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KonjunkturEuropas neuer Überflieger: Wird Spanien zum Wachstums-Star?

Auf einmal Europas Wachstumslokomotive: In Davos verweist Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez stolz auf die starke Wirtschaft seines Landes – die so viel besser dasteht als die deutsche. 23.01.2025 - 07:46 Uhr Quelle: dpa

Für 2025 gab Regierungschef Pedro Sánchez das Ziel aus, dass Spanien „wieder die beste Wirtschaft weltweit“ werde.

Foto: imago images

Auf der großen Bühne des Weltwirtschaftsforums gibt sich Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez bescheiden und erwähnt es erst mit keinem Wort. Doch den Unternehmenschefs und Politikern in Davos ist nicht entgangen, dass das südeuropäische Land wirtschaftlich gerade hervorragend dasteht. Während deutsche Topmanager ein drittes Rezessionsjahr in Folge fürchten, könnte Spanien zur Wachstumslokomotive Europas werden.

Die Zahlen jedenfalls sind blendend: Spaniens Wirtschaft wuchs 2024 nach jüngster Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) um 3,1 Prozent – und übertraf damit sogar die der USA. Deshalb wird Sánchez in Davos auch direkt gefragt: Was könnte Spanien Europa an Ratschlägen mit auf den Weg geben? „Mir gefällt es nicht, anderen Lektionen zu erteilen“, antwortete der 52-jährige Sozialist, aber er ist doch sichtlich stolz.

„Wir im Süden (Europas) können auch Lösungen für gemeinsame Probleme beitragen“, betonte Sánchez dann aber. Und verwies etwa darauf, in der Energiekrise nach der russischen Invasion in der Ukraine saubere Energien – in Spanien allen voran durch Sonne – ins Spiel gebracht zu haben. Keine Rede mehr davon, dass Spanien einst wie etwa Portugal, Italien oder Griechenland zu den Sorgenkindern der EU gehörte.

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Sánchez: Spanien soll „beste Wirtschaft weltweit“ werden

Deutlicher wurde der spanische Regierungschef kürzlich in seiner Rede auf dem Internationalen Investorentag in Madrid: Für 2025 gab er das Ziel aus, dass Spanien „wieder die beste Wirtschaft weltweit“ werde. „Jetzt ist Spanien die Lokomotive Europas“, sagte unlängst auch Félix Bolaños, Justiz- und Präsidentschaftsminister.

Warum steht Spanien so viel besser da als zum Beispiel das europäische Sorgenkind Deutschland? Einen Teil trägt der Tourismus bei: Spanien verbuchte 2024 mit 94 Millionen ausländischen Touristen einen neuen Besucherrekord. Die Wirtschaft wachse diesmal – anders als in den frühen 2000er Jahren mit dem Immobilienboom – nicht dank schneller Geldmacherei, sondern sehr ausgewogen, meint Sánchez zudem.



Analysten von Spaniens größter Sparkasse La Caixa weisen als Wachstumsfaktoren auch auf den Dienstleistungssektor und auf einen starken privaten Konsum hin. Die Landwirtschaft habe sich von der zuletzt herrschenden Dürre erholt und das verarbeitende Gewerbe von der Energiekrise. Und der Tourismus zeigt sich mit dem jüngsten Besucherrekord sogar stärker als vor der Corona-Pandemie.

Warum läuft es in Deutschland so viel schlechter?

Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck spricht in Davos zur gleichen Zeit wie der Spanier. Die Fragen an ihn sind deutlich unbequemer – und das nicht ohne Grund. Deutschlands Wirtschaft ist zwei Jahre in Folge geschrumpft. Einer zum WEF veröffentlichten Umfrage zufolge erwarten Führungskräfte mehrheitlich, dass es auch in diesem Jahr nicht viel besser wird. Der IWF rechnet maximal mit einem Wachstum um 0,3 Prozent.

