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StahlindustrieMuss grüner Rohstahl made in Germany sein?

Das Geld ist knapp. Wäre es also besser, den Grundstoff für Stahl dort herzustellen, wo grüne Energie billig zu haben ist? SMS-Group-Managerin Katja Windt plädiert für ein Umdenken.Florian Güßgen 27.11.2023 - 15:02 Uhr

Der Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, Robert Habeck besuchte im Juli 2023 Thyssenkrupp in Duisburg.

Foto: imago images

Es ist ein, tja, heißes Eisen, vielleicht die Gretchenfrage der Industrie: Muss der Grundstoff für grünen Stahl, klimaneutral erzeugter Eisenschwamm (Hot Briquetted Iron, HBI) unbedingt aus Deutschland kommen? Oder genügt es, ihn etwa innerhalb Europas dort zu erzeugen, wo es günstige, grüne Energie in Hülle und Fülle gibt – und ihn dann zur Weiterverarbeitung nach Deutschland zu transportieren, etwa mit dem Schiff? Ist das Besondere an „made in Germany“ vielleicht nicht die Grundstofferzeugung, sondern die Weiterverarbeitung?

Durch den Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zum Klima- und Transformationsfonds (KTF) hat die Diskussion eine neue Dringlichkeit bekommen, denn zwar haben zwei deutsche Stahlkonzerne, die Salzgitter AG und auch Thyssenkrupp Steel Europe in Duisburg, die Stahlsparte der Thyssenkrupp AG, bereits Förderbescheide in Milliardenhöhe für den Bau von sogenannten Direktreduktionsanlagen (DRI) in Deutschland erhalten. Diese Anlagen sind für den Abschied von der koksbefeuerten Hochofenroute und den Aufbau einer Wasserstoffroute zentral.

Aber andere Stahlkonzerne, etwa ArcelorMittal in Bremen und Eisenhüttenstadt oder die Stahl-Holding-Saar, warten noch auf Hilfszusagen für entsprechende Transformationsprojekte. Konkret geht es dabei um einen Betrag von zusammen über 6 Milliarden Euro, wie es in Berlin heißt. Ist es aber wirklich effizient, das Geld in diese Projekte zu stecken?

„Der Wasserstoff ist der eigentliche Knackpunkt“

Katja Windt, Mitglied der Geschäftsführung des Anlagenbauers SMS Group, hat sich nicht direkt zu den Folgen des Urteils geäußert – auch nicht zu konkreten Sparpläne. Aber sie hat in dem WirtschaftsWoche-Podcast „Chefgespräch“ für eine regionale Aufgabenteilung plädiert. Die Dekarbonisierung der Produktion von Rohstahl in Direktreduktionsanlagen erfordere Wasserstoff. „Das ist der eigentliche Knackpunkt“, sagte Windt im Gespräch mit WiWo-Chefredakteur Horst von Buttlar.

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Für die Produktion von grünem Wasserstoff in Elektrolyseuren – also nicht auf Erdgasbasis – sei „natürlich grüne Energie erforderlich, die erschwinglich ist“. Im Norden Europas, in Schweden oder Norwegen, gebe es diese günstigere Energie, gemeint ist mit Hilfe von Wasser- und Windkraft erzeugte Energie, im Süden Europas Solarenergie. „Wir plädieren dafür“, sagte Windt im „Chefgespräch“, „die Möglichkeit, das Ganze vielleicht in einem Energieverbund von der politischen Seite her zu beleuchten, ob man nicht die wirklich energieintensiven metallurgischen Prozesse eher in solche Regionen verlagert, aber dafür in der Weiterverarbeitung ausbaut, wo die Qualität des Endprodukts sichtbar entsteht.“ Die Weiterverarbeitung, sagte Windt, sei „der Kern“ des Bereichs, in dem die „Arbeitsplätze ausgeweitet werden“ könnten. Es gehe ihr, sagte Windt, dabei nicht konkret um Standorte wie den Stahlstandort Duisburg, sondern „grundsätzlich um die Energiekosten in Deutschland“.

