1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Dienstleister
  4. Oktoberfest 2024: „Zur Wiesn ist München das größte Bordell Europas“

Rikscha-Fahrer„Während des Oktoberfests ist München das größte Bordell Europas“

Alexander Gutsfeld kennt sich mit der Schatten-Ökonomie der Wiesn gut aus: Er fährt mit seiner Rikscha betrunkene Oktoberfestbesucher zum Hotel – oder ins Bordell.Volker ter Haseborg 14.10.2024 - 11:54 Uhr

Alexander Gutsfeld fährt seit zwölf Jahren Oktoberfestbesucher mit seiner Rikscha durch München.

Foto: WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Gutsfeld, wie sind Sie eigentlich Rikscha-Fahrer auf dem Oktoberfest geworden?
Alexander Gutsfeld: Das war ein ganz normaler Studentenjob. Mein Bruder fuhr auch Rikscha, und ich habe immer gesehen, mit wie vielen Geldbündeln er nach Hause gekommen ist. Dann habe ich vor zwölf Jahren auch angefangen.

Was fasziniert Sie daran?
Nicht nur das Geld. Sondern auch das Anarchische. Es gibt keine fixen Preise, in den zwei Wochen des Oktoberfestes geht in München alles. Es macht mir Spaß, mit den – meist doch sehr betrunkenen – Kunden über die Preise zu verhandeln – und so viel Geld wie möglich in zwei Wochen zu machen.

Womit wir bei der Frage wären, wie viel Geld Sie in den zwei Wochen verdienen.
Es gibt ein Gesetz unter uns Rikscha-Fahrern: Wir verraten nicht, was wir insgesamt verdienen. Aber zur Disco P1, die vier Kilometer von der Theresienwiese entfernt liegt, sind schon 120 Euro drin.

Was für Leute steigen bei Ihnen ein?
Erst, wenn die Zelte schließen – so um zehn, halb elf Uhr abends – verdiene ich den Großteil meines Geldes. Die meisten haben da schon ein bisschen Bier intus. Mit jeder Maß Bier steigt die Bereitschaft, Geld auszugeben. Am liebsten sind mir die Leute aus dem Käfer-Zelt oder dem Marstall-Zelt. Dort gehen Leute hin, die Geld haben – und Lust, es auszugeben. Touristen aus den USA und Australien, aber auch viele Deutsche, die dem gutverdienenden Bürgertum angehören.

Zur Person
Alexander Gutsfeld, 34, ist nebenberuflich Rikscha-Fahrer. Im Hauptberuf ist er Journalist. Seine Erlebnisse als Rikscha-Fahrer hat er mit der Podcast-Serie „Das Lederhosen Kartell“ verarbeitet.

Durch Ihre Tätigkeit als Rikscha-Fahrer haben Sie auch Einblicke in so manche Schatten-Ökonomie rund ums Oktoberfest. Welche sind das?
Zum einen ist das der Drogenhandel. Meine Gäste fragen mich oft nach Koks. Aber da helfe ich ihnen nicht weiter. Wer auf der Wiesn Drogen kaufen will, kann dies hier tun. Ich habe einige Kleinganoven kennengelernt, die hier auf der Straße Koks verkaufen. Andere beliefern ihre Kunden persönlich, fahren zu den Clubs, wo die Leute weiterfeiern, wenn die Festzelte schließen.

Wie ist es mit dem Sex-Gewerbe?
Während der Wiesn wird München zum größten Bordell Europas. Da verdoppelt sich die Zahl der Sexarbeiter in München. Ich kenne den Geschäftsführer eines kleinen Bordells. Der sagt: Ohne die Wiesn müsste er seinen Laden zumachen.

Kennen Sie den Bordell-Besitzer geschäftlich?
Ja, wir als Rikscha-Fahrer spielen eine besondere Rolle im Geschäft mit der Prostitution. Wir fahren die Kunden zu den Bordellen. Am meisten Geld habe ich mit einer Fahrt zum Puff verdient. Da kostet die Fahrt zum Bordell nicht so viel – weil wir Fahrer wissen, dass wir pro Gast noch einmal 50 Euro Provision kassieren. Manchmal fahre ich sogar drei Gäste auf einmal zum Puff – inklusive Fahrpreis von 50 Euro sind das dann 200 Euro.

