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Expansion in die USA„Ich blicke den Wahlen nicht mit Angst entgegen“

Das Batterie-Start-up Customcells aus Itzehoe expandiert in die USA. Ausgerechnet jetzt, da eine zweite Amtszeit Trumps immer wahrscheinlicher wird. CEO Dirk Abendroth über die Gründe und Fallstricke einer Expansion.Dominik Reintjes 22.02.2024 - 11:00 Uhr

Skyline von Detroit: Bedroht eine mögliche Wiederwahl Trumps die Pläne deutscher Firmen in den USA?

Foto: imago images, Collage: Marcel Reyle

6487,4 Kilometer trennen das beschauliche Itzehoe in Schleswig-Holstein von der Großstadt Detroit im US-Bundesstaat Michigan. Dirk Abendroth wird die Strecke demnächst häufiger zurücklegen. Seit dem Frühsommer 2022 leitet Abendroth – ehemals Manager bei Continental – einen deutschen Batteriehoffnungsträger: Customcells entwickelt und produziert Lithium-Ionen-Batterien, ganz nach den Wünschen der Kunden. Etwa für Autos und Flugtaxis. 2012 ausgegründet aus dem Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnik, beschäftigt das Unternehmen heute gut 250 Mitarbeiter. 2021 stieg Porsche ein, der ehemalige Infineon-Chef Reinhard Ploss ist Beiratschef. Jetzt expandiert das Unternehmen in die USA. Der erste Schritt ins Ausland. Wieso ausgerechnet jetzt, da eine Wiederwahl Donald Trumps längst nicht mehr nur ein unrealistisches Szenario ist?

WirtschaftsWoche: Herr Abendroth, Detroit steht wie keine andere Stadt für den Abstieg der US-amerikanischen Autoindustrie. In den vergangenen 30 Jahren ist die Bevölkerung um fast 40 Prozent geschrumpft, die Kriminalitätsrate ist hoch. Große deutsche Autobauer sitzen in South Carolina und Tennessee, in Georgia und Alabama. Sie expandieren jetzt nach Detroit. Wieso?
Dirk Abendroth: Die Region hat den Handlungsbedarf erkannt. Der Staat muss investieren, sonst geht dort dauerhaft wichtige Industrie verloren. Im Süden sichern sich einzelne Bundesstaaten einzelne Werke. Es gibt dort keine Hotspots, keine Netzwerke. In Detroit schon. Hier gibt es viel Industrie, viele Facharbeiter, schnelle Transportwege, Gewerkschaften. Die Politik weiß, wie sie Unternehmen dauerhaft unterstützen muss, damit diese bleiben. Das Bildungssystem ist gut. Schon als die Elektrifizierung im Automobilbau begann, haben die Verantwortlichen hier Ausbildungen und Studiengänge dafür angepasst und entwickelt. Die Unternehmenssteuern sind niedrig.

Also beste Startvoraussetzungen.
Genau. Wir haben sehr ausführlich überlegt, uns mehrere Südstaaten angeschaut – auch Kalifornien im Westen. Was ich sagen kann: Kalifornien war nicht der teuerste Standort.

Haben die Staaten um Sie gebuhlt?
Kann man so sagen. Das ist ein großer kultureller Unterschied zu Europa. In Europa hat uns kein Land gefragt: Wollt ihr nicht zu uns kommen? Können wir euch helfen? Die Staaten der USA haben eigene Präsentationen, in denen sie erklären, was sie nun besser machen als dieser oder jener Bundesstaat. In Michigan haben wir eine Einladung vom Vizegouverneur erhalten. Ob wir unser Projekt nicht mal vorstellen könnten, wollte er wissen. Später hat er uns per Handschlag eine Förderung in dreistelliger Millionenhöhe zugesagt. Das ist natürlich ein starkes Zeichen. Und das kam initiativ von der Regierung.

Dirk Abendroth

Foto: WirtschaftsWoche
Zur Person
Dirk Abendroth hat bereits einen Standort des ehemaligen chinesischen E-Auto-Produzenten Byton im Silicon Valley aufgebaut. Der studierte Elektrotechniker hat als Technikchef von Continental gearbeitet und war 12 Jahre lang bei BMW beschäftigt. Seit Mai 2022 leitet er das Itzehoer Unternehmen Customcells – eine Ausgründung aus dem Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie (ISIT).

Sie haben schon Kunden in der ganzen Welt. Andere Firmen gehen bei der ersten Expansion in ein Land der EU. Warum Sie nicht?
Wir haben schon heute eine starke Kundenbasis in den USA sowie Partner und Lieferanten. Zudem entstehen dort gerade viele innovative Firmen – also potenzielle Kunden: Unternehmen in der E-Luftfahrt oder im Premiumautobau. Ein anderer Grund ist die Finanzierung: In Europa sind die Summen kleiner. Bis Investments beschlossen sind, dauert es länger. Auch die Förderungen sind interessanter. Und: Unser Storytelling funktioniert in den USA schneller und besser als in Itzehoe. Was mir wichtig ist: Das ist kein Abschied von Deutschland, keine Flucht in die USA. Wir werden auch hier vor Ort weiter Gas geben.

Wie sieht der Plan für Detroit nun aus?
Wir haben ein Büro eröffnet, in dem nun unser US-Vertriebsteam sitzt. Dort ist genügend Platz, um eine eigene Entwicklungsabteilung aufzubauen. Und wir haben schon ein Grundstück gefunden, um dort eine Produktion hochzuziehen. Dafür haben wir uns um eine Förderung beim Energieministerium beworben. Wir wollen in diesem und im kommenden Jahr die Verträge abschließen, die Gelder sichern – und dann loslegen.

