerecht zu verteilen.
Foto: dpaJens Spahn, Mitglied des Präsidiums der CDU
CDU-Vorstandsmitglied Jens Spahn sieht bei Trump ein falsches Bild von der EU, „auch von dem, was sie leistet“. Er sagte im „Bild“-Talk, die EU sei auch „eine Wertegemeinschaft“. Ähnlich bewertete der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen Trumps Äußerungen. Er sagte der „Heilbronner Stimme“: „Trump ist Trump geblieben. (...) Was sich verfestigt, ist die Sichtweise Trumps, in der der Westen keine Rolle spielt, weder als normative noch als politische Einheit. Diese Einheit war und ist aber entscheidend für die Sicherheit Europas.“
Foto: dpaCDU-Fraktionsvize Michael Fuchs
"Man sollte die Kirche im Dorf lassen. Trump wird nicht alles, mit dem er jetzt droht, durchsetzen können", sagte Fuchs am Montag zu Reuters. "Strafzölle müssen vom Kongress abgesegnet werden. Nicht einmal da stehen alle Republikaner hinter ihm." Deutsche Firmen sollten sich nicht einschüchtern lassen. Der Generalsekretär des Wirtschaftsrates der CDU, Wolfgang Steiger, äußerte sich ähnlich.
Der CDU-Politiker Fuchs gab zu bedenken, dass Strafzölle zu höheren Autopreisen in den USA führen würden.
Foto: dpaBundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel
Sigmar Gabriel hat die USA vor einer Abschottung durch Strafsteuern etwa für im Ausland produzierte Autos gewarnt. "Die amerikanische Autoindustrie wird dadurch schlechter, schwächer und teurer", sagte der SPD-Vorsitzende der "Bild" am Montag. Zudem würden sich amerikanische Autobauer umgucken, wenn auch Zulieferteile, die nicht in den USA produziert würden, mit Strafzöllen belegt würden, konterte Gabriel den künftigen US-Präsidenten Donald Trump. Dieser hatte beklagt, dass zu viele deutsche und zu wenige US-Autos in New York zu sehen seien. Auf die Frage, wie dies zu ändern sein, sagte Gabriel: "Dafür müssen die USA bessere Autos bauen."
Foto: dpaWirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion Bernd Westphal
Das ist Protektionismus pur", sagte Westphal am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. "Offene Märkte nützen auch den USA", hielt er Trump entgegen. Der SPD-Politiker warnte aber: "Wir sollten jetzt nicht in eine protektionistische Spirale von Abwehrschlachten hineinkommen." Jetzt mit gleicher Münze zurückzahlen zu wollen, sei der falsche Weg.
Westphal sprach sich dafür aus, mit der Trump-Regierung möglichst schnell über die Ausgestaltung des Handels zu sprechen. "Die Europäische Kommission muss Gespräche mit der neuen Administration aufnehmen", forderte er mit Blick auf Brüssel. Ziel müsse sein, die neue US-Regierung davon zu überzeugen, an einer Politik der offenen Märkte festzuhalten. Westphal hofft denn auch, dass Trump am Ende seine jüngsten Ankündigungen nicht umsetzt. "Das glaube ich ganz sicher", sagte er zur Frage, ob Trump seine Positionen als Präsident ändern werde. "In der Realität angekommen wird er erkennen, dass eine Abschottung den Amerikanern nicht helfen wird", sagte er.
Foto: dpaBundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier
In der EU und bei der Nato sorgen die jüngsten Interview-Äußerungen des designierte US-Präsidenten Donald Trump für Unruhe. Dass Trump die Nato für obsolet betrachte, sei bei der Nato mit Besorgnis aufgenommen worden, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier am Montag nach einem Gespräch mit Generalsekretär Jens Stoltenberg in Brüssel. „Wir müssen sehen, was daraus für die amerikanische Politik folgt.“ Mit Blick auf die EU sprach Steinmeier die Äußerungen Trumps zu möglichen Strafzöllen auf importierte Autos an. „Wir gehen davon aus, dass unser amerikanischer Partner sich auch weiterhin an die völkerrechtlichen Verpflichtungen und WTO-Regelungen hält“, sagte Steinmeier. Die WTO ist die Welthandelsorganisation.
Trump hat sich Berater und Minister geholt, die bei Goldman Sachs gearbeitet haben. Trauen Sie, Herr Hatzius, Ihren früheren Kollegen zu, dass sie die freie Wirtschaft schützen?
