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Gaspreise„Die Energiekrise ist nicht gelöst“

Die Gaspreise sind höher als vor dem Ausbruch des Ukrainekriegs. Was hilft? Amerikanisches Flüssiggas, gelockerte Speichervorgaben – oder gar Nordstream 2?Florian Güßgen 05.03.2025 - 16:32 Uhr

Soll die Pipeline wirklich exhumiert werden? In der Nähe der dänischen Insel Bornholm steigen im September 2022 Gasblasen aus dem Leck der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 auf

Foto: -/Danish Defence Command/dpa

Rund 43 Euro kostet eine Megawattstunde Erdgas derzeit an der niederländischen Börse TTF, lieferbar im April. Das ist immer noch deutlich mehr als vor der Energiekrise im Jahr 2022, als die Preise meist bei unter 20 Euro lagen. Es ist aber auch deutlich mehr als im vergangenen Jahr, als die Megawattstunde für 24, 25, 26 Euro zu haben war.

Was ist da los auf dem europäischen Gasmarkt? Welche Folgen wird das Drängen von US-Präsident Donald Trump haben, dass die Europäer amerikanisches Flüssiggas, LNG, kaufen sollen? Und wie verlockend ist es, die kaputten Pipelines Nordstream 1 und Nordstream 2 zu exhumieren?

Die Panik, die 2022 die Gaspreise auf über 300 Euro pro Megawattstunde getrieben hat, habe sich mittlerweile zwar „ein bisschen gelegt“, sagt Christopher Kuplent, Leiter des europäischen Energie-Researchteams bei der Bank of America. Aber: „Die Energiekrise von 2022 ist nicht gelöst.“ Erst langfristig erwartet er Stabilität. „Die Gaspreise könnten sich bis Ende des Jahrzehnts auch in Europa wieder normalisieren, aber kaum auf das Niveau der Jahre vor 2020.“

Europa hat vor allem die Nachfrage nach Gas gedrosselt

Europa habe bislang auf die Preise reagiert, „indem wir die Nachfrage strukturell reduzieren“. Die Nachfrage sei um 20 Prozent gedrosselt worden. Soll heißen: Vor allem die Industrie verbraucht schlicht weniger, weil sie weniger produziert – und sich früher oder später den Betrieb einstellt oder sich nach einem anderen Standort umsieht. „Die hohen Gaspreise führen dazu, dass die meisten Unternehmen, die es können, außerhalb Europas investieren“, sagt Kuplent. Dazu gebe es für die Industrie, für große Abnehmer, „keine Signale, dass die Preise sinken und Investitionen in Wachstum in Deutschland oder in Europa damit attraktiver werden.“ Ende 2024 war das Transitabkommen Russlands mit der Ukraine ausgelaufen. Bis dahin hatte Gazprom noch Gas durch das Pipelinesystem der Ukraine Richtung Europa geschickt, vor allem zum Verbrauch in Ländern wie der Slowakei und Österreich. Anders als Erdöl ist russisches Erdgas von den Europäern nicht mit Sanktionen belegt worden. Diese Liefermenge ist Anfang 2025 weggefallen.

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Erleichterung für den europäischen Markt könnte aus den USA kommen. Bereits kurz nach Amtsantritt machte der US-Präsident einen Genehmigungstopp für neue LNG-Terminals rückgängig, den sein Vorgänger Joe Biden Anfang des vergangenen Jahres verhängt hatte.

„If we make a deal, we make a deal“

Den Europäern versprach Trump in seiner Rede vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos, dass die USA sie zuverlässig mit Flüssiggas versorgen würden. Wenn es Verträge gebe, werde er, Trump, sicherstellen, dass geliefert würde – selbst wenn Exporte in den USA die Preise erhöhen würden. „If we make a deal, we make a deal“, sagte Trump.

Dabei lässt Trump keinerlei Zweifel daran, welche Strategie er mit Energie-Exporten verfolgt: Dominanz. Mitte Februar rief er den „Nationalen Rat für Energieherrschaft“ (National Energy Dominance Council) ins Leben. Es gehe darum, die Abhängigkeit der USA von Energieimporten zu reduzieren. Stattdessen solle Energie exportiert werden. Die US-LNG-Industrie habe eine „zentrale Rolle“ dabei gespielt, Europas Abhängigkeit von russischem Gas zu vermindern, heißt es in einem „Fact Sheet“ des Weißen Hauses. Dieses Bekenntnis hinderte Trump wenige Wochen später freilich nicht daran, laut Medienberichten eine Wiederverwendung der zerstörten Ostsee-Pipeline Nordstream 2 ins Spiel zu bringen. Dies könne als mögliche Verhandlungsmasse bei Verhandlungen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über einen Frieden in der Ukraine dienen. Die Pipeline war im September 2022 nahe der Insel Bornholm gesprengt worden.