SMS baut in Schweden und Deutschland

Windts Vorstoß ist interessant, weil die SMS-Group nicht nur für das schwedische Start-Up H2 Steel in Boden bei Lulea in Nordschweden bis 2026 das erste Stahlwerk baut, das komplett mit Wasserstoff betrieben wird, sondern auch in Duisburg die erste Direktreduktionsanlage von Thyssenkrupp Steel Europe errichtet. Die Anlage soll Ende 2026 mit einer jährlichen Kapazität von 2,5 Millionen Tonnen in Betrieb gehen.

Der Bau von mehr oder weniger komplett CO2-freien Stahlwerken sei eine „Revolution in der Stahlindustrie“, sagte Windt. Das Werk, das die SMS Group in Schweden für H2 Green Steel baue, werde in einer zweiten Ausbaustufe 5 Millionen Tonnen Stahl im Jahr erzeugen. „Und das beruht auf einer reinen Wasserstoffroute“, sagte Windt. Die Anlage in Duisburg soll, in Kombination mit zwei Einschmelzanlagen, die den Eisenschwamm verflüssigen, insgesamt rund 3 Milliarden Euro kosten. Zwei Milliarden Euro davon bezahlen das Land Nordrhein-Westfalen und der Bund, das Land 700 Millionen Euro, der Bund in etwa 1,3 Milliarden Euro. Den Förderbescheid dafür hat Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck (Grüne) erst in diesem Sommer übergeben. Für die SMS-Group ist der Bau dieser Anlage mit einem Volumen von rund 1,8 Milliarden Euro der größte Auftrag ihrer Geschichte.

Wie effizient ist das integrierte Werk?

Trotz dieser Entscheidung ist unklar, ob es effizient ist, die komplette Wertschöpfungskette in Deutschland zu halten. Schließlich ist die Stahlindustrie auch deshalb etwa im Saarland und vor allem im Ruhrgebiet verortet, weil es dort früher günstige Energie gab – Kohle. Gilt dieses Prinzip – die Industrie folgt der Energie – jetzt nicht mehr?

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Um die Menge Rohstahl zu erzeugen, die derzeit etwa im Duisburger Werk von Thyssenkrupp Steel Europe erzeugt wird, rund 11 Millionen Tonnen pro Jahr, werden gewaltige Mengen an Wasserstoff und damit grünem Strom nötig sein. Mit der Inbetriebnahme der ersten Reduktionsanlage „müssten alleine für unseren Standort in Duisburg über 800 neue Windräder zu Wasser und auf Land gebaut werden“, sagte Thyssenkrupp-Chef Miguel López bei der Bilanzpressekonferenz des Konzerns am Mittwoch in Essen – allerdings nutzt er dieses Beispiel, um für eine „Energiepartnerschaft“ mit der Holding EPH des Investors Daniel Křetínský zu plädieren. Zwar funktionieren Direktreduktionsanlagen auch mit Erdgas, aber das Gas soll ja möglichst bald mit grünem – also mit per Ökostrom erzeugtem – Wasserstoff ersetzt werden. Und dieser Ökostrom wird, trotz aller ambitionierten Pläne der Bundesregierung, in Deutschland absehbar teurer sein als in Ländern mit anderen geografischen Bedingungen.

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Es gibt dazu, wie immer, unterschiedliche Studien. Im Herbst erst hat eine Studie der branchenübergreifenden Fachkommission „HySteel“ des Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verbands (DWV) argumentiert, dass es unterm Strich effizienter sei, den Aufbau von Direktreduktionsanlagen vor Ort, also in Deutschland, zu fördern. „Insgesamt“, so das Kernargument, ergebe sich ein „Kostenvorteil für den Betrieb einer DRI-Anlage in Deutschland“ gegenüber dem Import von Eisenschwamm (HBI) aus „kostengünstigeren Regionen“. Außerdem gebe es „qualitative Kriterien“, die für eine heimische Lösung sprächen. „Resilienz und Technologieinnovationen sind aus industriepolitischer Sicht entscheidende Faktoren für eine (umfangreiche) Eigenproduktion von Wasserstoff und DRI“, heißt es in der Studie. Wie hältst Du’s mit der nationalen „Resilienz“? Die Frage hat zuletzt immer mehr an Gewicht gewonnen. Aber wie schwer wiegt sie, wenn der Partner ein anderer EU-Staat ist, nachweislich demokratisch und nicht allzu weit weg?

