Riedls Dax-Radar: Dax mit Chance auf Sommer-Rally
Gibt es eine Sommer-Rally an der Börse?
Foto: imago images, Illustration: Marcel ReyleDie erste Runde der Wahlen in Frankreich haben die Märkte gut überstanden. Zum einen fiel der Rechtsruck bei den Wählern nicht so dramatisch aus wie befürchtet. Zum anderen hatten Aktien und französische Anleihen in den Tagen vor der Wahl überdurchschnittlich verloren und damit die politischen Turbulenzen schon vorweggenommen – zu einem Teil jedenfalls.
Denn wie sich nun die politische und wirtschaftliche Struktur Frankreichs nach der zweiten Wahl und möglichen Koalitionen bildet und entwickelt, könnte einige Monate in Anspruch nehmen.
Insofern dürften auch die Börsen, vor allem französische Aktien und Anleihen, nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. An den Bondmärkten etwa, die besonders sensibel auf grundlegende Veränderungen in einem Land reagieren, hat sich zwar der Renditeunterschied von französischen zu deutschen zehnjährigen Staatsanleihen von 0,75 Prozentpunkten am 2. Juli wieder auf 0,65 Prozentpunkte verringert; ein Zeichen einer marginalen Entspannung.
Dennoch zeigt der Trend der französischen Renditen schon seit März ungebrochen und stabil nach oben, während es in Deutschland – vor allem im Umfeld der jüngsten EZB-Zinssenkung – immer wieder zu rückläufigen Phasen gekommen ist.
Diese differenzierte Entwicklung deutet darauf hin, dass die Divergenz länger anhalten kann, Europa politisch und wirtschaftlich eben kein homogener Raum ist. So gesehen gleichen die Anleihemärkte etwas aus, das über den klassischen Weg der Währungsunterschiede innerhalb der EU durch den Euro nicht mehr möglich ist.
Das gilt in ähnlicher Weise für französische Aktien. Zwar hat sich der Börsenindex CAC 40 seit seinem jüngsten Tief am 28. Juni bei 7479 Punkten wieder etwas erholt und er dürfte diese Rally bei einem verträglichen zweiten Wahlergebnis fortsetzen. Um jedoch wieder an die stärkere Verfassung eines Dax anzuknüpfen, müsste er nachhaltig über die Marke von 8000 Zählern klettern. Ob er das so schnell schafft, bleibt abzuwarten.
Bis auf Weiteres dürfte es deshalb angebracht sein, bei französischen Aktien eher auf internationale Champions wie Air Liquide oder TotalEnergies zu setzen und nicht auf vorwiegend in Frankreich aktive Unternehmen wie Bouygues (Bau, Telekommunikation) oder Carrefour (Einzelhandel). Auch die französischen Großbanken, die in der Regel ein umfangreiches Heimatgeschäft haben, sehen derzeit schwächer aus als die Aktien der meisten europäischen Konkurrenten.
Das Autoproblem des Dax: VW, BMW und Mercedes sind nicht Tesla
Den Dax haben die französischen Turbulenzen zwar vorübergehend etwas gebremst, um 18.500 Punkte ist er aber nur noch zwei Prozent von seinem Allzeithoch entfernt. Allerdings, auch im Dax gibt es eine latente Belastung, die nun schon seit April anhält und für die sich im Augenblick noch keine nachhaltige Lösung abzeichnet: Die auffällige Schwäche der Autohersteller und Zulieferaktien.
Volkswagen, Mercedes-Benz, BMW, Porsche (AG und Holding) sowie Continental machen zwar zusammen nicht einmal mehr 15 Prozent vom Indexgewicht aus (in guten Zeiten war das einmal weit mehr als 20 Prozent), dennoch hat die Fahrzeugindustrie sowohl im Dax als auch in der deutschen Wirtschaft immer noch eine Schlüsselstellung.
Derzeit steht die Autobranche vor drei zentralen Herausforderungen:
- Wie und mit welchen Antrieben gelingt der Weg in die möglichst kohlendioxidfreie Zukunft?
- Wie lässt sich das bisher umfangreiche internationale Geschäft gestalten in einer Welt, die zunehmend von geopolitischen Spannungen, Handelskonflikten und Zollschranken geprägt wird?
- Wie halten die Autohersteller ihr Massengeschäft aufrecht, wenn immer weniger Konsumenten die finanziellen Mittel zum Autokauf aufbringen können oder wollen?
Auch wenn Aktien von Mercedes-Benz und BMW derzeit in einer stärkeren Verfassung sind als Volkswagen, Porsche und Continental, so sind die Bewertungsrelationen durch die Bank doch ungewöhnlich niedrig. Bei Volkswagen wird das Geschäftsvolumen, das in diesem Jahr 320 Milliarden Euro erreichen kann, nur noch mit 55 Milliarden Euro Börsenwert bezahlt. Das ist nicht einmal mehr das 0,2-Fache. BMW kommt auf das 0,3-Fache, Mercedes-Benz auf 0,4. Allenfalls die Porsche AG bringt es hier noch auf das 1,5-Fache; doch die Aktie der Zuffenhausener hat von ihrem letztjährigen Hoch die Hälfte verloren und rangiert mittlerweile unter dem Ausgabekurs vom Herbst 2022.
Dabei können, weltweit gesehen, solche Relationen in der Branche ganz anders aussehen. Am anderen, oberen Ende der Skala erreicht Tesla eine achtfache Umsatzbewertung. Relativ gesehen wird das Geschäftsvolumen von Tesla 40 Mal höher bewertet als das von Volkswagen. Dabei dürfte selbst Tesla in diesem Jahr eine Wachstumspause hinnehmen, wenn nach den 96,8 Milliarden Dollar Umsatz von 2023 in dieser Saison nur an die 100 Milliarden Dollar Geschäftsvolumen erreicht werden. Doch für 2025 und 2026 rechnen Banken nach zuletzt besser als befürchteten Zahlen wieder mit Wachstumsraten im Bereich um 20 Prozent.
Für die Aktie ist das entscheidend: Tesla hat eine kurze, vorübergehende Wachstumspause hinnehmen müssen, und die Kurse haben dies mit einer zweieinhalb Jahre dauernden Korrektur reichlich verarbeitet. In der Spitze hat Tesla dabei bis zu zwei Drittel an Wert verloren – ein klassisches Ausmaß einer großen Korrektur.
Jetzt aber setzen die Märkte wieder auf die Zukunft von Tesla: Auf steigende Absatzzahlen, anziehende Rentabilität (weil weniger Fahrzeuge auf Halde produziert werden) und auf mögliche neue Ideen und Geschäftsfelder, die dem schillernden Frontmann Elon Musk durch den Kopf gehen.
Der heftige Kursanstieg bei Tesla in den vergangenen Tagen ist nichts anderes als der Glaube und die Hoffnung, dass Tesla seine große, in der Branche einmalige Wachstumsstory, die an der Börse nach der Coronakrise 2020 ihre Dynamik so richtig entfaltete, jetzt wieder aufgenommen wird.
Von einer solchen Wachstumsstory sind die deutschen Hersteller Welten entfernt. Auf Luxus zu setzen, wie Mercedes-Benz, kann sich zwar an der Börse durchaus lohnen. Insofern ist diese Strategie keineswegs gescheitert, sondern nur die Umsetzung in einem Konzern mit 150 Milliarden Euro Jahresumsatz kann eben ein zäher Prozess werden. Aktuell zeigt sich das vor allem bei den Protesten gegen den Verkauf der Mercedes-Autohäuser.
Volkswagen leidet weiter unter seinem wirtschaftlich zentralen Problem, die fehlende Rentabilität der Kernmarke VW. Nach wie vor verdanken die Wolfsburger einen großen Teil des Gewinns ihren Edelmarken Audi und Porsche. Als zweites Problem kommen bei Volkswagen die Schwierigkeiten mit der Elektrostrategie hinzu, die vor allem vom zähen Geschäft in China und der starken chinesischen Konkurrenz in Europa ausgebremst werden.
Für VW ist der Enttäuschungseffekt um so schlimmer, da in den vergangenen Jahren kein deutscher Autobauer so dezidiert auf Elektro gesetzt hat wie Volkswagen. Die jüngste Kooperation mit dem amerikanischen E-Autobauer Rivian geht zwar in die richtige Richtung, bezieht sich aber nur auf die Entwicklung gemeinsamer Software und nicht auf den Bau kompletter Autos.
BMW mit vielfältigem Antrieb, chinesische Hoffnung bei Continental
Am ausgeglichensten entwickelt sich derzeit noch BMW. Ohne das anfangs so stark in den Vordergrund gerückt zu haben, sind die Bayern mittlerweile in Sachen Elektromobilität führend, entwickeln gleichzeitig andere Antriebstechniken – und bedienen die Fans der Marke immer noch mit klassischen, hochkarätigen Verbrennermotoren. Zusammen mit solider Finanzierung, stabilem Aktionärskreis und hoher Dividende bieten unter den Autowerten BMW-Aktien (vor allem auch die nicht im Dax notierten Vorzugsanteile) den verlockendsten Mix.
