
Tag 3 im Wirecard-Prozess: „Wirecard krankte de facto in allen Bereichen“
Der frühere Wirecard-Manager und Kronzeuge Oliver Bellenhaus kommt zur Fortsetzung des Prozesses in den Gerichtssaal. Laut Anklage sollen Bellenhaus, der ehemalige Vorstandschef Braun und weitere Angeklagte seit 2015 die Wirecard-Bilanzen gefälscht und kreditgebende Banken um 3,1 Milliarden Euro geschädigt haben. 100 Verhandlungstage sind bis ins Jahr 2024 hinein anberaumt.
Foto: dpaAm Anfang seiner Aussage, da kann man kaum glauben, dass es wirklich Oliver Bellenhaus ist, der da redet. Seine Stimme kommt nur dünn über das Mikro, der zierliche Mann im eng geschnittenen Anzug wirkt unsicher. Ist das der Oliver Bellenhaus, der zu seinen aktiven Wirecard-Zeiten als Großmaul und Proll verschrien war? Der im Sportwagen durch Dubai brauste und den breitbeinigen Auftritt zu lieben schien?
Der Oliver Bellenhaus, der hier heute im Wirecard-Prozess redet, kommt erst als Büßer daher – später aber auch als scharfzüngiger Kämpfer.
Zunächst also der Büßer: Er habe sich die Ereignisse jahrelang schöngeredet und sei erschrocken über sein eigenes Wesen, sagt Bellenhaus. Bedenken habe er schnell beiseite gewischt. "Wirecard war meine Identität geworden." Er selbst habe sich nie für gut und clever genug gehalten. Seine „blinde Loyalität“ zu Braun und Marsalek habe ihn schließlich ins Gefängnis gebracht. „Die ganze Sache war von Anfang an ein Schwindel. Irgendwann haben wir selbst daran geglaubt.“ Und: „Wirecard war ein Krebsgeschwür, das im Markt wild und unentdeckt wucherte.“
Bellenhaus ist der Kronzeuge der Münchner Staatsanwaltschaft. Weil er über den Milliardenbetrug ausgepackt hat, kam der langjährige Wirecard-Chef Markus Braun im Sommer 2020 in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft sieht Braun als Chef der Wirecard-Bande, die Milliardenumsätze aus Geschäften mit Drittpartnern erfunden hat – Braun sieht sich als Opfer einer kriminellen Bande um den flüchtigen Ex-Vorstand Jan Marsalek und Bellenhaus.
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Auf Bellenhaus kommt es an – sowohl für die Münchner Ermittler als auch für Markus Braun und dessen Anwalt Alfred Dierlamm. Der hatte an diesem Morgen Bellenhaus erneut heftig angegriffen, von Millionenbeträgen gesprochen, die Bellenhaus mit seiner Frau beiseitegeschafft haben soll und die Staatsanwaltschaft kritisiert, weil sie den Geldströmen nicht nachgegangen sei. „Was wurde noch nicht alles dokumentiert?“, hat Dierlamm gefragt und erneut das Gericht aufgefordert, das Hauptverfahren auszusetzen – und an die Staatsanwaltschaft zurückzugeben. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass Bellenhaus dem Gericht „weitere Lügen auftischt“.
„Wo Dr. Braun war, war Jan Marsalek meist nicht weit“
Jetzt also Bellenhaus. Je länger er spricht, desto fester wird seine Stimme, desto lauter spricht er. Er greift Braun an, beschreibt ihn als machtbewussten Chef, der das Unternehmen kontrolliert hat, an dem sich alles ausgerichtet hat. „Dr. Braun hatte ein überwältigendes Talent, Geschichten zu erzählen und Jan Marsalek hatte einen unglaublichen Instinkt für das, was in anderen vorging. Wo Dr. Braun war, war Jan Marsalek meist nicht weit.“ Er sieht Braun als Mastermind des Milliardenbetrugs. Als denjenigen, der irre Wachstumsziele vorgab – die nur mit gefälschten Zahlen zu erreichen waren.
Ende 2018 sei ihm deutlich geworden, dass das System nicht mehr tragbar war. „Die Wirecard krankte de facto in allen Bereichen.“ Braun habe das unterschätzt, sei von seinem Wachstumskurs „berauscht“ gewesen. „Der Gradmesser war der Aktienkurs – und dafür war jedes Mittel recht.“
Und weiter: „Dr. Braun herrschte, die unangenehmen Dinge hatten die Adlaten zu erledigen.“ Marsalek habe „den lästigen Alltagskram, wie das Management der Helfer und Statisten“ übernehmen müssen, Stephan von Erffa „die Details zu den geschönten Bilanzen“ und er selbst die Verantwortung für das erfundene Geschäft mit Drittpartnern. „Die E-Mails, Kontakte, Telefonate, Verträge aus diesem Bereich hatten in den meisten Fällen Jan Marsalek und ich zu erledigen.“ Die Prognosen für das Jahr wurden nicht etwa am Jahresanfang gemacht, sondern am Jahresende auf die jeweiligen Bedürfnisse angepasst, erzählt er.
