US-Schuldenstreit: Das würde ein Staatsbankrott der USA für die Märkte bedeuten
Ein Zahlungsausfall der USA hätte weitreichende Folgen für die Märkte.
Foto: dpaIn den USA läuft ein Wettlauf gegen die Zeit: Der größten Volkswirtschaft der Welt droht die Zahlungsunfähigkeit. Wenn die Staatslenker keine Lösung finden, könnten die USA bereits am 1. Juni nicht mehr genug Mittel haben, um ihre Schulden zu bedienen. Diese harte Deadline brachte US-Finanzministerin Janet Yellen als „Datum X“ ins Spiel. Manche Experten geben etwas optimistischere Einschätzungen ab und glauben, dass die USA bis Juli durchhalten könnten – wenn sich der Kongress nicht einigt.
Alle paar Jahre streiten sich US-Politiker um die Erhöhung der Schuldengrenze. Aktuell liegt sie bei 31,4 Billionen Dollar. Anders als in Deutschland, wo die im Grundgesetz festgelegte Schuldenbremse grundsätzlich fixe Vorgaben macht, gibt es in den USA keine feste Schuldengrenze. Vielmehr kann die vorhandene Grenze verschoben werden. Ein Selbstläufer ist das aber nicht. Immerhin spricht die Historie dafür, dass auch dieses Mal alles gut geht. Seit 1960 wurde die Schuldengrenze bereits 78 Mal angehoben.
Wenn sehr bedrohliche Ereignisse wiederholt auftauchen, sich letztlich aber immer in Wohlgefallen auflösen, dann verlieren sie an Schrecken. Auch deshalb bleiben Investoren rund um den Globus angesichts des Risikos durch einen möglichen Zahlungsausfall der USA wohl ausgesprochen gelassen.
Dabei ist das Risikopotential beachtlich. „Ein Zahlungsausfall der USA wäre ein enormer Schock für das Weltfinanzsystem. Zu rechnen wäre mit mehr Volatilität, einem schwächeren Dollar, illiquiden Geldmärkten und einem Börsenkrach“, warnt Chris Iggo, Anlagemanager bei Axa Investment Managers, dem Investmentzweig des Axa-Versicherungskonzern. Sorgen, die auch an den Finanzmärkten bald noch deutlicher zu spüren sein könnten. Droht Anlegern das nächste große Chaos?
Wie schlimm könnte der Schuldenstreit für Aktien werden?
Wenn Anleger eines nicht mögen, dann ist es Unsicherheit. Der Schuldenstreit bremst die zuletzt optimistischere Stimmung an den Börsen etwas aus. Und sollte es tatsächlich zu einem längeren Zahlungsausfall der USA kommen, drohen erhebliche Kursverluste. Das „Council of Economic Advisers“ (CEA), ein Beratungsorgan des US-Präsidenten, prognostiziert für diesen Fall einen Einbruch des Aktienmarktes um 45 Prozent im dritten Quartal – eine Horrorvorstellung.
Wie stark allein die hypothetische Möglichkeit eines Zahlungsausfall den Märkten zusetzen kann, zeigte sich beim Haushaltsstreit im Jahr 2011. Erst kurz vorm Stichtag hatten sich Demokraten und Republikaner darauf geeinigt, die Schuldengrenze anzuheben. Der breit gefasste US-Index S&P 500 verlor in der Zeit von Ende Juli bis Mitte April 18 Prozent an Wert. Die Unsicherheit traf auch deutsche Anleger: Der Leitindex Dax sackte damals bis Mitte September in der Spitze um gut 30 Prozent ab.
Die meisten Experten rechnen zwar mit einer Einigung, unter Umständen auf den letzten Drücker, doch allein „die Unsicherheit durch die Pattsituation rund um die Schuldenobergrenze“ könnte im Vorfeld „zu einem Abverkauf von US-Risikoanlagen führen und möglicherweise die Rezession beschleunigen“, sagt Seema Shah, Chief Global Strategist bei der Investmentgesellschaft Principal Asset Management.
Es empfiehlt sich also, das Szenario „US-Zahlungsausfall“ zumindest als Option mitzudenken. Angesichts der doch überschaubaren Wahrscheinlichkeit wäre es aber nicht sinnvoll, die komplette Anlagestrategie deshalb über den Haufen zu werfen. Vielmehr ist es sinnvoll, an einigen Stellschrauben zu drehen und eine dauerhaft sinnvolle Anlagestrategie etwas anzupassen. „Im Anleihebereich sind dafür insbesondere Papiere mit mittlerer und langer Duration interessant. Im Aktienbereich bevorzugen wir unter anderem globale Infrastrukturwerte“, sagt Saira Malik, Anlagemanager beim US-Vermögensverwalter Nuveen.
Anleger sollen eher auf defensive Aktien setzen
Die US-Vermögensverwaltungsgesellschaft Nuveen rät bei Aktien zu defensiven Titel. Für diese spräche schon die Rezessionsgefahr im Jahresverlauf, die Bedrohung durch einen US-Zahlungsausfall käme noch hinzu. Interessant seien etwa weltweite Infrastruktur-Investments, deren Erträge wenig zyklisch sind und die von gut planbaren Cashflows profitieren.
Seit 2001 hätten Infrastrukturinvestments nur 70 bis 80 Prozent der Verluste am Aktienmarkt mitgemacht – wohingegen sie in Aufschwungphasen ähnlich profitiert haben wie ein breiter Branchenmix. Wer auf Nummer sicher gehen wolle, könne dabei eher auf Infrastruktur außerhalb der USA setzen – oder innerhalb der USA auf besonders schwankungsarme Bereiche, etwa Telekommunikationsinfrastruktur.
Aktien hätten es vor allem schwerer, weil die USA für ihre ausgegebenen Staatsanleihen höhere Kupons, also Zinsen, zahlen müssten. Bislang galten US-Bonds als risikofrei, schließlich kam es noch nie vor, dass die Vereinigten Staaten als Schuldner ausfielen. Sollte dies passieren, würde eine Kettenreaktion in Gang gesetzt.
Wegen des gestiegenen Risikoniveaus müssten die USA höhere Finanzierungskosten schultern. Die Ratingagenturen würden die Kreditwürdigkeit der USA herabsetzen. Zuletzt gab es von Moodys's noch ein Aaa, die Bestnote. Eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit träfe nicht nur den Staat als Schuldner, sondern auch US-Unternehmen bekämen schlechtere Ratings und müssten ihre Anleihekupons größer bemessen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Somit würden auch für Unternehmen die Finanzierungskosten steigen.
Das Bangen um die Zahlungsfähigkeit belastet den Anleihemarkt
Ein Zahlungsausfall der USA träfe den Bondmarkt also besonders. Laut Benjamin Bente, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Vates Invest, wäre das „für das Weltfinanzsystem tatsächlich der GAU“. US-Papiere würden dann nämlich nicht mehr zur Deckung anderer Vermögenswerte eingesetzt. „Allerdings ist das natürlich ein absoluter Extremfall, dessen Konsequenzen so dramatisch sind, dass dies auch den politischen Führern bewusst ist“, sagt Bente.
Doch schon jetzt sorgen die Unsicherheiten für Bewegungen am Anleihemarkt. Wer den USA derzeit über einen längeren Zeitraum Geld leiht, kommt auf eine niedrigere Rendite als bei kurzfristigen Investments.
Denn bei Kurzfrist-Anlagen würde sich ein Zahlungsstopp zuerst bemerkbar machen. Anleger wollen für das größere Risiko bei Kurzläufern daher angemessen entschädigt werden. Das hat deren Kurse gedrückt und die Rendite steigen lassen. US-Bonds mit dreimonatiger Restlaufzeit rentieren derzeit mit 5,12 Prozent. Für Papiere, die erst in drei Jahren fällig werden, gibt es nur gut vier Prozent Rendite. Eine weitere Entwicklung offenbart die angespannte Lage: Es wird teurer, sich gegen einen Ausfall von US-Staatsanleihen abzusichern. Das geht mit speziellen Kreditausfallversicherungen, sogenannten Credit Default Swaps (CDS). Ob Investoren diese Versicherung wirklich brauchen, wird sich wohl bald herausstellen.
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