Wettstreit der Finanzzentren: Haben die EU-Börsen die Brexit-Dividende verpasst?
Ein Schild an der Fassade der Börse London Stock Exchange. Der Handelsplatz in London ist trotz Brexit weiter führend in Europa.
Foto: dpaIn der Börsenwelt steht New York weltweit an der Spitze, in Europa ist es London. Dahinter folgen im jährlichen GFCI-Ranking der Finanzzentren asiatische und noch mehr amerikanische Städte. Erst dann kommt Frankfurt, gerade noch in den Top 10. Dabei hatten sich die kontinentaleuropäischen Börsen nach dem Brexit eigentlich vorgenommen, endlich zu den Briten aufzuschließen. Haben sich die Analysten getäuscht?
Nicht ganz, wie das vergangene Jahr gezeigt hat. 88 Unternehmen haben sich im vergangenen Jahr vom Handelsplatz London verabschiedet und sind nach New York gegangen. Laut einer Analyse der „Financial Times“ war das der größte Exodus seit der Finanzkrise. Als Gründe werden zum einen der bessere Zugang zu Kapital und eine größere Zahl von Investoren genannt. Das Finanzzentrum hat also durchaus Federn gelassen.
Benedikt Horwedel, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg LBBW, hält einen Abgesang auf die Londoner Börse LSE allerdings für verfrüht: „London genießt als Finanzplatz international nach wie vor eine sehr gute Reputation.“ Vor allem in der Kategorie Humankapital schneide der Finanzplatz nach wie vor deutlich besser ab als die europäische Konkurrenz. Zudem dürfe man neben dem Aktienhandel auch die Märkte für Zinsderivate und vor allem das Clearing, also die Verrechnung zwischen Geschäftspartnern, nicht außer Acht lassen.
Gerade das Clearing sollte nach dem Brexit-Votum ein Faustpfand der EU in den Verhandlungen mit der britischen Regierung sein. Zunächst hatte es so ausgesehen, als würde Brüssel London die Anerkennung als gleichwertigen Handelsplatz verweigern. Darauf weist auch Horwedel hin. Doch die herausragende Stellung der Briten im Clearing habe die EU dazu bewogen, die Anerkennung bis 2028 zu verlängern. „Versuche von EU-Kommission und EZB, das Settlement von Derivaten in die EU zu verlagern, blieben bisher weitestgehend erfolglos.“
An einer anderen Front haben sich die Kräfte allerdings schon vor dem Brexit verschoben. Nach Angaben der World Federation of Exchanges WFE hat die Zahl der Börsengänge (IPO) in den aufstrebenden Volkswirtschaften – vor allem in Asien – zugenommen. Während Ostasien an Bedeutung gewinnt und Nordamerika führend bleibt, liegt Europa eher im Mittelfeld.
Nach dem Brexit haben sich laut LBBW zudem die Gewichte auf dem Kontinent verschoben. „Einst ein globaler Player in diesem Segment, ist die LSEG mittlerweile kaum noch auf den Top-Rängen zu finden.“ In den vergangenen drei Jahren musste sich die LSE bei den IPO-Volumina mit durchschnittlich 1,1 Milliarden Dollar pro Jahr sogar Frankfurt mit durchschnittlich 4,5 Milliarden Dollar pro Jahr geschlagen geben.
Deutsches Geld lieber nicht am Kapitalmarkt
Bei der Deutschen Börse ist man mit dieser Entwicklung allerdings noch nicht zufrieden, wie der Börsenbetreiber auf Anfrage schriftlich mitteilt. Um mehr Börsengänge anzuziehen, brauche es mehr Kapital. Verwiesen wird hier auf Zahlen der Bundesbank wonach rund 37 Prozent des Geldvermögens in Deutschland in Einlagen und Bargeld vorliegen. Es steht damit dem Kapitalmarkt nicht zur Verfügung.
Ein weiteres Problem sieht man in Frankfurt in dem – im Vergleich zu den USA und China – zersplitterten öffentlichen Kapitalmarkt. In Europa gebe es mehr als 500 Handels- und Ausführungsplätze unterschiedlicher Ausprägung, davon über 200 für Aktien.
Die Hoffnung liegt vor allem auf der EU, die neben einer Bankenunion auch eine Spar- und Investitionsunion vorantreibt. Die neue EU-Kommissarin Maria Luis Albuquerque hat sich hier viel vorgenommen: „Das Ausmaß der Investitionen, die erforderlich sind, um die Wettbewerbsfähigkeit der EU zu sichern und gleichzeitig den sauberen und digitalen Wandel zu bewältigen, ist enorm“, erklärte sie Anfang Februar. Um erfolgreich zu sein, brauche es einen gut funktionierenden, effizienten, tiefen und integrierten Kapitalmarkt und Bankensektor, der Sparer, institutionelle Anleger und Unternehmen zusammenbringe.
Wenn die EU hier erfolgreich ist, könnten die kontinentalen Börsen auch insgesamt gegenüber London an Boden gewinnen. Eine stärkere Konsolidierung und einheitliche Kontrolle im europäischen Bankensektor könnte aus Sicht der Analysten auch den Handelsplätzen in Europa zugutekommen.
„Immer mehr Banken sind mittlerweile selbst der Meinung, dass ein weiterer Schritt in Richtung einer EU-weiten Bankunion entscheidend sei, um sich auch in Zukunft noch im internationalen Wettbewerbsumfeld behaupten zu können“, sagt Horwedel. Neben der Erweiterung der Bankenunion könnten größere Finanzinstitute eine stärkere Platzierungskraft zugunsten der EU entfalten.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Zahl der Börsengänge weltweit derzeit am Boden liegt. Nach Angaben der WFE erreichte sie im Jahr 2021 mit 2766 ihren Höhepunkt. Dagegen beziffert die Unternehmensberatung EY diesen Wert für 2024 nur bei 1215. Als mögliche Ursachen für den Rückgang sieht der Weltverband strengere Finanzbedingungen, globale politische Spannungen und wirtschaftliche Herausforderungen, allerdings gebe es nur wenige eindeutige Belege.
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