1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Auto
  4. Machtkampf bei Grammer: Was bei der Hauptversammlung passieren kann

Machtkampf bei GrammerWas bei der Hauptversammlung passieren kann

Bei Grammer kommt es zum Showdown: Schafft es die bosnische Familie Hastor, den Automobilzulieferer unter ihre Kontrolle zu bringen? Wie könnten die Amberger sich wehren? Szenarien für die Hauptversammlung am Mittwoch.Kevin Knitterscheidt 23.05.2017 - 17:00 Uhr

Die deutschen Autobauer stehen vor ungemütlichen Zeiten, wenn den Hastors die Machtübernahme bei Grammer gelingt.

Foto: dpa

In den Ohren der deutschen Automobilindustrie klingt der Name Hastor wie ein Warnsignal. Die bosnische Familie hinter der Zulieferer-Gruppe Prevent ist gefürchtet für harte Geschäftsverhandlungen: Da stehen auch mal Produktionsbänder still, wenn das Angebot nicht so aussieht, wie Firmenpatriarch Nijaz Hastor es sich vorstellt. Nun muss die Branche um einen ihrer wichtigsten Zulieferer bangen: Am Mittwoch wollen die Hastors auf der Hauptversammlung in Amberg die Kontrolle über den Pkw-Innenausstatter Grammer erringen, an dem sie derzeit mit rund 20 Prozent beteiligt sind.

Für VW, Daimler und Co. steht viel auf dem Spiel. Denn Grammer ist nicht nur ein Zulieferer unter vielen. Im Bereich Mittelkonsolen seien die Amberger bei manchen Baureihen der alleinige Lieferant, erklärte Grammer-Aufsichtsratschef Klaus Probst in der vergangenen Woche gegenüber der WirtschaftsWoche. Entsprechend nervös hätten die Kunden auf den Vorstoß der Hastors reagiert: „Wir haben von Anfang an gesehen, dass die großen Autohersteller das Investment der Familie Hastor sehr negativ betrachten.“ Im ersten Quartal 2017 sei bereits die Hälfte der Aufträge im Vergleich zum Vorjahr weggebrochen, so Probst. Er sehe „eine Katastrophe“ auf Grammer zukommen.

Die Hastors haben freilich eine andere Sicht auf die Dinge. Sie werfen dem Management vor, Grammer nicht profitabel genug zu führen. 4,3 Prozent Marge, wie Grammer sie 2016 erzielte, seien in dem Segment zu wenig, wie die Familie über Prevent-Chefjustiziar und -Geschäftsführer Christian Becker Anfang Mai im „Handelsblatt“ verlauten ließ. „Durch unsere Erfahrung im Autobereich fordern wir mehr als etwa eine Bank oder ein Investmentfonds, weil wir mehr vom Geschäft verstehen“, so Beckers Erklärung für den Machtgriff der Hastors.

In Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, leben eine halbe Million Menschen. Die bosnische Unternehmerfamilie Hastor hat dort den Hauptsitz ihres Technologiekonzerns ASA Prevent Group angesiedelt. Der zweite wichtige Firmensitz ist in Wolfsburg.

Foto: Jasmin Brutus

Die Firmenzentrale von ASA Prevent in Sarajevo. Die Prevent-Gruppe beschäftigt rund 12.000 Mitarbeiter in 16 Ländern, etwa 6.500 davon in Bosnien. Die enge Zusammenarbeit mit VW hat sie groß gemacht. Prevent ist der größte private Arbeitgeber und Exporteur Bosnien-Herzegowinas.

Foto: Jasmin Brutus

Volkswagen-Werbung in den Straßen von Sarajevo. Als VW-Importeur kontrollierte der Hastor-Clan bis 2015 große Teile des bosnischen Automarkts, dann übernahm der VW-Konzern den Autovertrieb in der Region selbst. Die gute Beziehung zwischen VW und dem Hastor-Clan hat darunter gelitten.

Foto: Jasmin Brutus

Prevent stellt neben Auto-Teilen auch Stoffe her. In einem Flagship-Store in Sarajevo, genannt Prevent Labs, verkaufen die Hastors Designer-Mode, mutig dekoriert mit einem Autositz als Hinweis auf die Firmenhistorie.

Foto: Jasmin Brutus

Firmenpatriarch Nijaz Hastor und Gattin Mirsada sind Sponsoren und regelmäßige Besucher des Sarajevo Film Festival, zu dem alljährlich auch Hollywood-Stars wie Brad Pitt und Robert De Niro kommen.

Foto: Jasmin Brutus

Gewandet in Blau, der Farbe des Prevent-Firmenlogos, sprechen Nijaz und Mirsada Hastor mit dem Direktor des Sarajevo Film Festivals 2015, Misrad Purivatra.

Foto: Jasmin Brutus

Gut 100 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Sarajewo liegt der Ort Gorazde, wo Prevent eine Fabrik unterhält. Etwas außerhalb von Gorazde, im Dörfchen Hladila, wurde der Prevent-Gründer Nijaz Hastor 1950 geboren.

