Meta Connect: „Wir glauben nicht, dass es die eine übergreifende Künstliche Intelligenz geben wird“
Wie schafft man es, einen mächtigen Wettbewerber nicht einmal zu erwähnen, aber trotzdem seine Strategie ihm gegenüber glasklar zu machen? Meta-Chef Mark Zuckerberg gelingt das. An einem Mittwochvormittag steht er auf einer Bühne, die im Innenhof des Meta-Hauptquartiers im Silicon Valley aufgebaut ist, um die diesjährige Entwicklerkonferenz Connect zu eröffnen. Und wirkt wie immer fröhlich gelassen, als wäre nichts gewesen.
Etwa die Turbulenzen in seinem Unternehmen, das in den vergangenen zwölf Monaten rund 25 Prozent seiner Belegschaft entlassen hat. Nicht, weil Meta in die roten Zahlen geraten ist, ganz im Gegenteil, sondern weil Zuckerberg das „Jahr der Effizienz“ ausgerufen hat. Während Covid habe Meta zu viele Mitarbeiter eingestellt, die man gar nicht benötige.
Dann sind da die wachsenden Zweifel bei Meta-Anlegern übers Zuckerbergs Metaverse-Strategie. Der Einstieg in virtuelle Welten hat das Unternehmen bislang mindestens 20 Milliarden Dollar gekostet. Mit den immensen Summen – investiert in Forschung und Entwicklung aber auch der Übernahme von Unternehmen wie Oculus und etlichen Spieleanbietern – hat sich Meta an die Spitze bei virtueller und erweiterter Realität gesetzt, ist mit seiner Quest-Datenbrille weltweiter Marktführer. Nur um zu registrieren, dass sich der ohnehin zusehends abgeflaute Hype ums Metaverse – der laut Zuckerberg nächsten großen Computer-Plattform – nun in Richtung Künstliche Intelligenz und Chatbots verschoben hat.
Zu allem Überfluss steigt mit Apple nun auch noch der finanzstärkste Tech-Konzern der Welt ins Geschäft mit virtueller und erweiterter Realität ein. Im Juni hat Apple-Chef Tim Cook auf seiner Entwicklerkonferenz die Datenbrille Vision Pro vorgestellt – mit noch nie dagewesener Auflösung, gespickt mit Sensoren, aber auch zum atemberaubenden Preis von 3499 Dollar. Anfang nächsten Jahres will Apple sie ausliefern. Der Zusatz Pro lässt vermuten, dass Apple auch an einer günstigeren Version arbeitet.
Wie reagiert Zuckerberg auf die verschiedenen Trends? Er versucht, sie miteinander zu verbinden und zugunsten seiner Metaverse Strategie auszulegen. Der derzeitige Hype um generative Künstliche Intelligenz ist für ihn nur eine Vorstufe auf dem Weg ins Metaverse, um die nötigen Inhalte zu erzeugen und zu personalisieren. Er meint, dass es nun sogar noch viel schneller geht.
Apple-Angriff: Das sagt Mark Zuckerberg
Und der Angriff von Apple? Da setzt er beim Offensichtlichen an: Dem Preis. „Wir fokussieren nicht nur auf bahnbrechende Technologien, sondern auch darauf, diese für möglichst viele zugänglich zu machen. Das ist genauso wichtig“, pariert der Meta-Chef den Angriff, ohne Apple zu nennen. Und stellt die neueste Version seiner Quest-Brille vor – die Meta Quest 3 zum Einstiegspreis von 499 Dollar beziehungsweise 550 Euro in Deutschland. Es ist das erste sogenannte Mixed Reality Headset für den Massenmarkt, was bedeutet, dass sich mit ihr virtuelle Objekte ins Sichtfeld einblenden lassen. Die Kameras der Quest 3 vermessen dabei die Umgebung, beispielsweise das häusliche Wohnzimmer. Sie erkennen nicht nur die Wände, sondern auch Möbel, Spiegel oder Couch. In bestimmten Spielen lässt sich so die Umgebung einbeziehen, etwa ein virtuelles Loch in die Wand schlagen oder ein simulierter Ball vom Couchtisch abprallen lassen. Die Kameras filmen dabei die Umgebung, reichern sie mit virtuellen Gegenständen an und projizieren das ins Display. „Für den Nutzer sieht es dann also so aus, als würden virtuelle Dinge „im Raum“ vorhanden sein“, erklärt der VR-Experte Philipp Rauschnabel, Professor an der Universität der Bundeswehr München.
Auf dem Prinzip basiert auch Apples Brille. Allerdings wurde sie von Anfang an auf erweiterte Realität ausgerichtet, während die Quest sich von der Virtuellen Realität nähert. „Ob das einen Unterschied macht, muss sich erst noch zeigen“, meint Rauschnabel. Aber zunächst bedienen Apple und Meta unterschiedliche Märkte. Meta setzt auf den Massenmarkt. Apple zumindest zum Start auf Exklusivität und absolute Spitzenleistung, auf Frühanwender mit dicker Geldbörse.
