Hannelore Kraft: Eine Landesmutter schafft sich ab
Winston Churchill, 18. Juni 1940
„Hitler weiß, dass er uns entweder auf dieser Insel brechen muss oder den Krieg verlieren wird. Wenn wir ihm die Stirn bieten können, wird ganz Europa frei sein, und das Leben der Welt wird in weite, sonnenbeschiedene Höhen aufsteigen. Falls wir aber scheitern, wird die ganze Welt einschließlich der Vereinigten Staaten, einschließlich all dessen, was wir kennen und lieben, im Abgrund eines neuen Dunklen Zeitalters versinken, das aufgrund des Lichts einer pervertierten Wissenschaft vielleicht noch dunkler sein und noch länger dauern wird.“
Kompromisslos, leidenschaftlich und visionär: Der britische Premier Winston Churchill ließ im Juni 1940 keine Zweifel daran, dass er gewillt ist, Nazi-Deutschland die Stirn zu bieten. Belgien, Dänemark, die Niederlande und Norwegen sind zu diesem Zeitpunkt bereits von den Deutschen besetzt sind und auch die Niederlage Frankreichs zeichnet sich ab. Churchill schmiedet Bündnisse, macht klar, dass Verhandlungen mit Hitler nicht in Frage kommen und schart die Engländer um sich. Mit Erfolg. In den Luftkriegen zwischen Großbritannien und Nazi-Deutschland kann sich zunächst keine Seite durchsetzen - als Teil der Allierten wendet sich ab 1943 das Blatt zugunsten des Anti-Hitler-Bündnisses.
Foto: dpaJohn F. Kennedy, 26. Juni 1963
„Die Freiheit ist unteilbar, und wenn auch nur ein Mensch versklavt wird, ist niemand frei. Erst wenn alle frei sind, werden wir uns auf den Tag freuen können, da diese Stadt Berlin und dieser große Kontinent Europa in einer friedlichen und hoffnungsfrohen Welt wiedervereint sein werden. (...) Alle freien Menschen, wo sie auch leben mögen, sind Berliner. Und als freier Mensch sage ich deshalb voller Stolz: Ich bin ein Berliner.“
Im Juni 1963, etwa zwei Jahre nach Beginn des Baus der Berliner Mauer als politische Grenze zwischen Ost- und Westberlin, reist der amerikanische Präsident John F. Kennedy in die geteilte Stadt - und hält eine denkwürdige Rede. 400.000 Menschen strömen auf die Straße und wollen sich vergewissern, ob die USA kompromisslos an der Seite West-Berlins stehen. So wie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Rosinenbomber die Berliner versorgt haben. Kennedy enttäuscht die Berliner nicht, im Gegenteil. Vor dem Schöneberger Rathaus preist der US-Präsident die Werte der Freiheit und macht mit seinem legendären Schlusssatz ("Ich bin ein Berliner") deutlich, dass er die Sorgen und Ängste der Menschen versteht.
Foto: dpa Picture-AllianceMartin Luther King, Jr., 28. August 1963
„Ich habe einen Traum: dass eines Tages auf den roten Hügeln Georgias die Söhne ehemaliger Sklaven und die Söhne ehemaliger Sklavenhalter sich gemeinsam an den Tisch der Brüderlichkeit werden setzen können. Ich habe einen Traum: dass sich eines Tages selbst Mississippi, ein Staat, der unter der brütenden Hitze der Unterdrückung leidet, in eine Oase der Freiheit und Gerechtigkeit verwandeln wird.“
Der Marsch auf Washington ist einer der Höhepunkte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King, Jr., an dem rund 250.000 Demonstranten teilnehmen, um gegen die Gesetze zur Rassentrennung zu protestieren und sich für Gleichberechtigung und Freiheit einzusetzen. Die friedlichen Proteste, die mit dem Bus-Boykott der afro-amerikanischen Rosa Parks beginnen, die sitzen bleibt, als ein weißer Busfahrer ihren Platz einfordert, münden in der Verabschiedung des Civil Rights Act 1964 und dem National Voting Rights Act 1965. Sie setzen wichtige Meilensteine in der Geschichte, indem sie diskriminierende Wahltests für Afroamerikaner für rechtswidrig erklären und Rassentrennung in öffentlichen Räumen verbieten. Die Rede des Geistlichen King, die an besagtem Tag vor dem Lincoln Memorial in Washington D.C. stattfindet, trägt maßgeblich zur Einführung der neuen Gesetzte bei und geht aufgrund ihrer Brisanz und der dramatischen Worte in die Geschichte ein. King wird als Präsident der Southern Leadership Conference zur Ikone der Bewegung, die den zivilen Ungehorsam als Mittel gegen die Rassentrennung propagiert.
Foto: dpa Picture-AllianceMalcom X, 14. Februar 1965
„Wir entdeckten, dass der Schwarze in diesem Land tief in seinem Unbewussten immer noch eher Afrikaner als Amerikaner ist. Er meint, er wäre eher Amerikaner als Afrikaner, weil er getäuscht und einer ständigen Gehirnwäsche unterzogen wird... Dass ihr in diesem Land seid, macht euch noch nicht zu Amerikanern (...). Ihr müsst die Früchte des Amerikanerseins genießen. Ihr genießt die Früchte nicht. Euch bleiben nur noch die Dornen. Euch bleiben nur die Disteln...“
Malcolm X, die ehemalige Führungsfigur der Nation of Islam (NOI), hält Mitte der Sechzigerjahre in Detroit eine bemerkenswerte Rede zum Lob der afrikanischen Abstammung, in der er seine Unstimmigkeiten mit der islamistisch-orthodoxen Organisation unter Elijah Muhammad ohne Scheu äußert und das Überlegenheitsdenken der weißen US-Amerikaner gegenüber den Afro-Amerikanern kritisiert. Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass er dafür eine Woche später mit seinem Leben bezahlen muss, und zwar durch Schüsse dreier Mitglieder der Black Muslims. Malcolm X hatte sich allerdings bereits 1963 mit der Gründung einer eigenen „Organisation für Afroamerikanische Einheit“ und der Erklärung, dass die Ermordung Kennedys als Vergeltung für dessen Tun zu sehen sei, die Feindschaft der schwarzen Nationalismusbewegung gesichert. In die Geschichte ist er nach seinem tragischen Tod als führender Sprecher der radikalen Bürgerrechtsbewegung als Opposition zum zivilen Ungehorsam unter Martin Luther King eingegangen, der für die Werte der Afroamerikaner einstand und den weißen Rassismus ablehnte.
Foto: dpa Picture-AllianceRonald Reagan, 12. Juni 1987
„Es gibt ein eindeutiges Zeichen, das die Sowjets geben können und das die Sache der Freiheit und des Friedens dramatisch voranbringen würde. Generalsekretär Gorbatschow, wenn Sie Frieden wollen, wenn Sie Wohlstand für die Sowjetunion und Osteuropa wollen, dann kommen Sie hierher zu diesem Tor! Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!“
Gut ein Viertel Jahrhundert nach der legendären Rede John F. Kennedys vor dem Rathaus in Schöneberg hält auch der amerikanische Präsident Ronald Reagan eine bedeutende Ansprache in Berlin, in diesem Fall vor dem Brandenburger Tor. Reagan hebt die Missstände der kommunistischen Welt hervor und stellt ihnen die Wohlstandsgesellschaft und Freiheit Westberlins entgegen. Reagan appelliert in eindringlichen Worten an Gorbatschow, der Öffnung verspricht, seinen Worten auch Taten folgen zu lassen. Der US-Präsident fordert, die deutsch-deutsche Grenze zu öffnen und die Mauer niederzureißen. Zwei Jahre später wird Reagans Wunsch Wirklichkeit.
Foto: dpa Picture-AllianceHans-Dietrich Genscher, 30. September 1989
"Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..."
Im Garten der bundesdeutschen Botschaft des Palais Lobkowitz in Prag suchen unzählige Botschaftsflüchtlinge Zuflucht, über die meterhohen Zäune der Botschaft sind Tausende Flüchtlinge auf das Gelände gelangt. Ihr Ziel: Die Flucht in die Bundesrepublik Deutschland. Die Reise in die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (CSSR) ist Einwohnern der DDR auch ohne Visum gestattet. Der Abend des 30. September 1989 ist für sie - und die Geschichtsschreibung - einer der bedeutendsten auf dem langen Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands. Außenminister Hans-Dietrich Genscher lässt nach langen Verhandlungen mit der SED-Führung vom Balkon des Palais verlauten, dass das Ausreiseverbot über die Botschaften in die Bundesrepublik Deutschland aufgehoben ist. Es ist das gute Ende, auf das Tausende von Botschaftsflüchtlingen seit dem Sommer gehofft hatten. Seine Worte werden von den Jubelschreien der Flüchtlinge übertönt. Bis zur Öffnung der Grenze der CSSR erreichen weitere 20.000 DDR-Bürger auf diese Weise die Bundesrepublik. Genscher wird zu einer der tragenden Figuren der Wende.
Foto: dpa Picture-AllianceNelson Mandela, 02. Mai 1994
„Die Menschen haben sich für die Partei ihrer Wahl entschieden, und wir respektieren das. Das ist Demokratie. Ich reiche in Freundschaft den Führern und Mitgliedern aller Parteien die Hand und bitte sie alle, gemeinsam mit uns an der Lösung der Probleme zu arbeiten, vor denen wir als Nation stehen. Eine ANC-Regierung wird dem ganzen Volk Südafrikas dienen, nicht nur den ANC-Mitgliedern."
Drei Jahre, nachdem Nelson Mandela nach 27 Jahren Haft wegen „Sabotage und Verrat an der weißen Minderheit“ 1991 aus dem Gefängnis freigelassen wird, hält er eine Ansprache zum triumphalen Wahlsieg des African National Congress, dessen Führung er von nun an übernimmt, um der Politik der Apartheid endgültig ein Ende zu setzen. Mandela, der so viele Jahre aufgrund seiner Ideale im Gefängnis verbracht hatte, kann nun – nach einer langen Zeit des Aufbegehrens – seinem Volk verkünden, dass es „endlich frei“ ist. Mandelas Worte sind ausgesprochen friedfertig und weisen keinen Funken Erbitterung über seine schicksalhafte Haftstrafe auf. Sie klingen wie ein Nachhall des berühmten Ausspruchs Martin Luther Kings „Ich habe einen Traum.“ Sie richten sich an das afrikanische Volk, dem er eine gemeinsame Zukunft in einer friedlichen Demokratie verspricht. Südafrika wird zum Vorbild eines ganzen Kontinents.
Foto: imago imagesGeorge W. Bush, 11. September 2001
„Ein großartiges Volk sieht sich mobilisiert, eine große Nation zu verteidigen. Terroranschläge können die Fundamente unserer größten Gebäude erschüttern, nicht aber das Fundament Amerikas. Diese Terrorakte zertrümmern Stahl, aber der stahlharten amerikanischen Entschlossenheit können sie nichts anhaben. Die Vereinigten Staaten wurden das Ziel dieses Angriffs, weil wir das hellste Leuchtfeuer der Welt für Freiheit und Chancengleichheit sind. Und niemand wird verhindern, dass dieses Licht weiter leuchtet.“
Zwei Flugzeuge sind in das World Trade Center von New York geflogen und haben die Bürotürme zum Einsturz gebracht, zwei weitere Maschinen wurden von Terroristen entführt und als tödliche Waffe verwendet: Am 11. Spetember 2001 werden die USA von dem islamistischen Netzwerk Al Kaida angegriffen. Am Abend hält US-Präsident George W. Bush eine Rede an die US-Nation. Er verspricht, die Schuldigen aufzuspüren und die Freiheit zu verteidigen. Die USA ziehen in den Krieg gegen den Terrorismus und verlieren schnell das Maß aus den Augen. Die Skandale von Abu Ghraib und Guantánamo Bay beschädigen das Ansehen der USA.
Foto: dpa Picture-AllianceBarack Obama, 4. November 2008
„(...) heute Abend muss ich vor allem an eine Frau denken, die ihre Stimme in Atlanta abgegeben hat. (...) Ann Nicxon Cooper ist 106 Jahre alt. Sie wurde nur eine Generation nach der Sklaverei geboren, in einer Zeit, als es noch keine Autos und Flugzeuge gab, als jemand wie sie aus zwei Gründen nicht wählen durfte: weil sie eine Frau ist und wegen ihrer Hautfarbe. Heute Abend denke ich an alles, was sie im Laufe ihres Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten erlebt hat – an Kummer und Hoffnung, an Kämpfe und Fortschritte, an die Zeiten, als uns gesagt wurde, wir könnten es nicht schaffen, und an die Menschen, die an dem amerikanischen Glauben festhielten: Ja, wir schaffen das.“
Barack Obama, der Sohn eines kenianischen Vaters und einer US-amerikanischen Mutter, schreibt im November 2008 Geschichte. Als erster Afro-Amerikaner wird er zum Präsidenten der USA gewählt. Mit den ermunternden Worten „Yes we can“ zeichnet der Kandidat der Demokratischen Partei den Beginn einer neuen Ära. Nicht nur brachte er die Demokraten zurück ins Weiße Haus, auch wurde er als erster afroamerikanischer Präsident zum Symbol des Triumphes im Kampf für die Gleichberechtigung der Rassen und Bürgerrechte. Nach zwei Amtszeiten des Republikaners George W. Bush will Obama die idealistischen Werte der Demokratie, Chancengleichheit und des amerikanischen Traumes wiederaufleben lassen. Neben konventionellen Dankesworten und einer Würdigung des Wahlgegners John McCain sorgte Obama mit dieser besonderen Anekdote von Ann Nicxon Cooper für eine rhetorische Meisterleistung.
Foto: dpa Picture-AllianceWladimir Putin, 18. März 2014
„Alles auf der Krim zeugt von unserer gemeinsamen Geschichte und unserem Stolz. (...) Die Krim hat heute insgesamt 2,2 Millionen Einwohner, davon sind nahezu 1,5 Millionen Russen, 350.000 sind Ukrainer, die überwiegend Russisch als Muttersprache haben, und 290.000 bis 300.000 Krimtartaren, die, wie das Referendum gezeigt hat, ebenfalls zu Russland tendieren... In den Herzen und Köpfen der Menschen war die Krim immer ein untrennbarer Teil Russlands.“
Die Annexion der Krim entfacht den ideologischen Krieg zwischen Kommunismus und Kapitalismus nach dem Niedergang der Sowjetunion erneut. Der dominante russische Politiker Wladimir Putin setzt mit der gewaltsamen Einnahme der ukrainischen Provinz im März 2014 ein deutliches Zeichen, welches das friedliche Verhältnis zwischen Europa und Russland seit dem Ende des Kalten Krieges auf eine harte Probe stellt. Die Macht des Kommunismus und einhergehende expansionistische Absichten sind seither präsenter denn je und lassen Gebiete mit ethnisch russischer Mehrheit zittern. In der vor der Föderationsversammlung gehaltenen Rede betrauert Putin den Zerfall der Sowjetunion und behauptet, russische Minderheiten durch die Annexion zu schützen.
(Ausführlichere Passagen aus vielen der hier vorgestellten Reden inklusive Hintergründen und Details bietet das Buch "Reden, die unsere Welt veränderten" aus dem Insel-Verlag)
Foto: dpa Picture-AllianceNoch in der vorherigen Kolumne haben wir NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ausdrücklich für ihren honorigen Abgang gelobt. Doch dann wollte sie plötzlich gar nicht mehr da sein und zeigte, wie man es bei Niederlagen besser nicht machen sollte. Anlass für ein offenes Wort und für die Frage, warum sich besonders Spitzenpolitiker und Top-Manager so schwer tun mit der Kommunikation.
Liebe Hannelore Kraft,
oder sollte ich treffender schreiben, sehr geehrte Ministerpräsidentin? Schließlich sind Sie das ja noch, bis der Landtag am 27. Juni Armin Laschet zu Ihrem Nachfolger wählen wird. Nichts deutet seit Ihrer Wahlniederlage mehr darauf hin, dass Sie sieben Jahre das größte deutsche Bundesland regiert haben. Sie sind weg, fast unsichtbar - und meiden nicht nur die mediale Öffentlichkeit, sondern sogar Ihre Genossen beim SPD-Parteitag. Martin Schulz verlor über Sie kein einziges Wort. Für Ihren Nachfolger Michael Groschek sind Sie nur noch – beiläufig - „Frau Kraft“. Einzig in Ihrem Wahlkreis hat Sie der eine oder andere in den vergangenen Wochen gesehen. Ihre Profile bei Facebook und Twitter: gelöscht!
Was ist bloß los mit Ihnen? Ausgerechnet Sie, die lange Zeit wie keine andere Politikerin den glaubwürdigen Eindruck vermittelt haben, es gehe Ihnen mehr um die Menschen als um die politische Macht. Begegnet sind wir uns zum ersten Mal 2001. Ich begann als Talk-Redakteur im WDR, Sie waren frisch gewählte Europa-Ministerin unter Wolfgang Clement und Einzel-Gast in unserer Sendung. Einzel-Gäste: Das sind diejenigen in Talkshows, die im Publikum sitzen und irgendwann an ein Experten-Pult oder auf das sogenannte „Betroffenen-Sofa“ gebeten werden. Sie fielen mir auf, weil Sie eines gut konnten: Menschen zuhören und Menschen das Gefühl geben, dass sie Ihnen in diesem Moment wichtig sind. Und vielleicht sogar über den Moment hinaus.
Wer lange als Journalist arbeitet, kennt dieses Gefühl: Trotz aller kritischen Distanz zu den Mächtigen, denen man qua Berufsehre lieber auf die Finger klopft als sich mit ihnen gemein zu machen, hat man es doch ganz gerne, wenn Interviewpartner einen auch außerhalb des Studios wieder erkennen. Prominente Politiker merken sich fast immer den Moderator, doch eher selten den vorbereitenden Redakteur. Sie waren in dieser Hinsicht erfrischend anders - auch als Ministerpräsidentin.
Jahre später: Begrüßung vor der Sendung in der Garderobe der WDR-Studios in der Kölner Innenstadt. Ich ging fest davon aus, dass Sie nach so langer Zeit bestimmt nicht mehr wissen, wer ich bin, und stellte mich Ihnen noch einmal mit meinem Namen vor. Ihre Reaktion: Lächeln. Staunen. Dann der Satz: „Aber wir kennen uns doch schon so lange!“ Das war besonders, nahbar, sympathisch.
Politische Wurzeln in Nordrhein-Westfalen
Denn viele prominente Alpha-Männer und -Frauen unterscheiden Menschen, denen sie begegnen, zwischen wichtig und nicht ganz so wichtig. Und lassen einen das auch spüren. 15 Jahre TV-Talk haben mir gezeigt, dass es in der Regel die richtig Großen sind, die auch die vermeintlich unwichtigeren Schaffenden wahrnehmen. TV-Legende Blacky Fuchsberger begrüßte im Studio jeden einzelnen Mitwirkenden persönlich. Und sowohl Erfolgs-Regisseur Dieter Wedel als auch Show-Star Thomas Gottschalk stellten sich auf Aftershow-Parties lieber zum „normalen Volk“ als an den VIP-Tisch.
Auch Sie, liebe Frau Kraft, liebten und lebten Ihre Bodenständigkeit. So ist und gehört sich das in Ihrer Wahlkreis-Heimat Mülheim an der Ruhr. Und deshalb signalisierten Sie früh Richtung Willy-Brandt-Haus in Berlin, wo Ihre politischen Wurzeln sind und bleiben sollen: in Nordrhein-Westfalen.
Sie waren erst wenige Tage im Amt als NRW-Ministerpräsidentin, als Duisburg am 24. Juli 2010 von der schrecklichen Loveparade-Katastrophe heimgesucht wurde. 21 junge Menschen wollten feiern und wurden totgetrampelt. Wie eine Mutter spendeten Sie Trost. Sie fanden exakt die richtigen Worte, die der OB von Duisburg partout nicht fand. Sogar Ihre Kritiker zollten Ihnen damals Respekt: „Mit Menschen kann sie.“
In den vergangenen Jahren sind wir uns immer mal wieder am Rande von Veranstaltungen und Sendungen begegnet. Zuletzt im Januar 2016, kurz nach den Übergriffen auf der Kölner Domplatte in der Silvesternacht. Sie äußerten sich zu dem Unvorstellbaren. Doch bis Sie es taten, dauerte es – für Ihre Verhältnisse – und auch objektiv - viel zu lang. Wir unterhielten uns darüber. Sie wirkten merkwürdig zerknirscht. Wie aus der Zeit gefallen. „Warum muss man als Politiker heutzutage innerhalb von Minuten alles Mögliche twittern oder in den Talk?“, habe ich Sie noch im Ohr. Und wunderte mich. Es waren Tage seit Silvester vergangen. Es ging um Köln, die größte Stadt in NRW. Frauen waren überwiegend die Opfer. Und Sie wollten nicht reden. Was habe ich von einer „Landesmutter“ zu halten, die in unfassbaren Momenten lieber schweigt als tröstet? Selbst wenn sie den Trost twittern sollte.
Der rote Faden
Ein wichtiges Merkmal für eine gelungene Rede ist der rote Faden. Erst wenn eine Ansprache logisch nachvollziehbar ist, werden die Zuhörer Ihrer Argumentation auch folgen – und sich überzeugen lassen. Die richtige Reihenfolge der Argumente im Kopf zu behalten, ist aber gar nicht so einfach. Die Loci-Methode hilft dabei, sich die Rede-Struktur einzuprägen. Dabei entsteht im Kopf eine vertraute, imaginäre Route, etwa von der eigenen Haustür bis zum nächsten Supermarkt, bei der an markanten Stellen Begriffe „abgelegt“ werden können. Bei der Präsentation oder der freien Rede können diese Schlagworte dann wieder – in der richtigen Reihenfolge – eingesammelt werden.
Foto: dpaGründe zeigen
Der Autor Simon Sinek hat untersucht, wie es Ikonen wie Martin Luther King oder dem Apple-Gründer Steve Jobs gelang, Massen von Menschen von ihren Ideen zu überzeugen. In seinem Buch „Start with Why“ kommt Sinek zu dem Schluss, dass sie ähnlich dachten - und sprachen. In großen Reden ging es ihnen vor allem um das "Warum", nicht das übliche "Was?". Der Grund: Menschen lassen sich viel eher auf einer emotionalen Ebene mitreißen - etwa dann, wenn sie das Ziel und den Grund eines Projekts kennen.
Foto: dpaBeispiele nutzen
Brillante Rhetorik, geschliffene Sätze: Niemandem nutzt die beste Rede, wenn sich kein Zuhörer den Inhalt merken kann. Aber auch dafür gibt es die richtigen Mittel: Beispiele. Lebhafte Beispiele sind häufig nicht schwer zu finden, insbesondere alltägliche Phänomene bieten sich an. Auch die beiden Wissenschaftler und Autoren Chip und Dan Heath sehen darin einen Schlüssel für eine gelungene Präsentation. In ihrem Buch „Made to Stick: Why Some Ideas Survive and Others Die“ beschäftigen sie sich mit der Kommunikation von Ideen. Ein Ergebnis: Erst mit anschaulichen, bildlichen Beispielen lassen sich Menschen überzeugen. Eine Studie ergab: Nur fünf Prozent einer Studentengruppe konnte sich an den Inhalt eines Vortrags erinnern - aber knapp zwei Drittel der Studenten konnten die Beispiele wiedergeben.
Foto: WirtschaftsWocheGesten sparsam einsetzen
Beim Gestikulieren gilt es, einen gesunden Mittelweg zu finden. Eine Studie der Psychologin Susan Wagner Cook von der Universität von Iowa ergab, dass gestikulierende Studenten Matheaufgaben effektiver erklären und sich zeitgleich auch eine Buchstabenfolge besser merken konnten als nicht-gestikulierende Kommilitonen. Die Psychologin vermutet, dass die Studenten durch das Gestikulieren mehr „Speicherplatz“ zur Verfügung hatten, mit dem sie sich – neben dem Erklären – noch auf eine andere Aufgabe konzentrieren konnten. Gerade bei Vorträgen ist das ein doppelter Vorteil, denn eine gute Präsentation erfordert wahre Multitasking-Fähigkeiten: Zum einen sollen die Informationen sicher vermittelt werden, andererseits muss der Redner auch die Bildschirmpräsentation bedienen oder auf Stimmungen im Publikum eingehen. Aber Vorsicht: Wer zu viel mit den Armen fuchtelt, der verliert seine Glaubwürdigkeit.
Foto: WirtschaftsWocheZielgruppe beachten
Nicht nur Inhalt und Wortwahl beeinflussen den Erfolg der Rede, sondern auch das Verhältnis zwischen Redner und Zuhörern. Der Rhetoriktrainer und Autor Ingo Vogel („So reden Sie sich an die Spitze“) rät, jede Rede und jeden Vortrag genau auf das Publikum abzustimmen. Denn ob die Familie, ob Kollegen oder sogar die Chefetage im Publikum sitzt, macht einen gewaltigen Unterschied. In allen Fällen gilt aber: Verbindungen aufbauen und von Gemeinsamkeiten ausgehen. In Familienkreisen können das längst vergangene Erfahrungen sein, in formaleren Situationen aber auch geteilte Sorgen oder Unternehmenserfolge.
Foto: WirtschaftsWocheKurz fassen
60 Sekunden - dann schweifen die Zuhörer ab. Laut Darlene Price, Autorin des Buches "Well Said! Presentations and Conversations That get Results", bleibt in der Regel nicht mehr Zeit, um das Interesse der Zuhörer zu wecken. Umso wichtiger ist es, einen interessanten und lebhaften Einstieg in das Thema zu schaffen. Price warnt davor, die Zeit mit halbherzigen Witzen, Danksagungen oder verwirrenden Details zu verschwenden. Besser: eine kurze, packende Geschichte zum Einstieg, die den Zuhörern die Relevanz und die Kernaussage der Rede deutlich macht.
Foto: WirtschaftsWocheKlar ausdrücken
Im Mittelpunkt der Rede muss die Information stehen, nicht der Sprecher. In dem Artikel “The New Articulate Executive : Look, Act and Sound Like a Leader“ verrät der Berater Granville Toogood Tricks für gelungene Präsentationen. Ein Tipp: Immer verständlich reden - so wie in einem Dialog. Eine Studie konnte zeigen, dass Redner sich gerne mit Fremdwörtern und Fachbegriffen schmücken um intelligent zu wirken – aber bei ihrem Publikum genau das Gegenteil erreichen.
Foto: WirtschaftsWocheStruktur wählen
Wählen Sie die Struktur Ihrer Rede je nach Anlass und Absicht. Ein Beispiel ist die „Drei-Zeiten-Methode“, bei der eine Rede von der Vergangenheit („Wie war es früher?“), über die Gegenwart („Wo sind wir jetzt?) bis in die Zukunft („Was ist unser Ziel?“) führt.