Hatzius: Ich will hoffen, dass sie es schaffen, die protektionistischen Tendenzen im Rahmen zu halten und man sich stärker auf wichtige Reformen bei der Unternehmenssteuer konzentriert. Es ist unklar, wer unter den Beratern die Oberhand haben wird, es gibt ein breites Spektrum.
Die US-Konjunktur läuft gut, die Arbeitslosigkeit ist mit 4,7 Prozent niedrig. Ist Inflation eine Gefahr?
Hatzius: Ich mache mir keine Sorgen, dass wir weltweit eine so richtig hohe Inflation bekommen. In den USA ist aber mehr Vorsicht geboten als in Europa. An den Rentenmärkten ging man zu lange von niedrigen Preissteigerungen aus und dachte, die US-Notenbank verfehle ihr Inflationsziel von 2 Prozent langfristig, obwohl die Wirtschaft lief. Die extremen Bewegungen am Rentenmarkt mit der Renditeerhöhung in den vergangenen Wochen waren die Korrektur einer Markteinschätzung, die mit der Realität wenig zu tun hatte. Will man nicht über die zwei Prozent Inflation in den USA hinaus, müsste man die Arbeitslosigkeit, sobald sie unter vier Prozent rutscht, wieder erhöhen. Historisch ist das nie ohne Rezession gegangen, wenn die Arbeitslosigkeit um mehr als einen Drittel Prozentpunkt gestiegen ist.
Jan Hatzius, 48, ist Chefvolkswirt der US-Investmentbank Goldman Sachs und einer der einflussreichsten Kenner der Wall Street. Der gebürtige Heidelberger hat an der Oxford University promoviert.
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Kann der starke US-Dollar die Konjunktur kippen?
Hatzius: Im Jahr 2016 gab es in den USA durch den starken Dollar weniger Wachstum und weniger Zinserhöhungen als erwartet wurden. Das Bild ist jetzt etwas freundlicher, weil sich der Dollaranstieg verlangsamt hat. Bleibt es bei einem Anstieg von fünf Prozent pro Jahr, würde ich mir keine großen Sorgen machen. Bei 10 Prozent wäre es anders, dann käme dagegen vermutlich eine geldpolitische Reaktion.
Kaldemorgen: Der Dollarkurs wird durch Diskussionen um die Geldpolitik bestimmt und da die Zinsen in den USA höherer sind als im Euroland, fließt viel Geld in die USA. Den Euro könnte es stärken, wenn die Geldpolitik normalisiert wird. Für multinationale US-Unternehmen mit starkem Export ist der Dollar ein Gegenwind, weil auch viele Schwellenländer-Währungen gefallen sind und US-Exporte verteuern. Die Gewinnsteigerungen in den USA werden in diesem Jahr aber von der Finanzindustrie sowie der Rohstoff- und Ölindustrie getrieben. Sie sind nicht so dollarabhängig.
Klaus Kaldemorgen, 63, ist einer der erfolgreichsten und erfahrensten deutschen Fondsmanager. Er arbeitet seit 1982 bei der Deutsche-Bank-Tochter DWS und investiert rund zehn Milliarden Euro Fondsgelder in Aktien, Derivate und Anleihen.
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Wird Trump den teuren Dollar und den schwachen Euro nutzen, um sich Deutschland als Exportweltmeister vorzunehmen?
Hatzius: Ich kann mir vorstellen, dass es Konflikte geben wird. Derzeit ist das Augenmerk auf China und Mexiko gerichtet, aber das kann sich ändern. Die große Frage ist, ob es punktuelle Zölle und Einführbeschränkungen in bestimmten Branchen geben wird, oder ob man durch die Bank zu einem restriktiveren Welthandelssystem zurückkehrt mit höheren Zöllen und die Liberalisierung aus Jahrzehnten zurückdreht. Ich würde Herrn Kaldemorgen zustimmen, dass es besorgniserregende Tendenzen gibt.
Kaldemorgen: Trump könnte fordern, dass es im Euroland höhere Staatsausgaben gibt.
Der künftige US-Präsident Donald Trump sorgt in vielerlei Hinsicht für Ungewissheit. Mit seinem Populismus hat er im Wahlkampf stark polarisiert, doch im Detail sind seine Pläne vage. Auch deutsche Unternehmen stellt der Einzug des Immobilientycoons ins Weiße Haus vor viele Fragezeichen. Besonders für drei Konzerne mit großen Baustellen in den USA ist die Lage derzeit schwer berechenbar...
