Riedls Dax-Radar: Ziele der Dax-Rally – und Risiken für 2024
Wie entfesselt legen die Aktienmärkte los, nachdem Fed-Chef Jerome Powell seine jüngsten geldpolitischen Entscheidungen bekannt gegeben hat: Die amerikanische Notenbank wird die Zinsen ein weiteres Mal nicht erhöhen, die Bremsmaßnahmen zeigen Wirkung im Kampf gegen die Inflation. Allerdings, sollte es die Datenlage erfordern, könnte es jederzeit neue Zinserhöhungen geben.
In den Augen der Börse verfestigt sich ein positives Szenario: Wenn es jetzt im November und aller Voraussicht nach auch zur Sitzung am 13. Dezember keine Zinserhöhung mehr gibt, ist die Bahn frei für eine klassische Jahresendrally. Um so mehr, da die Börsen in den vergangenen Wochen schwer verloren haben und die Stimmung auf einen Tiefpunkt gekippt war. Der Fear- and Greedindex von CNN hatte Anfang Oktober mit einem Stand von 20 den Bereich extremer Angst erreicht; ein Signal, für ein Tief der Anlegerstimmung, die danach eigentlich nur besser werden kann.
Ein regelrechtes Feuerwerk zünden die Anleihen. Die Rendite zehnjähriger US-Bonds, die am 23. Oktober mit 5,01 Prozent noch ein langjähriges Hoch erreicht hatte, sackt bis auf 4,61 Prozent ab; Folge des stärksten Kursanstiegs bei Anleihen seit Frühjahr. Deutsche Bundespapiere können nicht ganz so stürmisch aufholen, doch auch hier geht die Rendite auf bis zu 2,66 Prozent hinab, nachdem sie Ende September noch fast die Marke von 3,0 Prozent erreicht hatte.
Der massive Anstieg der Zinsen war – trotz Kriegen im Nahen Osten und in der Ukraine – als Folge der Inflation die größte Belastung der Börsen. Kein Wunder also, dass die Aktien jetzt, nachdem es von den Notenbanken und den Bondmärkten so deutliche Entwarnungssignale gibt, schnell nach oben geht. Doch ist die Jahresendrally, die sich nun entsprechend dem typischen saisonalen Muster ergeben könnte, wirklich ausgemachte Sache?
Ohne Frage, die jüngsten, kräftigen Kurssprünge sind wichtige Signale für eine Marktstärke, die es seit mehreren Wochen so nicht mehr gegeben hat. Dass sie dabei durch echte Käufe und reichlich Eindeckungen von Baisse-Positionen zustande gekommen sind, ist zweitrangig. Der Anstieg des Dow Jones von 32.400 auf 33.800 Punkten in nur vier Tagen hat die gleiche Dynamik wie die Anstiegsphasen im März und im Juli dieses Jahres. Im Dax geht es mit einer Rally von 14.700 auf 15.200 nicht ganz so stark voran, doch auch hier wird erst einmal der seit Oktober laufende Abwärtstrend gebrochen.
BMW vorne, Hoffnung bei Fresenius, Stärke bei Vonovia
Gute Unternehmenszahlen kommen hinzu. Autobauer BMW peilt nach einem starken Neunmonatsgeschäft in diesem Jahr fünf bis zehn Prozent mehr Absatz an. Das operative Ergebnis legte im dritten Quartal überdurchschnittlich zu, die Nachfrage nach klassischen Verbrennern und Elektromobilien ist robust, die Finanzdienstleistungen (Autofinanzierungen, Versicherungen, Leasing) können solide zulegen.
Nach 9,5 Milliarden Euro Nettogewinn in neun Monaten könnten 2023 unterm Strich mehr als 12 Milliarden Euro bleiben. Bei einem Börsenwert von knapp 60 Milliarden wäre das gerade mal eine fünffache Gewinnbewertung. Dazu winken sechs Prozent Dividendenrendite. Und in der Bilanz von BMW steckt mit 86 Milliarden Euro nicht nur deutlich mehr Eigenkapital als der Börsenwert; mit 34 Prozent ist die Kapitalquote (inklusive Finanzgeschäften) auch stabil auf hohem Niveau. Firmenwerte aktiviert BMW praktisch nicht, das macht diese Zahlen noch substanzieller.
BMW-Aktien haben bei knapp 90 Euro den seit dem Coronatief bestehenden Aufwärtstrend knapp verteidigt. Allerdings, noch muss sich die Aktie erst durch die mehrfache Widerstandszone zwischen 95 und 100 Euro kämpfen, bevor die in den vergangenen Wochen entstandenen negativen Signale aufgehoben werden.
Angesichts der guten Zahlen und der zuversichtlichen Prognosen steckt in den Kursen nach wie vor eine gehörige Portion Skepsis. Das ist einerseits gut, weil es nach oben Spielraum für positive Überraschungen lässt. Andererseits ist dies aber auch ein Warnsignal, das auf eine schwächere Autokonjunktur im nächsten Jahr deuten könnte. Wer aktuell Autoaktien hat, selbst Top-Werte wie BMW, kommt um diese Unsicherheit nicht umhin.
Nach langer Durststrecke gibt es von Fresenius wieder einmal gute Nachrichten. Nach zwei Prozent Umsatzplus und acht Prozent mehr operativem Gewinn im dritten Quartal rechnet der Gesundheitskonzern für 2023 nun insgesamt mit einem stabilen Ergebnis. Besonders die beiden neuen Kerngeschäfte Kliniken und medizinische Ernährung sind vielversprechend, das bestätigt die aktuelle Konzernstrategie weg von der Dialyse. Bis Ende des Jahres sollte auch der Ableger FMC als eigene Aktiengesellschaft ausgegliedert sein.
Ob Fresenius-Aktien damit die seit September laufende Abwärtstendenz beendet haben, ist fraglich. Die Zahlen von Fresenius selbst werden stabiler, die Kosten sind zunehmend im Griff. Auch FMC kann die Prognosen leicht heraufsetzen, doch mit einem Rückgang von zwei Dritteln fiel der Nettogewinn zuletzt noch ziemlich schwach aus. Und auch wenn es um die Unsicherheit auf dem Dialysemarkt wegen eines möglichen neuen Antidiabetikums des dänischen Pharmakonzerns Novo Nordisk zuletzt ruhiger geworden ist, ändert das nichts an dem damit erhöhten Risiko in dem Dialysegeschäft. Das zeigt sich auch an den schwachen Kursen des amerikanischen Rivalen Baxter.
Fresenius-Aktien sind bei 14 Milliarden Euro Börsenwert sicherlich nicht überbewertet. Doch die gesamte Branche um Gesundheit, Pharma, Biotech und Medizintechnik steckt derzeit nach den Exzessen von Corona in einer Bewertungskrise, die noch nicht ausgestanden ist. Selbst einstige Top-Aktien der Branche wie Roche oder Johnson & Johnson stehen unter Druck. Und das gilt erst recht für die Fresenius-Gruppe mit ihrem schwierigen Manöver, das einst erfolgreiche Kerngeschäft der vergangenen Jahrzehnte schlichtweg komplett zu wechseln.
Es ist durchaus möglich, dass Fresenius-Aktien im Laufe dieses Prozesses zwischen 20 und 30 Euro einen großen Boden bilden. Wer vorsichtig ist, kann immer noch auf den Zug aufspringen, sollte die Aktie eines Tages mit einem nachhaltigen Anstieg über 30 bis 32 Euro ein positives Signal geben.
Schon seit mehreren Monaten besser als erwartet entwickelt sich die Aktie des Wohnungskonzerns Vonovia. Während in der öffentlichen Diskussion Themen wie problematischer Wohnungsbau, horrende Mietpreise und mögliche Enteignungen von Konzernen im Mittelpunkt stehen, haben sich Vonovia-Aktien seit Frühjahr dieses Jahres vom Tief bei 15 Euro klammheimlich auf 23 Euro erholt. Nach dem dramatischen Verfall vom Hoch bei 59 Euro ist das zwar erst ein Tropfen auf dem heißen Stein, angesichts der Belastungen der Branche, vor allem durch gestiegene Zinsen, aber dennoch bemerkenswert.
