Elektronische Gesundheitsakte: Deutschland kann doch ein bisschen digital
Mit 20 Jahren Verzögerung könnte sich der Knoten endlich lösen: Bisher verweigerte sich Deutschlands Gesundheitswesen dem elektronischen Zeitalter weitgehend, viele Jahre passierte überhaupt nichts. Bereits 2003 versprach die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt die elektronische Patientenakte. Mehrere Minister versuchten den Schritt vom Papier zum elektronischen Überblick, doch scheiterten sie an den Bestandskräften im selbst verwalteten Gesundheitssystem und an der früheren Skepsis der Bevölkerung. Nun schafft Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) mit zwei Gesetzen immerhin den Umkehrschwung: Alles wird digital – außer Einzelne erheben individuell Einspruch dagegen.
In den meisten Ländern um Deutschland herum ist die elektronische Patientenakte (ePA) bereits Standard. Die Digitalisierung hat den Einblick für Kranke und Gesunde in ihren eigenen Zustand verbessert, hat geholfen, Doppeluntersuchungen und Unverträglichkeiten zu vermeiden. Schließlich verändert die Digitalisierung auch die Heilberufe dauerhaft. Die Gesundheitsprofis im vernetzten Zeitalter treten Betroffenen nicht mehr vorrangig als Autoritäten entgegen, sondern bilden ein Netz rund um Patienten, in dem einzelne die Abläufe und Vorgehensweisen der anderen ganz gut beurteilen können.
Nach dem Kabinettsbeschluss soll nun also auch in Deutschland gelten: Nicht mehr nur ein Prozent, sondern möglichst alle der 74 Millionen gesetzlich Versicherten in Deutschland sollen die ePA ab 2025 nutzen. Das neue Gesetz zur Beschleunigung der Digitalisierung des Gesundheitswesens, das Digitalgesetz, soll erreichen, dass Versicherte ab Januar 2025 von ihrer Krankenkasse automatisch eine solche Digitalakte bekommen – per App, auf dem Handy oder dem Computer. Die ePA liegt aber auch auf den Servern des Systems, wenn jemand die App nicht einrichtet oder freischaltet. Wer das nicht will, muss aktiv widersprechen. Auch ohne App können Praxen, Krankenhäuser und Apotheken die Digitalinfo also im Normalfall dann nutzen.
Die Technik soll jetzt endlich funktionieren
Auch die Technik fürs E-Rezept soll endlich funktionieren. Anders als bei der ePA gibt es hier keine Möglichkeit, abzulehnen. Nach den Plänen des Lauterbach-Ressorts soll das Papierrezept ersetzt werden.
Das zweite Gesetz könnte dafür sorgen, dass nicht nur einzelne Kranke und deren Behandler einen besseren Überblick bekommen. Das Gesetz zur Nutzung der Gesundheitsdaten dürfte insgesamt helfen, dass Forschende und Pharmaunternehmen mehr Informationen nutzen können, wie Krankheiten entstehen oder welche Voraussetzungen die Heilung unterstützen. Pseudonymisierte Gesundheitsdaten, die Einzelnen nicht zuzuordnen sind, könnten die Forschung verbessern. Dafür soll auch auf Datenbanken zugegriffen werden, die es schon gibt, wie etwa das Krebsregister oder Daten der Krankenversicherungen und Kliniken. Eine Kommission soll auf Antrag entscheiden, wofür die Daten genutzt werden dürfen. Auch hier sollen Versicherte die Möglichkeit haben, der Verwendung ihrer Daten zu widersprechen.
Wer hat die modernste Infrastruktur?
Nun will Lauterbach zur „Aufholjagd“ ansetzen. In Deutschland entstehe so „eine der modernsten medizinischen Digitalinfrastrukturen in Europa“. Dennoch gelte: „Patienten sollen sich darauf verlassen können, dass ihre Gesundheitsdaten überall sicher genutzt werden, um sie besser zu versorgen.“
Skepsis angesichts des Datenschutzes und Widerstand unter den Verbänden der Medizinerinnen und Mediziner hatten die Digitalisierung über Jahre aufgehalten. Lauterbach dreht den Ablauf um. Es gilt nicht mehr, dass alle möglichst freiwillig mitmachen sollen. Sondern alle, die nicht dabei sein wollen, müssen sich drum kümmern, dass sie es nicht sind.
Lob für den Minister kam von Netzwerk-Fachleuten und Expertinnen für Künstliche Intelligenz, die etwa zum Auswerten von großen Mengen Daten entscheidend ist. Die Informatikprofessorin Katharina Zweig von der Uni Kaiserslautern lobte nach einem Treffen unter anderem mit dem Minister zur Kabinettsklausur im brandenburgischen Meseberg: Lauterbach habe sich gut ins Thema eingelesen und verstehe gut, was Künstliche Intelligenz für die Medizin bedeuten könne. „Das hat mich sehr positiv überrascht“, twitterte Zweig.
Die Chefin des Bundesverbands der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK), Carola Reimann, unterstützte die Pläne, hält aber mehr für möglich. Es sei nur konsequent, wenn auch die im Notfall wichtigen Daten schnell digital verfügbar seien. In einem solchen Fall würden sie dringend gebraucht. „An diesem Punkt sollte der Gesetzgeber noch einmal nachbessern.“
Wirtschaftsleute vermissen Augenmerk fürs Praktische
Auch aus Wirtschaftssicht geht es noch nicht schnell genug, um wirklich von einem Aufholen Deutschlands zu sprechen. Der Vorsitzende des Grünen Wirtschaftsdialogs (ein parteinaher Verband), der ehemalige Unternehmer und Bundestagsabgeordnete Thomas Gambke kommentierte, die Kassenärzte kritisierten vor allem und trügen Bedenken vor. Deshalb müsse Lauterbach noch mehr und konkretere Pläne ausarbeiten, damit nicht alles noch gebremst werde. Es fehlten noch ein verbindliches Datenmanagement und auch brauchbare Benutzeroberflächen. „Das Praktische wird von den politisch Verantwortlichen aber eben oft übersehen: Es muss dann auch funktionieren!“
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