Wie lange sollen Verträge laufen?

Analyst Kuplent bezweifelt trotz aller Versprechungen Donald Trumps, dass Lieferungen aus den USA den Gaspreis in Europa alleine stabilisieren könnten. Ja, die USA würden ihre Kapazitäten verdoppeln, aber tatsächlich hänge die Verfügbarkeit etwa auch von der Nachfrage aus Asien ab. „Ob das LNG tatsächlich nach Europa verschifft wird, hängt auch von saisonalen Entwicklungen und Preisen ab“, sagt Kuplent.

Auch längere Laufzeiten von Gaslieferverträgen lösen das Problem aus Kuplents Sicht nicht. „Die Auswirkung von langfristigen Lieferverträgen auf den Preis wird überschätzt. Denn selbst langfristige Verträge enthalten zumeist keine Fixpreisklauseln. Sie schaffen jedoch Liefersicherheit.“

Brüssel hatte im Rahmen der Liberalisierung der Energiemärkte und im Hinblick auf das Ziel der Klimaneutralität zuletzt versucht, Verträge mit einer Laufzeit über mehrere Jahrzehnte möglichst zu vermeiden. Doch diese Haltung hat europäische Abnehmer in Verhandlungen mit staatlichen LNG-Lieferanten etwa aus Katar benachteiligt. Denn Käufer wie China haben kein Problem mit einer Bindung über mehrere Jahrzehnte. So hat das chinesische Unternehmen China National Petroleum Corporation (CNPC) 2022 mit QatarEnergy einen LNG-Liefervertrag mit 27 Jahren Laufzeit ausgehandelt. 

Nun schwenkt Europa wieder ein. So räumte die EU-Kommission den Unternehmen und Mitgliedsstaaten zuletzt im „Clean Industrial Deal“ die Möglichkeit ein, über längere Laufzeiten günstigere Preise auszuhandeln.

Ist Russland wirklich eine Versuchung?

Aber was, wenn Russland doch wieder ins Spiel kommt, zum Player wird auf dem Gasmarkt? Nordstream 1 hat im Jahr 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Europa befördert, Nordstream 2 sollte dieselbe Kapazität haben, auch wenn die Pipeline bis zuletzt nicht von der Bundesnetzagentur zertifiziert, also zugelassen war. 110 Milliarden Kubikmeter Erdgas wären das insgesamt. Wäre das nicht eine Verlockung? Analyst Kuplent ist skeptisch. „Ich sehe zurzeit noch nicht den politischen Willen, dass man sofort nach einem möglichen Waffenstillstand im Ukraine-Krieg nach Moskau reist und bereitwillig mit Gazprom wieder Verträge über substanzielle Volumen unterzeichnet“, sagt er. „Das wird Jahre dauern.“

Mit einem besonderen Problem ringen derzeit die Betreiber der Gasspeicher. Normalerweise kostet Gas, das im Sommer geliefert wird, weniger als Gas, das im Winter geliefert werden soll. Es lohnt sich also, Gas im Sommer günstig einzuspeichern, um es dann im Winter teurer zu verkaufen. Das Problem: Dieses Jahr ist das Gas zur Lieferung im Sommer nicht günstiger als das Gas zur Lieferung im Winter. Die Rede ist von einem negativen Spread. Es gibt also keinen Anreiz, Gas einzuspeichern.

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Das hat zur Folge, dass die deutschen Speicher derzeit nur zu 32,84 Prozent gefüllt sind. Laut den gesetzlichen Mindestvorgaben, die seit Herbst 2022 gelten, sollen die Speicher zum 1. Oktober zu mindestens 80 Prozent und zum 1. November zu 90 Prozent gefüllt sein, für den 1. Februar gilt ein „Zwischenziel“ von 30 Prozent.

Die Konsequenz: Sind die Speicher nicht ausreichend gefüllt, muss der so genannte Marktverantwortliche, das Unternehmen Trading Hub Europe (THE), Gas auf dem Spotmarkt einkaufen, mit Steuergeld. Seit Wochen beschäftigt diese Problematik die Branche. „Das Problem des Sommer-Winter-Gaspreis-Spread wird sich im Markt schwer lösen lassen und erfordert möglicherweise Subventionen“, sagt Analyst Kuplent.

Wenn, wie derzeit umfassend gefordert wird, die gesetzlichen Vorgaben gelockert würden, so Kuplent, würden sich die Risiken nur verschieben. „Wenn wir das Befüllen der Speicher aber dem Markt überlassen, müssen wir im Winter mit einer höheren Volatilität bei den Preisen rechnen. Am Ende werden die Gaskunden mit höheren Preisen dafür bezahlen müssen, wenn die Speicher jetzt auf die politisch vorgegebenen Füllstände gebracht werden.“

Lesen Sie auch: Wie sich der „negative Spread“ auf die Preise auswirken kann

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