Doch Bellenhaus greift auch den mitangeklagten ehemaligen Chefbuchhalter Stephan von Erffa an. „Stephan, du bist von uns dreien die Person mit dem größten Detailwissen“, sagt Bellenhaus zu von Erffa – und bekommt vom Vorsitzenden Richter Markus Födisch für die direkte Ansprache später einen Rüffel. Von Erffa habe „Beißhemmungen“ gegenüber Braun, sagt Bellenhaus. Der Ärger darüber, dass von Erffa nicht auch auspackt, ist ihm anzusehen. Von Erffa war nicht nur Bellenhaus' Vorgesetzter, er wird von Bellenhaus auch als engster Komplize beim Fälschen der Zahlen beschrieben.
Gefälschte Protokolle
2018 habe er dann zum ersten Mal vom MCA-Geschäft gehört – ein Geschäft, mit dem Wirecard angeblich Händlerzahlungen vorfinanzieren wollte. Er habe für das MCA-Produkt Abrechnungen erstellen müssen.
Zum Hintergrund: Laut Staatsanwaltschaft sollen Braun und von Erffa 2017 beschlossen haben, das MCA-Geschäft für ihren „Tatplan“ zu nutzen. Gegenüber den Wirtschaftsprüfern erweckte Wirecard den Eindruck, dass die TPA-Gewinne, die sich auf Treuhandkonten in Singapur und später auf den Philippinen befunden haben sollen, jederzeit verfügbar waren. Also sollten MCA-Darlehen aus dem Treuhandguthaben vergeben werden.
Bellenhaus bekräftigt, dass das MCA-Geschäft nur erfunden wurde, um die Verfügbarkeit von TPA-Geldern vorzutäuschen. Das Geld soll vor allem von drei Drittpartnern gekommen sein: Al Alam in Dubai, Senjo in Singapur und Payeasy auf den Philippinen. Es seien zweistellige Millionenbeträge im Kreis gelaufen, um das TPA-Geschäft vorzugaukeln.
Auch den veruntreuten Betrag in Höhe von 1,9 Milliarden Euro zweifelt Bellenhaus an. „Der Betrag müsste deutlich höher sein“, sagt Bellenhaus. Er beziffert ihn auf 2,5 Milliarden Euro. Das Bruttovolumen der Transaktionen zwischen 2016 und 2019 hätte dafür 130 Milliarden Euro betragen müssen. Völlig unrealistisch. Das Geld war nie da – und das MCA-Geschäft ein weiterer Beleg dafür, wie Wirecard versuchte, Gewinnausschüttungen aus den Treuhandkonten zu verhindern. Denn die Konten waren leer.
Die TPA-Partner hätten zu 100 Prozent ihren Profit an Wirecard abgegeben. Für die Drittpartner ein zu offensichtlich schlechtes Geschäft, wie Bellenhaus findet. Keiner der Partner hätte die nötigen Lizenzen für die Abwicklung von Kreditkartentransaktionen gehabt.
Daten-Frisieren mit Zahlen aus dem Telefonbuch
Auch über seine Rolle bei der KPMG-Sonderuntersuchung spricht Bellenhaus. KPMG war im Herbst 2019 von Wirecard engagiert worden, um Vorwürfe zum TPA-Geschäft auszuräumen. Bellenhaus erzählt, wie er, Marsalek und von Erffa die Daten für den gesamten Prüfungszeitraum in einer Hotelsuite in Dubai zusammenstellen – mit einem Datengenerator, der anhand von echten Daten angebliche Drittpartner-Transaktionen erzeugte. Verdächtige Zahlen wurden händisch korrigiert. Die Daten zum Frisieren hätten teilweise aus Telefonbüchern aus dem Internet gestammt.
Sein Fazit: Das TPA-Geschäft bei Wirecard gab es nicht.
Die Transaktionen, mit denen Braun eine Existenz des Drittpartnergeschäfts belegen will, hatten ihm zufolge nichts mit dem Drittpartnergeschäft zu tun. Es seien andere Umsätze gewesen – eigene Umsätze aus Nicht-Wirecard-Geschäften. Und Scheingeschäfte, bei denen Wirecard-Geld im Kreis überwiesen wurde, um angebliche Geschäftstätigkeit vorzutäuschen.
Bellenhaus wirft Braun und dessen Verteidiger Dierlamm Ablenkungsmanöver, Lügen und Fehlinterpretationen vor. Und Braun? Der ballt bei Bellenhaus` Statement zwar mal die Faust oder faltet die Hände. Was er denkt, kann man an seinem Gesicht nicht ablesen. Mitte Januar will auch er sich vor Gericht äußern.
Lesen Sie nachfolgend das WirtschaftsWoche-Live-Blog vom zweiten Prozesstag:

























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