BörsenWoche 162 - Editorial: Irrationale Bewertungen, Blase voraus
Das Fintech-Unternehmen Ant Financial Services des chinesischen Milliardärs Jack Ma hat gerade bei Investoren 14 Milliarden Dollar eingesammelt. Laut Marktforscher Crunchbase ist das die größte bekannte Finanzierungsrunde eines privaten Unternehmens überhaupt.
Foto: REUTERSLiebe Leser,
die Party geht weiter. Das Fintech-Unternehmen Ant Financial Services des chinesischen Milliardärs Jack Ma hat gerade bei Investoren schlanke 14 Milliarden Dollar eingesammelt. Das ist laut Marktforscher Crunchbase die größte bekannte Finanzierungsrunde eines privaten Unternehmens überhaupt. Ant Financial Services, Betreiber des größten chinesischen Online-Bezahldienstes Alipay, strebt laut Gerüchten aus der Branche eine Bewertung von 150 Milliarden Dollar an und gilt als Kandidat für einen Börsengang.
Die Konkurrenz ist schon an die Börse gesprungen. Das Börsendebüt von Adyen machte dabei in Amsterdam mächtig Furore. Die Papiere des niederländischen Zahlungsdienstleisters wurden zunächst zu 240 Euro, dem höchsten Preis der Zeichnungsspanne, zugeteilt, und verdoppelten sich binnen Stunden auf 480 Euro. Stante pede kam Adyen damit auf einen Börsenwert von 14 Milliarden Euro, ein Viertel mehr, als die Commerzbank wert ist.
Nicht nur die Coba-Anteilseigner werden ob der Bewertung von Fintech-Unternehmen blass, sondern auch die letzten Anhänger der Deutschen Bank. Der Branchenprimus bringt an der Börse 19,5 Milliarden Euro auf die Waage, das deutsche Fintech Wirecard aber inzwischen 19 Milliarden Euro. Der Kurs des TecDax-Werts hat im Zuge der Höherbewertung von Ant Financial und Adyen ein Allzeithoch nach dem anderen markiert und binnen zehn Jahren nun schon 4400 Prozent an Wert zugelegt.
Wer nicht zu den Jungspunden an der Börse gehört, den müssen solchen Kursavancen zwangläufig an den Neuen Markt erinnern. Vor 20 Jahren, im Frühjahr 1998, ging etwa Drillisch an die Börse. Die Zeichnungsspanne war damals nach oben gesetzt worden, natürlich kam der Mobilfunkdienstleister zum höchstmöglichen Preis. Nur jeder zehnte Zeichnungsauftrag wurde überhaupt zugeteilt und dann auch nur zum Teil erfüllt. Kein Wunder also, dass Drillisch, die heute immer noch börsennotiert und zum Reich unseres Depotwertes United Internet gehören, schon zum ersten Kurs auf 330 D-Mark sprangen; der höchste Kurs am Tag der Erstnotiz lag sogar bei 470 D-Mark, was 446 Prozent Plus bedeutete. Im Zuge dessen stiegen vorbörslich andere Papiere an. CE Consumer etwa schossen im Handel per Erscheinen auf 400 D-Mark, kosteten zum IPO dann aber nur 105. Nun, der weitere Lauf der Neuen-Markt-Geschichte ist bekannt. Drillisch etwa fiel im Zuge des Techcrashs um 95 Prozent, Reste von CE handeln heute als kleine GmbH weiter PC-Bauteile.
Der irrationale Überschwang konzentriert sich heute stark auf mobiles und online Bezahlen und auf Kryptowährungen. Während bei letzteren Spekulanten schon hohe Verluste und Totalausfälle verbuchen, pumpt sich bei den Fintechs die Blase erst so richtig auf. Zwar sind hier künftige Marktführer unterwegs, und Wirecard wird bald sogar im Dax sein. Doch die Preise, die Anleger dafür inzwischen bezahlen, haben enorme Erwartungsprämien. Das Rückschlagpotenzial ist entsprechend.
Ihr
Christof Schürmann