Schneller schlau: Rezession
Der Begriff Rezession bedeutet Rückgang und stammt aus dem Lateinischen. Es handelt sich um eine Rezession, wenn die Wirtschaft nicht wächst, sondern schrumpft – sich also in einem Abschwung beziehungsweise Rückgang befindet. Für die Bemessung der Konjunktur dient das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Offiziell tritt eine sogenannte technische Rezession ein, wenn das BIP in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen im Vergleich zu den jeweiligen Vorjahresquartalen nicht wächst, sondern zurückgeht.Die Rezession ist eine der vier Phasen, die der Konjunkturzyklus einer Volkswirtschaft durchlaufen kann. Sie folgt auf die Phase der Hochkonjunktur und kann im schlimmsten Fall in eine Depression übergehen. Auf eine Depression folgt dann früher oder später ein Aufschwung.
Eine Rezession zeichnet sich durch unterschiedliche Merkmale aus. Dazu gehören unter anderem:Rückgang der Nachfrageüberfüllte LagerAbbau von Überstunden und beginnende KurzarbeitEntlassung von Arbeitskräftenausbleibende Investitionenteilweise Stilllegung von Produktionsanlagenstagnierende oder sinkende Preise, Löhne und Zinsenfallende Börsenkurse
Zu den Ursachen einer Rezession gehören unterschiedliche Punkte, die sich nur schwerlich verallgemeinern lassen. Aktuell wirkt sich etwa der Krieg in der Ukraine erheblich auf die Konjunktur in Europa und den USA aus.
In einer Rezession halten Unternehmen und private Haushalte ihr Geld in der Regel beisammen. Zu den Folgen einer Rezession zählen steigende Arbeitslosenzahlen, außerdem arbeiten mehr Menschen in Kurzarbeit. Beides führt zu geringerer Nachfrage. Denn wenn die Bürger weniger Geld verdienen, konsumieren sie auch weniger. Dies ist wiederum schlecht für Unternehmen, die dadurch weniger verkaufen und auf ihren Lagerbeständen sitzen bleiben. Die fehlenden Einnahmen können zu weiteren Entlassungen führen, sodass die Arbeitslosigkeit weiter steigt.Auch Menschen, die auf der Suche nach einem neuen Job sind, stehen in einer Rezession vor Problemen. Denn wer sich um eine neue Stelle bewirbt, dürfte während einer Rezession Schwierigkeiten haben eine entsprechende Stelle zu finden – denn geht es Unternehmen wirtschaftlich schlechter, stoppen sie Neueinstellungen.
Durch eine steigende Inflation sinkt die Kaufkraft der Menschen. Durch eine sinkende Kaufkraft sinkt wiederum die Konsumbereitschaft der Menschen, da sie ihr Geld beisammen halten, statt es für Waren und Güter auszugeben.

Er habe selbst erst einmal lernen müssen, wo das wahre Problem der deutschen Wirtschaft liege, räumt Habeck in Davos ein. Lange dachte man, auch hier werde sich die Wirtschaft rasch von Schocks wie der Corona- und der Energiekrise erholen. Doch es kam anders. „Wir haben gewissermaßen übersehen, dass es sich nicht um eine kurzfristige Krise, sondern um eine Strukturkrise handelt“, sagt Habeck.

Die trifft vor allem die Industrie. Der Maschinen- und Autobau produziert deutlich weniger, die energieintensive Chemie- und Metallindustrie kämpft mit hohen Strompreisen. Der für Deutschland so wichtige Außenhandel schwächelt. Längst belastet die Krise die Verbraucherstimmung, sodass anders als in Spanien der private Konsum nichts herausreißen kann.

„Wir müssen unser Geschäftsmodell neu erfinden“, folgert Habeck. Die starke Abhängigkeit vom Export – einst Deutschlands Stärke – sei zur Schwäche geworden.

Spaniens Schattenseiten

Doch auch auf Spaniens so guten Zahlen liegt ein Schatten: Die Staatsverschuldung der Südeuropäer liegt bei über 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Für Deutschland rechnete das Finanzministerium im Sommer mit einer Schuldenquote von rund 64 Prozent.

Dazu kommen in Spanien große staatliche Ausgaben, die das Wachstum kräftig anschieben. Wirtschaftsexperten warnen deshalb auch vor einer Konjunktur auf „tönernen Füßen“, die mit Wegfall dieser Staatsausgaben wieder zusammenfallen könnte. „Das Wachstum der spanischen Wirtschaft kommt einfach nicht bei den Menschen an“, warnte in dieser Woche außerdem Mertxe Aizpurua von der baskischen Partei EH Bildu. Die Unternehmensgewinne würden steigen, aber nicht die Gehälter.

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dpa
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