Wirtschaft von oben #241 – Russische Kriegswirtschaft: Hier baut Russland seine Drohnenproduktion aus – mit iranischer Hilfe
Das Drohnenwerk in der Sonderwirtschaftszone Alabuga: Eine riesige Mauer ringsherum sichert das Gelände und schützt vor Blicken von außen.
Foto: LiveEO/PleiadesMit dem Wintereinbruch und der Kälte in der Ukraine kommen auch vermehrt die Killerdrohnen aus Russland. Wie schon im vergangenen Winter stürzen sie sich zu Dutzenden auf Kraftwerke in Odessa, Wasserleitungen und Militärfabriken in Kiew. Das offenkundige Ziel: Die ukrainische Militärlogistik stören und den Kampfgeist in der Bevölkerung brechen. Doch sind die Angriffsschwärme im Vergleich zum letzten Winter deutlich angewachsen. Von einer „Verdoppelung“ der Drohnen-Zahl spricht etwa der ukrainische Militäranalyst Alexander Kotchetkov.
Dazu haben die „fliegenden Mopeds“, wie ukrainische Soldaten die Drohnen verächtlich wegen ihres röhrenden Dieselmotors nennen, aufgerüstet: Für Nachtflüge sind die Flieger neuerdings schwarz lackiert. Auch haben die russischen Militärs die so genannten unbemannten Luftfahrzeuge mit ukrainischen Sim-Karten und 4G-Modem ausgestattet. Die Drohnen nutzen jetzt laut dem britischen Verteidigungsministerium die örtlichen Funkmaste, sind weniger auf Satellitennavigation angewiesen und können so leichter die ukrainischen Abwehrschirme umkurven.
Nicht zuletzt die technischen Modifikationen und die wachsende Masse von Drohnen legen nahe, dass Russland sich nicht nur auf Lieferungen aus dem Iran verlässt. Von dort bezieht das Regime seit ihrem Überfall auf die Ukraine das Modell Shahed 136. Parallel dazu aber bauen die russischen Militärs seit Herbst 2022 in der Region Tatarstan, etwa 1000 Kilometer östlich von Moskau, eine eigene Produktionsanlage. Wie neueste Satellitenbilder von LiveEO zeigen, ist der gigantische Industriekomplex auf dem Alabuga-Areal fertiggestellt, die Militärmaschinerie ist angelaufen. Dem Ziel, jährlich 6000 Drohnen in Russland herzustellen, ist Präsident Wladimir Putin damit einen großen Schritt nähergekommen.
Bilder: Google Earth, LiveEO/Pleiades
Schon heute gleicht die Industriezone einem Gebiet so groß wie ein bayerisches Dorf. Aktuelle Aufnahmen zeigen Industriewerkshallen von der Größe von mehr als zehn Fußballfeldern. Eine langgezogene Zementwand samt Checkpoints dient als Schutz vor ungewollten Besuchern. Davor stehen hunderte geparkte Autos der Fabrikarbeiter. Auch das ein Zeichen, dass die Bänder anlaufen.
Die Produktion von Drohnen des Typs Shahed gilt an sich als wenig kompliziert. Dennoch ist eine Reihe von Bedingungen für die Montage nötig: Die Werke sollten sich unweit von Zulieferwegen, Häfen und Airports befinden. Industrie-Lieferanten und Fachpersonal sind von Vorteil. Auch sollten bei einer Militärproduktion, laut russischen Experten, im Umkreis von einigen Kilometern keine zivilen Bauten stehen, um neugierige Laufkundschaft zu vermeiden und die Bevölkerung nicht in Gefahr zu bringen. Das alles ist in Alabuga der Fall.
In den benachbarten Anlagen auf dem Areal bauten die Sowjets schon in den 1980er-Jahren tonnenschwere Laster des Herstellers Kamaz. Nach dem Zusammenbruch des Regimes wurde daraus eine Produktionsstätte für Personenwagen. Moskau wollte Alabuga zu einem russischen Silicon Valley ausbauen. In den vergangenen Jahren wurde, auch mit internationalem Kapital, in der Nähe des Industrieclusters eine Hochschule für Ingenieure hochgezogen. Eine ganze Reihe westlicher Unternehmen forschte und produzierte für den russischen Markt.
Auch Ford fertigte in den Anlagen seinen Chevrolet Blazer. Die Hallen, auf dem Satellitenfoto nordöstlich der Drohnenfabrik abgebildet, hat das US-Unternehmen 2022 verlassen.
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Mit dem Krieg in der Ukraine, hat die zivile Nutzung offenbar ein Ende. Ford und die meisten anderen westlichen Unternehmen verließen Tatarstan. Zurück blieben industrielle Leerstellen. Die Betreiber suchten nach Ersatz und fanden ihn offensichtlich beim Militär. Wie das russische Investigativportal „Protokol“ im Sommer berichtete, hatte Russland bereits vor einem Jahr eine Art Franchise-Lizenz für den Drohnenbau bei Iran und iranischen Produzenten eingekauft, um die Fertigung zu beschleunigen. In E-Mails ist von „Booten“ und „Flugzeugen“ die Rede – Codeworte für Drohnen. Mit Hilfe der Mullahs soll Alabuga nun zum Militärausrüster umgebaut werden.
„Protokol“ zufolge erarbeitete die tatarische Regionalregierung einen mehrstufigen Produktionsplan. Demzufolge sollte in einem ersten Schritt eine Montagehalle errichtet werden, um in Alabuga Fertigteile aus Iran zusammenzubauen. In einer zweiten Stufe würden einzelne Komponenten gefertigt und verbaut werden. Zum Schluss könnte der Standort laut Militärplan in der Lage sein, unabhängig von Iran zu produzieren. Auch die meisten anderen Rohstoffe und Zulieferer sollen dann aus Russland stammen.
