Editorial: Wie Weltmarktführer in der Weltkrise bestehen können

Deutschlands Mittelstand profitierte lange von einer Win-Win-Situation im Welthandel.
Foto: imago imagesWeltmarktführer sind eine Schatzkiste unserer Wirtschaft. Und sie bleiben, auch nach Jahren der Erforschung und Erhebung, ein Phänomen, das nicht ganz durchdrungen ist. Denn sie verbindet zunächst nur die abstrakte Idee ihrer Weltmarktführerschaft, ihrer Hidden-Champion-Existenz: dass sie, ob groß oder klein, alt oder jung, zumeist in ihrer Nische, einen Markt dominieren oder gar beherrschen, den man teils gar nicht auf dem Zettel hatte. Ihre Spezialität sind oft Dinge, die dafür sorgen, dass unsere Wirtschaft funktioniert, dass die Welt zusammenhält.
Doch zahllose Weltmarktführer bleiben unbekannt. Diese Sonderveröffentlichung ist also eine Entdeckungsreise. Die Studie, auf der sie beruht, ist einmalig. Sie wird erhoben von der HBM Unternehmerschule der Uni St. Gallen, umfasst mehr als 500 Unternehmen und ist ein gemeinsames Projekt mit der Akademie Deutscher Weltmarktführer und der WirtschaftsWoche.
Wir erleben seit einigen Jahren, wenn unsere Reporter zu den Unternehmen ausschwärmen, dass der Begriff Weltmarkt seine Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit verloren hat. Die Weltmarktführer lebten über Jahrzehnte von einer Welt, die zusammenwuchs, die kooperierte, die Handelsschranken und Zölle abbaute, was zu einem beispiellosen Zuwachs an Wohlstand führte. Die Formel war: win-win. Die Erfolge dieser Epoche lesen sich in den Steckbriefen der Unternehmen: Anzahl der Kontinente, Dutzende Standorte, Wachstum bei Umsatz und Mitarbeitern, selbstverständlich weltumspannend.
Doch diese Zeiten sind vorbei, die Weltmärkte zerfallen in Sphären und Blöcke, der Freihandel ist auf dem Rückzug. Die neue Formel ist: zero-sum. Also müssen alle umdenken, sich neu justieren, aus Expansion und Wachstum werden Behauptung und Sicherung. Niemand brachte das dieser Tage besser auf den Punkt als Nicola Leibinger-Kammüller, die seit 2005 an der Spitze von Trumpf steht. Sie sprach von einer „Weltkrise“, die zu den schwachen Zahlen und Prognosen des Laserherstellers führe.
Was für ihr Unternehmen gelte, sei auch eine Frage an die ganze Nation, so die Trumpf-Chefin: Die Antwort sei nicht ein Subventionswettlauf gegen China und die USA, den könne Deutschland kaum gewinnen. Wir sollten uns stattdessen „auf unsere Tugend einer forschungsstarken und am Markt orientierten Industrie gerade im Mittelstand besinnen“. Mit anderen Worten: Auch wenn der Standort schwach ist, sind viele Stärken noch da. Sie sind ein Muskel, den Weltmarktführer über Jahrzehnte trainiert haben – als sie ihre Produkte verbessert, neue erfunden und neue Märkte erobert haben.
Diese Exzellenz, dieses Streben, wird hoffentlich dazu führen, dass die zahllosen Weltmarktführer auch die künftigen Megatrends und Innovationswellen meistern und gestalten.
Dieser Artikel entstammt unserem Sonderheft. Alles über die 500 heimlichen Weltmarktführer lesen Sie unter wiwo.de/wmf2024.