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Geldanlage globalUS-Konjunktur im Landeanflug: Bitte anschnallen!

In den USA mehren sich die Zeichen für einen Wirtschaftsabschwung. Die Frage ist, wie hart die Landung wird. Das Ende dieser Debatte steht kurz bevor. Eine Kolumne.Maximilian Kunkel 13.09.2023 - 09:13 Uhr
Foto: Illustration: Marcel Reyle, Getty Images

Das ist sie also, die letzte Etappe der „Landung“. Unabhängig davon, was aktuelle Schätzungen für das US-Wirtschaftswachstum im 3. Quartal sagen (und sie deuten auf ein immer noch sehr solides Wachstum hin), die US-Konjunktur verlangsamt sich. Auch durch Barbenheimer, Taylor und Beyoncé getriebene Sondereffekte können dies nicht verschleiern. Die überzeugendsten und relevantesten Beweise hierfür stammen vom Arbeitsmarkt. Die zuletzt publizierten Daten in diesem Bereich machen es schwer, dies zu bestreiten. Das monatliche Beschäftigungswachstum ging in den letzten zwei Jahren stetig zurück, während sich der Rückgang der offenen Stellen beschleunigte. Andere Daten deuten ebenfalls auf einen sich zunehmend abkühlenden Arbeitsmarkt hin. Angesichts dieser Entwicklungen kann jeglicher Gedanke an ein „No-Landung“ Szenario, in dem die US-Wirtschaft von Boom zu Boom geht, ausgeräumt werden. 

Die wesentliche Frage für Anleger bleibt: „Welche Art von Landung ist zu erwarten?“ Wir bei UBS Global Wealth Management befinden uns im „soft-ish landing“-Lager. Aber wieso ist dies die letzte Etappe der Landung? Um diese Frage zu beantworten, ist es zunächst notwendig, eine sanfte Landung (soft landing) der Wirtschaft zu definieren. Dies ist eine subjektive, semantische Übung. Die meisten Beobachter würden zustimmen, dass eine sanfte Landung keine Rezession mit sich bringt. Die Subjektivität bezieht sich jedoch auf den Zeithorizont, den man hierbei einbezieht. Meiner Ansicht nach handelt es sich um eine sanfte Landung, wenn am Ende des Zinserhöhungszyklus der Fed die Inflation bis zum Jahresende immer noch sinkt und eine Rezession nicht unmittelbar bevorsteht. 

Schneller schlau: Rezession
Der Begriff Rezession bedeutet Rückgang und stammt aus dem Lateinischen. Es handelt sich um eine Rezession, wenn die Wirtschaft nicht wächst, sondern schrumpft – sich also in einem Abschwung beziehungsweise Rückgang befindet. Für die Bemessung der Konjunktur dient das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Offiziell tritt eine sogenannte technische Rezession ein, wenn das BIP in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen im Vergleich zu den jeweiligen Vorjahresquartalen nicht wächst, sondern zurückgeht.Die Rezession ist eine der vier Phasen, die der Konjunkturzyklus einer Volkswirtschaft durchlaufen kann. Sie folgt auf die Phase der Hochkonjunktur und kann im schlimmsten Fall in eine Depression übergehen. Auf eine Depression folgt dann früher oder später ein Aufschwung.
Eine Rezession zeichnet sich durch unterschiedliche Merkmale aus. Dazu gehören unter anderem:Rückgang der Nachfrageüberfüllte LagerAbbau von Überstunden und beginnende KurzarbeitEntlassung von Arbeitskräftenausbleibende Investitionenteilweise Stilllegung von Produktionsanlagenstagnierende oder sinkende Preise, Löhne und Zinsenfallende Börsenkurse
Zu den Ursachen einer Rezession gehören unterschiedliche Punkte, die sich nur schwerlich verallgemeinern lassen. Aktuell wirkt sich etwa der Krieg in der Ukraine erheblich auf die Konjunktur in Europa und den USA aus.
In einer Rezession halten Unternehmen und private Haushalte ihr Geld in der Regel beisammen. Zu den Folgen einer Rezession zählen steigende Arbeitslosenzahlen, außerdem arbeiten mehr Menschen in Kurzarbeit. Beides führt zu geringerer Nachfrage. Denn wenn die Bürger weniger Geld verdienen, konsumieren sie auch weniger. Dies ist wiederum schlecht für Unternehmen, die dadurch weniger verkaufen und auf ihren Lagerbeständen sitzen bleiben. Die fehlenden Einnahmen können zu weiteren Entlassungen führen, sodass die Arbeitslosigkeit weiter steigt.Auch Menschen, die auf der Suche nach einem neuen Job sind, stehen in einer Rezession vor Problemen. Denn wer sich um eine neue Stelle bewirbt, dürfte während einer Rezession Schwierigkeiten haben eine entsprechende Stelle zu finden – denn geht es Unternehmen wirtschaftlich schlechter, stoppen sie Neueinstellungen.
Durch eine steigende Inflation sinkt die Kaufkraft der Menschen. Durch eine sinkende Kaufkraft sinkt wiederum die Konsumbereitschaft der Menschen, da sie ihr Geld beisammen halten, statt es für Waren und Güter auszugeben.

