Wirtschaft von oben #187 – Teil 1 – Flucht von Apple aus China: Hier entstehen die neuen iPhone-Fabriken – in Indien statt in China
Das gewaltige iPhone-City genannte Foxconn-Fabrikgelände im Süden der chinesischen Metropole Zhengzhou.
Foto: LiveEO/SPOTMitarbeiter der weltgrößten iPhone-Fabrik in Zhengzhou liefern sich eine Straßenschlacht mit chinesischen Polizisten. Wegen der strengen Null-Covid-Politik des Regimes in Peking stehen viele unter Quarantäne, müssen offenbar teils unter menschenunwürdigen Bedingungen in der Fabrik schlafen. Die Unruhen könnten den langsamen Rückzug Apples aus China in den kommenden Monaten noch einmal stark beschleunigen.
Neueste Satellitenbilder von LiveEO zeigen nun, mit wie viel Nachdruck der kalifornische Konzern schon jetzt in Indien eine iPhone-Fabrik nach der anderen hochziehen lässt, um sich schnellstmöglich von der Volksrepublik unabhängig zu machen.
Neben der Unsicherheit, die die eiserne Coronapolitik von Chinas Machthaber Xi Jinping mit sich bringt, ist das wachsende Zerwürfnis zwischen China und den USA ein weiterer Treiber. Die Regierung in Washington etwa hat erst vor wenigen Tagen den Verkauf chinesischer Huawei-Smartphones in den USA verboten.
Leidtragender der langsamen Trennung von Apple und China dürfte am Ende vor allem jene Fabrik gigantischen Ausmaßes sein, die der taiwanische Auftragsfertiger Foxconn seit 2010 im Süden von Zhengzhou aufgebaut hat. Inzwischen sind dort rund 200.000 Mitarbeiter beschäftigt. Die Anlage – flapsig iPhone-City genannt – besitzt sogar eigene Forschungs- und Hochschuleinrichtungen.
Rund 70 Prozent aller iPhones kommen von hier. Auch die neueste Generation, das iPhone 14. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte diese Woche vermeldet, die Produktion im November liege aufgrund der Corona-Quarantäne und der damit verbundenen Proteste mehr als 30 Prozent unter Plan. Das ist vor allem für das Weihnachtsgeschäft des US-Konzerns bitter. Um die 500.000 Stück kann die Megafabrik an nur einem Tag herstellen.
Seit wenigen Jahren produziert Apple das iPhone allerdings auch in Indien, das anders als China eine Demokratie ist – die größte weltweit. Und hier haben neben Foxconn zuletzt auch die taiwanischen Auftragsfertiger Wistron und Pegatron neue Fabriken für das Gerät gebaut. Zudem will der indische Mischkonzern Tata in die iPhone-Endmontage einsteigen, teilte Indiens Regierung vor wenigen Tagen mit. Der ist mit der Tochter Tata Electronics bereits Apple-Zulieferer.
Zwei der neu in Indien entstandenen Werke befinden sich im Speckgürtel der südostindischen Metropole Chennai. In deren Großraum leben heute fast neun Millionen Menschen. Etwa im Örtchen Sunguvarchatram, wo Foxconn seit 2019 iPhones baut. Drei Werkhallen und einige Bürogebäude gab es hier schon 2009, als Apple noch tief in China verwurzelt war. Das zeigen Satellitenbilder. Doch seit 2019 hat Foxconn hier drei zusätzliche Fabriken aufgebaut. Und drei weitere befinden sich gerade im Bau.
Rund 17.000 Mitarbeiter montieren an diesem Standort Apples iPhones. Bisher waren das vor allem ältere Modelle. Seit dem Herbst aber bauen sie hier auch das neue iPhone 14. Ein unverkennbares Signal, wie sehr es Apple gerade aus China herauszieht.
Foxconn besitzt sechs Kilometer östlich eine weitere Fabrik. Dort, rund um die Vororte Sunguvarchatram und Sriperumbudur, haben bereits viele andere internationale Unternehmen ihre Werke errichtet. Darunter die Autobauer Hyundai und Renault-Nissan.