Foto: WirtschaftsWochePowerPoint ignorieren
Visuelle Unterstützungen sind aus den meisten Präsentationen nicht mehr wegzudenken. Was früher das Flip-Chart war, heißt heute PowerPoint oder Prezi – und überfordert die Zuhörer. In einer Studie der australischen Universität New South Wales bewiesen Forscher um den Professor John Sweller den negativen Einfluss von zusätzlichen Präsentationsanreizen. Professor Sweller ging sogar so weit, die Nutzung von PowerPoint als „Desaster“ zu bezeichnen und lautstark ein „Verbot“ des Programms zu fordern. Ein Problem von PowerPoint sehen Wissenschaftler vor allem dann, wenn sich Vortrag und Bildschirm-Präsentation nicht ergänzen - sondern den gleichen Inhalt doppelt transportieren.
Foto: WirtschaftsWocheAussagen wiederholen
Mitdenken ist als Zuhörer gar nicht so einfach. Die sogenannte Radio-Methode hilft, dass Kollegen, Freunde und Zuhörer nicht mit den Gedanken abschweifen. Vor allem Werbeagenturen arbeiten mit diesem Trick, um die Konsumenten zu erreichen. Typisch für diese Strategie ist das häufige Wiederholen von prägnanten Sätzen und Phrasen. Es geht aber auch origineller als „Geiz ist geil“: Wenn der Redner die zentralen Gedanken des Vortrags regelmäßig wiederholt, werden die Zuhörer es ihm danken – mit Aufmerksamkeit.
Foto: dpa/dpawebIn den Monaten danach trafen Sie leider nie mehr den guten Ton, den ich von Ihnen gewohnt war. Direkt, manchmal auch ein bisschen derb, aber immer gerade heraus - wie die Menschen in Ihrem Wahlkreis: So kannte ich Sie. Ein bisschen so wie Wolfgang Bosbach als Frau und von der SPD. Dass Sie so lange an Ihrem Innenminister Ralf Jäger festhielten, habe ich Ihnen anfangs noch als Loyalität durchgehen lassen.
Dass Sie seine Kritiker noch nicht mal richtig verstehen wollten, weniger. Das Bild von der „Landesmutter“ hat für mich mit der Silvesternacht von Köln einen Knacks bekommen. Und das losgelöst von irgendwelchen wirtschaftlichen Eckdaten Ihres politischen Erfolgs in NRW. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker mühte sich damals mit der „Armlänge Abstand“, genau die Empathie zu zeigen, die Sie nicht geben konnten oder wollten. Leider geriet es ihr zu tantenhaft.
Wenn Sie nach dem Januar 2016 einen Ihrer immer seltener werdenden Medienauftritte hatten, umwehte Sie ein merkwürdiger Habitus der selbstgerechten Null-Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Als ich Sie monatelang für ein innovatives Web-TV-Format einer der größten deutschen Medienmarken anfragte, ließen Sie entweder ausrichten: Termine! Oder: nicht das passende Format! Selbst beim NRW-TV-Duell blieb von Ihnen im Nachgang medial hängen: Kraft beschwert sich bei den Moderatorinnen, weil sie kein Schlusswort bekommt.
Überhaupt: Das Moderne schien so gar nicht Ihres zu sein. Und so löschten Sie unmittelbar nach der Wahl Ihre Konten bei Facebook und Twitter. Und stießen Ihre immerhin 2,6 Millionen direkten Wähler vor den Kopf. Verbittert, zerknirscht, trotzig. Warum nur? Kommunikativ betrachtet ist Schweigen gepaart mit Ignoranz und Trend-Verweigerung heutzutage immer die schlechteste Lösung. Doch nicht nur Spitzenpolitiker können gestrig sein. Auch viele Wirtschaftschefs verschenken ein gewaltiges Potenzial, weil sie mit digitalen Medien nichts am Hut haben oder der Öffentlichkeit lieber gar nichts sagen wollen.
Nachfrage bei einem, der sich mit Führungskräften auskennt: Stephan Grabmeier berät seit vielen Jahren erfolgreiche Mittelständler und Top-Konzerne wie Daimler oder die Deutsche Telekom beim digitalen Wandel. Seine Beobachtung: „Deutschlands Wirtschaftslenker fahren zwar gern ins Silicon Valley, können aber noch nicht mal Twitter bedienen.“ Und noch etwas hat Grabmeier festgestellt: „Je höher die Hierarchieebene, desto weniger Ahnung hat ein Top-Manager von der Digitalisierung und von den realen Problemen im Unternehmen.“ Ein persönlicher Eindruck aus dem Berufsalltag, der kürzlich auch durch eine Untersuchung der internationalen Managementberatung Oliver Wyman gestützt wurde. Danach sind von den 195 deutschen DAX-Vorständen zwei Drittel auf keiner sozialen Internet-Plattform wie XING, LinkedIn oder Twitter zu finden.
