Karriereleiter: Fiese Wut-Rhetorik: Tappen Sie nicht in die Friedrich-Merz-Falle
Friedrich Merz, CDU-Bundesvorsitzender.
Foto: dpaWir reden im professionellen Kontext immer zu anderen, um sie von unserem Anliegen zu überzeugen. Wir wollen, dass die anderen sagen: Ja. Finde ich gut. Haken dran. Alles klar. Kauf ich. Akzeptier ich. Sehe ich jetzt auch so. Wir überzeugen andere dann besonders gut, wenn die Empfänger unserer Botschaften ohne langes Nachgrübeln schnell entscheiden: Der oder die hat einfach Recht.
Dabei vertrauen wir Menschen besonders gern, die uns sympathisch sind. Und Sympathie entsteht nicht allein dadurch, dass wir bestimmte Standpunkte vertreten, die dem Publikum zusagen. Sympathie entsteht auch durch die Art, wie wir sie vertreten. Hier können Sie gleich fünfmal von Merz lernen, wie man es nicht hinbekommt.
Viele attestieren Merz, ein brillanter Oppositionsführer im Parlament zu sein. Nicht selten wird hier seine bissige Rhetorik in Reden vor dem Bundestag gelobt. Warum fliegt Merz aber dann außerhalb des Plenums in Talkshow und im Bierzelt seine Bissigkeit um die Ohren? Antwort: Im Parlament keilt er überheblich, süffisant, ironisch gegen Seinesgleichen. Gegen Parlamentarier. Gegen die politische Elite, zu der er selber gehört. In seinen Talkshow- und Bierzelt-Ausfällen sucht er sich andere „Opfergruppen“ für seine Angriffe. Hierbei scheitert Friedrich Merz in letzter Zeit häufig. Warum? Die Antwort:
- Er bedient alte Vorurteile und wirkt dadurch kleinkariert und ahnungslos.
- Er teilt gegen die Schwächsten aus und wirkt dadurch selber schwach.
- Er treibt einen Keil in die Gesellschaft und wirkt dadurch aufwieglerisch.
- Er schürt Ängste und Neid und wirkt dadurch nicht so, als könne er die Gesellschaft zusammenführen.
Und dann noch ein fünfter Punkt, der verheerendste, zu dem wir später kommen.
Unterm Strich bleibt da für viele Beobachter auch innerhalb der CDU/CSU: Er taugt nicht als Kanzler. Das kann für uns alle eine Lehre sein. Gehen wir es einmal durch.
1. Merz bedient alte Vorurteile und wirkt dadurch kleinkariert und ahnungslos.
Los ging es etwa 2020, als Merz sagte: „Über die Frage der sexuellen Orientierung, das geht die Öffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht – ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.“
Es schwingt mit: Bei gleichgeschlechtlich Liebenden muss man mit Kindesmissbrauch rechnen. Angst-Klischees von vor 100 Jahren. Hier zeigt Merz schlicht, dass er schlecht informiert ist. Und das bei solch simplen, auf der Hand liegenden Belangen.
Ich höre hier große Vorbehalte gegenüber Menschen heraus, die anders ticken, als er selber. Dabei aber auch fehlendes Interesse, fehlende Empathie. Da hat offenbar jemand über all die Jahrzehnte seines Lebens jede Chance auf Erhellung verstreichen lassen. Keine gute Einstellung für jemanden, der sich für größere Aufgaben empfiehlt.
Was wir daraus lernen können: Auf einem Terrain, auf dem wir uns unsicher und fremd fühlen, lieber keine großen Forderungen und Thesen in die Luft werfen, in der Hoffnung, rundweg kompetent zu wirken. Sich wie Merkel zu „Neuland“ (Digitalisierung) zu bekennen, kann zwar auch rückständig wirken, ist aber zustimmungsfähig, wenn Sie gleichzeitig das Interesse bekunden, sich zu bilden.
