Viertes Mobilfunknetz: Dommermuth verschiebt überraschend Netzstart von 1&1
Ein großer Aufschlag in Berlin? Sektempfang mit Anwesenheit von Digitalminister Volker Wissing? Ein großer roter Schalter, mit dem Telekommunikations-Milliardär Ralph Dommermuth sein „modernstes Netz Deutschlands“ anschaltet? Eigentlich hätte am 26. September ganz großes Kino stattfinden können. Doch Einladungen zu einem Festakt gingen niemals heraus. Ganz sang und klanglos verschiebt 1&1 am heutigen Montag den Netzstart auf einen noch zu benennenden Termin im Dezember.
Das eigene 1&1-Netz ist noch immer rudimentär. Von 1000 Antennen, die bis Ende des vergangenen Jahres aktiv funken sollten, können das ein dreiviertel Jahr später noch immer erst rund 40 Stück, und zwar zum Beispiel in Berlin, Düsseldorf, Essen, Frankfurt am Main, Freiburg oder Solingen. Aus der Defensive heraus ist 1&1 dazu übergegangen, auch die Anzahl der Antennen zu vermelden, deren Beton-Fundamente immerhin schon stehen, aber noch nicht angeschlossen sind: das sind ganze 500 Stück. Die Bundesnetzagentur (BnetzA) ermittelt gerade die Höhe der Strafe, die Dommermuth wegen der nicht erfüllten Ausbauauflagen deshalb zu zahlen hat.
United Internet: Kurssprung trotz gerissener Ziele
Trotz dieses miserablen Zwischenstands und trotz der sich abzeichnenden Netzstart-Verschiebung machte die United-Internet-Aktie Mitte vergangener Woche einen Kurssprung um fast zehn Prozent. Offenbar sind die Aktionäre erleichtert, dass Dommermuth seine Netz-Ambitionen weiter zurückschraubt.
Die Bundesnetzagentur hatte einen Regulierungsentwurf veröffentlicht, laut dem sie in den kommenden fünf Jahren auf eine neuerliche Versteigerung von Frequenzen verzichten will. Dommermuth selbst hatte lange auf einer Versteigerung der niedrigeren Frequenzen bestanden, um so mit seinen Antennen auch weitere Gebiete abdecken könnte. Das von ihm ersteigerte 5G-Spektrum funkt zwar sehr schnell, kommt aber nicht sehr weit, was einen sehr dichten Netzausbau erzwingt. Jetzt aber scheinen seine Aktionäre erleichtert zu sein, dass zumindest auf der Frequenzseite kein zusätzlicher Druck auf Dommermuth entsteht, weiteres Geld auszugeben.
Dass Dommermuth jetzt verschiebt, liegt nicht einmal primär an dem verrissenen eigenen Ausbau. Die 40 Antennen funken bereits jetzt – Kunden können stationäres Internet schon über sie beziehen, aber eben noch nicht mobil auf das Netz zugreifen. Wenn Dommermuth sein Mobilfunknetz anschaltet, will er seinen Neukunden direkt eine 5G-Abdeckung anbieten. Sein alter Vertragspartner Telefónica hatte bereits alles programmiert, um zu diesem Termin zu stemmen, dass überall dort, wo die 50 1&1-Antennen nicht stehen, die Gespräche auf ihr Netz umgeleitet werden – nur hatte Dommermuth sich mit ihnen noch nicht auf einen Preis für das 5G-Roaming geeinigt. Aber im August warf Dommermuth all diese Planungen überraschend über den Haufen: Er schloss einen Vertrag über 5G-Roaming mit Vodafone – doch die brauchen mindestens bis August 2024, um die Schnittstellen von 1&1 zu ihrem Netz zu programmieren.
Ein Gefallen von der BNetzA?
Bis dahin beantragt Dommermuth bei der Bundesnetzagentur (BNetzA), weiter sowohl Netzbetreiber wie auch Diensteanbieter bleiben zu dürfen. Dann könnte er sein Netz als Netzbetreiber zunächst auf 4G-Basis mit Telefonica-Roaming starten, seine Neukunden aber zugleich als Diensteanbieter mit Vodafone-5G-Roaming versorgen. Telefónica dürfte aber vehement gegen diese Regelung lobbyieren – denn das würde bedeuten, das noch früher noch weniger 1&1-Traffic auf ihrem Netz landet. Sie hätten die eineinhalbjährigen Vorbereitungsarbeiten für das Roaming umsonst geleistet.
Die Entscheidung der BNetzA aber wird erst im November erwartet. Laut ihrer Auflagen bei der Frequenzvergabe muss Dommermuth sein Netz bis zum 1. Januar 2024 zwingend einschalten. Kommt der Regulierer Dommermuth hier nicht entgegen, könnte der als Netzbetreiber seinen Kunden mit Telefónica wirklich nur 4G anbieten – das dürfte sich aber nicht so gut verkaufen lassen.
Historisch sind in Deutschland aber immer wieder Netze gestartet, ohne dass den Kunden mit National Roaming gleich Zugang zu einem flächendeckenden Netz geboten wurde: Sowohl das e-Plus-Netz wie auch das O2-Netz wurden zunächst allein stehend ausgebaut und angeschaltet.
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