Bruttoinlandsprodukt: Erhoffte Frühjahrsbelebung für deutsche Wirtschaft fällt aus
Der private Konsum stabilisiert sich, nachdem er zwei Quartale gesunken war.
Foto: dpaDie deutsche Wirtschaft schwächelt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stagnierte nach dem frostigen Konjunkturwinter im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorquartal. Das teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit und bestätigte damit die vorläufigen Zahlen. „Nach den leichten Rückgängen in den beiden Vorquartalen hat sich die deutsche Wirtschaft im Frühjahr stabilisiert“, sagt die Präsidentin des Statistischen Bundesamtes, Ruth Brand. Trotzdem blieb die erhoffte Frühjahrsbelebung somit aus und Deutschland konnte die Rezession nur knapp hinter sich lassen. Ende 2022 und Anfang 2023 war das BIP jeweils geschrumpft und damit in eine sogenannte technische Rezession gerutscht.
Die Bundesbank geht davon aus, dass die Konjunktur auch im laufenden Sommerquartal stagnieren dürfte. Viele Fachleute erwarten sogar für das Gesamtjahr 2023 einen Rückgang des BIP und damit den Rutsch in eine Rezession. Zuletzt verschärften Daten zum Einkaufsmanagerindex die Sorge, dass die maue Lage der Industrie noch stärker auf die Dienstleister übergreifen könnte.
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Derweil stieg das Finanzierungsdefizit des Staates im ersten Halbjahr auf 42,1 Milliarden Euro und war damit um 37,6 Milliarden Euro höher als vor Jahresfrist. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ergibt dies eine Defizitquote von 2,1 Prozent. Grund sind vor allem Maßnahmen der Bundesregierung wegen der Energiekrise, erläuterte das Statistikamt. Höher war das Defizit in einem ersten Halbjahr zuletzt im ersten Halbjahr des Pandemiejahres 2021 mit damals 4,3 Prozent. Trotz des gestiegenen Defizits hielt Deutschland im ersten Halbjahr 2023 die europäische Verschuldungsregel ein.
Doch was bedeutet die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes überhaupt? Eine Übersicht.
Was ist das Bruttoinlandsprodukt?
Das BIP bezeichnet die Gesamtheit aller in einer Volkswirtschaft produzierten Waren und Dienstleistungen. Eingerechnet wird alles, was in einem bestimmten Zeitraum hergestellt wird. Zudem fließen der Wert von Dienstleistungen ein, die Ausgaben von Verbrauchern sowie Bauinvestitionen und die Investitionen von Unternehmen, zum Beispiel in Maschinen und Fahrzeuge. Berücksichtigt werden alle Wirtschaftsbereiche. Weiterer Bestandteil ist der sogenannte Außenbeitrag – also die Differenz dessen, was Unternehmen ins Ausland verkaufen (Exporte) und von dort einkaufen (Importe).
Warum ist die Berechnung des BIP wichtig?
Das Bruttoinlandsprodukt zeigt an, wie gut oder schlecht sich die Wirtschaftsleistung eines Landes entwickelt hat. Verglichen wird die Entwicklung jeweils mit dem Vorquartal und dem Vorjahresquartal beziehungsweise im Gesamtjahr mit dem Vorjahr. Wächst die Wirtschaft, steigt in der Regel die Nachfrage nach Arbeitskräften, die Menschen haben tendenziell mehr Einkommen zur Verfügung und der Staat nimmt mehr Steuern ein. Schrumpft das BIP über einen längeren Zeitraum, können steigende Arbeitslosigkeit, mehr Firmenpleiten und sinkende Steuereinnahmen die Folge sein. Bislang zeigt sich der Arbeitsmarkt in Deutschland trotz der schwächelnden Wirtschaft allerdings robust. Fachkräfte werden nach wie vor in vielen Branchen händeringend gesucht.
Was hat das BIP-Entwicklung im zweiten Quartal beeinflusst?