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Allerdings gibt es auch in der indischen iPhone-Fabrik von Foxconn immer wieder mal Probleme. Ende 2021 etwa sorgte sie für Schlagzeilen, weil die zumeist weiblichen Mitarbeiter unter hygienisch fragwürdigen Bedingungen untergebracht waren. Wegen einer Lebensmittelvergiftung musste das Werk tagelang schließen. Apple stellte die Fabrik damals unter eine Art Bewährung.
Wohl auch darum will sich der US-Konzern in Indien lieber auf viele verschiedene Auftragsfertiger stützen statt sich vor allem von Foxconn abhängig zu machen. Der neueste vor Ort ist das taiwanische Unternehmen Pegatron, das südlich der Metropole Chennai ein großes iPhone-Werk gebaut hat. Pegatron montiert schon in China Geräte für Apple und erwirtschaftet laut Medienberichten heute etwa die Hälfte seines Umsatzes mit der Technik der Kalifornier.
Satellitenbilder zeigen Anfang 2019 erste Arbeiten für das Fundament der großen Fabrik. Mitte 2020 stand dann der erste Bauabschnitt. Im April dieses Jahres war das neue Werk zumindest äußerlich fertig. Auch hier bei Pegatron lässt Apple nun das neue iPhone 14 fertigen. Anfangs waren die in Indien gebauten Geräte vor allem für den indischen Markt bestimmt. Nun aber sollen sie vermehrt in den internationalen Export gehen.
Bereits 2025 werden 25 Prozent der weltweiten Apple-Produktion aus Indien kommen, erwartet die US-Bank J.P. Morgan. Derzeit sind es fünf Prozent.
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Ein weiterer Apple-Produzent in Indien ist Wistron. Das taiwanische Unternehmen hat sein Werk nahe der Stadt Bangalore aufgebaut. Nun verdoppelt es dort die Kapazität, wie aktuelle Satellitenaufnahmen zeigen. Es entsteht eine zweite Fabrik, ein Zwilling der ersten. Die Regierung in Neu-Delhi lockt die iPhone-Hersteller laut Medienberichten zurzeit mit hohen Subventionen.
Die Wistron-Fabrik, deren Gelände 2018 noch aus landwirtschaftlichen Feldern bestand, hat bisher vor allem einfache Basismodelle wie das iPhone SE produziert. iPhones zu montieren, gilt als Herausforderung, die Qualitäts- und Zeitvorgaben des US-Konzerns sind streng.
Und auch an diesem Standort gab es in der Vergangenheit schon Ärger. Ende 2020 hatten die Mitarbeiter vier Monate lang nach indischem Recht zu wenig Geld bekommen. Unruhen unter den Mitarbeitern brachten die Fertigung für drei Monate zum Erliegen. An der Fabrik und rund herum entstand ein Sachschaden von angeblich 60 Millionen Dollar. Auch in diesem Fall hat Apple eine Art Bewährungsstrafe über den Betreiber verhängt.
Die scheint allerdings abgegolten zu sein, denn aktuell verhandelt Wistron mit dem indischen Industriekonglomerat Tata darüber, eine weitere iPhone-Fertigung hochzuziehen. Die soll fünfmal so groß werden wie die aktuelle von Wistron in Indien.
Diese Fabrik wird südlich von Bangalore entstehen, nahe des Vororts Hosur. Ganz in der Nähe hat Tata Electronics schon ein neues Werk, das Gehäuseteile für iPhones produziert. Tata, das unter anderem auch Stahl und Autos herstellt, wäre dann der erste wirklich indische Auftragsfertiger für Apples iPhone. Indiens Telekommunikationsminister Ashwini Vaishnaw hatte Mitte November verkündet, dass allein dieser neue Standort bei Hosur um die 60.000 Mitarbeiter beschäftigen soll.
Konkurrent Foxconn will in den kommenden zwei Jahren von derzeit etwa 17.000 Beschäftigten in seiner indischen iPhone-Fabrik auf immerhin 70.000 Mitarbeiter wachsen.
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