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Dennis RadtkeSo tickt der neue Arbeiterführer der CDU

Dennis Radtke wird neuer Chef des CDU-Sozialflügels. Der Mann aus dem Ruhrgebiet kritisiert gerne den eigenen Laden. Doch wie mächtig ist er wirklich?Benedikt Becker, Daniel Goffart 15.09.2024 - 08:55 Uhr aktualisiert

Dennis Radtke

Foto: imago images

Straßburg, vor einigen Wochen. Dennis Radtke sitzt in seinem Parlamentsbüro und bearbeitet zwei Handys gleichzeitig. Das Jackett hat er auf eine Stuhllehne geworfen. Dass er gleich in verknitterten Klamotten zur nächsten Sitzung eilt, schert ihn nicht. Zigarettenqualm vernebelt das kleine Büro. Eigentlich darf man im Gebäude nicht rauchen. Auch das schert ihn nicht.

Dennis Christopher Radtke, 45, geboren in Bochum-Wattenscheid, seit 2017 im Europaparlament, kümmert sich nicht um Nebensächlichkeiten. Nicht mehr. Nach Jahren des Wartens, des Ausharrens in der zweiten Reihe, hat ihn der Sozialflügel der CDU an diesem Samstag zu seinem neuen Chef gewählt, zum Vorsitzenden der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA). Ein Amt mit Einfluss. Und ein Amt, das verpflichtet.

„Mein Ziel ist es, dass soziale Themen wieder prägnanter in der CDU besetzt werden“, sagt Radtke. Die Union müsse als Anwalt derjenigen auftreten, „die sich anstrengen und es trotzdem schwer haben“. Er sieht da durchaus Verbesserungsbedarf.

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In einer Partei, in der inzwischen der Wirtschaftsflügel mit Friedrich Merz und Carsten Linnemann die Schlüsselposten besetzt, kommt es im Jahr vor der Bundestagswahl nun besonders auf Arbeiterführer Radtke an. Wenn die Union ihrem Anspruch als Volkspartei weiterhin gerecht werden will, kann sie die Sozialpolitik nicht einfach SPD und Grünen überlassen. Ob Radtke so mächtig wird wie seine prominenten Vorgänger? Viele Parteifreunde trauen ihm das zu. Manche haben Zweifel.

Radtkes politische Karriere begann in der SPD. Er tut das heute als Jugendsünde ab. Andere hätten Fenster eingeschmissen. Er war bei den Genossen. Wo auch sonst, als Kind des Ruhrgebiets? Radtkes Großväter schufteten bei Krupp, waren stolze Sozialdemokraten. Sie nahmen den Enkel mit zu Sommerfesten mit Johannes Rau. Nur fragte sich der Enkel irgendwann, ob das wirklich auch seine Partei war. Viele Freunde waren in der Jungen Union (JU), darunter Philipp Mißfelder, der die Jugendorganisation zwölf Jahre lang führte und prägte wie kein anderer. 2002 trat Radtke aus der SPD aus. Schon damals, sagt er, hätte die Sozialdemokratie die Interessen der Arbeiter vernachlässigt.

Darin sieht Radtke heute seine größte Aufgabe: Industriearbeitsplätze sichern. Arbeiter für die CDU gewinnen, sie in die demokratische Mitte zurückholen, weg von AfD und BSW.

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Ein Schwarzer unter den Roten

Gelernt hat Radtke Industriekaufmann, gearbeitet hat er vor allem als Gewerkschafter. Ein Schwarzer unter Roten, dieses Muster zieht sich durch seinen Lebenslauf. Färbt das ab? Ist er den Schwarzen am Ende vielleicht zu rot?

Matthias Hauer, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Essen, kennt Radtke aus gemeinsamen Zeiten in der JU. Er schätzt ihn, gerade weil er so unbequem sein kann. „Wer sich zu einer Zeit, in der das Ruhrgebiet noch tiefrot war, als CDUler durchgesetzt hat, ist ein Kämpfer“, sagt Hauer. Radtke sei fleißig, verlässlich, authentisch. „Wir brauchen mehr Typen wie ihn in der Union.“

Die Fußstapfen, in die Radtke nun tritt, sind groß. Jakob Kaiser. Hans Katzer. Norbert Blüm. Und zuletzt Karl-Josef Laumann, der Maschinenschlosser aus dem Münsterland, Minister in NRW, und seit 19 Jahren das soziale Gewissen der Union. Laumann konnte Parteitage drehen. Mit einfachen Worten und ehrlichen Emotionen. Daran erinnern sich vor allem die, die oft darunter gelitten haben.

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Radtke wird es, davon gehen viele in der Partei aus, nun erst einmal schwerer haben. Im Gegensatz zu Laumann, der mit Merz persönlich befreundet ist, kann Radtke nicht besonders gut mit dem CDU-Chef. Was auf Gegenseitigkeit beruht. Merz mag die Radtkes zuweilen aufbrausende Art nicht. Der wiederum sieht in Merz den typischen Vertreter des Wirtschaftsflügels, mit schneidender Rhetorik und maßgeschneiderten Anzügen.

Auch Radtke ist eine Type. Einer, der nicht so schnell klein beigibt. Der sagt, was er denkt, auch auf die Gefahr hin, mögliche Folgen des Gesagten noch nicht zu Ende gedacht zu haben. Aber reicht das, um sich an der ein oder anderen Stelle gegen Merz und Linnemann durchzusetzen? Bisher hat Radtke nur bewiesen, dass er sich leicht Gehör verschaffen kann. Oft ist er bei X (früher Twitter) einer der ersten, die sich zu einem aktuellen Thema äußern. Und nicht nur denjenigen in der CDU, die ohnehin von ihm genervt sind, fällt auf, womit der Europaabgeordnete seine Präsenz in den Medien festigt: mit Kritik an der eigenen Partei.

Radtke äußert sich nicht nur zu Sozialpolitik. Zuletzt etwa warnte er als einer von wenigen Unionspolitikern öffentlich vor Koalitionen mit dem BSW. Auch den engen Fokus der Parteiführung auf Migrationspolitik kritisierte er deutlich. Es wirkt bisweilen so, als müsse Radtke parallel zu seiner parteieigenen Arbeit noch eine andere Lücke füllen, die in der einst breiten Mannschaftsaufstellung der Christdemokratie entstanden ist. Seit sich treue Merkelianer nach und nach in den Ruhestand verabschieden, werden auch die gesellschaftspolitisch liberalen Stimmen in der Union leiser.

Nächste Station Berlin?

Auf die Jobbeschreibung „schwarzer Gewerkschafter“ will sich Radtke jedenfalls nicht reduzieren lassen. Er will den Flügel breiter aufstellen. Für die Union bleibe die Herausforderung, „personell und inhaltlich für eine Balance zu sorgen“, sagt er. „Es geht um die Zukunftsfähigkeit als Volkspartei.“ Die Stimmung in Ostdeutschland erschreckt ihn. „Wenn bei den Wahlen in Sachsen und Thüringen mehr als 50 Prozent der Menschen der Ansicht sind, die CDU betreibe keine arbeitnehmerfreundliche Politik, dann muss man sich mit den Gründen für diese Wahrnehmung auseinandersetzen.“

Immer wieder wird Radtke darauf angesprochen, ob er als Europapolitiker mit Sitz in Brüssel und Straßburg nicht zu weit weg vom Geschehen in Deutschland sei. Anders gefragt: Muss ein CDA-Vorsitzender nicht auch ein bundespolitisches Amt anstreben, zumindest einen Sitz im nächsten Bundestag? Radtke windet sich etwas bei diesem Thema. Er schätzt sein Mandat im EU-Parlament und seine dortige Rolle als sozialpolitischer Sprecher der EVP-Fraktion, die ihm „viel Gestaltungsspielraum lässt“. Es kann schließlich von Vorteil sein, nicht unter Friedrich Merz in der Unionsfraktion im Bundestag zu sitzen. Wer öffentlich ganz bewusst andere Schwerpunkte setzen will, braucht etwas Beinfreiheit. 

Aber Radtke dementiert die Idee einer bundespolitischen Karriere nicht wirklich. „Bevor wir Spitzenämter im Bund verteilen, sollten wir zunächst alles dafür tun, so stark bei der Bundestagswahl zu werden, dass gegen die Union nicht regiert werden kann“. Das ist zwar eine Binse, eine Selbstverständlichkeit. Aber vielleicht steckt darin ja doch eine Botschaft. Der neue Arbeiterführer der Union möchte ungern übergangen werden, wenn seine Partei die nächste Bundestagswahl gewinnt.

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