Die jüngsten Zahlen passen dazu: Das Kerngeschäft Vermietung legt in diesem Jahr bisher um sieben Prozent zu. Leerstände gibt es mit 2,1 Prozent kaum, die Synergien aus dem Zusammenschluss mit der Deutschen Wohnen zahlen sich aus. Der Verkehrswert des Immobilienbestands der 548.000 Wohnungen wird mit 88,7 Milliarden Euro angegeben. Die Wertminderung des ersten Quartals (3,4 Milliarden Euro) fiel im zweiten Quartal mit 2,7 Milliarden Euro etwas geringer aus. Als Nettoinventarwert je Aktie ergibt sich zum Stichtag 20. September ein Wert von 50,51 Euro.
Bei Aktienkursen um 23 Euro spiegelt sich die enorme Skepsis wider, die nach wie vor gegenüber der Immobilienbranche im Allgemeinen und Vonovia im Besonderen vorherrscht. Auch Vonovia weist darauf hin, dass der operative Gewinn in der Gruppe wegen höherer Steuern und gestiegener Zinsen tendenziell weiter leicht rückläufig sein dürfte. Angesichts der schwierigen Lage am Immobilienmarkt sind das aber keineswegs düstere Aussichten. Und sollte sich, wie am Anleihemarkt sichtbar, die Tendenz zur Zinsentspannung verfestigen, dürften Vonovia-Aktien einen weiteren Teil ihres Discounts gegenüber dem Nettoinventarwert aufholen. Nächstes Ziel könnte das Niveau 27 bis 28 Euro sein.
Fazit für den Dax: Nach 800 Punkten Kursverlust im Oktober hat der Dax in vier Tagen 500 Punkte gut gemacht. An allen wichtigen Börsen kam es zu deutlichen Aufschlägen. Entscheidender Motor dafür ist die Entspannung auf der Zinsseite, die sich vor allem am Bondmarkt zeigt. Ein wichtiges Signal kommt hierbei vom Rex-Kursindex, der den seit Sommer anhaltenden Abwärtstrend schon ein Stück weit gebrochen hat. Das ist noch nicht die Zinswende, kann aber ein Baustein dafür werden.
Vom Tisch sind die großen Risiken für die Märkte deshalb natürlich noch nicht. Sollte der Krieg im Nahen Osten eskalieren, dürfte dies vor allem den Ölpreis steigen lassen. Aktuell allerdings tendieren die Notierungen für ein Fass der Nordseesorte Brent eher am unteren Rand ihrer mittelfristigen Schwankungen, die zwischen 83 und 95 Dollar liegen. Das ist keine Entwarnung, signalisiert aber eben auch keine unmittelbare Bedrohung.
Im Dax ist die Zahl der Aktien, deren aktuelle Notierungen unter der 200-Tagelinie liegen, zuletzt auf 24 gesunken. Das ist immer noch ein Überwiegen der Baissewerte von 60 Prozent. Das kennzeichnet einen Markt, der weiter auf der Suche nach seiner großen Richtung ist.
Angesichts der Zinsentspannung ist es durchaus möglich, dass der Dax kurzfristig weiter nach oben tendiert und dabei in den nächsten Wochen in den Bereich 15.500 bis 15.700 Punkte vordringt. Auf diesem Niveau lagen zahlreiche Tiefpunkte dieses Jahres, zudem verläuft hier die 200-Tagelinie. Ein Test dieser Kursregion wäre also zunächst eine klassische Reaktion in einer übergeordneten Abwärtsbewegung und noch keine Entscheidung über den großen Trend. Die dürfte erst fallen, wenn es über 15.600 oder 15.700 hinausginge. Andererseits: Sollte sich der Dax hier allerdings festfahren und danach wieder abkippen, wäre dies wiederum ein gefährliches Zeichen für einen bevorstehenden schwachen Jahresstart 2024.
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