HPE-Chef Antonio Neri: „Künstliche Intelligenz ist ein Wendepunkt, ähnlich wie früher das Web“
Antonio Neris Karriere begann einst als Mitarbeiter im Amsterdamer Callcenter von Hewlett Packard – nun ist er CEO.
Foto: BloombergWirtschaftsWoche: Mr. Neri, Sie beklagen, dass Unternehmen mittlerweile zwar massiv Daten anhäufen, diese aber immer noch nicht richtig verstehen. Seit mindestens zwanzig Jahren wird versprochen, diese vermeintlichen Datenschätze zu heben. Warum ist man dort noch nicht viel weiter?
Antonio Neri: Die Daten waren bislang meistens strukturiert, also in Datenbanken erfasst. Das begrenzte ihre Aussagekraft. Heute haben wir Informationen aus allen möglichen Quellen. Sie umfassen nicht nur Text, sondern auch Bilder oder Signale von Maschinen. Die Menschen tauschen generell viel mehr Informationen miteinander aus. Dazu kommen noch Daten von vernetzten Geräten, die miteinander kommunizieren. Die Mehrzahl sind dadurch nun unstrukturierte Daten. Dank massiver Rechenkraft und nun auch noch Künstlicher Intelligenz sind wir besser in der Lage, ihre Beziehungen zu analysieren und sie für Geschäftsentscheidungen zu nutzen.
Bislang bezog sich die Datenanalyse aber meist auf die Vergangenheit. Sind wir nun so weit, Vorhersagen zu machen, die tatsächlich einen praktischen Wert für Entscheider haben?
Wir verstehen die Welt immer besser. Nicht nur wegen der Fülle an Informationen, sondern auch mit breiterem Verständnis über Zusammenhänge sowie neue Erkenntnisse. Das betrifft nicht nur Unternehmen. Auf unseren Supercomputern werden beispielsweise Wettermodelle durchgespielt. Sie erlauben, den Verlauf von Hurrikanen besser vorherzusagen, wo Menschen evakuiert werden müssen. Aber die Route kann immer noch abweichen. Kombiniert mit Künstlicher Intelligenz sind wir in der Lage, viel präziser zu sein und vor allem den Zeitraum für die Vorhersage zu vergrößern, damit die Betroffenen mehr Zeit haben, sich vorzubereiten. Das gilt auch für etwaige Pandemien, wo wir besser simulieren können, wie diese sich ausbreiten könnten, je nach betroffenem Land, Volkswirtschaften oder Umwelt. Es ist leider so, dass wir uns künftig auf noch mehr Desaster vorbereiten müssen.
Sie sind angetreten, HPE von einem Hardware-Anbieter zu einem sogenannten Plattform-Unternehmen umzubauen, das seine IT-Dienste online offeriert. Wie weit sind Sie gekommen?
Hardware wird weiterhin stark für eigene Rechenzentren erworben, ob Server, Netzwerktechnologie oder Speicher. Unternehmen wollen oft ihre eigene private Cloud modernisieren oder ausbauen. Oder unterhalten sehr spezielle Anwendungen, die sie im eigenen Unternehmen weiterentwickeln. Ich denke, derzeit ist das Verhältnis des Kaufs von Hardware versus Zugriff über Cloud bei ungefähr 70:30.
Antonio Neri, Chief Executive Officer von Hewlett Packard Enterprise.
Foto: BloombergWie wird sich das mit der laufenden Digitalisierung ändern?
Ich bin überzeugt, dass Unternehmen mehr und mehr IT-Dienstleister beauftragen werden, anstatt ihre eigene Infrastruktur zu betreiben. Es ist einfach zu aufwändig, sie selbst stets auf dem neuesten Stand zu halten. Der Wert für Unternehmen kommt nicht aus dem Betreiben von IT-Infrastruktur. Ich glaube, dass der Chief Information Officer der Zukunft ein Dienstleistungsvermittler sein wird, der die beste Technologie und Partner auswählt. Und dann mit dem Chief Digital Officer mit Hilfe dieser Auswahl den Kunden besser versteht, mehr Umsatz zu generiert und Risiken sowie Ressourcen besser steuert.