Die Quest 3 beeindruckt bei einem ersten Test in einem Cubicle im Meta-Hauptquartier, trotz des erschwinglichen Preises. In unter zehn Sekunden hat das Gerät den Raum erfasst. Ein Spiel gestartet, plötzlich fallen Trümmer von der Decke, gefolgt von einem Raumschiff, das in der Mitte des Zimmers landet und kugelrunde Aliens entlässt. Die hüpfen durch das Zimmer und verwandeln sich bei Treffern aus einer virtuellen Laserpistole in fette Farbkleckse auf dem Boden. „Wir werden künftig in Räumen ebenso viele wenn nicht sogar noch mehr virtuelle statt reale Gegenstände haben“, prophezeit Zuckerberg. Dank der zehnfachen Zahl von Pixeln ist die Auflösung sichtbar schärfer als die des Vorgängermodells. Gleichzeitig hat sich die Rechenleistung durch den Snapdragon XR2 Gen 2 von Qualcomm verdoppelt. Beim Test läuft alles ruckelfrei und ohne Verzögerung – wichtig, damit einem nicht schlecht oder schwindlig wird.
Die Quest ist nicht nur für Privatnutzer gedacht. Meta offeriert sie auch für Unternehmen, ist derzeit unter anderem dabei, Microsofts Bürosoftwarepaket 365 mit ihr nutzbar zu machen. „Es geht beispielsweise darum, die Quest als großen Monitor zu nutzen, um möglichst viele Informationen auf einen Blick zu erfassen“, erklärt Meta Produktchef Chris Cox auf Nachfrage. Ob Meta an der Hardware der Quest 3 verdient oder zumindest keinen Verlust macht, will er nicht direkt beantworten. Nur so viel: Cox sieht die Einnahmen vor allem im Vermarkten von Inhalten über die Quest. „Unser Fokus ist, sie möglichst vielen Leuten zugänglich zu machen, nicht, schon morgen damit einen Profit zu erzielen“, sagt er.
Die Neuheit bei der Konferenz – die Quest 3 hatte Zuckerberg schon vor ein paar Wochen vorangekündigt – ist eine gemeinsam mit dem italienischen Luxusbrillen-Hersteller Essilor Luxottica entwickelte smarte Sonnenbrille unter der Marke Ray Ban. Die smarte Brille, wie Zuckerberg sie nennt, ist bereits die zweite Generation. Auch sie wurde technisch aufgerüstet, kann über eine neue 12 Megapixel Weitwinkel-Linse beim Tragen Bilder der Umgebung aufnehmen oder filmen. Eine neue Funktion ist, dass die Videos nun über Facebook oder Instagram live übertragen werden können. Integriert hat Meta zudem seinen persönlichen Assistenten namens MetaAI, der auf Zuruf Fragen beantwortet und ab nächstes Jahr auch über die Kameras im Rahmen der Brille Gegenstände identifizieren kann. Wenn man unterwegs ist und beispielsweise auf das Brandenburger Tor blickt, flüstert der Assistent Fakten über die Sehenswürdigkeit ins Ohr. Auch aktuelle Informationen, möglich dank einer Kooperation mit Microsofts Suchmaschine Bing. Künftige Versionen der Brille sollen laut Meta auch Informationen oder virtuelle Gegenstände ins Sichtfeld einblenden.
Dass Träger der Ray-Ban-Brille ihre Umwelt filmen, wird nicht allen gefallen, zumal es in einer Allianz mit Meta stattfindet, das wegen Verstößen gegen den Datenschutz bereits mit Milliardenstrafen belegt worden ist.
Der Konzern reagiert auf Bedenken mit dem Hinweis, dass man die blinkende LED auf der Vorderseite der Brille noch größer und damit auffälliger gemacht hat, um heimliches Filmen zu erschweren. Die Ray Ban Brille soll nun auch in Deutschland zum Preis ab 329 Euro verfügbar sein, beim Vorgängermodell war das nicht so.
Eine weitere Neuheit ist, dass Meta nun stärker selbst in das Vermarkten seiner Sprachmodelle für generative Künstliche Intelligenz einsteigt. Meta hatte sein Llama-Modell zum Herunterladen bereitgestellt, angeblich nur für Forscher. Wie vermutlich geplant, verbreitete es sich stattdessen millionenfach, ist inzwischen eins der am meisten genutzten Sprachmodelle. Meta hat nun auf der Basis seines Sprachmodells KI-Assistenten mit verschiedenen Charakteren entwickelt, beispielsweise einen Coach, Fitnesstrainer oder Koch. Dafür hat man zum Start Promis wie den früheren Football-Star Tom Brady, das Model Kendall Jenner, die Hotel-Erbin Paris Hilton und den Rapper Snoop Dogg verpflichtet. Sie stellen allerdings nicht sich persönlich dar, sondern spielen nur eine Rolle. Das habe man getan, erklärt Produktchef Cox, weil es derzeit noch zu schwierig sei, eine Persönlichkeit umfassend abzubilden.
Außerdem stellt Meta eine Plattform bereit, über die sich eigene persönliche Assistenten trainieren lassen. „Wir glauben nicht, dass es die eine übergreifende Künstliche Intelligenz geben wird, sondern eine Reihe von Künstlichen Intelligenzen“, sagt Zuckerberg.
Für Meta birgt der Trend zu generativer KI auch Gefahren. Was, wenn Facebook damit Authentizität verliert, weil zu viele Inhalte über KI erzeugt werden? Produktchef Cox gesteht die Gefahr ein. Er habe jedoch schon viele Technologien seit seinem Start bei Meta – er war einer der ersten Mitarbeiter – gesehen. Zunächst wäre es nur Text gewesen, dann Bilder und schließlich Videos. All das habe dazu geführt, dass Meta noch erfolgreicher geworden sei.
Die Meta-Aktie haben die Neuvorstellungen kaum bewegt, sie schloss am Mittwoch nahezu unverändert. Seit Jahresbeginn hat sich ihr Kurs allerdings mehr als verdoppelt, vor allem wegen Zuckerbergs Sparkurs bei der Belegschaft.
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