Wie funktioniert dieses Geschäft konkret?
Die Fahrt zu dem Bordell ist anstrengend, die Strecke geht bergauf. Ich muss dann aufpassen, dass meine Passagiere dann auch wirklich ins Bordell reingehen und sich nicht von den hohen Eintrittspreisen abschrecken lassen. Wenn sie nicht reingehen, gehe ich leer aus. Deshalb sage ich ihnen auch immer vor der Fahrt, was der Eintritt kostet. Wenn sie den Eintritt zahlen, schreibe ich eine Rechnung, gebe sie an der Kasse des Bordells ab – und ein Mitarbeiter zahlt mir das Geld bar aus.

Preisfrage

Die Ökonomie einer Weißwurst

von Alexander Voß

Sie sind mittlerweile kein Student mehr, sondern Journalist. Ihre Erfahrungen auf der Wiesn haben Sie mit der hörenswerten Podcast-Serie „Das Lederhosen Kartell“ verarbeitet. In welchen Bereichen haben Sie Kartelle gefunden?
Am ehesten trifft der Begriff Kartell auf die sechs Münchner Brauereien zu. Augustiner, Hacker-Pschorr, Hofbräu, Löwenbräu, Spaten und Paulaner. Nur sie dürfen auf dem Oktoberfest ihr Bier ausschenken. Sie haben den Verein Münchner Brauereien gegründet, der exakt sechs Mitglieder hat – eben diese Brauereien. Sie haben die Regel aufgestellt, dass eine Brauerei nur dann eine Münchner Brauerei ist, wenn sie ihr Bier mit Münchner Wasser herstellt. Dafür braucht man aber einen Tiefbrunnen – und der ist sehr teuer. Damit sind viele Brauereien schon mal raus.

Welche Macht haben die Bier-Barone?
Die Brauereien haben eigene Festzelte – und schenken auch in anderen Festzelten Bier aus. Das sind aber nur Peanuts gegenüber dem Marketing-Effekt, den sie erzielen. Zwei Wochen im Jahr kann sich die Marke der Welt präsentieren, alle reden darüber. Und kaufen danach vielleicht weiterhin das Bier aus München.

