Bauwirtschaft: Hochtief: Comeback in Deutschland und Europa
Hochtief-Chef Juan Santamaria
Foto: imago imagesDer deutsche Bau-Marktführer Hochtief meldet Neuigkeiten seiner Töchter im Stakkato. Die US-amerikanische Turner Construction Company etwa teilt Anfang September mit, dass unter seiner Führung ein Konsortium für 2,6 Milliarden-US-Dollar das Terminal 3 des San Francisco International Airport modernisiert. Leighton Asia wird in Gurgaon, Indien, einen Gebäudekomplex hochziehen. Die australische Tochter Cimic feiert im August die Inbetriebnahme der Metro in Sydney mit einem „automatisierten Zugservice von Weltklasse“.
Amerika, Australien, Asien. Und was ist mit...Deutschland, der Heimat des Konzerns?
Flucht vor den Conquistadores
Hochtief wird seit 2011 von der spanischen ACS-Gruppe gesteuert, die das damalige Flaggschiff der deutschen Bauwirtschaft gegen heftigen Widerstand des damaligen Managements übernahm und ihren Anteil in mehreren Schritten auf gut 75 Prozent erhöhte. Deutsche und europäische Aktivitäten wurden weitgehend verkauft: Anfang 2013 etwa die Flughafenbeteiligungen für 1,1 Milliarden Euro, bald darauf die Gebäudemanagement-Sparte, der profitable Offshore-Windradbau auf See, das Immobilien-Schwergewicht Aurelis sowie die Projektentwickler HTP und Fomart. Innerhalb von drei Jahren schrumpfte ACS das europäische Baugeschäft von Hochtief von rund 10.000 auf 3.000 Beschäftigte. Aus Arbeitgeberverband und Tarif trat Hochtief zum Januar 2017 auch noch aus. Führungskräfte ergriffen mitsamt ihrem Team die Flucht vor den Conquistadores und wechselten zu Wettbewerbern wie der Bremer Zech-Group. Und dennoch: Hochtief ist heute mit rund 28 Milliarden Euro Bauleistung der weitaus größte Block im ACS-Reich, das auf insgesamt 36 Milliarden Euro kommt.
Platz 18 beim reinen Deutschland-Umsatz
Doch so bedeutend das Unternehmen immer noch ist, die Abkehr von der Heimat war radikal. 97 Prozent des Hochtief-Geschäfts erwirtschaftet das immer noch in Essen sitzende Unternehmen im Ausland, größtenteils in Übersee – und nur drei Prozent in Deutschland. Gemessen am reinen Deutschland-Umsatz landet der Marktführer mit gerade mal 833 Millionen Euro im Branchenranking im vergangenen Jahr weit abgeschlagen auf Rang 18.
Das aber könnte sich nun vorsichtig ändern. Bereits bei der Hauptversammlung im April wollte Hochtief-Chef Juan Santamaria Cases, der bei ACS auch der zweite Mann hinter Eigner Florentino Perez ist, „noch ein paar Worte speziell zum deutschen Markt sagen, der für uns sehr wichtig ist“. In der Tat hat Hochtief 2023 bei mehreren wichtigen Ausschreibungen den Zuschlag bekommen. Dazu gehören ein über 30 Jahre laufender PPP-Vertrag mit einem Volumen von mehreren Hundert Millionen Euro zur Erweiterung des neuen Justizzentrums in Frankfurt am Main, Aufträge für Forschungseinrichtungen und Universitäten sowie einen großen PPP-Hochbauauftrag in Berlin. In Leverkusen hat Hochtief die neue A1-Brücke gebaut und den Folgeauftrag für den Bau der Parallelbrücke für über 400 Millionen Euro erhalten. Santamaria gibt sich „zuversichtlich, dass uns der Markt für soziale und Verkehrsinfrastruktur sowie Hightech-Infrastruktur in Deutschland wie auch in anderen europäischen Ländern noch viele Jahre lang große Chancen bieten wird“.
Dreimal soviel Aufträge in Deutschland
Auch im europäischen Ausland meldeten die Essener im August eine Akquise aus dem Bereich der Partnerschaften mit der öffentlichen Hand: Hochtief PPP Solutions „hat in Schottland einen Auftrag im Wert von mindestens 190 Millionen Euro für Instandhaltung und Investitionen in die Verbesserung von Straßen und Infrastruktureinrichtungen erhalten.“ Der Vertrag hat eine Mindestlaufzeit von acht Jahren und kann auf bis zu zwölf Jahren verlängert werden.
In Deutschland hat sich der Hochtief-Auftragseingang im vergangenen Jahr gegenüber 2022 auf 2,9 Milliarden Euro fast verdreifacht und dürfte die Umsätze mittelfristig entsprechend steigen lassen. Dazu beitragen wird auch der Ausbau des Elektroladesäulen-Netzes. Hochtief und Partner EWE Go aus Oldenburg haben Ende 2023 vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr den Auftrag zu Finanzierung, Planung, Bau und Betrieb eines Schnellladenetzes für E-Autos mit insgesamt 850 Ladepunkten in den Regionen Nord-West und West erhalten. Die Gebiete liegen in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bremen und Hamburg sowie in Teilen von Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Sie machen knapp zehn Prozent des sogenannten Deutschlandnetzes mit fast 9.000 Schnellladepunkten an rund 1.000 Standorten aus.
Der positive Auftragstrend ging im ersten Halbjahr 2024 weiter, teilt Hochtief auf Anfrage mit: Im ersten und zweiten Quartal habe der Auftragseingang in Deutschland „über dem langjährigen Durchschnitt“ gelegen. Ob aus dem Trend ein langfristiges Comeback wird, muss sich zeigen. Zumindest deutet sich eine Rückbesinnung von Hochtief auf den Heimatmarkt und dessen Chancen an.
Beitragen könnte dazu indirekt sogar das Wachstum der Auslandstöchter. Deren Marktmacht ist zentral für ACS. So fusionieren in den USA demnächst die Hochtief-Tochter Flatiron und die ACS-Tochter Dragados zum zweitgrößten Tiefbau- und Bauunternehmen Nordamerikas.
Turner folgt den Kunden nach Europa
Die andere große US-Tochter Turner aber, so ist aus dem Hochtief-Management zu hören, expandiert nach Europa – unter anderem um US-Kunden bei ihren Projekten zu begleiten. Turner habe „in Europa bereits Möglichkeiten für Hochtechnologieprojekte im Wert von 20 Milliarden US-Dollar identifiziert“. Kein Zufall also, dass Turner vor kurzem das irische Unternehmen Dornan übernommen hat. Von der Zusammenarbeit mit Turner werde „auch Hochtief Europe profitieren“, lautet die Auskunft.
Von den weltweit rund 40.000 Beschäftigten von Hochtief arbeiten 3300 in Deutschland, 1100 in der Essener Zentrale. In Düsseldorf sitzt die Niederlassung für den Hochbau, in Köln die für den Tief- und Ingenieurbau. Andere große Hochtief-Dependancen sind in Frankfurt, Hamburg, München, Berlin und Erfurt.
Womöglich bekommen die Hochtiefler dort langfristig Zuwachs. Denn die wieder stärkere Präsenz von Hochtief in Europa und Deutschland ist offenbar kein Zufall, sondern Strategie. Platz 18 beim reinen Deutschland-Umsatz könnte bald Vergangenheit sein.
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