Das Grundstück ist in der Nähe von Detroit?
So ist es. Wir folgen einer alten Zuliefererweisheit, die ich aus meiner Zeit bei Continental mitgebracht habe: Sie müssen in den USA produzieren, um in den USA verkaufen zu können.

Rückzug von Getir

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Große Unternehmen bereiten sich bereits auf eine zweite Amtszeit von Donald Trump vor. Diese erscheint immer wahrscheinlicher. Der „Economist“ titelte schon im vergangenen Jahr, dass eine zweite Amtszeit ein „protektionistischer Albtraum“ wäre. Macht Ihnen das keine Angst?
Das ist eine berechtigte Frage. Ich blicke den Wahlen allerdings nicht mit Angst entgegen. Ich bin realistisch: Die Chancen, dass Trump eine zweite Amtszeit erhält, sind nicht gering. Das kann passieren. Das ist ein Szenario, mit dem wir rechnen müssen. Grundsätzlich ist es aber so, dass alle Förder- und Investitionsprogramme in den USA Verfallsdaten haben. Ob sie verlängert werden, ist auch unter Joe Biden völlig offen. Aber wenn wir von den Regierungen jetzt schriftliche Zusagen erhalten, dann müssen und werden diese Bestand haben. Ob der Präsident nun ein anderer ist oder nicht. Letztendlich kommt es auch für Trump darauf an, einen Weg zu finden, der den USA wirtschaftlich hilft. Er wird Unternehmen, die in den USA für die USA wichtige Technologie produzieren, fördern müssen.

Bedeutet für Sie: Lieber früher die Produktion anschmeißen als später?
Die Person Trump steht für uns nicht im Vordergrund. Wir schauen weniger auf die Politik, dafür stärker auf die Rechtslage – die kann man in den USA nicht von heute auf morgen ändern. Und dass Förderprogramme rückabgewickelt werden, ist eher unwahrscheinlich.

Als Sie für den inzwischen insolventen E-Autobauer Byton im Silicon Valley arbeiteten, wurde Trump zum ersten Mal Präsident. Hatte das denn keinerlei Auswirkungen auf das Geschäft? Immerhin war Byton in chinesischer Hand.
Ich erinnere mich noch gut daran. Ich war in der Wahlnacht im Silicon Valley. Das hat mich emotional sehr geprägt. In den USA hat niemand einen Wahlsieg Trumps für unwahrscheinlich gehalten. Ganz anders als in Deutschland und Europa. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Das Silicon Valley ist eine sehr spezielle Ecke eines sehr speziellen Bundesstaats. Die Politik aus Washington haben wir im Arbeitsalltag kaum gespürt. Auch nicht unter Trump. Allerdings kam es in der Gesellschaft zu mehr Auseinandersetzungen. Das hat mich nachhaltig beschäftigt.

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Wie aufwendig ist eine Expansion für ein Start-up wie Customcells?
Zu den komplexesten Entscheidungen, die Unternehmen treffen können, zählt ohne Zweifel die Wahl der Fertigungsstandorte. Wir schließen langfristige Verträge ab, gehen Kooperationen mit Zulieferern in der Region ein, beantragen umfangreiche Genehmigungen, weil wir vor Ort mit Chemikalien arbeiten. Wir sprechen hier über eine Investition in dreistelliger Millionenhöhe. Da haben wir als Start-up gewissermaßen nur einen Schuss – und der muss sitzen. Sonst setzen wir die Firma aufs Spiel.

Welche Rolle kommt Ihnen als CEO zu?
Das Projekt trägt natürlich meine Handschrift. Aber alles ist Teamarbeit. Ich habe einen Finanz- und Rechtsrahmen abgesteckt, habe viel mit Investoren und alten Kontakten gesprochen. Vielleicht die wichtigste Aufgabe: Ich habe eine Mannschaft vor Ort zusammengestellt, der ich blind vertrauen kann. Damit die Zusammenarbeit über Tausende Kilometer und etliche Zeitzonen hinweg funktioniert. Ich kenne viele Firmen, in denen Standorte gegeneinander arbeiten. Das ist eine große Falle. Wenn ich mal drei Wochen nicht da bin, brauche ich ein Führungsteam, das dann die richtigen Entscheidungen trifft.

Wen haben Sie da nun geholt?
Christoph Falk etwa, den ehemaligen CEO von Continental Engineering Services. Ihn kenne ich aus Conti-Zeiten noch sehr gut und habe ihn nun zum zweiten Mal eingestellt. Er übernimmt in den USA die operativen Themen. Etwa die Frage, welches Grundstück wir für die Produktion auswählen. Ich möchte als CEO in die wichtigen Entscheidungen involviert werden, vertraue im Detail aber auf meine Führungsmannschaft.

Verschwenden Sie schon einen Gedanken an die nächste Expansion?
Sollte jetzt auch in Europa ein größerer Bedarf für die Produkte, die wir in den USA fertigen, entstehen, schauen wir uns ganz sicher neue Produktionsstandorte an. In der Nähe eines großen Kunden. Sie schätzen die räumliche Nähe zu ihren Zulieferern. Ob das nun in Osteuropa, Großbritannien oder Skandinavien ist, wissen wir noch nicht. Auch in Deutschland haben wir noch einiges vor. Die Expansion haben Sie als Chef eines Start-ups immer im Kopf.

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