Foto: Jasmin Brutus

Prevent-Gründer Hastor baute die Moschee in seinem Heimatdorf Hladila wieder auf. Sie war im jugoslawischen Bürgerkrieg zerstört worden.

Foto: Jasmin Brutus

In seinem Elternhaus in Hladila wuchs Prevent-Gründer Nijaz Hastor in den 50er- und 60er-Jahren als eines von sechs Geschwistern auf – ohne Strom und ohne fließendes Wasser. Heute gehört er zu den reichsten Bosniern. „Er hat das Brot der Armut gegessen - wir hatten keine andere Wahl, als etwas aus uns zu machen“, sagt ein früherer Mitschüler über ihn.

Foto: Jasmin Brutus

Hladila liegt am Gebirgsfluss Drina in den Bergen östlich von Sarajevo. Ganze 54 Einwohner hat der Heimatort von Prevent-Gründer Hastor.

Foto: Jasmin Brutus

Zwei Millionen Flüchtlinge und 100.000 Tote sind die Bilanz des Bosnienkriegs. Nijaz Hastors Heimatdorf Hladila lag unweit der Frontlinie. Während er in Wolfsburg lebte, harrte ein Teil der Familie unter Beschuss im belagerten Gorazde aus. Nijaz Hastors Bruder Agan fiel dem Krieg zum Opfer.

Foto: Jasmin Brutus

In dem Haus mit dem Dach in Prevent-Blau lebte Nijaz Hastors Bruder, bevor er starb. Jetzt wird es von seiner Schwägerin und ihrem Sohn genutzt.

Foto: Jasmin Brutus

„Zum Glück gibt es noch Menschen wie Nijaz Hastor“, sagt die 77-jährige Dzefa Kadric, „ohne ihn hätten wir hier nicht einmal fließendes Wasser“. Nijaz Hastor hat die Wasserleitungen und Brunnen im Ort gespendet. Die Enkelin von Dzefa Kadric ist Stipendiatin der Hastor-Stiftung, die über 1700 Schüler und Studenten finanziell unterstützt.

Foto: Jasmin Brutus

Die Familie fordert, fünf der sechs Anteilseigner-Posten im Aufsichtsrat der Grammer neu zu besetzen. Als Kandidaten dafür haben die Hastors eigene Leute aus Umfeld von Prevent in Stellung gebracht, die sich bei der Hauptversammlung zur Wahl stellen werden. Allein Hans Liebler, der für die Anteilseigner des Konzerns seit 2012 im Grammer-Aufsichtsrat sitzt, soll nach dem Willen der Hastors seinen Posten behalten. Auch im Vorstand dürfte die Familie einen Wechsel anstreben.

Hastors agieren im Geheimen

Der Erfolg des Vorhabens ist wegen der komplizierten Eigentümerverhältnisse bei Grammer unklar. Die Hastors sind nicht direkt am Unternehmen beteiligt, sondern nutzen mindestens zwei Investmentgesellschaften, die die erste Meldeschwelle des Wertpapierhandelsgesetzes (WpHG) von drei Prozent der Anteile überschreiten: die Halog GmbH & Co. KG mit mindestens 9,81 Prozent, geführt von Nijaz Hastor, sowie die Cascade International Investments GmbH mit mindestens 10,001 Prozent, hinter der laut Medienberichten die beiden Hastor-Söhne stecken sollen. Zusammen hält die Familie also mindestens einen Anteil von 19,81 Prozent.

Beobachter gehen nun davon aus, dass sich die Hastors weitere Anteile unterhalb der Meldeschwellen gesichert haben, sodass sie bei der anstehenden Grammer-Hauptversammlung wohl auf einen Stimmanteil zwischen 20 und 25 Prozent kommen könnten. Für die Halog liegt die nächste Meldeschwelle bei zehn Prozent, für die Cascade bei 15 Prozent der Anteile. Weitere Familienmitglieder könnten zudem einen Anteil von unter drei Prozent erwerben, ohne das in einer sogenannten Stimmrechtsmitteilung öffentlich machen zu müssen.

Autoteile, Yachten und Designermode

Die Familie Hastor hat unter dem Dach der Prevent-Gruppe ein Firmenimperium* aufgebaut. Über Investmentholdings ist sie am Autozulieferer Grammer und am Küchenbauer Alno beteiligt. Foto: WirtschaftsWoche

Dieses klandestine Vorgehen ist geschickt: Die Firmen Halog und Cascade gelten juristisch als unabhängig. Selbst bei einem gemeinsamen Anteil von 30 Prozent müssten die Hastors daher kein Übernahmeangebot an die anderen Aktionäre abgeben, wie es das Wertpapiererwerbs- und Übernahmegesetz (WpÜG) üblicherweise verlangt.

Allerdings macht sich die Familie damit auch angreifbar: Arbeiten mehrere unabhängige Investoren zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels zusammen (sogenanntes „Acting in Concert“), müssen sie eigentlich eine Mitteilung abgeben, sofern sie mit ihren gemeinsamen Anteilen eine Meldeschwelle überschreiten. Andernfalls droht der Stimmrechtsentzug durch den Vorsitzenden des Aufsichtsrats, in diesem Fall Klaus Probst – dem die Hastors ohnehin vorwerfen, heimlich mit VW, dem größten Widersacher der Familie, zu paktieren.

Familie Hastor

Die Rebellen vom Balkan

von Martin Seiwert und Annina Reimann

Der Nachweis einer konzertierten Aktion dürfte allerdings schwer zu führen sein. Familienbande allein reichten dafür nämlich nicht aus, wie Aktienrechtsexperte Norbert Bröcker von der Düsseldorfer Kanzlei Hoffmann Liebs Fritsch & Partner erklärt. „Nach einem Stimmrechtsentzug durch den Versammlungsleiter können die Hastors eine Anfechtungsklage gegen den Beschluss anstrengen. Vor Gericht zählen dann nicht nur Anhaltspunkte, sondern handfeste Beweise wie Verträge oder andere Dokumente.“

Die Einhaltung der Meldepflichten wird zudem von der Bafin kontrolliert. In der vergangenen Woche kündigte die Behörde über eine Sprecherin an, den Handel mit Grammer-Aktien in den vergangenen Monaten „routinemäßig“ überprüfen zu wollen: „Wir werden uns das auf möglichen Marktmissbrauch wie Insiderhandel und Marktmanipulation hin ansehen.“

Grammer

"Neuaufträge im Wert von 300 Millionen Euro fehlen"

Laut Aufsichtsratschef des Autozulieferers Grammer hat der Machtkampf mit den Investoren der Familie Hastor für eine Halbierung der Auftragseingänge im ersten Quartal gesorgt.

von Annina Reimann

Dass die Hastors mit nicht einmal einem Viertel der Grammer-Anteile derart Unruhe stiften können, liegt an der großen Zahl der Grammer-Aktionäre, die den Hauptversammlungen normalerweise fernbleiben. In der Vergangenheit nahmen im Schnitt bloß rund 45 Prozent der Anleger an den jährlichen Treffen teil. Ein großer US-Fonds, der fast fünf Prozent an Grammer hält, war sogar noch nie angemeldet. Unter Normalbedingungen hätten die Hastors bei einer Abstimmung über den Aufsichtsrat daher wohl eine Mehrheit.

Ist der „weiße Ritter“ die Rettung?

Um das zu verhindern, hat sich Grammer allerdings den chinesischen Marktbegleiter Ningbo Jifeng ins Boot geholt, der als sogenannter „weißer Ritter“ inzwischen rund zwölf Prozent am Unternehmen hält und den Anliegen der Hastors nicht zustimmen wird. Mit dem Versuch, den Einstieg von Jifeng in letzter Minute zu verhindern, sind die Hastors am vergangenen Freitag vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth gescheitert.

Zudem hat der Grammer-Vorstand um die Stimmen der anderen Aktionäre geworben – und dabei unter anderem die Unterstützung der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre, der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz und dreier sogenannter „Proxy Advisors“, die unabhängige Empfehlungen für institutionelle Investoren abgeben, gewinnen können. Auch zahlreiche Stakeholder wie die Gewerkschaften, das bayerische Wirtschaftsministerium und natürlich die Autobauer hat Grammer hinter sich versammelt.

Setzen sich die Hastors dennoch mit der Neuwahl des Aufsichtsrats durch, hätte die Familie damit auch ohne Übernahme oder Beherrschungsvertrag faktisch die Kontrolle über Grammer gewonnen, wie Aktienrechtler Norbert Bröcker erklärt. „Bei einer feindlichen Übernahme ist der Aufsichtsrat der Dreh- und Angelpunkt.“ Denn das zwölfköpfige Gremium, das bei Grammer paritätisch mit Eigentümer- und Arbeitnehmervertretern besetzt ist, bestellt den Vorstand. Bei Stimmengleichheit entscheidet der Vorsitzende, den im Erfolgsfall wohl die Hastors stellen würden.

Schafft es Grammer dagegen, die Attacke der Hastors abzuwehren, ist das lediglich ein Etappensieg für den Sitzehersteller. Bei jeder zukünftigen Hauptversammlung stünde Grammer ceteris paribus vor demselben Problem: einem Großaktionär, der mit der Führung des Unternehmens unzufrieden ist und die Sache selbst in die Hand nehmen will. Auch die Hauptversammlung am Mittwoch dürfte den Machtkampf um Grammer vorerst nicht beenden.

Hastor-Anwalt Franz Enderle erklärte vorsorglich gegenüber der dpa: „Die Familie Hastor verschwindet nicht einfach nach der Hauptversammlung, egal wie das läuft“. Er stellte Anfechtungsklagen wegen des Engagements von Ningbo Jifeng in Aussicht: Ob die Chinesen zu Recht mitstimmten, werde „vermutlich der Bundesgerichtshof in fünf Jahren klären.“

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick