Raus, Sleeperoo, Vansite und Co.: Sieht so die Zukunft des Wellnessurlaubs aus?
Buchbares Naturerlebnis: Das Start-up Raus will Großstädtern eine Flucht aus dem Alltag bieten.
Foto: PRDie Anreise ist kompliziert, die Wohnfläche knapp, das Frischwasser begrenzt und geheizt wird urtümlich mit einem Holzofen – im Winter bitte warme Kleidung einpacken, rät der Anbieter. Was sonst Ausschlusskriterien für einen Aufenthalt wären, sind beim Start-up Raus angepriesene Alleinstellungsmerkmale. Knapp 40 Wohnkabinen hat das in Berlin beheimatete Unternehmen mittlerweile auf abgelegenen Wiesenstücken, Waldlichtungen oder am Ufer von Seen platziert. Die Anlagen befinden sich ein bis zwei Stunden entfernt rund um die Städte Berlin, Hamburg, Hannover und seit neustem auch Frankfurt. Die Zielgruppe: gestresste Großstädter. „Die Gäste sollen nicht zu uns kommen, weil sie mal in einem Tiny House schlafen wollen“, sagt Julian Trautwein, der Raus mit seinen langjährigen Freunden Christopher Eilers und Johann Ahlers gegründet hat, „sondern weil sie ein Naturerlebnis buchen wollen.“
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Das vor zwei Jahren gestartete Unternehmen bezeichnet sich als „Plattform für Naturerlebnisse“ und positioniert sich damit in einer Nische der Hotellerie, die zuletzt deutlich gewachsen ist. Statt schicker Cityhotels werben die Anbieter vor allem mit der Nähe zur Natur. Mal elegant und komfortabel, mal rustikal und spartanisch.
Auf ihrer eigenen Reise setzen die jungen Firmen auf Start-up-Methoden. Raus sieht sich als „Hospitality-Tech“-Unternehmen und konnte sechs Millionen Euro von Risikokapitalgebern einwerben, die normalerweise Softwareprojekte finanzieren. Nomady aus der Schweiz führt ungewöhnlichere Camping-Gelegenheiten in seinem Heimatland auf und erhielt im vergangenen Jahr zwei Millionen Euro. Vansite aus Bielefeld sammelte nach eigenen Angaben ebenfalls Risikokapital ein – wie bei Hinterland Camp aus Hamburg oder MyCabin aus Konstanz können auf der Seite naturnahe Stellplätze oder schlichte Kabinen gesucht und gebucht werden.
Viel Rückenwind, riskantes Geschäft
Alle Anbieter setzen auf eine Bündelung aus Reisetrends: Während der Coronapandemie entdeckten viele Menschen die Freude am Urlaub im eigenen Land und im eigenen Tempo. Campingplätze sowie Wohnmobil-Verleiher profitierten massiv. Dazu kommt der Wunsch mancher Büroarbeiter, nach Wochen voller Videokonferenzen in der Natur abzuschalten. Die Kabinen von Raus seien überwiegend mit Wlan ausgestattet, schreibt das Start-up auf seiner Homepage – „obwohl wir dir ans Herz legen, mal abzuschalten und einfach deine Umgebung zu genießen.“
Die Gründer von Raus (von links): Christoph Eilers, Johann Ahlers und Julian Trautwein.
Foto: PRDoch trotz Reiselust haben sich die Start-ups ein anspruchsvolles Geschäftsfeld ausgesucht. Viele setzen auf ein Plattformmodell wie Booking.com oder Airbnb – aber hoffen auf den Erfolg in der Nische: Anbieter listen ihre Unterkünfte, bei einer Buchung fließt eine Provision. Vansite hat daneben das Modell des „Jahrespasses“ für Vielreisende entwickelt: Gegen eine Gebühr von knapp 300 Euro pro Jahr können Nutzer kostenlos auf den Partner-Plätzen übernachten, beschränkt auf maximal drei Nächte pro Buchung. Allerdings findet sich auch bei den großen Buchungsvermittlern Booking und Airbnb mittlerweile eigene Kategorien für ungewöhnliche Schlafmöglichkeiten – seien es Baumhäuser oder Tiny Houses.
