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War der Atomausstieg ein Fehler?„Dieser Weg wird keine Nachahmer finden“

2023 gingen die letzten drei Atommeiler vom Netz. Wurden die Folgen ausreichend geprüft? Das soll ein Untersuchungsausschuss klären. Wie schwierig das wird, zeigt die Befragung von drei CEOs.Lara Dehari 02.12.2024 - 11:26 Uhr

RWE-Chef Markus Krebber

Foto: REUTERS

Er sitzt als einziger der drei CEOs ohne Rechtsbeistand im Sitzungssaal E800 des Paul-Löbe-Hauses des Bundestags. Umrundet von Bundestagsabgeordneten der verschiedenen Fraktionen, hinter sich Mitarbeiter des Umwelt- und Wirtschaftsministeriums: Markus Krebber, Chef des Energiekonzerns RWE, wirkt an diesem Donnerstagabend Ende November ruhig und bestimmt. Er muss nicht lange nachdenken, wenn er über die Ereignisse des Jahres 2022 nachdenkt, die die Energiebranche bis heute prägen: Das Jahr, in dem die Bundesregierung den endgültigen Atomausstieg besiegelte – trotz der anhaltenden Energiekrise nach Russlands Angriffskriegs auf die Ukraine

Krebber ist gemeinsam mit Guido Knott, Chef der Geschäftsführung der PreussenElektra GmbH, und Frank Mastiaux, dem früheren Vorstandsvorsitzenden der EnBW Energie Baden-Württemberg AG, als Zeuge in den Untersuchungsausschuss zum Atomausstieg geladen. Der Ausschuss, der auf Initiative der Unionsfraktion hin eingerichtet wurde, soll prüfen, ob und wie ausreichend und ergebnisoffen die Ampel-Koalition alle Optionen geprüft hat, um eine Energiekrise abzuwenden. Konkret: Hat die Regierung auch einen längerfristigen Weiterbetrieb der Atomkraftwerke über 2023 hinaus vernünftig abgewogen?

Fakt ist: Am 15. April 2023, kurz vor Mitternacht, sind in Deutschland die letzten drei Atommeiler endgültig vom Netz gegangen. Ursprünglich hatten die Kraftwerke bereits Ende 2022 abgestellt werden sollen. Aufgrund der Energiekrise entschied die Regierung mit den Betreibern einen Streckbetrieb, also den Weiterbetrieb der Anlagen auf Sparflamme, die bereits auf ihr Ende vorbereitet worden waren. Im Juni 2011 hatte der Bundestag den Ausstieg als Reaktion auf die Ereignisse im japanischen Fukushima beschlossen, die Meiler Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland waren noch als letzte am Netz.

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Aus AfD und teilweise auch der Union gibt es Stimmen, die in ihrer Energiestrategie auch auf Atomkraft setzen möchten. Sie zweifeln die ergebnisoffene Analyse an – und fragten in der Anhörung deshalb auch gleich mehrfach nach, ob die abgeschalteten Atomkraftwerke wieder angeschmissen werden könnten.

Gas statt Atom

Wenige Tage vor der Befragung im Untersuchungsausschuss verfasste Krebber zwar einen LinkedIn-Post, in dem er auf die Dringlichkeit einer Alternative hinweist – aber nicht, um für Atomenergie zu werben. Sondern um aufzuzeigen, dass erneuerbare Energie nicht ausreichen werden.

Dunkelflauten, also Phasen, in denen Wind und Sonne nur begrenzt Strom produzieren, seien etwas ganz Normales, sagt Krebber. „Wir müssen also vorbereitet sein.“ – Ganz konkret: Krebber wünscht sich Gaskraftwerke, die dann eingesetzt werden könnten, wenn die Erneuerbaren nicht genug produziere. Eine solche Dunkelflaute gab es laut ihm am 6. November. Der Strompreis stieg kurzzeitig auf mehr als 800 Euro. Laut Krebber „mehr als nur ein Warnschuss“.