Eine Ende 2024 beginnende Rezession ist in diesem Kontext meiner Meinung nach nicht als harte Landung zu bezeichnen, sondern als eine sich im konjunkturellen Spätzyklus befindende Wirtschaft, die in eine Rezession gerät. Wenn die restriktive Geldpolitik hierfür die Hauptverantwortung trägt, dann wird die Fed einen Fehler begangen haben, indem sie die Zinsen zu lange zu hoch hielt, obwohl sie sie bereits früher hätte senken können (ein nicht zu unterschätzendes Risiko). 

US-Konjunktur

„Viele Amerikaner haben gerade richtig Geld in der Kasse“

von Bert Losse

Basierend auf dieser Definition wird die Antwort auf die Frage, welche Art von Landung bis zum Jahresende zu erwarten ist, deutlich klarer. Die Fed könnte die Zinserhöhungen bereits beendet haben – der Markt preist aktuell eine Wahrscheinlichkeit von grob 40 Prozent für eine weitere Zinserhöhung bis November ein. Mit drei FOMC-Sitzungen vor Jahresende wäre es überraschend, wenn die Fed bis dahin noch nicht zum Ende des Zinserhöhungszyklus gekommen wäre und dies auch so andeuten würde. Die Unsicherheit liegt eher bei Inflation und Wachstum.

Abklingende Basiseffekte, Preisanpassungen im Gesundheitswesen und ein erwarteter vorübergehender Anstieg der Inflation vor allem im Oktober könnte die Marktteilnehmer dazu veranlassen, das Disinflations-Narrativ zu hinterfragen. Währenddessen dürften sich die Konsumausgaben nach einem heißen Sommer abkühlen, auch wenn dies teilweise durch eine Verbesserung im verarbeitenden Gewerbe ausgeglichen werden könnte. Am wichtigsten ist, ob sich die Abkühlung des Arbeitsmarktes bei einer monatlichen Beschäftigungswachstumsrate von rund 100.000 bis zum Jahresende stabilisiert oder in die Nähe einer Kontraktion rutscht. 

Lesen Sie auch: Warum ist in den USA noch keine Rezession eingetreten?

Will man die Landungsanalogie auf die Spitze treiben, könnte man sagen, dass die Wirtschaft an dem Punkt ist, bei dem die Flugbegleitung sagt: „Wir befinden uns im Landeanflug. Bitte bringen Sie die Sitze in eine aufrechte Position und klappen Sie die Tische hoch.“

Der Vorsitzende der US-Notenbank, Jay Powell, wird das während seiner FOMC-Pressekonferenz am 20. September nicht sagen. Stattdessen wird er wahrscheinlich sagen, dass mehr Arbeit notwendig ist, um die Inflationsrate auf das angestrebte Ziel von zwei Prozent zu senken, aber auch, dass die Risiken für die Wirtschaft zweiseitig sind. Er wird wohl auch sagen, dass die Entscheidungen der Fed datenabhängig sein werden und daher der Autopilot ausgeschaltet wurde. Das bedeutet, dass eine weitere Zinserhöhung möglich ist, aber die Hürde für diese höher wird. 

Eine sanfte Landung festzustellen und ihre Eintrittskriterien zu definieren ist nicht nur eine mentale Übung. Denn auch wenn eine sanfte Landung für die US-Wirtschaft mittlerweile der Konsens unter den Marktteilnehmern zu sein scheint, deutet die Positionierung der Anleger immer noch auf eine gewisse Vorsicht hin. Sie müssen davon überzeugt werden, dass die Fed die Zinsen nicht weiter anhebt, dass sich der Rückgang der Inflationsraten fortsetzt, und dass das Wachstum nicht kurz vor dem Zusammenbruch steht. All das sollte in den letzten Monaten des Jahres zu Tage treten.

Fazit: Die deutlicheren Anzeichen für eine sanfte Landung der US-Wirtschaft sollten Risikoanlagen in den kommenden Monaten letztendlich zugutekommen. Aber der Landeanflug wird für datenabhängige Märkte nicht ohne Turbulenzen sein. Daher erwarten wir eher ein „soft-ish“ als ein „soft landing“. Das ist auch der Grund, warum qualitativ hochwertige Anleihen weiterhin gegenüber dem breiten US-Aktienmarkt attraktiver erscheinen und innerhalb des Aktienmarktes Bereiche mit attraktiveren Bewertungen und Aufholpotenzial (zum Beispiel Energie, Industrie und Basiskonsumgüter) zu bevorzugen sind. 

Ganz gleich, was Ihre Einschätzung zur Landung der US-Wirtschaft ist, werden die meisten Anleger es begrüßen, diese scheinbar endlose Debatte bis zum Jahresende hinter sich lassen zu können.

Lesen Sie auch: Warum die Renditen von US-Anleihen steigen – und was das für Anleger heißt

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