Thyssenkrupp Hauptversammlung: Ein vergiftetes Angebot für Miguel Lopez
Im Stil brachialer, aber im Ergebnis bislang auf dem Level seiner Vorgänger: Thyssenkrupp-Chef Miguel López
Foto: dpaDie Thyssenkrupp-Hauptversammlung war in den vergangenen Jahren nie eine Aktionärsparty im engeren Sinn. Der Aktienkurs fiel beständig; drei Jahre lang, bis zum vergangenen Jahr, gab es keine Dividende, dann magere 15 Cent pro Aktie, und der Cash-Flow war negativ. Zwar verkündeten die Chefs, zuletzt Chefin Martina Merz, stets große Pläne, vor allem für die Stahlsparte in Duisburg und den Schiffbau in Kiel. Aber daraus folgte: nichts.
Nun also, an diesem Freitag, zum ersten Mal: der Auftritt von Miguel Lopez, seit vergangenem Juni Chef, in der RuhrCongress-Halle in Bochum. Sicher ist schon jetzt: Auch das wird keine Party – und das nicht nur, weil Verdi den öffentlichen Nahverkehr lähmt. Zwar soll es wieder eine Dividende von 15 Cent pro Aktie geben, vor allem um die größte Anteilseignerin irgendwie zu befrieden, die Krupp-Stiftung mit ihren knapp 21 Prozent. Aber die Aktien bewegt sich kaum.
Und welche Strategie Lopez jenseits seiner Macher-Rhetorik genau verfolgt, ist nicht klar: Die Segmente hat er neu strukturiert, ein Performanceprogramm aufgelegt. Und er verspricht auch, den Stahl und die Marine möglichst bald zu verkaufen. Aber das allein ist keine Strategie. Die bange Frage lautet schon: Geht jetzt mit Lopez alles so weiter, wie es zuletzt immer gewesen ist? Zwar rauer im Ton, lauter, polternder, aber so, dass sich am Ende nichts bewegt? Auch von Aktionärsseite muss Lopez am Freitag mit Fragen danach rechnen, was er genau anders machen will als seine Vorgänger.
„Mit dem Kopf durch die Wand“
Dass die Arbeitnehmervertreter keine Lopez-Fans sind, ist eine Binse. In Bochum haben sie am Tag vor der Hauptversammlung, am Rande der Thyssenkrupp-Aufsichtsratssitzung, schon einmal versucht den Ton zu setzen. Es war eher ein bedrohliches Moll: Lopez sei „Ankündigungsweltmeister“ (Knut Giesler, IG Metall Bezirksleiter Nordrhein-Westfalen), er wolle mit dem „Kopf durch die Wand“ und man befürchte, dass der CEO mit einem scheinbar demonstrativen Abrücken von den Arbeitnehmern eine Strategie verfolge, die in die „falsche Richtung“ gehe (IG-Metall-Vize Jürgen Kerner). „Man hat ja bei Thyssen schon alle Varianten“ erlebt“, sagte Kerner, der auch Aufsichtsrats-Vize ist.
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Um der eigenen Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen, will die IG Metall am Freitag am Versammlungsort am Stadionring in Bochum auch demonstrieren, allerdings eher klein dosiert. Die zugehörigen Flugblätter gab es mitsamt Karikaturen schon vorher zu sehen: Eine zeigt einen Lopez, der gegen eine Wand läuft. Weil er sie nicht durchbrechen kann, hat er schon ein Pflaster am Kopf. Im Hintergrund sagt ein Arbeiter zum anderen: „Er muss wirklich noch viel lernen.“ Die andere Karikatur zeigt einen wütenden Stier mit Lopez-Gesicht, der von einem Torero mit dem Antlitz des Aufsichtsratschefs Siegfried Russwurm ein rotes Tuch vorgehalten bekommt. Aufdruck: IG Metall. Die Zeiten der Feinsinnigkeit, wenn es sie je gegeben hat, sind auf beiden Seiten längst vorbei.
Nach wie vor nehmen die Arbeitnehmer es Russwurm übel, dass er vor Weihnachten eine Erweiterung des Thyssenkrupp-Vorstands von drei auf fünf Vorstände durchgedrückt hat – mit seiner Doppelstimme, also auf die harte Tour. Anteilseigner hatten den Schritt beklatscht. Endlich rücke Russwurm die Interessen der Aktionäre in den Vordergrund. Anders, so die Botschaft, könne man sich dem lähmenden Dickicht bei Thyssenkrupp ja nicht entwinden.
