Überschwemmungen: Hochwasser zwingt Firmen zum Nichtstun
Die Pegel sind vielerorts auf Rekordniveau, wie hier in Nordendorf in Bayern.
Foto: imago imagesDie dramatische Hochwasserlage in Südbayern trifft Landwirtschaft, Industrieproduktion und Güterverkehr erheblich. Während Sirenen immer wieder Helfer zu Notfällen rufen, Martinshörner der Einsatzfahrzeuge auf ihrem Weg zu hören sind und hunderte Menschen ihre Häuser verlassen müssen, ruht der Betrieb beim Autohersteller Audi im Stammwerk Ingolstadt. Die Früh- und Spätschicht für die Modelle A3 und Q2 am Montag sei abgesagt, bestätigt eine Sprecherin. Die Beschäftigten waren am Sonntagabend via Intranet darüber informiert worden.
Tätigkeiten außerhalb der Produktion können demnach in Absprache mit den Vorgesetzten im Rahmen des mobilen Arbeitens erledigt werden. Das Werksgelände ist zwar aktuell nicht von Überflutung bedroht. „Viele Kolleginnen und Kollegen sind aber vom Hochwasser betroffen und deshalb natürlich mit anderen Dingen beschäftigt,“ sagte Ralf Matthes, Referent des Gesamtbetriebsrats, der WirtschaftsWoche. Audi liegt im Norden von Ingolstadt zwischen 13 und 15 Kilometer von den in der Nacht zum Montag zuletzt gebrochenen Dämmen des Donau-Nebenflusses Paar entfernt.
Ganz anders Airbus Defence and Space in Manching, wo am Montag der Betrieb ebenfalls stillstand. „Die Sicherheit und die Gesundheit der Mitarbeitenden hat oberste Priorität“, teilte das Unternehmen mit. Das Werk in dem an Ingolstadt angrenzenden Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm ist etwa zwei bis drei Kilometer von der Paar entfernt. Am Sonntag und in der Nacht zum Montag war der Damm an drei Stellen gebrochen, zuletzt in Maching-Pichl jenseits der Autobahn A9.
Die teilweise gesperrte Autobahn 9 wurde am Montagmorgen wieder für den Verkehr freigegeben. In Richtung München sei aber eine Art Blockabfertigung eingerichtet worden, sagte ein Polizeisprecher am frühen Nachmittag dem Bayerischen Rundfunk. Derzeit dürften nur jeweils 300 Fahrzeuge auf den Abschnitt zwischen Ingolstadt-Süd und Langenbruck in Richtung Süden fahren, dann werde die Fahrbahn für einen bestimmten Zeitraum wieder gesperrt. „Bitte bedenkt, dass sich das alles wieder ändern kann!“, warnte die Polizei auf X.
Landstraßen in der Region sind auf weiten Strecken unbefahrbar. Auch der Bahnverkehr aus dem Westen und Norden Richtung München ist stark beeinträchtigt – und damit auch der Güterverkehr auf Straßen und Schienen. Zahlreiche landwirtschaftliche Flächen sind in den Fluten versunken, auch die für die Region typischen Spargel- und Hopfenfelder.
Wegen eines Dammbruchs an der Amper im nördlichen Oberbayern haben am Montag Menschen in der Nähe des Flusses Gebäude verlassen müssen.
Olaf Scholz in den Flutgebieten
Unterdessen droht auch der Paar-Damm westlich des Uniper-Kraftwerks Irsching zu brechen. Aktuell wird dort Strom produziert, wie Thomas Reumschüssel, Leiter Stakeholdermanagement Süddeutschland, sagte. Es würden deshalb Vorkehrungen getroffen, „um dieses im Bedarfsfall abzuschalten und in einen sicheren Zustand zu versetzen. Dazu ist die Leitung des Kraftwerks in Kontakt mit dem örtlichen Krisenstab.“ Lücken im Wall um das Kraftwerk würden mit Sandsäcken geschlossen, auch Tore von Gebäuden entsprechend gesichert. Irsching gehört zu den Spitzenlast-Kraftwerken in Deutschland.
Bundeskanzler Olaf Scholz (2.v.r., SPD), Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (4.v.r., CSU), Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (3.v.r., CSU), Bundesinnenministerin Nancy Faeser (5.v.r., SPD) bei einer Ortsbesichtigung im vom Hochwasser betroffenen oberbayerischen Reichertshofen.
Foto: Sven Hoppe/dpaBundeskanzler Olaf Scholz und Bundesinnenministerin Nancy Faeser machten sich in der Region persönlich ein Bild der Lage. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck war bereits am Sonntag gemeinsam mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder vor Ort in Reichertshofen.
Wie gefährlich das Hochwasser ist, zeigte dort der Tod eines 42-jährigen Feuerwehrmanns am Wochenende. Das Boot, mit dem er und weitere Kollegen einer Familie zu Hilfe eilen wollten, kenterte. Er ertrank. Zudem haben Einsatzkräfte am Montag zwei Tote aus einem Keller in Schorndorf (Baden-Württemberg) geborgen. Und unweit vom Ort des Kanzlerbesuchs hatten Rettungskräfte in Schrobenhausen am Montag eine Leiche im Keller eines Hauses entdeckt.
In Offingen nahe Günzburg wird noch immer ein Feuerwehrmann vermisst. Die Stadt sei zur Hälfte unter Wasser, erzählt am Telefon Maximilian Offermann, persönlich haftender Gesellschafter der BWF Group. Das Unternehmen ist Weltmarktführer im Geschäft mit Filzen und fertigt unter anderem Nadelfilze für die Kleidung von Feuerwehrleuten. Diese hätten am Wochenende das Werk vor der Überflutung durch den Donau-Nebenfluss Mindel bewahrt, der durch das Betriebsgelände fließt. Werksfeuerwehr und weitere Kräfte hätten den Damm erhöht. „Bisher hält er, wir haben ein Riesenglück.“
Trotzdem steht auch bei der BWF der Betrieb still. Auf jeden Fall bis Dienstagnachmittag, so Offermann. Beschäftigte hätten Schwierigkeiten, wegen des Hochwassers zur Arbeit zu kommen und seien zum Teil auch privat sehr in Rettungs- und Aufräumarbeiten eingespannt. Nicht zuletzt gehe auch die Sicherheit vor: Die Mindel fließe derzeit nur knapp unter einer Brücke hindurch, über die Beschäftigte auf das Werksgelände gehen müssten. Wenn dort Treibgut angeschwemmt werde, sei das zu riskant.
Ängstlicher Blick auf die Donau
In Bayern wiederum richten sich bange Blicke nun vor allem auf die Donau. „Wir sehen, dass das Hochwasser jetzt wandert“, sagt Söder, der mit Scholz auf Hochwasser-Visite ist. Die Stadt Regensburg ruft am Montag bereits den Katastrophenfall aus. Wie schlimm es wirklich wird, wird sich zeigen. Es heiße nun: „Hoffen, dass wir die nächsten Tage gut überstehen“, sagt Söder. „Wir bleiben in Hab-Acht-Stellung.“
Ein Weltmarktführer bereitet sich derweil Donau-abwärts im niederbayerischen Kelheim darauf vor, dass der Pegel auf eine dort bisher nie erreichte Höhe von acht Metern steigen könnte. Kelheim Fibres stellt pro Jahr rund 90.000 Tonnen Viskosefasern her und exportiert sie in alle Erdteile zur Produktion etwa von Handtüchern, Tampons und speziellen Papieren. Derzeit stünden sechs Paletten mit rund 250 je 25 Kilogramm schweren Sandsäcken bereit, sagte Wolfgang Ott, Verantwortlicher für Corporate Social Responsibility des Unternehmens. Es befindet sich unmittelbar am Zusammenfluss von Donau und Altmühl. „Wenn der Pegel steigt, bringen wir die Säcke an neuralgischen Punkten aus.“ Die Lage sei „definitiv kritisch“. Bisher sei das Unternehmen aber nicht in Mitleidenschaft gezogen worden, und es werde auch gearbeitet.
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