Bürgerkrieg in Syrien: „Die Türkei geht als Gewinner hervor, weil sie die Rebellen unterstützt hat“
Syrische Oppositionskämpfer feiern nach dem Zusammenbruch der syrischen Regierung.
Foto: Omar Sanadiki/AP/dpaEckart Woertz ist Director vom Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (Giga) für Nahost-Studien. Zudem arbeitet er als Professor für Zeitgeschichte und Politik des Vorderen Orients und Nordafrikas an der Universität Hamburg.
WirtschaftsWoche: Am Sonntagmorgen verkündeten die syrischen Rebellen im Fernsehen, sie hätten Damaskus befreit und das Assad-Regime gestürzt. Was bedeutet das für das Land?
Eckart Woertz: Einerseits gibt es hoffnungsvolle Szenen auf den Straßen. Denn viele politische Gefangene wurden freigelassen. Auf der anderen Seite gibt es Befürchtungen, dass die Minderheiten wie Alawiten, Drusen, Christen und Kurden durch die Machtübernahme unterdrückt werden. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Gemengelage entwickelt.
Es gibt Krisen und Kriege in der Region. Was bedeutet der Sturz Assads für den Nahen Osten?
Die Türkei geht als Gewinner hervor, weil sie die Rebellengruppen unterstützt hat. Jetzt muss sich zeigen, welche Interessen die Rebellen verfolgen. Auf jeden Fall hat die Türkei an Bedeutung gewonnen.
Und welche Ziele verfolgt die Türkei mit dieser neuen Bedeutung?
Die Türkei verfolgt zwei Interessen. Zum einen will sie die Quasi-Autonomie der Kurden im Nordosten des Landes eindämmen. Und sie will die syrischen Flüchtlinge zurückführen. Die Frage ist nun, wie groß der Einfluss auf die neue Konstellation ist.
Wenn es Profiteure gibt, muss es auch Verlierer geben. Wer ist das in diesem Fall?
Russland, der Iran und die Hisbollah. Ihre Syrien-Strategie liegt in Trümmern. Die Hisbollah ist nach den Kämpfen mit Israel massiv geschwächt – die gesamte Führungsriege wurde ausgeschaltet. Jetzt ist auch das syrische Regime weg. Dass Irans Achse des Widerstands nun am Boden liegt, birgt Chancen für die gesamte Region – aber auch Risiken, was das iranische Nuklearprogramm betrifft.
Und warum ist Russland einer der Verlierer?
Russlands Strategie war es, das Assad-Regime zu unterstützen. Das ist nicht aufgegangen. Die Reputation Irans und Russlands, für ihre Verbündeten einzustehen, könnte nun in Frage gestellt werden. Syrien war auch eine wichtige Drehscheibe für die Logistik und den Nachschub nach Afrika, unter anderem durch Söldnergruppen wie die einstmalige Wagner-Gruppe. Russland hat also Einfluss auf den Mittelmeerraum verloren.
Was bedeutet das für den russischen Präsidenten Wladimir Putin?
Auch sein Ansehen hat massiv gelitten. Die syrische Armee ist so zusammengebrochen, dass die Rebellen dort innerhalb von anderthalb Wochen die Regierung stürzen konnten.
Die Hisbollah regiert im Libanon. Gewinnt der Libanon, wenn die Miliz geschwächt wird?
Das kann man noch nicht sagen, denn der Iran hat zusammen mit der Hisbollah jahrelang die Souveränität des Staates untergraben. Es könnte sich jetzt zwar die Chance ergeben, dass der Libanon eine gewisse Souveränität und Autonomie zurückgewinnt. Es bleibt jedoch abzuwarten, wie die neuen syrischen Machthaber mit dem Staat umgehen werden, da er als Einflussgebiet Syriens gilt.
Lesen Sie auch: So verheerend wirkt sich der Nahostkonflikt auf die Bauern aus