Bei Thyssenkrupp sind immer drei im Spiel
Aber, und das ist bemerkenswert, zumindest die Gewerkschafter haben am Donnerstag im Vergleich zu der Ausdrucksweise nach dem Doppelstimmen-Knall rhetorisch abgerüstet. Mehrfach haben sie ihre Bereitschaft betont, mit Lopez zusammenarbeiten zu wollen, wenn er denn – auf Augenhöhe – konkrete Vorschläge vorbereite. Man sei bereit für „grundlegende Diskussionen“, sagte Kerner, in Berlin sei man ohnehin „gemeinsam um unterwegs“, um den Verkauf der Marinesparte voranzubringen. Ohne Beteiligung des Bundes wird das nichts. Im Gespräch mit Personalvorstand und Spartenchef Oliver Burkhard sind mehrere Private-Equity-Firmen. Auch was den Stahl betrifft, sei man gesprächsbereit, hieß es von Kerner und Konzernbetriebsratschef Tekin Nasikkol. Ein Vorbild könnten die Beteiligungsgespräche mit Tata Steel sein. Der Deal sei zwar 2019 am Veto der EU-Kommission gescheitert, aber das Verfahren habe man damals zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern vertraulich und im Einvernehmen hinbekommen.
Es sei ein Fehler von Lopez, „nur“ die Aktionärsinteressen in den Mittelpunkt zu stellen, sagte Kene. Schließlich unterstütze die Politik – Bund und Land Nordrhein-Westfalen – den Bau einer Direktreduktionsanlage in Duisburg mit insgesamt rund 2 Milliarden Euro. „Wer öffentliche Unterstützung will, muss auch den Arbeitsplatzerhalt in den Mittelpunkt stellen, weil das das Interesse der Politik ist“, sagte Kerner. Die Wahrheit ist: Bei Thyssenkrupp verhandeln nie nur zwei Parteien über einen Verkauf. Es sind immer drei.
„Unsere Tür ist weiterhin auf“, sagte Nasikkol. „Wenn der Herr Lopez bezüglich EPH und Daniel Kretinsky mal eine gute Idee oder eine gute Lösung nach vorne hat, kann er mich jederzeit Tag und Nacht anrufen.“ Seit dem vergangenen Herbst befindet sich Lopez nach eigenen Angaben in Gesprächen über ein Joint Venture mit der Energieholding EPH des tschechischen Investors.
Für den Stahl fordern die Gewerkschafter bei einem Kauf oder einem Teilverkauf eine ausreichende Kapitalausstattung. Eine Stilllegung des Werks der Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) lehnen sie jedoch kategorisch ab. An dem Joint Venture HKM hält Thyssenkrupp Steel Europe die Hälfte. Eine Schließung des HKM-Werks in Duisburg-Süd gilt als eine Variante, um Rohstahl-Produktionskapazitäten in das nicht ausgelastete Thyssenkrupp-Werk im Norden der Stadt zu verlagern.
Lopez muss auf Zeit spielen
Auch wenn die Gewerkschafter Gesprächsbereitschaft signalisieren. Unterm Strich erhöhen sie mit ihrer neuen Politik der offenen Tür lediglich den Druck. Gehen oder bleiben? In diesem Jahr müsse klar sein, was in Duisburg und Kiel geschehen. Wenn das nicht klappt, liegt’s nicht an uns, sondern an Lopez. Das ist das Gift, das in dem Gesprächsangebot steckt: Zeig‘ doch, wenn Du überhaupt etwas zeigen kannst.
Lopez spielt, notgedrungen, auf Zeit. In seiner vorab veröffentlichten Rede für die Hauptversammlung wiederholt der CEO vor allem bisher bekannte Punkte: Bei Thyssenkrupp müsse endlich alles auf Ergebnis getrimmt werden. Er dringe jetzt mit dem Programm „Apex“ auf bessere Performance; es gebe mit „Decarbon Technologies“ ein neues, grünes Segment mit den Schlüsseltechnologien Wasserstofferzeugung (Nucera) oder klimaneutrale Zementproduktion (Polysius), er führe konstruktive Gespräche mit Kretinsky – und beim Verkauf der Marine komme man voran, auch im Hinblick auf eine Beteiligung der Bundesregierung.
Bei der Hauptversammlung dürfte Lopez einige Kritik zu hören bekommen. Dabei dürfte er genau wissen, dass er binnen der nächsten Monate messbare Fortschritte bei den Verkaufsverhandlungen vorweisen muss – unter schwierigen konjunkturellen Bedingungen. Aber zu oft haben Thyssenkrupp-Chefs Versprechen gemacht und gebrochen, als dass am Kapitalmarkt noch in irgendeiner Form Vertrauen gegenüber der Konzernspitze vorhanden wäre. Es dürfte eine sehr, sehr nüchterne Party werden.
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