Wie schaltet man ein Atomkraftwerk ab?
Ein Kernkraftwerk produziert Strom aus Wärme. Bei der Spaltung der Atomkerne wird Energie freigesetzt. Die Hitze, die dabei entsteht, wird genutzt, um Wasser in Dampf umzuwandeln. Dieser Dampf treibt dann eine Turbine an, die wiederum einen Generator antreibt, der Strom produziert.
Die Leistung des Reaktors wird nach Angaben des Kraftwerksbetreibers Energie Baden-Württemberg (EnBW) kontinuierlich abgesenkt. Dies geschehe durch das schrittweise Einfahren von sogenannten Steuerstäben in den Reaktorkernen – diese dienen der Regelung und Abschaltung eines Kernreaktors. Danach wird der Generator vom Stromnetz genommen und der Reaktor komplett abgeschaltet. Der Abschaltvorgang funktioniere wie bei den regelmäßigen Überprüfungen, erläutert der Kraftwerksleiter des bayrischen Meilers Isar 2, Carsten Müller. Nach der Netztrennung werde der Reaktor heruntergefahren, sagt Müller. „Das dauert etwa eine Viertelstunde.“ Dann beginnt die eigentliche Arbeit: Die hochradioaktiven Brennelemente werden entfernt und in sogenannten Castorbehältern in Zwischenlagern aufbewahrt. In Deutschland gibt es aktuell 16 Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle.Stand: April 2023
Nein. Es wird weiterhin nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle gesucht. 2017 wurde ein neues Verfahren dafür gestartet, um die Öffentlichkeit miteinzubeziehen.Stand: April 2023
Nein. Nur Endlager in tiefen geologischen Schichten gelten als dauerhaft sichere Lösung. Tiefliegende Gesteine bieten eine natürliche Barriere, die vor Strahlung schützt.
Atomkraftgegner fordern immer wieder „blühende Wiesen“, die nach dem Abbau eines Kernkraftwerks das Land wieder in seinen natürlichen Zustand zurückbringen sollen. Doch das ist nicht so leicht. Denn das Gebäude kann nicht einfach abgerissen werden, solange sich radioaktive Elemente darin befinden. Wurden die Brennelemente entfernt, sind die Aktivitätsmengen jedoch nur noch gering – beispielsweise, wenn der Reaktordruckbehälter selbst radioaktiv geworden ist. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) rechnet mit rund 15 Jahren für den Abbau eines Meilers, bis er aus der atomrechtlichen Überwachung entlassen werden kann. Hinzu kommen noch etwa zwei Jahre für den Abriss der Gebäude. Nach der Planung des Betreibers RWE wird die Anlage Emsland beispielsweise im Jahr 2037 nachweislich frei von jeder Radioaktivität sein.
Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) in Wien zählte 2021 zwar weltweit 198 abgeschaltete oder in Stilllegung befindliche Atomkraftwerke, doch nur bei 20 davon ist die Stilllegung schon komplett abgeschlossen. In einigen Ländern fehlen noch die Ressourcen und Strukturen dafür. So wird beispielsweise auch in Schweden, Finnland oder der Schweiz nach Endlagern im Untergrund gesucht. Dem Umweltministerium zufolge gibt es in Europa und weltweit noch kein betriebsbereites Endlager für hochradioaktive Abfälle aus der friedlichen Nutzung der Atomenergie.
Der Atomausstieg wird kostspielig – so viel steht fest. Eine Kommission hat die Gesamtkosten unter anderem für Stilllegung und Rückbau der Meiler sowie die Transporte und die Lagerung der Abfälle auf 48,8 Milliarden Euro geschätzt. Daraufhin wurde ein Fonds eingerichtet, in den die Betreiber der Atomkraftwerke einzahlen mussten. Aus diesem Betrag soll die Zwischen- und Endlagerung bezahlt werden. Die Energieversorger sind auch für die Kosten von Stilllegung und Rückbau der Meiler verantwortlich. RWE zufolge schwanken die Kosten für den Nachbetrieb und Rückbau eines Kernkraftwerks je nach Größe, Alter und Betriebsstunden der Anlagen zwischen 500 Millionen und 1 Milliarde Euro.
Stand: April 2023

Trotzdem wirbt Krebber nicht für eine Neuauflage der Atomenergie. RWE habe 2022 klar kommuniziert, dass ein langfristiger Weiterbetrieb der Anlage im Emsland mit großen Hürden verbunden gewesen wäre, wenn auch nicht unüberwindbar. Aber der Konzern hätte hierfür nicht das ökonomische Risiko tragen wollen. Eine kurzzeitig diskutierte Wiederinbetriebnahme bereits abgeschalteter Atomkraftwerke sei demnach nahezu utopisch gewesen, denn hier hätten sich auch Fragen der Personalbeschaffung gestellt.

Hohe Investitionen für Wiederaufbau von Atomenergie

Dass Krebber sich nun für Gaskraftwerke einsetzt, hängt wohl auch damit zusammen, dass eine Einsatzreserve von Atomkraftwerken, also die Nutzung dieser, wenn Strom aus Erneuerbaren knapp wird, laut ihm kaum möglich sei. Gas wiederum könne diese Funktion übernehmen.

Mehrere Experten, die für den Untersuchungsausschuss Gutachten zum Atomausstieg verfasst haben, bestätigen das. Kernenergie sei keine Brückentechnologie und würde zusätzlich die Energiewende behindern. Sie sei auf einen Dauerbetrieb ausgelegt und nicht flexibel.

Letzteres bestätigt selbst Preussen-Elektra-Chef Guido Knott. Preussen Elektra betrieb das Atomkraftwerk Isar 2. Technisch sei dies sehr schwierig, die Anlagen nicht darauf ausgelegt. Die Inbetriebnahme nach einer Pause benötige die Energie, um eine ganze Kleinstadt zu versorgen. Und gerade davon sei innerhalb einer Krise wie 2022/23 aber auch in einer Dunkelflaute der Erneuerbaren nicht genug da.

Preussen-Elektra-Chef Guido Knott ist überzeugt: Der Atomausstieg war ein Fehler.

Foto: @PreussenElektra GmbH @Regine Rabanus

Es ist so ziemlich das Einzige, in dem sich fast alle im Ausschuss einig sind: Atomenergie kann nicht die Defizite der Erneuerbaren ausgleichen. Wenn, wäre lediglich ein paralleler Dauerbetrieb denkbar. Doch Atomenergie würde nur mit erheblichen Subventionen funktionieren, so eine Expertin. Und Geld für den Ausbau von Atomenergie und Erneuerbaren ist in einem knappen Haushalt wohl nicht da.

Knott muss sich weit mehr Fragen des Untersuchungsausschusses stellen als Krebber. Das liegt auch daran, dass er mit seiner Ansicht aneckt: Er sieht den Atomausstieg der Bundesregierung als großen Fehler an. Auch die Argumentation, dass ein Weiterbetrieb der Meiler sicherheitstechnisch nicht möglich gewesen, lehnt er ab. Der Wille der Unternehmen, die Atomkraftwerke auch längerfristig weiterzubetreiben sei da gewesen, aber von der Regierung nicht gewollt.

Als dritter muss sich auch der EnBW-Chef Frank Mastiaux den Fragen des Untersuchungsausschusses stellen. Er präsentiert sich als Mann der Mitte, an vieles erinnere er sich nicht mehr im Detail. EnBW, die das dritte noch im Betrieb befundene Atomkraftwerk Neckarwestheim betrieben, hätten weder laut aufgeschrien noch sich gegen einen Weiterbetrieb gewehrt.

Rückkehr „möglich, denkbar und wünschenswert“

Als absoluten Fehler betrachtet also nur einer der drei CEOs den endgültigen Atomausstieg im Frühjahr 2023. Trotz seiner Abneigung gegen diese Entscheidung macht Knott jedoch eines klar: Eine Wiederinbetriebnahme der abgeschalteten Atomkraftwerke hält er für ausgeschlossen. Das würde Jahre dauern und Milliarden kosten. Wichtige Elemente wären dem Kraftwerk Isar 2 bereits entnommen worden. Diese zu ersetzen sei utopisch.

Das würde aber nicht bedeuten, dass er Atomenergie komplett abgeschrieben habe. Mit moderner Technologie seien Atomkraftwerke weiterhin „möglich, denkbar und wünschenswert für Deutschland.“ Mit dieser Meinung dürfte RWE-Chef Krebber nicht übereinstimmen. Er sagt dagegen: „Das Thema Kernkraft ist in Deutschland vom Tisch. Eine Weiterführung der Kraftwerke würde politischen Schaden verursachen und man können sich dann auf nichts mehr verlassen.“

Knott ist überzeugt, dass es doch ein Zurück gibt. Auch deshalb, weil Deutschland sich mit seiner Strategie isoliere. Er kenne kein anderes Land, den Weg der Bundesrepublik gehen würde. „Dieser Weg wird keine Nachahmer finden.“

Noch vor der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 will der Ausschuss einen Endbericht vorlegen. Mitten im Wahlkampf wird es deshalb zu einem Höhepunkt der Zeugenbefragung kommen: Am 15. Januar sollen Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) sowie Ex-Finanzminister Christian Lindner (FDP) aussagen sowie Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt (SPD). Am Tag darauf dann Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck (Grüne) sowie Bundeskanzler Olaf Scholz. 

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