Wie lange wird dieser Übergang dauern?
Es könnte schon eine Dekade sein. Es hängt auch davon ab, an welchem Punkt der Karriere die Chief Information Officer stehen. Ich treffe mich mit vielen von ihnen. Da gibt es einige, die sich aufs Ende der Karriere vorbereiten und die bestehenden Sachen so lange laufen lassen wollen, bis sie in den Ruhestand gehen. Und dann gibt es solche, die gerade angefangen haben und möglich sehr schnell und sehr viel verändern wollen. Das ist jetzt zugegeben verallgemeinert. Aber der Punkt ist, dass jede Branche inzwischen eine IT-Branche ist. Ohne moderne IT kann man sein Geschäft nicht mehr betreiben. Als CEO oder Finanzchef muss man wissen, wie mit ihrer Hilfe einen Wettbewerbsvorteil herausholen kann, um zu bestehen. Beim Tempo der Veränderung kommt es übrigens auch auf die entsprechende Region an. Da gibt es welche, die vorangehen und andere, die lieber folgen.
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Wo sehen Sie da Deutschland?
Wenn man auf Europa schaut, da hat man die nördlichen Staaten, die meistens schnell reagieren und ihr Geschäft bei Bedarf neu ausrichten. Sie tendieren dazu, mehr zu experimentieren und zu riskieren. Deutschland ist in der Mitte Europas, neigt dazu, sehr strukturiert zu sein, alles muss getestet und mehrfach überprüft werden. Das hat Vor- und Nachteile. Künftig wird es wichtig sein, schnell den richtigen Partner auszuwählen, der einen Vorsprung offeriert. Geschwindigkeit zählt heute mehr denn je.
HPE steigt in das Geschäft mit Künstlicher Intelligenz ein, wird Sprachmodelle verschiedener Anbieter online via Supercomputer offerieren. Warum haben Sie das Heidelberger Startup Aleph Alpha als Partner für den Start gewählt?
Natürlich, weil es ein deutsches Unternehmen ist! (Lacht). Scherz beiseite, die Technologie als auch die Firmenkultur von Aleph Alpha haben uns überzeugt. Wir haben gleiche Werte. Unsere Kunden können Aleph Alphas Luminous Sprachmodell verwenden, um über unsere Supercomputer sehr schnell und effizient ihre Daten zu trainieren und eigene Modelle zu entwickeln. Sie müssen also keine Millionen ausgeben, um ihre eigene Supercomputer-Infrastruktur aufzubauen. Wir vermarkten Aleph Alpha, gleichzeitig kann Aleph Alpha auch selbst Kunden akquirieren. Es hat also für beide Seiten große Vorteile.
Sie sprechen davon, dass künftig „Mom and Pop Stores“ Zugriff auf Supercomputer haben werden. Braucht ein Gemischtwarenhändler das überhaupt?
Bislang waren Supercomputer wegen ihrer hohen Anschaffungskosten vorwiegend Regierungen, dem Militär oder großen Forschungseinrichtungen vorbehalten. Künftig kann jeder via Internet diese Ressourcen nutzen, deshalb habe ich dieses Beispiel gewählt. Aber ja, warum nicht? Ein Händler könnte künftig so bessere Prognosen machen, wie er sein Sortiment besser auf seine Kunden abstimmt oder neue ködert.
Sie sprechen mit vielen Vorstandschefs. Halten die immer noch ihre Budgets für IT wegen einer möglichen Rezession streng zusammen?