Foto: dpaDeutsche Bank
Das größte deutsche Geldhaus steckt mitten in Vergleichsverhandlungen mit den US-Behörden, um einen Rechtskonflikt um windige Hypothekengeschäfte vor der Finanzkrise beizulegen. Mit einer ersten Forderung über 14 Milliarden Dollar (13 Mrd Euro) hatte das Justizministerium die Latte im September hochgelegt. In Frankfurt tat man den Vorstoß als Eröffnung in einem Poker ab, der letztlich zu einer deutlich geringeren Zahlung führen dürfte. Doch die Unsicherheit bleibt groß.
Foto: REUTERSBei der Deutschen Bank hatte man gehofft, die Baustelle noch vor den Präsidentschaftswahlen schließen zu können. Klarheit im Milliarden-Gefeilsche würde die Aktionäre beruhigen und helfen, sich wieder auf das Tagesgeschäft konzentrieren zu können. Stattdessen wird die Situation nun noch verworrener. Denn der Geschäftsmann Trump steht bei der Deutschen Bank tief in der Kreide. Das geht aus einer Aufstellung seiner Vermögensverhältnisse hervor, die er im Wahlkampf veröffentlichen musste. Laut einer Analyse des „Wall Street Journal“ hat das Geldhaus Trump-Firmen seit 1998 mindestens 2,5 Milliarden Dollar geliehen.
Foto: APDer künftige US-Präsident könnte dadurch in einen Interessenkonflikt geraten. Die Geschäftsbeziehungen zur Deutschen Bank sorgten bereits im Wahlkampf für Schlagzeilen in den US-Medien. Daher kann Trump sich kaum erlauben, dass der Eindruck entsteht, unter seiner Regierung werde einer seiner wichtigsten Kreditgeber verschont.
Foto: REUTERSVolkswagen
Für den größten deutschen Autobauer ist Trumps Wahlsieg gleich in mehrerer Hinsicht ein Unsicherheitsfaktor. Er hoffe, dass sich das Wahlergebnis nicht negativ auf die Verhandlungen mit den US-Behörden über die Dieselaffäre auswirke, sagte VW-Chef Matthias Müller vor wenigen Tagen beim „Handelsblatt“-Autogipfel in München. Er würde sich wünschen, dass eine Einigung noch vor dem Amtsantritt der neuen Regierung gelinge.
Foto: dpaVolkswagen steht in den USA wegen illegaler Manipulationsprogramme zur Abgaskontrolle in Hunderttausenden Dieselwagen unter Druck. Der Konzern hat mit zahlreichen US-Klägern - Behörden, Kunden und Autohändlern - bereits den teuersten Vergleich der Automobilgeschichte ausgehandelt: Bis zu 16,5 Milliarden Dollar könnten die Strafen und Entschädigungen kosten. Doch bei Zehntausenden Fahrzeugen steht eine Einigung noch aus, zudem zogen Berichte über neue Manipulationen bei der Tochter Audi zuletzt neue Klagen nach sich. Und über allem hängt das Damoklesschwert strafrechtlicher Ermittlungen der US-Justiz, die der Konzern mit einem weiteren Vergleich beilegen will. Gerade hier ist Trump ein hohes Risiko.
Foto: dpaFerner muss VW auch stellvertretend für die ganze deutsche Autobranche vor Trumps Handelspolitik zittern. Der Kurs des künftigen Präsidenten deutet in Richtung Protektionismus. Analysten fürchten eine Abschottung der USA, die europäische Exporteure treffen würde. Besonders auf dem Kieker hat Trump Mexiko, wo VW viel für den US-Markt produziert.
Foto: dpaBayer
Im September kündigte der deutsche Pharma- und Chemieriese die 66 Milliarden Dollar schwere Rekordübernahme des US-Saatgutspezialisten Monsanto an. Die US-Wettbewerbshüter müssen dem Deal noch zustimmen. Schon bevor klar war, dass Trump ins Weiße Haus einzieht, hatten Experten mit einer kritischen Prüfung gerechnet.
