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Kö in Düsseldorf. Gefühlt ist die deutsche Innenstadt im Panikmodus, seit das erste Amazon Paket in Deutschland ausgeliefert wurde. Quelle: dpa

Volles Haus statt tote Hose – wie Start-ups Leben in die Innenstädte zurück bringen

Selten stand es so schlecht um deutsche Innenstädte – besonders jetzt in der nächsten Corona-Welle. Hier sind drei innovative Start-ups, die helfen wollen.

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Rettet die Innenstädte! Der Deutsche Städte- und Gemeindebund, der Handelsverband HDE, das Wirtschaftsministerium und so gut wie alle politischen Parteien fordern eine Rettungsaktion für deutsche Einkaufsmeilen. Gefühlt ist die deutsche Innenstadt im Panikmodus, seit das erste Amazon Paket in Deutschland ausgeliefert wurde. Mit der Corona-Pandemie sind Händler einem externen Schock ausgesetzt, der einem Meteoriteneinschlag gleichkommt. Was ist die Antwort der Branche auf diese existenzielle Krise?

Die deutsche Innenstadt ist uniform: Wenn Sie in eine beliebige deutsche Einkaufsstraße gebeamt und gefragt würden, wo sie gerade sind, dann würden Sie auf Basis des ewig gleichen Bildes von H&M, Mango, DM, Nordsee, Kamps und Deichmann wahrscheinlich nicht wissen, ob Sie gerade in Bielefeld, Bremen, Braunschweig oder Berlin sind. Mit der Attraktivität der deutschen Innenstadt war es also schon vor der Krise nicht immer so gut bestellt, aber die Corona-Pandemie mit ihren monatelangen Lockdowns hat einen massiven Stein in das ruhige Handels-Gewässer in deutschen Innenstädten geworfen.

Die Konsequenz ist, dass zahlreiche Händler und Gastronomen in erhebliche Schwierigkeiten geraten sind. Esprit, Maredo, Vapiano, Galeria Kaufhof und viele mehr: Sie sind alle ein fester Bestandteil vieler deutscher Innenstädte, aber mussten sich in der ein oder anderen Form massiv umstrukturieren, wenn sie nicht direkt in die Insolvenz gingen. Selbst wenn es einem einzelnen Händler in der Innenstadt gut gehen sollte, und dieser ein echtes Einkaufserlebnis für seine Kunden schafft – was nützt ihm das, wenn keiner kommt, weil der Rest der Innenstadt wegen Insolvenz leer steht?

Diese Entwicklung ist mehr als bedauerlich für alle betroffenen Mitarbeiter, die trotz Kurzarbeit ihren Job verloren haben. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, was der richtige Weg aus der Krise heraus ist. Ist es ein Wiederherstellen des Status Quo, also ein Aufrechterhalten der bestehenden Strukturen? Oder ist es ein gezieltes Neudenken der Innenstadt, als einen Raum der mehr kann als nur Fast Fashion und fettige Fischbrötchen? Um zu verstehen wie Letzteres aussehen könnte, müssen wir an die innovativen Ränder der Wirtschaft gehen. Da, wo Wetten auf die Zukunft platziert werden und Innovation so agil passiert, dass sie wirklich den Nutzen von Kundinnen und Kunden trifft: in die Welt der Start-ups. Hier sind drei Start-ups, die Innenstädte neu denken wollen und die kleinen lokalen Davids mit einer Schleuder ausstatten wollen, damit sie nicht völlig wehrlos gegen die Goliaths der E-Commerce-Landschaft antreten müssen.

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    Steffen Allesch hat im Jahr 2017 alphin gegründet und wird von großen Wagniskapitalgebern wie HV Capital unterstützt. Er und seine Mitgründer haben erkannt, dass stationäre Händler einen gravierenden Nachteil gegenüber Online-Wettbewerbern haben: Während E-Commerce-Anbieter wie Zalando, Amazon oder AboutYou die ganze Palette von Online-Marketing nutzen können, um ihre Kunden nicht nur vor dem Kauf zu erreichen, sondern auch nach dem Kauf immer wieder zum nächsten Kauf anzuregen, haben reine stationäre Händler kaum Möglichkeiten, überhaupt Kunden anzusprechen. Ein schönes Schaufenster, ein Schild vor dem Laden oder ein Werbespot im lokalen Radio reicht nun einmal nicht aus gegen Prime Day, personalisierte Werbe-Messages auf Instagram und Flash Sales. „Unsere Mission mit alphin ist es deshalb, lokales Marketing für stationäre Händler auf die nächste Stufe zu bringen“, sagt Allesch im Podcast zu dieser Kolumne.