Die nach wie vor hohe Inflation belastet Verbraucherinnen und Verbraucher und dämpft den Konsum, der eine wichtige Konjunkturstütze ist. Immerhin sanken die privaten Konsumausgaben nach den Rückgängen im Winterhalbjahr nicht weiter. Die Unternehmen investierten etwas mehr in Ausrüstungen wie Maschinen und Fahrzeuge als im Vorquartal. Die Investitionen am Bau stiegen preis-, saison- und kalenderbereinigt minimal um 0,2 Prozent. Zugleich leidet die exportorientierte deutsche Wirtschaft unter der schwachen Auslandsnachfrage. Der Export von Waren und Dienstleistungen sank um 1,1 Prozent. Die Importe stagnierten. „Solange das globale wirtschaftliche Umfeld schwach bleibt und die Inflationsraten auf relativ hohem Niveau sind, wird die deutsche Wirtschaft in der Bredouille bleiben“, erklärte auch Chefökonom Thomas Gitzel von der VP Bank.
Was sagt das BIP über den Wohlstand eines Landes aus?
Das Bruttoinlandsprodukt misst die ökonomische Leistung eines Landes. Ein wachsendes BIP ist Ausdruck steigenden materiellen Wohlstands. Über dessen Verteilung sowie über ökologische, soziale und gesellschaftliche Entwicklungen sagt das BIP nichts aus. Der Wohlstand habe noch weitere Dimensionen, sagte Wirtschaftsstaatssekretär Sven Giegold unlängst. „Nicht alle davon werden im Bruttoinlandsprodukt abgebildet. Seit 2022 enthält der Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung daher das Kapitel „Wohlfahrtsmessung“. Dabei geht es unter anderem um die regionale Einkommensverteilung, Bildung, Gesundheit und Lebenserwartung oder die Erreichbarkeit wichtiger Einrichtungen wie Supermärkte, Schulen, ÖPNV-Anbindungen und Krankenhäuser.
Welche Alternativen zum BIP als Wohlstandsindikator gibt es?
Es gibt zahlreiche andere Indikatoren. So erheben die Vereinten Nationen (UN) den Human Development Index (Index der menschlichen Entwicklung), der neben dem Nationaleinkommen auch Faktoren wie Lebenserwartung und Ausbildung einbezieht. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) berücksichtigt bei ihrem Better Life (Besser Leben) Index unter anderem Einkommen, Wohnbedingungen, Sicherheit, Gesundheit und Umwelt.
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Bekannt ist auch das im Himalaya-Königreich Bhutan erhobene „Bruttonationalglück“, das auf Indikatoren wie gutes Regieren, nachhaltige soziale und wirtschaftliche Entwicklung, Kulturförderung und Umweltschutz basiert. „Bhutans Idee, das Glücksgefühl seiner Bürgerinnen und Bürger einzubeziehen, ist faszinierend“, sagte Bundeskanzler Olaf Scholz anlässlich eines Besuchs des Ministerpräsidenten des Landes, Lotay Tshering, im März in Berlin. „Ich finde es sehr sinnvoll, unseren Wohlstand nicht nur anhand von ökonomischen Größen zu messen, sondern auch nicht-materielle Faktoren einzubeziehen“, sagte der SPD-Politiker.
Welches Land hat das höchste Bruttoinlandsprodukt?
Die USA sind die mit Abstand größte Volkswirtschaft der Welt. Das Bruttoinlandsprodukt erreichte nach Daten der Weltbank im vergangenen Jahr rund 25 Billionen Dollar. Auf Rang zwei liegt China mit einem BIP von knapp 18 Billionen, gefolgt von Japan mit gut 4,2 Billionen und Deutschland mit rund 4,1 Billionen Dollar (etwa 3,8 Billionen Euro). Gemessen am Bruttoinlandsprodukt je Einwohner liegt allerdings Luxemburg weltweit vorne. Nach Prognosen des Internationalen Währungsfonds kommt das Großherzogtum in diesem Jahr auf 132.370 Dollar pro Einwohner. In Deutschland sind es mit 51.380 Dollar deutlich weniger.
Was ist der Unterschied zwischen BIP und Bruttonationaleinkommen?
Das Bruttonationaleinkommen – früher Bruttosozialprodukt – bezeichnet die Wirtschaftsleistung, die alle Inländer erwirtschaften, egal ob im eigenen Land oder im Ausland. Das Bruttoinlandsprodukt bezieht sich nur auf die im Inland erwirtschaftete Leistung, unabhängig davon, ob diese von Inländern oder Ausländern erbracht wird. Ein Beispiel: Ein Beschäftigter lebt in Frankreich, arbeitet aber in Deutschland. Die von ihm erwirtschaftete Leistung wird beim Bruttoinlandsprodukt berücksichtigt, nicht jedoch beim Bruttonationaleinkommen.
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