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Apotheker-Protesttag„Die Proteste am Mittwoch könnten auch nur der Anfang sein“

An diesem Mittwoch streiken die Apotheker für höhere Honorare und weniger Bürokratie. Der Pharmazeut Thomas Preis spricht über dramatische Lieferengpässe, hohe Kosten – und warum die Streiks weitergehen könnten.Jürgen Salz 14.06.2023 - 08:35 Uhr

Bundesweiter Protesttag: Apotheker streiken am Mittwoch, Apotheken bleiben geschlossen.

Foto: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Preis, Sie führen zwei Apotheken in Köln. Streiken Sie am Mittwoch?
Thomas Preis: Ja, beide Apotheken sind dann geschlossen. Gemeinsam mit meinem Sohn, mit dem ich die beiden Apotheken leite, bin ich auf der großen Protestdemonstration der Apotheker in Düsseldorf. Dort werden 5000 Teilnehmer erwartet.

Geht es den Apotheken so schlecht? Nach unabhängigen Zahlen erwirtschaftet jede Apotheke im Schnitt einen Gewinn von 80 000 Euro, davon sind die Steuern schon abgezogen.
Ja, aber das ist ein Durchschnittswert. Einige große Apotheken, die sehr gut verdienen, ziehen den Schnitt nach oben. Bei vielen kleineren Apotheken ist es oft so, dass die Angestellten mehr verdienen als die Chefin oder der Chef, die sich nur ein geringes Gehalt zahlen. Die meisten Apotheken leiden unter zu viel Bürokratie, hohen Kosten und geringen Honoraren.   

Darüber klagen die Apotheker schon länger. Warum findet der Protesttag ausgerechnet jetzt statt?
Weil die Versorgung der Patienten immer schwieriger wird. Derzeit gibt es Lieferprobleme bei 500 Medikamenten, weil sich etwa die Produktion für viele Hersteller nicht mehr lohnt oder Vorprodukte aus Asien fehlen. Das ist ein trauriger Rekord. Jedes zweite Rezept, das in deutschen Apotheken eingereicht wird, ist von Lieferengpässen betroffen.

Zur Person
Thomas Preis betreibt eigene Apotheken in Köln und ist Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein.

Die Bundesregierung bereitet gerade ein Gesetz zur Beseitigung von Lieferengpässen vor, wonach etwa die Hersteller von Antibiotika und Kinderarzneimitteln höhere Preise nehmen dürfen. Was halten Sie davon?
Andere Therapien, etwa Krebsmedikamente, kommen dabei leider nicht vor. Das ist noch nicht mal ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir Apotheker warnen seit Jahren vor Medikamenten-Engpässen. Die aktuellen Lieferprobleme setzen das Apothekenpersonal enorm unter Druck.  

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Inwiefern?
Wir könnten eine eigene Vollzeitkraft einstellen, die sich nur um die Beseitigung von Lieferproblemen kümmert. Meine Mitarbeiterinnen sowie Mitarbeiter und ich sind damit etliche Stunden in der Woche beschäftigt. Wir fragen dann beim Großhandel ab, ob das betreffende Medikament noch irgendwie verfügbar ist. Falls nicht, müssen wir Alternativen suchen. Der genau gleiche Wirkstoff ist allerdings häufig auch nicht verfügbar. Sofern es sich dann um ein wirkstoffähnliches Präparat handelt, müssen wir Rücksprache mit der Ärztin oder dem Arzt halten. Es ist nicht einfach, den oder die ans Telefon zu bekommen. Oder die Praxis ist gleich ganz geschlossen. Besonders schwierig ist es am Wochenende. All das muss natürlich auch sauber dokumentiert werden, damit die Kasse nicht am Ende uns Apothekern aus formalen Gründen das Honorar verweigert. Wir fordern hier mehr Handlungsfreiheit für die Apotheken.

Shop Apotheke

„Da werden noch 600 Millionen Papier-Rezepte durch die Republik verschickt“

Jetzt aber wirklich: 2023 soll das elektronische Arztrezept in Deutschland kommen. Einer der Profiteure ist der Versandhändler Shop Apotheke. Der Aktienkurs legt zu, der Chef deutet eine Rückkehr in die Gewinnzone an.

von Jürgen Salz

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach bietet den Apotheken eine Aufwandspauschale von 50 Cent pro nicht lieferbarem Medikament an. Hilft Ihnen das?
Das entspricht umgerechnet der Bezahlung von 36 Sekunden Arbeitszeit einer pharmazeutischen Fachkraft, also einer PTA. Die Apotheker brauchen keine Almosen. Damit ist noch nicht einmal die zusätzliche Beratung abgegolten, die immer intensiver wird. Die Zahl der älteren Menschen nimmt zu. Und die haben naturgemäß mehr Fragen an ihre Apotheke als jüngere.

In einem anderen Punkt macht Ihnen Lauterbach gar keine Hoffnung. Die Apotheker fordern eine Erhöhung ihres fixen Honorars von 8,35 auf zwölf Euro pro abgegebenem Medikament. Der Minister sagt, dafür sei kein Geld da. Was sagen Sie?
Natürlich ist Geld da. Ich mache seit drei Jahrzehnten Interessenvertretung für die Apotheken und kenne das Spiel. Die Kassen behaupten immer, es sei zu wenig Geld da. Und dann kommt heraus, dass viele Kassen sogar Überschüsse erwirtschaften. Der Fixbetrag für die Apotheken ist zuletzt vor zehn Jahren minimal angehoben worden. Andererseits sind unsere Kosten gestiegen. Auch Apotheken spüren höhere Energiepreise und die Inflation. Leider wird in Deutschland die ambulante Versorgung vernachlässigt. Dorthin muss viel mehr Geld fließen. Über manche Ausgabe in der stationären Versorgung, etwa bei Krankenhäusern, sollte man noch mal nachdenken.

Derzeit gibt es weniger als 18.000 Apotheken in Deutschland, vor zehn Jahren waren es noch mehr als 20.000. Wie geht es weiter? Wird die Zahl der Schließungen noch weiter zunehmen?
Ich fürchte, ja. Dabei brauchen wir in einer alternden Gesellschaft eigentlich mehr Apotheken als weniger. Die schlechten wirtschaftlichen Aussichten sind ein Grund, warum viele Apotheken schließen. Wie andere Branchen auch sind wir vom Fachkräftemangel betroffen: Nahezu jede Apotheke sucht gerade pharmazeutisch-technische Mitarbeiter. Viele Apothekerinnen und Apotheker gehen demnächst in Rente. Die Politik muss ein Zeichen setzen, damit das Berufsfeld Apotheke wieder attraktiver wird – in dem sie die Rahmenbedingungen verbessert.

Und wenn nicht? Was ist, wenn der Protesttag einfach so verpufft?
Seien Sie sicher, wir werden nicht lockerlassen. Die Proteste am Mittwoch könnten auch nur der Anfang sein. Weitere Streiks würde ich nicht ausschließen.

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