Riedls Dax-Radar: Sommerschlussverkauf an den Börsen
Schon nach einem Tag schneller Kurserholung setzen die Technologieaktien ihre Talfahrt fort. An der amerikanischen Nasdaq-Börse, die für die weltweite Markttendenz derzeit die Richtung vorgibt, rauschen vor allem die konjunktursensiblen Chipwerte weiter nach Süden. Dazu stehen auch klassische Favoriten wie Amazon, Microsoft und Apple unter Druck.
Dass die jüngsten Geschäftszahlen dabei keineswegs so schlecht waren, wirft einen Schatten auf die allgemeine Tendenz: Offensichtlich ist die Stimmung an den Börsen gekippt und Anzeichen einer schwächeren Wirtschaft werden jetzt nicht mehr als Grund für eine Zinssenkung interpretiert, sondern als Vorbote gefährlicher Gewinnrückgänge.
Dass die amerikanische Notenbank Signale für eine erste Zinssenkung im September gibt, hilft nun wenig. Zum einen hatten die Märkte schon seit Monaten auf einen solchen Schritt der Fed gesetzt und das damit vorweggenommen; zum anderen deuten die Anleihen darauf hin, dass der US-Notenbank die Entwicklung zunehmend entgleiten könnte. Denn wenn angesichts einer abkippenden Wirtschaft Zinserhöhungen auf absehbare Zeit kein Thema mehr sind, was wird dann aus den Inflationsgefahren, die noch nicht vom Tisch sind?
Die Antwort an den Bondmärkten ist eindeutig: Die Zinsen gehen nach unten. Die Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen sind erstmals seit einem halben Jahr wieder unter die Marke von 4,00 Prozent gerutscht. Womöglich laufen sie jetzt den Tiefpunkt von Ende 2023 an, der bei knapp 3,8 Prozent lag.
Analog dazu sind in Europa die Renditen für zehnjährige Bundesanleihen unter das Niveau von 2,4 Prozent gesackt. Ein weiterer Rückgang bis auf 2,0 Prozent wäre kein Wunder; das Tief im Dezember lag bei 1,9 Prozent. Der deutsche Anleiheindex Rex hat mit dem jüngsten Anstieg der Notierungen über 125,3 Prozent ein Kaufsignal gegeben, ebenfalls ein Hinweis für weitere Renditerückgänge.
BMW, VW, Mercedes-Benz und Porsche im Ausverkauf
Zu den größten Opfern der neuen Konjunkturangst gehören im Dax die Automobilwerte. Dass die mit ihren aktuellen Halbjahreszahlen eher gemischte bis schwächere Ergebnisse vorlegten, gießt Öl ins Feuer. Heftig und eher unerwartet hat es BMW getroffen. Die Bayern galten unter den Autowerten bisher als heimlicher Primus, weil sie bei der Elektromobilität und bei konventionellen Antrieben gut positioniert sind. Auf dem wichtigen chinesischen Markt hat sich BMW schon 2022 verstärkt durch die Mehrheitsübernahme seines Gemeinschaftsunternehmens mit dem Partner Brilliance.
Auch wenn jetzt oft von schwachen Margen der Autohersteller gesprochen wird, sind 5,66 Milliarden Euro Nettogewinn (minus 14,6 Prozent) aus 73,56 Milliarden Euro Umsatz (minus 0,7 Prozent) von BMW im ersten Halbjahr angesichts des weltweit schwierigen Automarkts kein schlechtes Ergebnis. Für das zweite Halbjahr rechnet BMW mit einer leicht steigenden Nachfrage. Im Gesamtjahr könnte damit an die 2,6 Millionen Fahrzeuge verkauft werden; das ist alles andere als Krise. Netto könnten auch vorsichtig gerechnet mehr als zehn Milliarden Euro bleiben. Schon das ergäbe ein Kurs-Gewinnverhältnis von nur noch fünf.
Bei einem Börsenwert von 54 Milliarden Euro und wahrscheinlich mehr als 150 Milliarden Euro Jahresumsatz ist BMW schlichtweg sehr günstig bewertet. Mit 93,5 Milliarden Euro liegt das bilanzielle Eigenkapital weit über der Marktkapitalisierung; ebenfalls ein Zeichen für das große Misstrauen, das derzeit gegenüber BMW und den Autoaktien vorherrscht.