    Alphin ist eine Marketing-Platform für lokale Unternehmen – quasi auf Abo-Basis können Händler ihr Instagram Marketing starten, Facebook Ads schalten oder ein Tool zur Steigerung von Online-Kundenbewertungen buchen. Alphin ermöglicht es Händlern zudem ganz einfach mit lokalen Influencern in Kontakt zu kommen, die dann für einen Rabatt oder ein Goodie ihre Reichweite nutzen und auf Aktionen, Angebote oder Neuheiten aufmerksam zu machen. „Unsere Kunden können durch unsere Marketing-Lösungen den Traffic in den sozialen Netzwerken und auf Google teilweise mehr als verzehnfachen und diesen gezielt in ihre Geschäfte lenken“, so Allesch.

    Das stationäre, lokale Unternehmen viel zu wenig Möglichkeiten haben, auf ihr Geschäft überhaupt aufmerksam zu machen, findet auch Moritz Heininger von DiscoEat aus Berlin. Heininger konzentriert sich auf ein spezielles Problem von Restaurants: „Gastronomen haben meist freie, unbesetzte Tische in den Nebenzeiten. Das ist entgangener Umsatz für das Restaurant, und bisher hatten Gastronomen keine Möglichkeit, für diese Tische Kunden zu finden.“ Deshalb bietet DiscoEat für Gastronomen die Möglichkeit, uhrzeitabhängige Angebote zu schalten – und somit neue Kunden ins Restaurant zu locken. In der Pandemie war es aufgrund geschlossener Restaurants natürlich sehr schwer für Moritz und DiscoEat, Restaurants und Kunden zu gewinnen. Jetzt aber nutzen immer mehr Restaurants die Möglichkeit, auf digitalem Weg insbesondere junge, studentische und preisbewusste Zielgruppen anzusprechen. „Mittlerweile haben wir über 600 Restaurants in Berlin und Köln und wollen weiter expandieren.“

    Aber nicht nur die digitalen Möglichkeiten von Händlern und Gastronomen der Innenstadt werden sich verändern, der vorhandene Platz an sich wird neu genutzt werden. Cecilia Chiolerio ist Gründerin des in München ansässigen Start-ups Twostay. Wie der Name schon andeutet möchte Cecilia Flächen in der Innenstadt viel besser nutzen als heute, und sie einer zweiten Nutzung zuführen. Ist es nicht eine riesige Verschwendung von Platz, wenn eine Bar den halben Tag lang leer steht oder eine Hotelbar bis zum Abend nicht genutzt wird? Und ist es nicht gleichzeitig eine unternehmerische Möglichkeit, den Eigentümern dieser Plätze einen weiteren Einkommensstrom zu ermöglichen, in dem sie diesen Platz für die urbane Arbeiterschaft von Office-Workern und digitalen Nomaden zur Verfügung stellt?



    Chiolerio beantwortet beide Fragen mit ja – denn sie ist ihre eigene Zielgruppe. „Ich war selten so einsam als zu der Zeit, als ich an einem Tisch in einem Café mit meinem Laptop gearbeitet habe – obwohl überall Menschen waren, habe ich niemanden kennengelernt“, sagt die Gründerin. Twostay ist ein Zwischending zwischen WeWork, wo einzelne Arbeitsplätze für häufig gar nicht so wenig Geld gemietet werden können, und dem guerrilamäßigen Arbeiten in einem vollen Coffee Shop. Twostay verwandelt dazu in diesen Nebenzeiten kooperierende Laden- oder Gastronomieflächen in kleine Büros, inklusive stabilem W-Lan. Im besten Fall profitieren Gastronomen und Gäste: Gastronomen verdienen zusätzlich Geld in Zeiten, in denen wenig los ist, und Remote-Worker habe ein flexibles Büro, das noch günstiger ist als ein WeWork.

    Egal wie lange wir uns noch mit dem Coronavirus auseinandersetzen müssen, die Zukunft der Innenstädte wird nach der Pandemie anders aussehen. Es sind die innovativen Start-ups, die an den zukünftigen Lösungen für diese heutigen Probleme arbeiten und damit das Gesicht der Innenstädte verändern.

    Mehr zum Thema: Die Ampelkoalition will Firmengründungen in nur einem Tag ermöglichen. Exklusive Zahlen zeigen, wie viel Geduld Start-ups heute noch mitbringen müssen.

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