Der Wiesn-Crashkurs
Als erstes: Die Maß, mit kurzem a. Nicht das Maß oder die Mass. Die Maß ist das Maß für einen Liter. Dabei gilt eine gewisse Kulanz, der mit 0,9 Litern gefüllte Krug geht als Maß durch. Allzu rasch rinnt der Gerstensaft in der dumpfigen Schwüle der Zelte die Kehle hinab - Vorsicht! Das eigens für die Wiesn gebraute Bier ist besonders stark. Sein Alkoholgehalt liegt bei einer höheren Stammwürze bei 5,8 bis 6,4 Prozent, normales Helles hat etwa 4,8 Prozent. Eine Maß enthält so viel Alkohol wie acht Schnäpse, fünf Maß entsprächen einer Flasche Schnaps. Sie wäre teuer: Eine Maß kostet 12,60 Euro bis 13,80 Euro.
Seit mehr als 70 Jahren zapft der Münchner Oberbürgermeister das erste Fass Bier an, ruft „Ozapft is“ - und eröffnet so das Fest. Initiiert hat das OB Thomas Wimmer 1950. Angeblich fuhr er auf dem Wagen der Wirte-Familie Schottenhamel zum Festplatz und der Wirt ließ ihn spontan anzapfen. Nach einer anderen Version war Wimmers Anzapfen geplant, setzte er so doch ein Zeichen für Volksnähe und Neuanfang.
Es geht keineswegs um mehrere Grasflächen, bei denen das „e“ fehlt. Sondern nur um eine: die Theresienwiese. Von saftigem Gras ist aber kaum etwas zu sehen. Das 34,5 Hektar große Areal ist kiesig und von Teerwegen durchzogen, die zum Fest etwa Wirtsbuden- und Schaustellerstraße heißen. Benannt ist das Gelände nach Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen, die dort 1810 mit dem Volk ihre Hochzeit mit Kronprinz Ludwig – später König Ludwig I. – feierte. Das sollte nach der Proklamation des Königreichs das Gemeinschaftsgefühl und die Ausrichtung auf die Wittelsbacher fördern. Ein Höhepunkt war ein Pferderennen auf der damals wahrscheinlich wirklich grünen Wiese, die zu dieser Zeit noch vor den Toren der Stadt lag.
Hauptfrage: Wie kommt man hinein? Am besten unter der Woche tagsüber. Die reservierbaren Tische sind abends so gut wie weg. Allerdings gibt es immer Plätze, die nach komplexen Regeln unreserviert bleiben müssen.Der Bedienung Scheine zuzustecken, um an einen freien Tisch zu kommen, ist keine gute Idee. Wird sie vom Wirt erwischt, fliegt sie raus – und die Gäste womöglich mit. Auch keine gute Idee: Zum Bummeln raus aus dem Zelt und später wieder rein. Wird das Zelt wegen Überfüllung geschlossen, gibt es keinen Weg zurück. Die Handtuch-Methode vom Strand funktioniert nicht. Wer Klamotten liegen lässt, ist sie womöglich los. Auch weil Langfinger unterwegs sind.
Erlaubt ist, was Spaß macht. Schotten kommen gern im Kilt, Herren schon mal in weiß-blauem Rautenanzug und Damen – von Traditionsseite her ein no go – in der Lederhose. Der Hut mit dem Stoffhendl drauf ist einfach nicht auszurotten, das T-Shirt mit „Leistungstrinker“ muss aber wirklich nicht sein. Wer auf dem Weg zum Fest an einer Bude Dirndl oder Lederhose erwirbt und glaubt, er trage nun echte Tracht, irrt. Die von Vereinen gepflegten Trachten, die von Dorf zu Dorf variieren, sind teuer und oft Handarbeit.
Am Dirndl lässt sich erkennen, ob ein Flirtversuch lohnen könnte. Trägt die Frau die Schleife der Schürze links, ist sie frei, rechts bedeutet verheiratet oder in festen Händen. Schleife in der Mitte: Jungfrau. Schleife hinten: Unklar. Wohl keine Einheimische, so bindet man gemeinhin die Küchenschürze. Weil viele Damen das Dirndl schnell-schnell ohne Gebrauchsanleitung kaufen, geraten die Schleifenregeln durcheinander - und stiften genau die Verwirrung, die sie eigentlich verhindern sollten.

Was so ein Wiesn-Wirt auf dem Oktoberfest verdient – sind Sie diesem Geheimnis schon nähergekommen?
Jeder Wirt, den man dazu fragt, weicht dieser Frage aus. Es gab mal einen Wiesn-Wirt, Sepp Krätz, der 2014 wegen Steuerhinterziehung vor Gericht stand. Da kam heraus, dass er während der Wiesn drei Millionen Euro eingenommen hat.

Sind denn die Rikscha-Fahrer auch ein Kartell?
Viele Münchner Fahrer sind nicht erfreut darüber, dass sie Konkurrenz bekommen haben, etwa aus Mazedonien oder Griechenland. Aber auch aus Berlin. Manche Münchner Rikscha-Fahrer haben sogar damit gedroht, feste Preise einzuführen. Also eine Art Rikscha-Kartell zu gründen.

Und, was halten Sie davon?
Gar nichts. Die Kunst des Rikscha-Fahrens ist doch gerade die Preisverhandlung. Ich sehe schon an der Qualität der Lederhosen meiner Kunden, welchen Preis ich verlangen kann. Festpreise wären der Tod für unser Geschäft.

Lesen Sie auch: Das sind die wahren Kosten des Wiesn-Biers

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick