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Tag 3 im Wirecard-Prozess„Wirecard krankte de facto in allen Bereichen“

Wirecards ehemaliger Dubai-Statthalter Oliver Bellenhaus belastet den langjährigen Konzernchef Braun vor Gericht schwer – der will sich im Januar persönlich äußern.Volker ter Haseborg, Angelika Melcher 19.12.2022 - 16:34 Uhr

Der frühere Wirecard-Manager und Kronzeuge Oliver Bellenhaus kommt zur Fortsetzung des Prozesses in den Gerichtssaal. Laut Anklage sollen Bellenhaus, der ehemalige Vorstandschef Braun und weitere Angeklagte seit 2015 die Wirecard-Bilanzen gefälscht und kreditgebende Banken um 3,1 Milliarden Euro geschädigt haben. 100 Verhandlungstage sind bis ins Jahr 2024 hinein anberaumt.

Foto: dpa

Am Anfang seiner Aussage, da kann man kaum glauben, dass es wirklich Oliver Bellenhaus ist, der da redet. Seine Stimme kommt nur dünn über das Mikro, der zierliche Mann im eng geschnittenen Anzug wirkt unsicher. Ist das der Oliver Bellenhaus, der zu seinen aktiven Wirecard-Zeiten als Großmaul und Proll verschrien war? Der im Sportwagen durch Dubai brauste und den breitbeinigen Auftritt zu lieben schien?

Der Oliver Bellenhaus, der hier heute im Wirecard-Prozess redet, kommt erst als Büßer daher – später aber auch als scharfzüngiger Kämpfer.

Zunächst also der Büßer: Er habe sich die Ereignisse jahrelang schöngeredet und sei erschrocken über sein eigenes Wesen, sagt Bellenhaus. Bedenken habe er schnell beiseite gewischt. "Wirecard war meine Identität geworden." Er selbst habe sich nie für gut und clever genug gehalten. Seine „blinde Loyalität“ zu Braun und Marsalek habe ihn schließlich ins Gefängnis gebracht. „Die ganze Sache war von Anfang an ein Schwindel. Irgendwann haben wir selbst daran geglaubt.“ Und: „Wirecard war ein Krebsgeschwür, das im Markt wild und unentdeckt wucherte.“

Bellenhaus ist der Kronzeuge der Münchner Staatsanwaltschaft. Weil er über den Milliardenbetrug ausgepackt hat, kam der langjährige Wirecard-Chef Markus Braun im Sommer 2020 in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft sieht Braun als Chef der Wirecard-Bande, die Milliardenumsätze aus Geschäften mit Drittpartnern erfunden hat – Braun sieht sich als Opfer einer kriminellen Bande um den flüchtigen Ex-Vorstand Jan Marsalek und Bellenhaus.

Lesen Sie auch: Die wichtigsten Akteure des Wirecard-Skandals

Auf Bellenhaus kommt es an – sowohl für die Münchner Ermittler als auch für Markus Braun und dessen Anwalt Alfred Dierlamm. Der hatte an diesem Morgen Bellenhaus erneut heftig angegriffen, von Millionenbeträgen gesprochen, die Bellenhaus mit seiner Frau beiseitegeschafft haben soll und die Staatsanwaltschaft kritisiert, weil sie den Geldströmen nicht nachgegangen sei. „Was wurde noch nicht alles dokumentiert?“, hat Dierlamm gefragt und erneut das Gericht aufgefordert, das Hauptverfahren auszusetzen – und an die Staatsanwaltschaft zurückzugeben. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass Bellenhaus dem Gericht „weitere Lügen auftischt“.

„Wo Dr. Braun war, war Jan Marsalek meist nicht weit“

Jetzt also Bellenhaus. Je länger er spricht, desto fester wird seine Stimme, desto lauter spricht er. Er greift Braun an, beschreibt ihn als machtbewussten Chef, der das Unternehmen kontrolliert hat, an dem sich alles ausgerichtet hat. „Dr. Braun hatte ein überwältigendes Talent, Geschichten zu erzählen und Jan Marsalek hatte einen unglaublichen Instinkt für das, was in anderen vorging. Wo Dr. Braun war, war Jan Marsalek meist nicht weit.“ Er sieht Braun als Mastermind des Milliardenbetrugs. Als denjenigen, der irre Wachstumsziele vorgab – die nur mit gefälschten Zahlen zu erreichen waren.

Das war der zweite Tag im Wirecard-Prozess

„Game Over“

von Angelika Melcher und Melanie Bergermann

Ende 2018 sei ihm deutlich geworden, dass das System nicht mehr tragbar war. „Die Wirecard krankte de facto in allen Bereichen.“ Braun habe das unterschätzt, sei von seinem Wachstumskurs „berauscht“ gewesen. „Der Gradmesser war der Aktienkurs – und dafür war jedes Mittel recht.“

Und weiter: „Dr. Braun herrschte, die unangenehmen Dinge hatten die Adlaten zu erledigen.“ Marsalek habe „den lästigen Alltagskram, wie das Management der Helfer und Statisten“ übernehmen müssen, Stephan von Erffa „die Details zu den geschönten Bilanzen“ und er selbst die Verantwortung für das erfundene Geschäft mit Drittpartnern. „Die E-Mails, Kontakte, Telefonate, Verträge aus diesem Bereich hatten in den meisten Fällen Jan Marsalek und ich zu erledigen.“ Die Prognosen für das Jahr wurden nicht etwa am Jahresanfang gemacht, sondern am Jahresende auf die jeweiligen Bedürfnisse angepasst, erzählt er.

Doch Bellenhaus greift auch den mitangeklagten ehemaligen Chefbuchhalter Stephan von Erffa an. „Stephan, du bist von uns dreien die Person mit dem größten Detailwissen“, sagt Bellenhaus zu von Erffa – und bekommt vom Vorsitzenden Richter Markus Födisch für die direkte Ansprache später einen Rüffel. Von Erffa habe „Beißhemmungen“ gegenüber Braun, sagt Bellenhaus. Der Ärger darüber, dass von Erffa nicht auch auspackt, ist ihm anzusehen. Von Erffa war nicht nur Bellenhaus' Vorgesetzter, er wird von Bellenhaus auch als engster Komplize beim Fälschen der Zahlen beschrieben.

Gefälschte Protokolle

2018 habe er dann zum ersten Mal vom MCA-Geschäft gehört – ein Geschäft, mit dem Wirecard angeblich Händlerzahlungen vorfinanzieren wollte. Er habe für das MCA-Produkt Abrechnungen erstellen müssen.

Zum Hintergrund: Laut Staatsanwaltschaft sollen Braun und von Erffa 2017 beschlossen haben, das MCA-Geschäft für ihren „Tatplan“ zu nutzen. Gegenüber den Wirtschaftsprüfern erweckte Wirecard den Eindruck, dass die TPA-Gewinne, die sich auf Treuhandkonten in Singapur und später auf den Philippinen befunden haben sollen, jederzeit verfügbar waren. Also sollten MCA-Darlehen aus dem Treuhandguthaben vergeben werden.

Bellenhaus bekräftigt, dass das MCA-Geschäft nur erfunden wurde, um die Verfügbarkeit von TPA-Geldern vorzutäuschen. Das Geld soll vor allem von drei Drittpartnern gekommen sein: Al Alam in Dubai, Senjo in Singapur und Payeasy auf den Philippinen. Es seien zweistellige Millionenbeträge im Kreis gelaufen, um das TPA-Geschäft vorzugaukeln.

Tricksen, tarnen, täuschen

Wie der Wirecard-Vorstand immer wieder davon kam

von Melanie Bergermann und Volker ter Haseborg

Auch den veruntreuten Betrag in Höhe von 1,9 Milliarden Euro zweifelt Bellenhaus an. „Der Betrag müsste deutlich höher sein“, sagt Bellenhaus. Er beziffert ihn auf 2,5 Milliarden Euro. Das Bruttovolumen der Transaktionen zwischen 2016 und 2019 hätte dafür 130 Milliarden Euro betragen müssen. Völlig unrealistisch. Das Geld war nie da – und das MCA-Geschäft ein weiterer Beleg dafür, wie Wirecard versuchte, Gewinnausschüttungen aus den Treuhandkonten zu verhindern. Denn die Konten waren leer.

Die TPA-Partner hätten zu 100 Prozent ihren Profit an Wirecard abgegeben. Für die Drittpartner ein zu offensichtlich schlechtes Geschäft, wie Bellenhaus findet. Keiner der Partner hätte die nötigen Lizenzen für die Abwicklung von Kreditkartentransaktionen gehabt.

Daten-Frisieren mit Zahlen aus dem Telefonbuch

Auch über seine Rolle bei der KPMG-Sonderuntersuchung spricht Bellenhaus. KPMG war im Herbst 2019 von Wirecard engagiert worden, um Vorwürfe zum TPA-Geschäft auszuräumen. Bellenhaus erzählt, wie er, Marsalek und von Erffa die Daten für den gesamten Prüfungszeitraum in einer Hotelsuite in Dubai zusammenstellen – mit einem Datengenerator, der anhand von echten Daten angebliche Drittpartner-Transaktionen erzeugte. Verdächtige Zahlen wurden händisch korrigiert. Die Daten zum Frisieren hätten teilweise aus Telefonbüchern aus dem Internet gestammt.

Sein Fazit: Das TPA-Geschäft bei Wirecard gab es nicht.

Die Transaktionen, mit denen Braun eine Existenz des Drittpartnergeschäfts belegen will, hatten ihm zufolge nichts mit dem Drittpartnergeschäft zu tun. Es seien andere Umsätze gewesen – eigene Umsätze aus Nicht-Wirecard-Geschäften. Und Scheingeschäfte, bei denen Wirecard-Geld im Kreis überwiesen wurde, um angebliche Geschäftstätigkeit vorzutäuschen.

Bellenhaus wirft Braun und dessen Verteidiger Dierlamm Ablenkungsmanöver, Lügen und Fehlinterpretationen vor. Und Braun? Der ballt bei Bellenhaus` Statement zwar mal die Faust oder faltet die Hände. Was er denkt, kann man an seinem Gesicht nicht ablesen. Mitte Januar will auch er sich vor Gericht äußern.


Lesen Sie nachfolgend das WirtschaftsWoche-Live-Blog vom zweiten Prozesstag:

19.12.2022 – 15:04 Uhr Volker ter Haseborg
Und damit bin ich am Ende meines Ticker-Tages in München. Ich setze mich jetzt noch mit meiner Kollegin Angelika Melcher an ein zusammenfassendes Stück, das Sie später auf wiwo.de lesen können. Und bin Mittwoch wieder hier, wenn die nächste Verhandlung stattfinden soll. Danke fürs Mitlesen - und bis bald!
19.12.2022 – 14:57 Uhr Volker ter Haseborg
Braun schlendert mit seinem Laptop unterm Arm raus. 
19.12.2022 – 14:56 Uhr Volker ter Haseborg
Die Sitzung wird gleich für heute geschlossen. 
19.12.2022 – 14:55 Uhr Volker ter Haseborg
"So, jetzt bin ich fertig. Ich physischer und psychischer Hinsicht." Bellenhaus ist fertig. 
19.12.2022 – 14:44 Uhr Volker ter Haseborg
Braun sitzt direkt hinter Bellenhaus. Er hört dem Vortrag unbewegt zu. 
19.12.2022 – 14:37 Uhr Volker ter Haseborg
Bellenhaus nennt Brauns zentrale These die "Selbstzahler"-These. Heißt: Das TPA-Geschäft hat es gegeben, Geld daraus soll von Marsalek und Bellenhaus hinter Brauns Rücken gestohlen worden sein. 
19.12.2022 – 14:35 Uhr Volker ter Haseborg
Die Senjo-Tochter PXP hat sehr wohl Transaktionen durchgeführt. Allerdings waren dies eigene Geschäfte, keine TPA-Geschäfte für Wirecard, sagt Bellenhaus. 
19.12.2022 – 14:31 Uhr Volker ter Haseborg
Der Vertrieb der Wirecard hätte Tausende Händler an die Senjo-Tochter PXP vermittelt haben müssen, wenn Brauns These stimmt, sagt Bellenhaus. "Bis heute hat sich kein Mitarbeiter von Wirecard oder PXP gefunden, der von solchen Vorgängen berichten konnte." 
19.12.2022 – 14:28 Uhr Volker ter Haseborg
Auch in der Senjo-Gruppe hätten Umsätze stattgefunden. Diese jedoch hatten nichts mit dem TPA-Geschäft von Wirecard zu tun, sagt Bellenhaus. 
19.12.2022 – 14:26 Uhr Volker ter Haseborg
Bellenhaus spricht jetzt über Senjo, den dritten großen Drittpartner. Senjo wurde schon seit 2012 von Wirecard-Mitarbeitern inoffiziell gesteuert, sagt Bellenhaus. 
19.12.2022 – 14:20 Uhr Volker ter Haseborg
Andere Summen seien von Senjo kommend von Al Alam an Wirecard weitergereicht worden, sagt Bellenhaus und nennt weitere Kreislauf-Geldströme.
19.12.2022 – 14:19 Uhr Volker ter Haseborg
Die Geldeingänge auf dem Konto von Al Alam kamen von Wirecard selbst oder von Al Alam selbst. Man könnte sie nicht dem TPA-Geschäft zuordnen, sagt Bellenhaus. Er wirft Dierlamm eine "Milchmädchenrechnung" vor.
19.12.2022 – 14:10 Uhr Volker ter Haseborg
Die Firmen Centurion und Conepay seien nicht dem TPA-Geschäft zuzuordnen, sagt Bellenhaus.
19.12.2022 – 14:03 Uhr Volker ter Haseborg
Worauf Bellenhaus hinaus will: Die Transaktionen, mit denen Braun eine Existenz des Drittpartnergeschäfts belegen will, hatten ihm zufolge nichts mit dem Drittpartnergeschäft zu tun. 
19.12.2022 – 14:02 Uhr Volker ter Haseborg
Richter Födisch ermahnt Bellenhaus, weil er vorhin die Mitangeklagten persönlich angesprochen hat. "Ich kann das nicht akzeptieren."
19.12.2022 – 14:00 Uhr Volker ter Haseborg
Schon im Juni 2020 hätte er gegenüber den Ermittlern gesagt, dass Payeasy eigenes Geschäft (ohne Wirecard) macht. 
19.12.2022 – 13:54 Uhr Volker ter Haseborg
"Stephan, du bist von uns dreien die Person mit dem größten Detailwissen", sagt Bellenhaus zu von Erffa.
19.12.2022 – 13:53 Uhr Volker ter Haseborg
Ablenkungsmanöver, Lügen, Fehlinterpretationen. So wie früher, zu aktiven Zeiten als Wirecard-Chef. Das wirft Bellenhaus Braun vor. 
19.12.2022 – 13:51 Uhr Volker ter Haseborg
Die These, das TPA-Geschäft habe es doch gegeben? Absurd.
19.12.2022 – 13:50 Uhr Volker ter Haseborg
Dierlamm verschweige Kausalzusammenhänge.
19.12.2022 – 13:50 Uhr Volker ter Haseborg
Es geht um die "Provokationen" von Braun-Anwalt Dierlamm.
19.12.2022 – 13:49 Uhr Volker ter Haseborg
Bellenhaus kündigt Klartext an.
19.12.2022 – 13:48 Uhr Volker ter Haseborg
Es geht weiter.
19.12.2022 – 13:12 Uhr Volker ter Haseborg
20 Minuten Pause. Bellenhaus ist noch nicht fertig.
19.12.2022 – 13:10 Uhr Volker ter Haseborg
Die Treuhandkonten hätten einzig und allein dem Zweck gedient, Milliarden-Gewinne vorzugaukeln. Wirecard hatte ja damals gesagt, dass das Geld für etwaige Ausfallzahlungen aufbewahrt werden sollten. Doch das wäre überhaupt nicht nötig gewesen, sagt Bellenhaus.
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