Keine Angst vor Airbnb?
Auch Raus droht Gefahr durch diese Plattformen. Je mehr Vermittler bei einer Buchung beteiligt sind, desto weniger Euro bleiben am Ende beim eigentlichen Anbieter hängen. Bislang sorgen sich die drei Raus-Gründer deswegen nicht – Trautwein selbst arbeitete fünf Jahre als Kommunikator für Airbnb, mit Nathan Blecharczyk ist einer der Co-Gründer der Milliarden-Plattform investiert. Zudem buchten die Gäste im Moment komplett über die eigene Webseite. „Bis jetzt ist der Anteil an bezahltem Marketing bei uns extrem gering“, sagt Trautwein, „aber das wird natürlich eine Herausforderung, im Wachstum aufrechtzuhalten.“
Das Start-up ist näher dran an dem Modell einer Hotelkette. Es finanziert die Fertigstellung der eigenen Tiny Houses vor und sucht sich dann lokale Partner, die Flächen bereitstellen, sich um den Betrieb vor Ort kümmern und am Umsatz beteiligt werden. Die Suche nach den passenden Helfern fiel leichter als ursprünglich gedacht, berichtet Trautwein: „Wir haben das Projekt erst aus der Gastsicht betrachtet. Aber auch Landwirte, die aufgrund des Klimawandels vor großen Herausforderungen stehen, haben einen hohen Druck, ihren Betrieb zu diversifizieren.“
Auf eine ähnliche Struktur, wenn auch mit schlichteren Schlafmöglichkeiten hatte das Start-up Sleeperoo gesetzt, das vor fünf Jahren in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ zu sehen war. Die Firma entwickelte Schlafwürfel, eine Art stabilere Wohnzelte, die dann an ungewöhnlichen Orten aufgestellt wurden. Übernachten ließ sich so in Schwimmbädern, auf Alpaka-Farmen, aber auch in einem Autohaus. In diesem Frühjahr meldete Sleeperoo Insolvenz an. Dem Insolvenzverwalter gelang es jedoch, Käufer für das Unternehmen zu finden. Vor wenigen Tagen berichtete das Onlineportal Business Insider, dass eine neu gegründete Gesellschaft das operative Geschäft mit den Schlafwürfeln übernehmen werde. Daneben ist ein dänischer Tiny-House-Betreiber mit an Bord, der sich vor allem um eine Expansion in Nordeuropa kümmern will.
Technik im Hintergrund, Natur im Vordergrund
Raus sieht sich aktuell auf Wachstumspfad – auch wenn das Unternehmen „relativ zeitnah“ profitabel agieren könne, wie Trautwein versichert. Technik im Hintergrund soll dafür sorgen, dass zumindest ein wenig Skaleneffekte á la Software-Start-up möglich sind. Die Kabinen sind mit Sensoren ausgestattet und informieren über Füll- und Ladestände. Zudem soll eine App mit Checklisten den Aufwand für die Betreiber vor Ort gering halten.
Außerdem will das Start-up die Angebotspalette – und damit die Erlöse – vergrößern. Zu den Übernachtungen lassen sich edle Verpflegungspakete buchen, an manchen Orten kommen Alpaka-Wanderungen oder Sternenhimmel-Führungen dazu. „Wir sind mit den Cabins gestartet, aber das Angebot kann und soll immer umfangreicher werden“, sagt Trautwein. Zudem sollen neue Standorte hinzukommen. In einem Formular für potentielle Gastgeber werden im ersten Schritt die GPS-Koordinaten des Ortes abgefragt – denn eine herkömmliche Adresse haben die abgelegenen Kabinen in der Regel nicht.
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