Während der Pandemie wurde viel investiert, etwa um die Mitarbeiter zu Hause besser einzubinden oder die belasteten Lieferketten zu stärken. Da wurden viele Ausgaben vorgezogen, die normalerweise später stattgefunden hätten. Nun werden Prioritäten neu definiert. Wegen der Digitalisierung ist Hardware für Netzwerk und Speicher weiterhin wichtig. Cybersecurity steht weiterhin ganz oben auf der Agenda, schon allein wegen der geopolitischen Spannungen.
Vorstandschefs sind also gezwungen zu investieren, aber ihre Ausgaben anders zu gewichten?
Genau. Die Budgets steigen zwar derzeit nicht. Aber man kann durch Automatisierung die Betriebskosten reduzieren. Und dann haben wir durch die Cloud den Übergang im Geschäftsmodell, wo vormalige Investitionsausgaben sich in Betriebsausgaben wandeln. Bei unserer Cloud bezahlt man nur das, was man verbraucht. Dadurch gibt es mehr Flexibilität in den Budgets. Aber in den nächsten Jahren erwarten wir, dass diese wieder wachsen, schon wegen Künstlicher Intelligenz. Die ist ein Wendepunkt, ähnlich wie früher das Web oder das mobile Internet. Wir sehen da bereits sehr starke Nachfrage.
Für die verarbeitende Industrie kommt noch die geopolitische Komponente hinzu, wo Produktionsstätten in andere Regionen verlagert werden.
HPE hat im vergangenen Jahr offiziell sein Hauptquartier nach Houston verlegt. Ein ziemlicher Schock fürs Silicon Valley, weil das ursprüngliche HP als eine Keimzelle des Hightech-Tal galt.
Zunächst mal sind wir weiterhin stark im Silicon Valley präsent, das wird sich auch nicht ändern. Es ging beim Umzug darum, zusätzliche Talente zu gewinnen und auch diverser zu werden. Wir profitieren hier sehr stark von renommierten Hochschulen, von der University of Texas, der Texas A&M University und der Rice University. Mit der University of Houston haben wir ein Institut für Künstliche Intelligenz begründet, wo Studenten an einem Supercomputer von uns ausgebildet werden.
Wie ist der Split Silicon Valley und Texas?
Wir haben etwa doppelt so viele Mitarbeiter in Texas. Hier hatten wir durch die damalige Fusion von HP mit Compaq schon eine große Präsenz. Wir haben hier einen neuen Campus gebaut, wo wir Mitarbeiter zusammengezogen und zugleich ein großes Rechenzentrum errichtet haben. Aber rein zahlenmäßig ist unser Standort in Bangalore am größten, wo wir gerade ein neues Büro eröffnet haben.
Sie haben Ihre Karriere in Ihrem Heimatland Argentinien beim Militär begonnen, während des Falkland-Krieges. Und dann auch noch Kunst studiert.
Ich war nie direkt beim Militär. Ich war auf einer Marinebasis als Auszubildender. Und habe dann als Techniker die Radar- und Sonaranlagen von Schiffen gewartet und repariert. Das war während des Falkland-Krieges.
Trotzdem eine sehr ungewöhnliche Kombination – Techniker und Künstler. Hat Sie Ihnen beim Aufstieg an die Spitze eines internationalen Konzerns geholfen?
Ja, ich denke schon. Eine kreative Seite hilft beim Geschäftsalltag. Ich achte sehr stark auf Details, dass bei der Umsetzung alles zusammenpasst. Ich habe eine große Leidenschaft dafür, wie Dinge aussehen und wie sie empfunden werden. Wenn ich jemals neu starten muss, dann werde ich Architekt. Ich habe früher gemalt, um mich zu entspannen, aber dazu fehlt mir leider momentan die Zeit.
Gibt es eine Galerie, wo man Ihre Kunst erwerben kann?
Oh, da hat meine Mutter ihre Hand drauf. (Lacht). Sie sagte mir, Antonio, ich gebe nichts her. Nach meinem Tod kannst Du damit machen, was Du willst. Aber vorher nicht.
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