2. Merz teilt gegen die Schwächsten aus und wirkt dadurch selber schwach.
Wenn Lehrerinnen und Lehrer arabischstämmige Schüler zur Ordnung riefen, sei oft die Folge, „dass die Väter in den Schulen erscheinen und sich das verbitten.“ Merz sagt wortwörtlich: „Insbesondere, wenn es sich um Lehrerinnen handelt, dass sie ihre Söhne, die kleinen Paschas, da mal etwas zurechtweisen.“
„Die kleinen Paschas“. Es kam in der Sendung von Markus Lanz nicht nur darauf an, was Friedrich Merz über die Kinder gesagt hat, sondern auch, wie er es gesagt hat. Dieser Einschub, voller Abscheu und Geringschätzung. So kam es mir vor. Ja, Merz hat recht. So etwas gibt es. Aber in seiner Aufgeregtheit wirkte er auf mich wie einer der mitteleuropäisch erzogenen Klassenkameraden, die neben den Unterrichtsstörern sitzen und stocksauer sind, weil sie unter der vertanen Zeit leiden. Wo bleibt hier die Gelassenheit im Tatendrang? Im für ihn dümmsten Fall attestiert man Merz, seine tief sitzende Ablehnung der schlecht integrierten Muslime könne ihn an einer souveränen Politik hindern.
Für ein „endlich sagt’s mal einer“ reicht es allemal. Aber reicht es zur souveränen Führung einer der einflussreichsten Nationen des Westens?
Was lernen wir daraus? Merz wirkt, als müsse er seine aufgestaute Wut dosiert ablassen. Und dann zischt das leicht geöffnete Ventil doch etwas zu laut. Das wirkt schwach. Ich würde dazu raten, das Problem kühl zu formulieren, Verständnis für die Betroffenen (hier: Lehrerinnen, andere Schüler) zu formulieren und Lösungen aufzuzeigen. Diese dürfen natürlich klare Kante haben. Aber ohne persönliche Genugtuung beim harten Durchgreifen. Weil dies Skepsis erzeugt und uns im Zweifel nicht dem Ziel näher bringt, die große Verantwortung im Job übernehmen zu dürfen.
3. Merz treibt einen Keil in die Gesellschaft und wirkt dadurch aufwieglerisch.
„Nicht Kreuzberg ist Deutschland, Gillamoos ist Deutschland“. Was dieser Ausbruch sollte, ist mir wirklich schleierhaft. Als jemand, der ganz Deutschland im Blick haben will, dem Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zu attestieren, nicht Teil Deutschlands zu sein, ist einfach nur selbstzerstörerisch provinziell-trottelig. Hier wird wohl kaum einer widersprechen, dass es schlauer gewesen wäre, zu sagen: „Nicht nur Kreuzberg ist Deutschland, sondern auch Gillamoos.“
Letztendlich können wir als die Empfänger seiner Botschaften ja nur unterstellen, dass er meint, was er sagt. Und ein Mensch mit der Ambition, Bundeskanzler zu werden, kann nicht Hunderttausenden von Menschen in Berlin absprechen, dazuzugehören.
Was lernen wir daraus? Bei unserem Bestreben, mit zugespitzten Botschaften Stimmung und Beifall zu erzeugen, müssen unsere Thesen unabhängig vom Umfeld und von der Stimmungslage belastbar sein. Merz würde wohl kaum mitten in Kreuzberg dieselbe Meinung vertreten. Und genau diese Fähnchen-im-Wind-Rhetorik lässt ihn mindestens unglaubwürdig wirken (wenn wir DOCH unterstellen, dass er so einen Unsinn nicht ernst meinen kann). Im ungünstigen Fall als untauglich. Und im schlimmsten Fall als heuchlerisch. Weil die Unterstellung naheliegt, dass er eigentlich sagen wollte: „Die Migranten/Linken/Grünen/LGBT-Community/Woken in Kreuzberg gehören nicht zu uns.