Neben BMW trifft es auch Mercedes-Benz, VW und die Porsche AG in ähnlicher Weise. Auch sie haben mit einem schwierigen chinesischen Markt, dem Auf und Ab beim Verkauf von E-Autos und konjunkturellem Gegenwind zu kämpfen. Doch dafür sind die sechs Milliarden Euro Nettogewinn, die Mercedes-Benz im ersten Halbjahr gemacht hat, ein durchaus solides Ergebnis – in gleicher Weise wie die 7,3 Milliarden Euro Reingewinn von VW oder die 2,15 Milliarden von Porsche. Alle vier Autohersteller im Dax sind finanziell beweglich und kapitalstark genug, eine längere Durststrecke zu überstehen und ihre Transformation in Richtung Elektromobilität umzusetzen.
Bei den Autoaktien geht es nach dem jüngsten Ausverkauf nun um eine Stabilisierung der Kurse. Die selbst bei vorsichtigen Prognosen sehr günstigen Bewertungen, die hohen Dividenden und die bilanzielle Stärke sind dafür ein gutes Umfeld, das an schwachen Tagen immer wieder antizyklische Chancen erschließt.
Pause für Heidelberg Materials, Wende bei Merck
Eine wacklige Baukonjunktur, rückläufige Absatzmengen und letztlich ein Fünftel weniger Nettogewinn im ersten Halbjahr dürften Aktien von Heidelberg Materials erst einmal weiter korrigieren lassen. Doch die Aussichten für das zweite Halbjahr sind nicht schlecht. Energie- und Materialkosten hat das Unternehmen im Griff, auf den wichtigen Märkten in den USA und Großbritannien wurden vielversprechende Zukäufe vorgenommen, der Ausbau nachhaltiger Produkte und die Entwicklung zur Kreislaufwirtschaft kommen voran.
Für das zweite Halbjahr rechnen die Heidelberger mit einer Gewinnerholung, dank der die Kurse ihren langfristigen Aufwärtstrend wieder aufnehmen könnten. Die Bewertung der Aktie ist moderat, die Verschuldung des Unternehmens übersichtlich.
Weiter voran beim Comeback zu organischem Wachstum kommt die Darmstädter Merck. Nach finanziellen Belastungen wegen eines Rückschlags in der Medikamentenentwicklung gegen Krebs ging der Nettogewinn im zweiten Quartal auf 605 Millionen Euro zurück. Das Laborgeschäft ist noch zäh, dafür verbessert sich die Auftragslage. Bei Halbleitermaterialien ist eine Erholung spürbar. Für das Gesamtjahr hat Merck seine Ziele angehoben.
Merck-Aktien arbeiten zwischen 170 bis 150 Euro an einer vielversprechenden Bodenbildung. Von hier aus könnte der Kurs in den nächsten Monaten seine große, seit 2011 bestehende Aufwärtstendenz wieder aufnehmen.
Fazit für den Dax: Im Fahrwasser heftiger Hightech-Verluste ist es dem Dax nicht gelungen, die erste wichtige Unterstützung bei 18.200 Punkten zu verteidigen. Das ist ein klares Schwächesignal, das zudem von Kursverlusten quer durch alle Branchen unterstrichen wird. Besonders hat es nun die im Dax wichtigen Autoaktien erwischt. Dabei geben selbst langjährige Dauerläufer wie Hannover Rück oder Beiersdorf Hinweise auf mögliche Kurskorrekturen.
An der taktgebenden Nasdaq-Börse könnte im 100-Index in den nächsten Wochen ein Trendtest im Bereich 18.300 bis 18.000 Punkten bevorstehen. Immerhin wäre auch das noch keine große Abwärtswende, sondern wahrscheinlich der Auftakt zu einer längeren Korrektur, wie sie etwa in der zweiten Hälfte 2023 ablief. Vergleichsweise stabil hält sich noch der industriell geprägte Dow Jones, der bei Notierungen von über 39.800 Punkten zum Rettungsanker für die Weltbörsen werden könnte.
So oder so, die nächsten Monate im Dax dürften wacklig bis turbulent werden. Eine angeschlagene Wirtschaft in Deutschland und weiten Teilen der EU sowie eine latente Hartnäckigkeit inflationärer Tendenzen – wenngleich auf reduziertem Niveau – ergeben mit stagnierenden oder schwächeren Ergebnissen vieler Unternehmen einen brisanten Mix.
Im Dax geht es nach dem Rutsch unter 18.200 erst einmal um eine mögliche Stabilisierung in der Zone 18.000 bis 17.700 Punkten. Sollte das scheitern, könnte der Test der 200-Tagelinie und des seit 2022 bestehenden Trends bevorstehen. Womöglich spielt sich das dann in den nächsten Wochen zwischen 17.500 bis 17.200 Punkten ab. Bei diesem Ausloten der Korrekturtiefen dürfte es nicht schaden, lieber etwas vorsichtiger zu sein.
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