Foto: dpaTrump hat sich zu der Übernahme noch nicht konkret geäußert, doch seine Wahlkampfparole „America first“ lässt nicht unbedingt Wohlwollen gegenüber dem Verkauf eines US-Branchenschwergewichts an einen ausländischen Rivalen vermuten. Zudem hat Trump in einem anderen Fall - der Übernahme des Medienkonzerns Time Warner durch den Telekommunikationskonzern AT&T - bereits sein Veto angekündigt.
Foto: APSollte der Monsanto-Zukauf bewilligt werden, so könnte Bayer dennoch wegen Trump unter Druck geraten. Viele Analysten rechnen damit, dass ein starker Anstieg der Staatsausgaben, mit dem der Republikaner seine Steuerversprechen und Wachstumsprogramme gegenfinanzieren müsste, zu höherer Inflation und steigenden Zinsen führen wird. Bayer hat für den Monsanto-Kauf einen riesigen Kredit beantragt - schon ein recht geringer Zinsanstieg würde zusätzliche Kosten in Höhe von Hunderten Millionen Dollar verursachen.
Foto: REUTERS
Sie erwarten Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank erst ab 2019?
Hatzius: Ja, von April an werden die EZB-Anleihekäufe auf 60 Milliarden Euro gesenkt, ab Anfang 2018 werden sie weiter langsam zurückgeführt und 2019 könnte die Zinserhöhung kommen.
Kann die EZB Inflationstendenzen ignorieren?
Hatzius: Ja, denn die Kerninflation liegt bei einem Prozent und damit unter dem Inflationsziel der EZB von knapp zwei Prozent. Die Arbeitslosigkeit ist immer noch fast zehn Prozent und hat noch Luft für zwei Prozentpunkte nach unten. Das Euroland steht im Konjunkturzyklus da, wo die USA vor drei Jahren standen.
Kaldemorgen: Die Gesamtinflation dürfte im Jahresdurchschnitt 2017 in etwa bei 1,6 Prozent liegen und damit nahe am Zwei-Prozent-Ziel. Die öffentliche Meinung wird aggressiver und die bestimmt den Markt. EZB-Präsident Mario Draghi hat immer den Rückgang des Ölpreises als Grund genannt, die Zinsen nicht zu erhöhen. Jetzt muss er berücksichtigen, dass der Ölpreis steigt.
Die Zinsen bei kurzfristigen Anleihen sind stärker gestiegen als die Langfristzinsen. In der Finanzkrise war das eine Gefahr, weil alle zu kurzfristig finanziert waren. Sind Unternehmen und Staaten jetzt dafür gerüstet?
Hatzius: Ja, heute sind Großbritannien und die USA längerfristig finanziert, im Schnitt auf etwa sieben Jahren. Deshalb dauert es, bis sich höhere Finanzierungskosten der Staaten bemerkbar machen. Die ausstehenden Staatsschulden der USA betragen 75 Prozent des BIP. Wenn das durchschnittliche Zinsniveau um ein Prozent nach oben geht, dann kommen mittelfristig 0,75 Prozent an zusätzlichem Defizit hinzu. Das ist nicht erfreulich, aber nicht dramatisch.
Kaldemorgen: Auch in Europa sind die Laufzeiten der Staatsanleihen verlängert geworden. Die Zinsen werden nicht so dramatisch steigen, dass die Staatsfinanzierungen zum Problem werden. Aber die starke Zinsdifferenz zu den USA wird dazu führen, dass wir in Europa bei Anleihen Kursverluste sehen werden. Wir haben jetzt bei den 10-jährigen Bundesanleihen schon 0,28 Prozent Rendite und wenn sich die verdoppeln sollte, ist das für Fondsmanager schon eine Herausforderung.
Wo lauern weltweit besondere Gefahren?
Hatzius: Das Risiko der protektionistischen Handelspolitik steht oben auf der Liste und der Konflikt mit China. Heute lässt China zwar die Abwertung seiner Währung zu, aber die negative Seite ist, dass 2016 die Verschuldung um mehr als 15 Prozent gestiegen ist, also doppelt so stark wie das nominale Bruttoinlandsprodukt. Daher geht das Verhältnis Verschuldung zum BIP steil nach oben. Historisch ist das eine Veränderung, die über fünf bis sieben Jahre in Rezessionen und Finanzkrisen führt. Turbulenzen bei Wahlen in Europa sind auch als Thema weit oben.
Kaldemorgen: Mittlerweile hat sich doch die Meinung durchgesetzt, dass jede schlechte Wahlnachricht eine gute sein wird.
Hatzius: Würden sie das auch bei einer Wahl von Marine Le Pen in Frankreich so sehen?
Kaldemorgen: Nein. Aber dort ist François Fillon der Hoffnungsträger. Er ist eine kleine Kopie von Trump. Auf der einen Seite setzt er sich für bittere Wirtschaftsreformen ein, berücksichtigt den Nationalstolz und gleichzeitig nähert er sich Russland an. Das könnte alles gut passen. Ein starkes Frankreich wäre wünschenswert und könnte Europa guttun.
Wie groß ist die Gefahr für Schwellenländer durch einen starken Dollar?
Hatzius: Ein moderater Dollaranstieg von fünf bis sieben Prozent im Laufe des Jahres wäre verkraftbar. Aber ein schärferer Aufwärtstrend oder Streit in der Welthandelsorganisation wäre für die Schwellenländer ein Nachteil.
Kaldemorgen: Man muss bei den Schwellenländern stark differenzieren. Die Türkei wird nicht unbedingt zu den Gewinnern zählen, aber für Russland können der Ölpreisanstieg und politische Veränderungen Unterstützung bieten. Indien wurde durch den Bargeldumtausch kurzfristig zurückgeworfen. Man kommt um einige Schwellenländer wie Taiwan und Korea nicht herum. Mexiko hat übertrieben stark bei der Währung gelitten, aber für ein Schwellenland sehen die Fundamentaldaten ordentlich aus. Zudem werden nicht alle Autohersteller ihre Produktion aus Mexiko abziehen. Aber insgesamt sehe ich in Europa und vor allem in Japan mehr Chancen als Risiken. Deren Unternehmen bieten Anlegern zudem deutlich mehr Einblick und Transparenz als manche Schwellenländerunternehmen.
Und welche Investments sind in dem Umfeld interessant?
Kaldemorgen: Insgesamt sehe ich in Europa und vor allem in Japan gute Chancen bei Aktien. Die Verlierer vom letzten Jahr dürften zu den Gewinnern dieses Jahr zählen. Das wären zum Beispiel Pharmaaktien. Trump sind die hohen Preise ein Dorn im Auge. Aber das Wachstum stimmt und die Aktienbewertung hat sich reduziert. Insgesamt wird man am Aktienmarkt nicht üppig verdienen. Fünf Prozent Plus bei einer Schwankungsbreite der Kurse von 18 Prozent sind kein gutes Chance-Risiko-Verhältnis. Für mich als Fondsmanager bedeutet das, dass ich sehr flexibel sein muss und mich auch mal mit Aktienkäufen zurückhalte, bis der Markt wieder ein paar Enttäuschungen verdaut hat. Mit einer Indexorientierung und kleinen Über- und Untergewichten hier und da, kommt man nicht weit. Man muss eine starke Meinung haben. Im vergangenen Sommer hat man mich ausgelacht, als ich gesagt habe, der beste Trade um von steigenden Zinsen zu profitieren seien Banken und Finanzwerte. Sie haben unter den Niedrigzinsen gelitten und müssten die ersten sein, die bei steigenden Zinsen nach oben gehen. Und sie sind um 50 Prozent gestiegen.
Von Anleihen lassen Sie die Finger?
Kaldemorgen: Wenn man glaubt, dass die Zinsen steigen, dann muss man das Zinsänderungsrisiko bei null halten oder unter null. Ich würde mich jetzt eher in Richtung defensiver Aktienwerte orientieren, denn die Dividendenrendite bleibt mit drei bis vier Prozent in Europa eine gute Sache.
War der im Vergleich zum Vorjahr an der Börse ruhige Start ins Jahr 2017 nach Ihrem Geschmack?
Kaldemorgen: Eigentlich sind mir volatile Märkte lieber als zu ruhige Märkte. Doch im vergangenen Jahr haben wir wirtschaftlich gleich zu Beginn in den Abgrund geschaut. Der Ölpreis fiel, China taumelte, alle Märkte gingen runter. So ein holpriger Jahresstart ist für viele Geldverwalter kritisch. Wenn sie zu stark im Minus liegen, müssen sie stark auf die Bremse treten, damit das Jahr nicht schon im Februar für sie vorbei ist. Da ist ein gemächlicherer Start schon positiver. Da kann man sich erst mal sortieren.