4. Merz schürt Ängste und Neid und wirkt dadurch nicht so, als könne er die Gesellschaft zusammenführen.
„Die werden doch wahnsinnig, die Leute, wenn die sehen, dass 300.000 Asylbewerber abgelehnt sind, nicht ausreisen, die vollen Leistungen bekommen, die volle Heilfürsorge bekommen“, hatte Merz im Sender „Welt“ behauptet. Einen Unterschied zwischen ausreisepflichtigen und geduldeten Migranten hatte er dabei nicht gemacht. Zitat: „Die sitzen beim Arzt und lassen sich die Zähne neu machen, und die deutschen Bürger nebendran kriegen keine Termine.“
Schildern, wie sich die Leute fühlen, wenn sie einen dargestellten Umstand wahrnehmen, der in Wahrheit gar nicht so dramatisch ist, wie er in dieser Sekunde dargestellt wird. Vielleicht dachte Merz, bei „Welt“ ist das Umfeld ähnlich offen für solche Thesen wie in einem Bierzelt. Und hat vergessen, dass das Ganze für alle zugänglich gesendet wird.
Auch hier wirkt es, als sei das Wut-Ventil eine Spur zu weit geöffnet worden. Es fehlt außerdem völlige Empathie für die andere Seite. Das wirkt kalt und im für den Redner ungünstigsten Fall menschenfeindlich.
Was lernen wir daraus? Gerade hierzulande mögen wir es fair und gerecht. Neid lässt sich so schnell erzeugen. Hilft aber nicht bei der Problemlösung. Insbesondere dann nicht, wenn undifferenziert über einen Kamm geschoren wird und die Fakten zur Stimmungsmache vereinfacht oder überdramatisiert werden. Wäre ich Führungskraft in einem Unternehmen, ich würde Verständnis für die Belange beider Seiten schildern und erklären, auf welche Seite ich mich aus welchen Gründen schlage, weiter im Bestreben, eine faire Lösung zu finden.
Ich würde unbedingt vermeiden wollen, dass die Öffentlichkeit oder die Belegschaft von mir den Eindruck erhält, ich könne mir ganzen Gruppen von Menschen völlig frei von Interessen, Nöten, Ängsten vorstellen, nur weil ich denen etwas zumuten möchte.
Und damit sind wir beim 5. und für mich aus Merz´ Perspektive verheerendsten Fehler:
5. Merz wirkt, als müsse er unbedingt das Ventil unter Kontrolle halten, weil wir ihn sonst erst richtig kennenlernen würden.
Wem entfleuchen nach Ihrer Erfahrung hier und da solche homophoben, antiliberalen, vorurteilsbeladenen Verallgemeinerungen, die aufwiegeln, spalten und Ressentiments befeuern? Doch demjenigen, er in Wirklichkeit so denkt und fühlt, sich aber nicht so richtig traut, Klartext zu sprechen, weil er befürchtet, sich sonst selber für einen Großteil der Empfänger (in Fall von Merz Wahlvolk, im Job-Kontext oft Belegschaft, Kunden, Kooperationspartner) vollends untragbar zu machen? Wie sollen die Wähler einer dem Namen nach christlichen Partei solch nächstenlieblosen Thesen unterstützen können?
Wir als Empfänger können ja nur urteilen auf Basis dessen, was wir hören und sehen. Und dieser Eindruck, dass da jemand nicht ehrlich klipp und klar sagt, was er am liebsten wirklich rausposaunen würde, dass er seine echte Meinung nur am Esstisch daheim, nach ein paar Gläsern Wein unter Freunden oder versehentlich mal in einer Bierzelt-Stimmungsbedudeltheit raus krakeelt, das macht skeptisch.
Was lernen wir daraus? Sprechen wir, wenn dem so ist, unser Grummeln, unsere innere Zerrissenheit, unseren Ärger, ja, vielleicht auch das frustrierende Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber Ungerechtigkeiten und Missständen klar an. Das schützt uns vor ungesteuert zischenden Wutventilen. Und machen wir immer deutlich: Wir wollen gute Lösungen. Hüten wir uns davor, einzelne Menschen oder Interessengruppen von oben herab abzukanzeln, sondern versetzen wir uns auch in diese hinein. Gerade, wenn wir im Machtgefüge über ihnen stehen.
Über Schwächere rhetorisch herzuziehen, ist ein Zeichen von kommunikativer Verwahrlosung. Einfach fies. Ein Bundeskanzler mit einer solchen Art zu kommunizieren, wäre aus meiner Sicht schlecht für den Zusammenhalt in unserem Land. Und Führungskräfte mit Ambitionen im Job sollten daher von Merz lernen – wie man es besser nicht macht.
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