Eine Spezialentwicklung zeichnet sich bei Zulieferer Continental ab. Seit Jahresanfang steht die Aktie schwer unter Druck, weil es keinerlei Anzeichen einer operativen Erholung gab. Nun aber ist auf einmal wieder von einer Belebung auf dem wichtigen chinesischen Markt die Rede. Der Konzernumbau kommt voran, Preise können durchgesetzt werden.
Unterm Strich könnte damit das erste Quartal 2024 (Conti war hier mit 53 Millionen Euro in die roten Zahlen gerutscht) der Tiefpunkt gewesen sein. Bei nur noch 10 Milliarden Euro Börsenwert, die Conti beim jüngsten Ausverkauf noch auf die Waage brachte, ist eine dynamische Kurserholung angesichts eines Jahresgeschäftsvolumens von gut 40 Milliarden Euro kein Wunder.
Aus dem Schneider sind Aktien von Continental damit noch nicht. Dennoch könnte sich in der Spanne zwischen 50 und 80 Euro letztlich die große mehrjährige Bodenbildung abspielen, von der aus Conti dann eines Tages wieder eine nachhaltige Aufwärtsbewegung einschlägt. In den guten Jahren von 2015 bis 2018 notierten Conti-Aktien über 200 Euro.
So geht Comeback: MTU Aero Engines und Siemens Energy
Wie schnell es im Dax selbst nach einer Kurskatastrophe wieder nach oben gehen kann, zeigen derzeit zwei Aktien ganz besonders: MTU Aero Engines und Siemens Energy. Flugzeugspezialist MTU war durch erhebliche Belastungen nach Materialfehlern bei Antrieben unter Druck geraten, konnte dies aber wirtschaftlich eingrenzen und setzt nun angesichts rekordhoher Aufträge seinen langfristigen Wachstumskurs fort. Der jüngste Anstieg der Aktie über 240 Euro ist ein weiteres, prozyklisches Kaufsignal.
Mehrere Jahre lang und von zahlreichen Enttäuschungen durchzogen war die Wende bei Siemens Energy. Immer wieder gab es im Umfeld der spanischen Windkrafttochter Siemens Gamesa technische und wirtschaftliche Rückschläge. Nun endlich haben sich die Zahlen stabilisiert – und es gibt sogar überraschend positive Meldungen. Zuletzt etwa ein Großauftrag über 1,5 Milliarden Dollar aus Saudi-Arabien inklusive langjähriger Wartungsverträge. Zudem wird Siemens Energy das lukrative und wachstumsstarke Netzgeschäft ausbauen; hier ist der Bedarf enorm. Im Windkraftgeschäft kündigt das Unternehmen für das Ende des Jahrzehnts die Vorstellung neuer, besonders großer und rentabler Turbinen an.
Nach den letztjährigen Milliardenverlusten, die noch einmal durch Abschreibungen beim Windkraftableger Gamesa geprägt waren, ist 2024 die Wende in schwarzen Zahlen in Sicht. Bei einem Umsatz von womöglich 34 Milliarden Euro ist der aktuelle Börsenwert von gut 18 Milliarden nicht überzogen. Nur, eine Gewinnenttäuschung wie mehrmals in den vergangenen Jahren, darf es jetzt nicht mehr geben.
Fazit für den Dax: Kommt es jetzt in Frankreich nicht zu einem neuen, unerwartet deutlichen Sieg der Rechtspopulisten, dürfte der Dax seine seit Mitte Juni laufende Erholung fortsetzen. Die zwei Prozent Kursplus, die derzeit noch bis zum Allzeithoch vom 15. Mai (bei 18.869 Punkten, Tagesschlussstand) fehlen, sollten dann kein Problem sein. Eine Kursstütze für den Dax könnten dann sogar die Autoaktien werden, wenn ihnen eine zwischenzeitliche Erholung von übertrieben hohen Kursverlusten gelingt.
Optimal wäre es, wenn der Dax zunächst sein altes Hoch anläuft und dann von da aus ein paar Tage etwas zurückweicht. Aus einer kurzen Verschnaufpause im Bereich 18.800 bis 18.500 könnte danach sogar die Basis für eine Sommerrally entstehen. Fundamentaler Auslöser werden womöglich neue Zinshoffnungen, nachdem die US-Wirtschaft zunehmend an Dampf verliert.
Was nicht passieren sollte, wäre wieder ein Rutsch unter die Marke von 18.000 Punkten. Dann nämlich könnten sich die gesamten Schwankungen seit Frühjahr als obere Kurswende entpuppen. Aktuell allerdings verläuft der Dax weiterhin in einem intakten Aufwärtstrend – und das ist angesichts der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten ein guter Beweis für die Stabilität des Aktienmarkts.
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