Aktuell nähert sich die Produktion Planstufe zwei, 200 Einheiten im Monat, schätzen amerikanische Militärexperten des ISIS-Instituts. Die Forscher überprüften Satellitenaufnahmen von Alabuga und beobachteten bereits im Mai die Fertigung der Chassis. In Lagerhallen vermuten sie zudem fünf Testzellen für Motorblöcke. Von einem solchen Vorhaben berichtete die „Washington Post“ aus einem geleakten Produktionsplan. Die Zellen in der Größe von 20 mal 55 Meter würden den üblichen Produktionsmaßen der Shahed 136 entsprechen, so die ISIS-Forscher.
Ab Februar könnte die Fertigung von Navigationselementen, Propellern und Motoren dazukommen. Drohnenspezialisten wie die Unternehmen Albatros, Supercam oder Avia Test Aero haben sich zuletzt in Industrienähe angesiedelt. Geplant ist wohl auch eine Anlage für das Explosionsmaterial. Doch das dauert. In fast zwei Jahren müsste die Fabrik auf ihrem Höhepunkt angelangt sein, 6000 Flieger muss sie dann im Jahr ans russische Militär liefern. So zumindest steht es in den geleakten Verträgen.
Bevor es so weit ist, holt sich Russland Schulungen in Iran. Russischen Medien zufolge reisen seit März unterschiedliche Delegationen zu den iranischen Fabriken, insgesamt über 200 Personen. Zunächst flogen Vorarbeiter und technisches Personal, um die Zusammensetzung der Einzelteile zu koordinieren. Jetzt holen sich vor allem Manager Rat, um die Produktion zu automatisieren.
Der US-Denkfabrik Washington Institute zufolge gibt es in den Hangars des Flughafens Isfahan zwei große Fertigungsanlagen. In einer werden Kamikazedrohnen vom Typ Shahed 131 und 136 hergestellt, wie sie zurzeit massenhaft in der Ukraine eingesetzt werden. In einem anderen Gebäude Tarnkappendrohnen vom Typ Shahed 171, 181 und 191, die der amerikanischen RQ-171 Sentinel von Lockheed Martin nachempfunden sind. Eine Analyse der WirtschaftsWoche von aktuellen Satellitenbildern stützt diese Angaben.
Bilder: Google Earth, LiveEO/Pleiades
Neben einer der Hallen sind auf Satellitenaufnahmen von vor einem Jahr deutlich Bauteile für Tragflächen oder Formen zu erkennen, mit deren Hilfe sich die Außenhülle der Drohne fertigen lässt. Form, Größe und Tragflächenwinkel entspricht jedenfalls der Shahed 191, die rund sieben Meter Spannweite hat.
Getestet werden die iranischen Shahed-Drohnen heute nahe der Stadt Kaschan. Satellitenbilder von der Gegend zeigen immer wieder verschiedene Drohnen, die aus einem Hangar geholt werden. Darunter die Tarnkappendrohnen, mitunter auch auf der Ladefläche eines Pick-up-Trucks montiert. Immer wieder sind es zudem Shahed-129-Aufklärungs- und Kampfdrohnen, die eine extreme Spannweite besitzen und deshalb sehr lange in der Luft bleiben können. Solche Drohnen wurden unter anderem in Syrien von der syrischen Luftwaffe eingesetzt. Zudem sind auch kleinere Drohnen erkennbar, bei denen sich auf Satellitenbildern der Typ schwer ausmachen lässt.
Bilder: LiveEO/Google Earth/Maxar, LiveEO/Pleiades
Eine Analyse der Bilder zeigt aber, dass in Kaschan schon lange Drohnen ausprobiert werden. Die ersten Aufnahmen, bei denen die Waffen auf dem Vorfeld des Flughafens auftauchen, stammen aus dem Jahr 2017. Ein paar Jahre zuvor waren hier noch kleinere bemannte Flugzeuge stationiert.
Dem Nationalen Widerstandsrat des Iran zufolge – der gegen das Regime in Teheran arbeitet – gibt es im Land weitere Drohnenfabriken. Eine solche soll in den vergangenen Jahren in der Stadt Semnan entstanden sein. Zwar ließ sich diese auf Satellitenbildern nicht zweifelsfrei durch die WirtschaftsWoche identifizieren. Allerdings zeigen Aufnahmen eines naheliegenden Flugfeldes vom Oktober 2022, dass hier Aufklärungs- und Kampfdrohnen getestet wurden. Auf dem aktuellsten höher aufgelösten Bild vom September sind keine Drohnen erkennbar. Das heißt aber nicht, dass die Anlage nicht mehr Tests genutzt wird.
In Kaschan hielt die iranische Revolutionsgarde im August 2022 eine groß angelegte gemeinsame Drohnenübung mit dem russischen Militär ab. Daran waren Medienberichten zufolge auch weißrussische und armenische Soldaten beteiligt.
Aus iranischen Drohnenübungen wurden dann Lieferungen. Neuerdings auch ein Franchisesystem, auf das Russland gerne zurückgreift. Für die Ukraine, die ihrerseits in großem Ausmaß auf tödliche Drohnenattacken setzt, ist der Bau der Drohnenfabrik Alabuga eine große Gefahr. Das sieht auch die Europäische Union. Vor wenigen Tagen erließ sie das bereits fünfte Sanktionspaket gegen iranische Drohnenbauer. Darunter Maßnahmen gegen sechs Personen und fünf Unternehmen. Sie sollen in Alabuga direkt involviert sein.
Mitarbeit: Jannik Deters
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