Es gibt sie bei Spitzenpolitikern und Wirtschaftsbossen also häufiger: Die Diskrepanz zwischen dem, was heute kommunikativ auf der Höhe der Zeit wäre und dem eigenen Umgang mit Twitter & Co. Warum ist das so? Zukunftsmanager Pero Mićić sitzt im Beirat des weltweit ersten Master-Studiengangs in „Future Studies“ in Houston/USA. Er hat deutsche Mittelständler wie Miele, Ravensburger und Bosch genauso beraten wie den Weltkonzern Nestlé und das Bundeskriminalamt. Den Grund dafür, warum wir Neues so konsequent ablehnen, sieht Mićić in der Evolution: „Als wir noch gejagt und gesammelt haben, war der Blick in die Zukunft nicht nötig. Wir sind als Mensch gebaut für eine Welt, in der sich wenig verändert und in der unser Tun keinen großen Schaden anrichten kann. Und so wählen wir fast immer die kurzfristig angenehmste Option."
Sie sind also nicht allein, liebe Frau Kraft. Vor allem sind Sie laut Analyse des Zukunftsmanagers auch nur ein ganz normaler Mensch. Und als solcher haben Sie sich doch auch immer ziemlich wohl gefühlt.
Wie es einem trotz der Evolution gelingen kann, aus einer Krise wiederaufzuerstehen und gleichzeitig Menschen ungefiltert zu erreichen, beweist in Ihrer Heimat Nordrhein-Westfalen FDP-Chef Christian Lindner. Selten waren Wähler via Facebook so dicht dran an den Koalitionsverhandlungen in Düsseldorf. Mal meldet sich Lindner ausführlich von seinem Privat-Balkon oder aus dem Auto zu Wort, dann wieder gibt er kurze stichwortartige Updates aus dem „Inner Circle“ der Politik. Lindner will, dass Modernisierung und sozialer Ausgleich kein Gegensatz sind, und bedroht Ihre SPD damit in ihrem Markenkern.
Persönliche Kontakt ist wichtig
Und im Gegensatz zu Ihnen empfindet der FDP-Politiker die digitale Kommunikation nicht als Bedrohung. Im Gegenteil: In einer Checkliste im Internet legt Christian Lindner offen, welche Projekte der Freien Demokraten sich im Koalitionsvertrag mit der CDU wiederfinden. Und über die Inhalte lässt er die 15.500 FDP-Mitglieder nicht in irgendeiner Stadthalle, sondern online abstimmen. Hoffen wir mal, dass er auch nach seinem sehr wahrscheinlichen Wechsel nach Berlin ähnlich offene Worte für seine Wähler in NRW findet.
Ich ahne, was Sie darüber denken, liebe Frau Kraft, denn ich weiß, wie sehr Sie den Straßenwahlkampf schätzen, dieses Klinkenputzen zwischen Bonn, Aachen und Bielefeld. Lieber noch zwischen Oberhausen, Duisburg und Dortmund. Das ungeschminkte Gespräch mit den Menschen. Der persönliche Kontakt ist zweifellos wichtig, doch Wähler – und vor allem Wechselwähler - erreicht man heutzutage nur auf allen Kommunikationskanälen. Vor allem auch auf den modernen...
Ein Beispiel können Sie sich dafür an Ihrem Parteifreund Ralf Stegner nehmen, der unangefochtener Twitter-König aller Politiker ist. „Sympathiewerte bringt ihm das nicht“, höre ich Sie trocken sagen. Dafür aber Aufmerksamkeit. Soviel Aufmerksamkeit, dass er sich im aktuellen "Spiegel" auf zwei Seiten für seine schlechte Laune bei öffentlichen Auftritten rechtfertigen muss.
Das können Sie besser, sehr geehrte Ministerpräsidentin a.D.! Knüpfen Sie doch einfach an das an, was Sie mal beliebt gemacht hat. Sie vernachlässigen nämlich gerade Ihre eigene Marke „Hannelore Kraft: Politik mit Menschlichkeit“. Sich von Millionen Menschen wählen zu lassen und dann zu verstummen: Das ist respektlos. Wählern zu erklären, warum die „Landesmutter“ mal ein bisschen Ruhe braucht, das wäre groß. Mit 56 Jahren, da ist in einem Politikerleben doch lange noch nicht Schluss!