Dabei sei es, heißt es in der Studie konkret, zwar 50 bis 150 Euro pro erzeugter Tonne günstiger, an Orten außerhalb Deutschlands zu produzieren. Aber der Betrieb einer DRI-Anlage vor Ort habe auch Vorteile, die mit etwa 70 bis 80 Euro pro Tonne anzusetzen seien. Dazu komme die Marge auf Herstellungskosten von HBI im Ausland, die mit etwa 50 bis 150 Euro zu quantifizieren sei. Das führe zu den Kostenvorteilen der heimischen Produktion. Allerdings wird hier vorausgesetzt, dass Wasserstoff zu „wettbewerblichen Preisen“ in Deutschland verfügbar sei. Aus dieser Analyse leiten die Autorinnen und Autoren ab, dass Projektförderungen in Deutschland „temporär erforderlich“ seien.

Lieber Eisenschwamm statt Wasserstoff importieren?

Eine andere Gewichtung findet sich in einer Analyse des Berliner Thinktanks „Agora Industrie“ und des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie vom Juni, die mit „15 Insights on the Global Steel Transformation“ betitelt ist. Die Autoren vergleichen die Kosten des Transports von grünem Wasserstoff oder seinen Derivaten, etwa Ammoniak, mit den Kosten des Transports von etwa Eisenschwamm (HBI), der mit grünem Wasserstoff erzeugt worden ist. Eisenschwamm zu transportieren sei „viel billiger“, argumentieren die Autoren.

Zudem entsprächen die Transportkosten in etwa jenen Kosten, die man ohnehin habe, wenn man Eisenerze importieren müsse. Deutschland ist hier nicht ausdrücklich erwähnt, aber gerade für Deutschland ist das Ergebnis relevant, weil das Land absehbar auf den Import von Wasserstoff angewiesen sein wird und auch bei den Eisenerzen vom Import abhängig ist. Allerdings schränken die Autoren die Folgerungen aus ihrer Analyse auch ein. „Obwohl es aus ökonomischer Perspektive ein starkes Argument für den See-Transport von grünem Stahl im Vergleich zum See-Transport von Wasserstoff gibt, gibt es auch Kriterien wie die strategische Autonomie, technologische Innovation, Marktmacht und die Vorteile der direkten Verarbeitung von direktreduziertem Stahl in einem integrierten Stahlwerk“, die zu beachten seien.

„Was nützt eine DRI-Anlage in der Wüste?“

Wie viel Rohstahl muss also „made in Germany“ sein, damit Deutschland sich sicher und unabhängig wähnt? Und wie viel darf diese Unabhängigkeit in der Übergangsphase die Steuerzahler kosten? Die Debatte dürfte durch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts neu entflammen, zumal nun nicht nur die Förderung von Anlagen selbst, sondern auch die Förderung von relevanter Infrastruktur infrage steht, Geld für den Hochlauf des Wasserstoffmarkts und die entsprechende Pipeline-Infrastruktur. „Was nützt uns eine DRI-Anlage in der Wüste?“, fragt ein Insider.

Am vergangenen Montag hatte Bernhard Osburg, der Chef von Thyssenkrupp Steel Europe, als Reaktion auf das Verfassungsgerichtsurteil einen Transformationsgipfel unter der Führung von Bundeskanzler Olaf Scholz gefordert. „Im Prinzip“, sagte er, „ist das ein Full-Stop der Industrietransformation.“ Osburg sagte das am Rand der Grundsteinlegung eines neuen Warmbandwerks in Duisburg-Bruckhausen. Dort geht es um eine bessere Weiterverarbeitung. Thyssenkrupp hat zwar die erste DRI-Anlage sicher, aber vor allem Arbeitnehmervertreter im Konzern dringen darauf, dass bald die Zusagen für den Bau weiterer DRI-Anlagen erfolgen müssen.

Lesen Sie auch: Welche Möglichkeiten die Bundesregierung hat, das Haushaltsloch zu füllen, das sich durch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aufgetan hat

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