Chemieindustrie: Was hinter dem BASF-Konzernumbau steckt
Der Unternehmensumbau soll am BASF-Standort Ludwigshafen 2500 Mitarbeiter betreffen.
Foto: APDie Verbundstruktur gilt als Zauberformel des BASF-Erfolgs: Der Konzern setzt darauf, dass keine Chemikalie verloren geht. Die Idee: Aus dem Abfallprodukt eines Verfahrens wird der Ausgangsstoff für ein neues Produkt. Auf dem zehn Quadratkilometer großen BASF-Werksgelände in Ludwigshafen entstehen in diesem Kreislauf Elektronikchemikalien, Vitamine, Kohlenstoffdioxid und vieles mehr.
Einige wenige Produkte werden nicht in Ludwigshafen produziert. Sie sind so etwas wie die Außenseiter der BASF: Die erste große Anlage für Batteriestoffe hat das Unternehmen im Juni in Schwarzheide nördlich von Dresden eröffnet. Der Unternehmensbereich Coatings, also Lacke und Beschichtungen, hat seinen Hauptsitz in Münster. Limburghof ist das Zentrum der weltweiten Pflanzenschutz- und Saatgutaktivität.
Die drei Geschäftsbereiche, die physisch kaum in die Verbundstruktur bei BASF integriert sind, will der Chemiekonzern künftig eigenständiger aufstellen. Das teilte der Konzern am Donnertagmittag mit. Das Geschäft mit Lacken und Beschichtungen ist bereits rechtlich eigenständig, das Batterie- und Pflanzenschutzgeschäft soll dem Beispiel folgen und ebenfalls aus dem Mutterkonzern herausgelöst werden. Für alle drei Geschäftsbereiche werde ein eigenes SAP-System eingeführt. Alle drei Geschäftsbereiche bleiben dennoch, so betont es der Vorstand, Teil der BASF und werden weiterhin vom Vorstand gesteuert.
„Wir haben einen neuen Ansatz für eine differenziertere Unternehmensstruktur bei BASF“, erklärte Konzernchef Martin Brudermüller bei einer Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag den Schritt. Der Markt sei heftig, die Wettbewerbsintensität nehme stetig zu. Da sei kein Platz für Kompromisse: „Wir wollen den Geschäftsbereichen die Möglichkeit geben, sich genau so auszurichten, wie es der Markt fordert“, sagt Brudermüller. „Das gibt ihnen die Möglichkeit schlagkräftiger, schneller, kundennäher und schlussendlich profitabler zu werden.“ Es sei weder ein Verkauf noch Kündigungen vorgesehen. Alle Beschäftigten sollen laut Konzern zu vergleichbaren Konditionen weiterbeschäftigt werden.
„Was geschieht mit dem Standort, wenn die aktuellen Zugpferde gehen?“
Der Betriebsrat und die Industriegewerkschaft IGBCE reagierten dennoch alarmiert auf die Umstrukturierung. Der Schritt wird in Ludwigshafen, so scheint es, als ein weiterer Schritt weg vom Verbundstandort und Hauptsitz in Ludwigshafen wahrgenommen. Das Management beschreibe die Vorteile für die neuen Gesellschaften, „die Vorteile und Risiken für den Verbund sind bislang im Unklaren“, heißt es in einer Mitteilung des IGBCE Ludwigshafen. Bei den Mitarbeitern werfe die Entscheidung des Vorstands Fragen auf: „Was geschieht mit dem Standort, wenn die aktuellen Zugpferde gehen?“
Es sind insbesondere vielversprechende Zukunftsgeschäfte von dem Schritt betroffen: Insbesondere mit dem Bereich Lacke und Beschichtungen (Coatings) war Vorstandschef Martin Brudermüller zuletzt „ganz besonders zufrieden“, wie sich der CEO bei Verkündung der Quartalszahlen Ende Oktober freute. Das Geschäft mit Batteriematerialien soll für BASF künftig zum Gewinntreiber werden. Brudermüller will das Unternehmen zum weltweit führenden Kathodenlieferanten machen. Das Geschäft ist vielversprechend: Die Batterieproduktion für Elektroautos boomt. Das neue Werk in Schwarzheide ist schon jetzt für Jahre ausgebucht.
In Ludwigshafen betrifft die Umstrukturierung knapp 2500 Mitarbeiter, in Schwarzheide und Limburgerhof düften es deutlich mehr sein. Die Gewerkschaft spricht von einer Hiobsbotschaft kurz vor Weihnachten. Von besinnlicher Weihnacht könne bei den Betroffenen keine Rede mehr sein. Die Verhandlungen, so betont es der Vorstand, laufen jedoch seit Monaten. Die aktuelle Standortvereinbarung schließt betriebsbedingte Kündigungen für Beschäftige der SE in Ludwigshafen noch bis 2025 aus. Die Gewerkschaft forderte am Donnerstag eine neue Standortvereinbarung, um betriebsbedingte Kündigungen auch in den Folgejahren auszuschließen. Auf dem Chemieareal in Ludwigshafen arbeiten rund 39.000 Menschen, davon knapp 35.000 als Beschäftigte der SE.
BASF lädt Investoren zum Gespräch
Der Verkündungstermin für den Unternehmensumbau ist nicht zufällig gewählt. Am Nachmittag trifft Brudermüller gemeinsam mit Finanzvorstand Dirk Elvermann die BASF-Investoren in Ludwigshafen zum Gespräch. Der Termin ist insgesamt für acht Stunden angesetzt: erst Präsentation und Fragerunde, dann gemeinsames Abendessen und zum Schluss eine Werksführung bei Nacht. Genug Zeit, um die Geldgeber über die die Hintergründe aktueller Entscheidungen des Vorstands aufzuklären.
Zuletzt herrschte nicht nur bei Arbeitnehmervertretern, sondern auch am Markt viel Skepsis. Der Chemiekonzern bekommt die schleppende Nachfrage weltweit zu spüren. Umsatz und operatives Ergebnis gingen im dritten Quartal deutlich zurück. Unter dem Strich fuhr BASF auch wegen Belastungen durch seine Beteiligung an dem Öl- und Gaskonzern Wintershall Dea einen Verlust von 249 Millionen Euro ein. Zwischenzeitlich sorgten sich Anleger um ihre Dividende, die Ausschüttung wurde von Seiten des Konzerns jedoch zugesichert.
An der Börse wurde unterdessen eine erneute Gewinnwarnung befürchtet, die blieb bislang jedoch aus. Der Ausblick auf das Gesamtjahr bleibt aber unsicher. Der Konzern schraubt seine Investitionen in den kommenden Jahren deshalb zurück.
Von den Kürzungen sind zwei Projekte Brudermüllers explizit ausgenommen: Keine Abstriche will BASF bei der grünen Transformation des Konzerns machen. Auch am Bau des umstrittenen Verbundstandorts in China hält Brudermüller in vollem Umfang fest. Womöglich ein Grund dafür, dass sich der Stammsitz aktuell vor den Kopf gestoßen fühlt.
Für das Stammwerk Ludwigshafen sind es nicht die ersten einschneidenden Neuigkeiten in diesem Jahr. Bereits im Februar hatte der Konzern wegen verschlechterter Geschäfte und erschwerter Rahmenbedingungen in Europa ein Sparprogramm aufgelegt, inklusive Stellenabbau. Gewerkschaft und Betriebsrat fordern jetzt klare Zukunftsaussichten für den deutschen Verbundstandort, an dem 39.000 Beschäftigte arbeiten. Sie dringen auf eine „Standortvereinbarung 2030“.