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  4. Bayer: Glyphosat laut EFSA unkritisch – nun entscheidet EU-Kommission

Pflanzenschutzmittel von BayerEFSA stuft Glyphosat als unkritisch ein – doch es gibt Datenlücken

Sollte die Glyphosat-Zulassung erneuert werden? Die EU-Lebensmittelbehörde hat keine wissenschaftlichen Einwände. Nun muss die EU-Kommission entscheiden. Die Hintergründe. 06.07.2023 - 15:29 Uhr

EFSA sieht keine kritischen Problembereiche, aber Datenlücken.

Foto: dpa

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sieht eine erneute Zulassung des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat in der Europäischen Union unkritisch. Die EFSA habe in der Risikobewertung des Wirkstoffs in Bezug auf das von ihm ausgehende Risiko für Mensch und Tier sowie für die Umwelt keine kritischen Problembereiche festgestellt, die Anlass zur Sorge geben, hieß es in einer am Donnerstag veröffentlichten Neubewertung von Glyphosat durch die Behörde.

Diese Einschätzung sei Ergebnis der über dreijährigen Arbeit von Dutzenden Wissenschaftlern der EFSA und der Mitgliedstaaten. „Sie basiert auf der Auswertung vieler Tausend Studien und wissenschaftlicher Artikel“, erklärte der Leiter der EFSA-Risikobewertung, Guilhem de Seze. Zugleich räumte die Behörde aber auch Datenlücken ein.

Mit der Bewertung der EFSA tritt der Wiederzulassungsprozess von Glyphosat in der EU in seine finale Phase. Die Europäische Kommission wird nun entscheiden, ob sie die Erneuerung der Zulassung vorschlägt. Die Mitgliedsstaaten werden voraussichtlich im dritten Quartal darüber abstimmen.

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von Julian Heißler

Die Zulassung von Glyphosat in der EU läuft noch bis zum 15. Dezember dieses Jahres. Der Leverkusener Bayer-Konzern, weltweit der größte Anbieter von Saatgut und Pflanzenschutzmitteln, begrüßte die Bewertung: „Diese abschließende wissenschaftliche Schlussfolgerung legt den Grundstein für die erfolgreiche Wiederzulassung von Glyphosat in der EU.“ Umweltschutzorganisationen äußerten sich kritisch.

„Die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA stellt heute einen Freifahrtschein für das in Europa am meisten verwendete Totalherbizid Glyphosat aus – obwohl die Behörde selbst Daten-Lücken einräumt“, erklärte Daniela Wannemacher, Expertin für Landwirtschaft beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Die Verbraucherorganisation foodwatch erklärte, die Bewertung der WHO-Krebsforschungsagentur IARC, wonach Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“ ist, stehe nach wie vor im Raum. Die EU-Kommission müsse angesichts der unklaren wissenschaftlichen Lage vorsorglich handeln und die Zulassung von Glyphosat beenden.

Glyphosat-Wirkstoff erfüllt Kriterien für eine Einstufung als krebserregender Stoff nicht

Die EFSA verwies darauf, dass die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) 2022 bei einer Gefahrenbewertung von Glyphosat zu dem Schluss kam, dass der Wirkstoff die wissenschaftlichen Kriterien für eine Einstufung als krebserregender, erbgutverändernder oder fortpflanzungsgefährdender Stoff nicht erfüllt.

„Die EFSA verwendete die Gefahreneinstufung der ECHA für die EU-Risikobewertung von Glyphosat.“ Die EFSA hätte ihre Bewertung eigentlich schon im vergangenen Jahr veröffentlichen sollen, verschob diese aber wegen der hohen Zahl an eingegangenen Beiträgen. Nach Angaben von Bayer ist das von den beteiligten Unternehmen eingereichte wissenschaftliche Dossier „mit mehr als 180.000 Seiten das umfangreichste, das bisher für einen Pflanzenschutzmittelwirkstoff erstellt wurde“.

Schneller schlau: Glyphosat
Glyphosat ist ein sogenanntes Total-Herbizid, es wirkt auf sämtliche grüne Pflanzen und hat damit ein so breites Spektrum wie kaum ein anderer herbizider, also unkrautvernichtender, Wirkstoff. Wo Glyphosat auf Pflanzen gesprüht wird, wächst sprichwörtlich kein Gras mehr – und auch kein Kraut, Strauch oder Moos.
Der wasserlösliche Wirkstoff wird über die Blätter aufgenommen und geht in alle Pflanzenteile, auch die Wurzel – was etwa für die Verwendung an Bahngleisen wichtig ist. Glyphosat blockiert ein Enzym, das Pflanzen zur Herstellung lebenswichtiger Aminosäuren brauchen – das aber auch in Pilzen und Mikroorganismen vorkommt.
Mit der nahezu vollständigen Vernichtung aller Kräuter und Gräser auf dem Acker sinke nicht nur die Zahl der Pflanzen stark, heißt es vom Umweltbundesamt (UBA). Dies entziehe allen an Ackerlebensräume gebundenen Arten wie Insekten und Feldvögeln großflächig die Lebensgrundlage. Ganze Nahrungsnetze könnten zusammenbrechen.

Glyphosat zählt zu den weltweit am meisten eingesetzten Herbiziden und wurde vom US-Konzern Monsanto entwickelt, den Bayer übernahm. Für den Leverkusener Pharma- und Agrarchemiekonzern sind seine glyphosathaltigen Roundup-Unkrautvernichter ein wichtiger Umsatzbringer. Mit dem Monsanto-Zukauf holten sich die Leverkusener allerdings auch eine Klagewelle wegen der angeblich krebserregenden Wirkung des Herbizids ins Haus, die den Konzern schwer belastet.

weltweit, darunter die US-Umweltbehörde EPA und die Europäische Chemikalienagentur, haben Glyphosat als nicht krebserregend eingestuft. Allein die Krebsforschungsagentur IARC bewertete den Wirkstoff 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“. Auch andere Konzerne produzieren das Breitbandherbizid, das gegen jegliche Grünpflanzen wirkt.

Die EFSA wies auch darauf hin, dass bei ihrer Bewertung Datenlücken festgestellt worden seien. So habe etwa eine Bewertung des ernährungsbedingten Risikos für Verbraucher wegen unvollständiger Daten nicht abgeschlossen werden können, ebenso wie die Bewertung der Risiken für Wasserpflanzen.

Offen geblieben sei auch die Bewertung einer der Verunreinigungen in Glyphosat. Diese Datenlücken sollten die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten in der nächsten Phase der Zulassungserneuerung berücksichtigen.

Lesen Sie auch: Der neue Bayer-Chef – fünf Baustellen, eine Mission

rtr
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